Wie heilt Geschichte?

«Donald Trump hat wieder zugeschlagen». Nach den Nachrichten dieses Morgens hatte ich den Eindruck, dass die USA nicht nur «Probleme» hätten, die mit Wahlen und einer neuen Regierung behoben werden können. Ich hatte das Gefühl, das Uebel gehe tiefer. Und Bilder tauchten auf von einer Krankheit – als ob das Land entstellt sei – und von Dekadenz, weil nicht nur die Amtsinhaber zu versagen scheinen, sondern die Institutionen mit ihnen.

Wo sind da «Checks an Balances»? Wo die Kontrolle der anderen Gewalten über die Exekutive? Wo das Korrektiv der Wahlen, wenn Trump diese mit allen Tricks auszuhebeln versucht, vom Neu-Ziehen der Wahlkreise (Gerrymandering) bis zum Erfordernis, Pass und Ausweise vorweisen zu müssen, was viele abschreckt und was bei früheren Wahlen nicht verlangt wurde (stattdessen reichte eine eidesstattliche Erklärung)?

Der kranke Mann in Nordamerika
Ja, dieser Mann in Amerika humpelt. Früher sprach man vom «kranken Mann am Bosporus». Das Osmanischen Reich als Vielvölkerstaat war in einer Zeit, als Staatlichkeit national gedacht wurde, als auf der ganzen Welt Staaten nach den Grenzen von Kultur, Sprache und Ethnie neu gegründet wurden, starken Zerreisskräften ausgesetzt. Und im ersten Weltkrieg ging es auch unter, was sich später in Jugoslawien, das verschiedenartige Bevölkerungsteile aus dem Osmanischen Reich vereinte, wiederholte. Wieder wurde ein multiethnisches Gebilde zerrissen.

Wenn der «Mann am Bosporus» krank war, was verursachte seine Krankheit? Wurde sie geheilt? Das Zusammenleben verschiedener Ethnien und Kulturen ist noch kein Krankheitszeichen, es ist höchsten ein Zeichen der Schwäche in einer Zeit, die Staatlichkeit nur national denken kann. Im Mittelalter wurden Hoheitsreche durch Lehen übertragen, später auch verpfändet und verkauft. (So kam Zürich zu seinem Hoheitsgebiet.) Über die Jahrhunderte versuchten die Hoheitsträger, territorial geschlossene Gebiete mit gemeinsamen Rechten zu bilden, was zu Beginn der Neuzeit zur modernen Staatsauffassung führte, ein Staat umfasse ein einheitliches Staatsvolk unter einer einheitlichen Staatsgewalt, das auf einem geschlossenen Staatsgebiet lebe.

Die Nation – ein religiöser Begriff
Beim «Staatsvolk» ist der spätere Nationsgedanke vielleicht schon angelegt. Die Romantik fügt noch die Vorstellung von einem «Volksgeist» hinzu, der sich in einer Nation auspräge. Der Volksgeist, die idealistische Geschichts-Ideologie jener Zeit, beerbte damals die theologischen Geschichts-Vorstellungen, was der Frage nach Staat und Geschichte eine explosive Kraft beifügte. Es ging um absolute Werte. Bei Fanatikern wird der religiöse Hintergrund spürbar, wo es um Erlösung geht. Im 19. Jh. war der Nationalismus die stärkste staatenbildende Kraft – von den Folgen her könnte man auch formulieren: die unheilvollste Kraft, die zu Krieg, Revolution, oder zur Einmischung von Grossmächten führte. (Indem sie nationalen Minderheiten «zu Hilfe eilten», arrondierten sie ihre Territorien.)

Der «kranke Mann am Bosporus» wurde nicht geheilt, er wurde zerteilt, auseinandergerissen, und noch heute ist keine stabile Nachfolgeregelung für das Osmanische Reich im Nahen Osten sichtbar. Der Krieg der «Nationen» schwelt weiter, bricht da und dort aus. Und er verbindet sich immer wieder mit anderen Ideologien, die zur Legitimation helfen sollen, so mit dem Kommunismus (im «arabischen Sozialismus») oder dem Islam (als die Hoffnung auf eine gleichberechtigte Modernisierung mit dem Westen scheiterte). Auch andere Religionen werden gern als Legitimationshilfen angenommen.

Kann Geschichte heilen?
Als ich mich heute Morgen fragte, ob man die Entwicklung der USA vielleicht als Krankheit verstehen müsse, tauchte die Frage auf: wenn Geschichte krank macht, kann sie dann auch heilen? Und wie sollte das gehen? Viele Geschichts-Ideologien haben religiöse Vorläufer beerbt, sie sind schnell im Versprechen von Heil und Heilung und sie gewinnen viele Anhänger in einer Zeit, die so viel Verzweiflung kennt.

In normalen Zeiten heilt sich Einseitigkeit durch den Pendelgang der Geschichte. Was einseitig war schlägt in die andere Richtung aus und findet eine Korrektur. Nach den «Roten» (den amerikanischen Republikanern) regieren die «Blauen» (die Demokraten). Die Verfassung ist ein Inbegriff historischer Erfahrung, sie stellt die Instrumente bereit, die den Prozess in zivilen Bahnen halten können, sodass Regierungen sich ablösen, ohne dass ein Bürgerkrieg nötig ist. Gerichte arbeiten auf, was geschehen ist. Es braucht keine bewaffneten Horden, die Rache nehmen und sich holen, was das letzte Regime gestohlen hat. Die Verfassung als «Absud» der Geschichte, als Inbegriff historischer Erfahrung auf dem Werdeweg dieses Volkes, zeigt den Weg der Heilung und stellt die nötigen Institutionen zur Verfügung.

Verfassung als Medizinkoffer
Wenn die sozialen Unterschiede gross und Aufstiegs-Hoffnungen enttäuscht werden, wenn gar Gewalt im Spiel ist, wird es ernster. Aber auch das haben diese Staaten schon erlebt. Auch darauf können ihre Institutionen Antwort geben, wenn man die Gerichte ihre Arbeit tun lässt, wenn das Parlament nicht blockiert wird, wenn die Wirtschaft ihren Gang geht. Tief wird der Eingriff aber, wenn ein Krieg beginnt, wenn Menschen sterben, wenn die Geschichte unwiderruflich in die Schicksale der Menschen eingreift. Da wird eine Dynamik angezettelt, die eigene Wege geht und sich nicht wirklich kontrollieren lässt.

Was Heilung bringt, das bemisst sich hier nach Jahrzehnten und Jahrhunderten. Es sind langfristige Entwicklungen, die hier noch Heilung zeitigen, aber Narben bleiben wohl für immer und definieren jetzt mit, um was für ein Land es sich handelt: was es ausmacht und worauf es hofft. Das Leid geht ein in die Erinnerung des Volkes und prägt die Art, wie es lebt und zusammenlebt. Eine neue Generation wächst auf, weitere Generationen kommen.

Kann die Zukunft heilen?
Ob die Zukunft heilt? Da sind viele Fragen. Kann das politische System sich reformieren? Finden die USA ein Verfassungskleid, das die neuen sozialen Realitäten mit wenigen Superreichen und vielen sozial Abgesunkenen auffängt? Finden sich Formen, um trotzdem an demokratischer Gestaltung und freiheitlicher Ordnung festzuhalten? Können die USA sich wehren, damit sie nicht von wenigen Einflussreichen gekapert werden? Denn so geschieht es in der Dritten Welt, dass Staaten von der eigenen Elite gekapert werden.

 

Foto von Pixabay, Pexels