Ein Menschenleben
Was ist das, ein Menschenleben? Wann ist es gelungen? Was hindert es daran? Zählt nur, was ein Mensch getan und erlebt hat, oder geht das über den einzelnen hinaus? Gibt es ein Ganzes, das auch dann noch da ist, wenn das Einzelne in Stücke zerfällt? Was bedeutet es, wenn der Tod hineingreift, wenn Tausende in einem Krieg sterben? Solche Fragen tauchen heute wieder auf.
Wenn Geschichte Fragen stellt
Schon das neue Jahrtausend hat mit solchen Fragen begonnen. Wie ein Fanal stand am Anfang des Millenniums der Anschlag von „Nine Eleven“. Als ob der Terror dem neuen Jahrtausend seinen Stempel aufdrücken wollte. Aber es war nicht der Terror allein. Ökologie und Ökonomie produzierten immer neue Schreckensmeldungen. In der Schweiz ist das Jahr 2001 als eigentliches „Katastrophenjahr“ in die Geschichte eingegangen.
„Wann hört das endlich auf?“, fragten sich viele Schweizer nach dem Absturz eines Flugzeugs bei Bassersdorf. Seit dem September häuften sich die Katastrophen-Meldungen. Auch Bundespräsident Moritz Leuenberger sprach von einem „schwarzen Herbst“ und erinnerte an das Attentat auf das Parlament in Zug, den Unfall im Gotthard-Tunnel und den Niedergang der nationalen Fluggesellschaft Swissair.
Das Jahr 2026 hat ebenfalls mit Katastrophen begonnen, mit der Brandkatastrophe von Crans-Montana, mit der Selbstverbrennung in einem Postautobus in Kerzers, mit dem Krieg um den Iran. Die Zeitungen erinnerten sich an den Beginn des Millenniums und interviewten den alt-Bundespräsidenten, der damals von Katastrophe zu Katastrohe eilte. Die Fragen von damals tauchen wieder auf.
Ich war damals Pfarrer, war immer wieder damit konfrontiert. Und am Grab, wenn ich Menschen zur letzten Ruhe geleitete, tauchten neue Bilder vor mir auf. Ich griff auf Erzählweisen zurück, die die Kirche in alten Zeiten entwickelt hatte, die im Gefolge von Wohlstand und Hochkonjunktur aber vergessen worden waren.
Über den Tod hinaus
Wann muss man menschliches Leben so erzählen, dass es über den Tod hinausgreift? Wenn menschliche Bedürfnisse in der Lebenszeit nicht gestillt werden, wenn wesentliche Bestimmungen eines gelingenden Lebens nicht erfüllt sind. Normalerweise ist das kein Problem. Man tut es ab mit einem Schulterzucken. Wer erwartet schon zu seinen Lebezeiten, alle Wünsche erfüllt zu sehen? Hauptsache, es geht der Familie gut, den Hinterbliebenen, den Kindern, in denen das Leben weitergeht.
Jetzt gibt es aber historische Situationen, in denen auch diese ruhige Kontinuität gestört ist und das Leben nicht in den Kindern weitergeht, wenn Kinder gar vor den Eltern sterben, wenn alle Gewissheit der alten Welt in Krieg, Grausamkeit und Sinnlosigkeit zerstört wird.
Jetzt muss anders vom Leben erzählt werden. Wenn das in einem normalen Alltag noch nicht deutlich wird, so spüren es doch die Menschen an einem Grab. Sie wollen den Verstorbenen würdigen, das Bleibende benennen. Sie suchen Trost und möchten sich in einem Zusammenhang bergen, wo Leid und Einsamkeit eine Antwort finden. An einem Grab wird sichtbar, was das Leben fordert: dass es gehalten und geborgen ist, dass es Antwort findet, dass es «ankommen» darf in Vergebung, Frieden und Dankbarkeit.
Ein bergender Zusammenhang
Ich stand damals als Pfarrer oft an einem Grab. Ich spürte, dass es neue Erzählformen braucht, bzw. dass alte wieder aufgenommen werden müssen. Die Wirklichkeit, die bei einer Abdankung in Erinnerung gerufen wird, darf nicht nur die Zeit zwischen Geburt und Tod berücksichtigen. Es muss weiter ausgeholt werden, wenn die Konflikte vermittelt, wenn das Leiden versöhnt werden soll.
Das war den alten religiös geprägten Kulturen vertraut, darum sind es neue, alte Erzählformen, die an Gott erinnern, an den Anfang und das Ende von «allem». Davon sind wir nur ein Teil, wir sind einbezogen in ein grosses Geschehen, das nicht von uns abhängt. Doch es wird uns angeboten als Deutung auch unseres Lebens. So dass unser Leben deutlichwird als Nachfolge auf einem Weg, den Christus, gebahnt hat und der von Anfang bis Ende führt, von der Schöpfung bis zur Vollendung.
Glaubwürdigkeitsverlust
In einer Zeit von Krieg und Krisen, in der die alte zivilisatorischen Erzählungen keinen Glauben mehr finden: dass wir auf einem steten Fortschrittsweg unterwegs sind, dass wir den Krieg ausrotten und die Armut auf der Welt vergessen lassen, sind neue Antworten nötig. Das Versprechen, dass wir mit unserer Zivilisation die Probleme lösen und die Dynamik des Geschehens kontrollieren können, wird nicht mehr geglaubt. Das Programm unserer Zeit, mit dem sie alte Konzepte ablöste, das Versprechen, dass wir Menschen, als Einzelne aber auch als Kollektiv, in unseren Staaten und Institutionen, Subjekte des Handelns seien, die das Geschick in Händen trügen und es zu Fortschritt und allseitigem Wohl vollenden könnten, findet keinen Glauben mehr.
Eine Sicht aufs Ganze
Stattdessen erinnerte ich mich an die alt-neue Erzählung von Gott, der alles geschaffen hat und vollenden wird. So erzählte ich, wenn ich an einem Grab stand, die Geschichte dieses Menschen nicht nur von Geburt bis zum Tod, sondern von Anfang aller Dinge an bis zur Vollendung.
So brach das Leben nicht ab mit dem Unvermögen des Alters, mit dem Ruin der Krankheiten, mit der Reue des Nicht-Versöhnten. Es blieb nicht bei den Scherben eines Lebens, das zu keiner Ganzheit finden konnte. Es liess Schuld nicht unbeantwortet, ohne Antwort auch auf die Scham erlittenen Leidens, das keine Gerechtigkeit gefunden hat. Kurz, es endete nicht mit der Brüchigkeit und dem Scherbencharakter einer Einzelexistenz, die nicht eingebettet ist in grössere Zusammenhänge. Diese gibt aber die christliche Heilserzählung.
Eine andere Form von Rationalität
Ich zitiere aus den Notizen, in denen ich die Erfahrungen am Anfang des Millenniums zusammenfasste:
«Damals entwickeln sich auch neue Ansätze:
Erzählen als adäquate Form, Dinge zu erfassen, die nicht machbar sind. (Ich habe in meiner Zeit als Pfarrer mehrere Mitarbeiter erlebt, die unter tragischen Umständen ausgeschieden sind oder unter Anwaltskosten und psychiatrischer Behandlung entlassen wurden. In der Ökonomie sind es «Arbeitskräfte», die angestellt oder entlassen werden. Sieht man die Menschen an, entdeckt man eine Geschichte und Grenzen, die nicht einfach durch Anstrengung überwunden werden können. Das muss eine andere Form von Rationalität Platz greifen. Man muss die Geschichte dieser Menschen erzählen, um sie zu verstehen und um mit ihnen umgehen zu können.)
Mythologisch erzählen
Die Bibel ist an Menschen interessiert, darum erzählt sie Geschichten. Dabei tauchen immer auch mythologische Formen auf. Ich grübelte damals viel an einer neuen Mythologie herum und übte mich in Formen der „Mythopoesie“, in welcher die Erzählung von Gott und die Erzählung vom Menschen ineinander verschränkt werden. So beginnt das Leben der Menschen nicht mit der Geburt, sondern am „Anfang“. Und ihrem Leben kann man nur gerecht werden, wenn man nicht nur die Zeit bis zum Tod überblickt, sondern bis zum „Ende von allem“, zur Vollendung. Und da hat der einzelne Mensch Teil an den Versöhnungsleistungen Gottes. „Und Gott sah an alles was er gemacht hatte und siehe, es war sehr gut.“
Grössere Erzählhorizonte
Ich suchte zur Bewältigung der grösseren Infragestellungen im neuen Millennium Erzählhorizonte, die das Machbare und empirisch Überblickbare überschreiten, aber vom Glaubensvertrauen gedeckt sind. Denn im Glauben muss ich mich getragen fühlen auch in Wandlungsphasen des Lebens, die nicht vom Handlungsbewusstsein her gesteuert sind. Sie „ereignen“ sich an mir, ich darf mich ihnen überlassen – und ich kann es, wenn ich denn das nötige Vertrauen aufbringe.
Das umfasst nicht nur Wandlungsphasen, wie sie mit der eigenen Generativität einhergehen (da geht es darum, Kinder zu bekommen und zu erziehen, es geht darum, eine stabile Präsenz aufzubauen in Beziehung und Familie). Das umfasst nicht nur das Älterwerden mit den neuen und gewandelten Aufgaben und Herausforderungen. Dazu gehört auch der Durchgang durch die „Randereignisse“, die vom Bewusstsein kaum wahrgenommen und von anderen Instanzen gesteuert werden: Geborenwerden und Sterben. Und in Anlehnung daran das Bestehen von Wachstumskrisen auf dem Weg, die an Sterben und Geborenwerden erinnern, weil die Identität völlig neu geprägt werden muss, wenn sie den Menschen auf seinem weiteren Weg produktiv begleiten will.
Schliesslich wird auf diesem Weg notwendig die Grenze einer individuellen Biographie überschritten. Das „Erbe der Ahnen“ wird sichtbar (Verhaltensweisen und ihre Lebensprägung, die wie ein „Schicksal“ anmuten, weil sie über mehrere Generationen durch eine Familie wandern, so wie Jähzorn, Trunksucht, Übergriffe, sich opfern, „ins Wasser gehen“). Es kann wie ein „Auftrag der Ahnen“ erfahren werden, in dieser Frage, die das Leben von so vielen Generationen verdüstert hat, endlich eine Antwort zu finden, damit der Weg der Kinder und Kindeskinder davon nicht mehr belastet wird.
Postulate des Lebenkönnens
Denk- und lebensnotwendig ist aber auch das Vertrauen, dass der Kosmos erhalten bleibt, trotz des zerstörerischen Handelns der Menschen, und dass der Weg der Menschheit nicht im Dunkeln endet. Es sind Gelingens-Voraussetzungen auch für ein individuelles Leben. Ähnlich ist es ja in der Natur: Dass der Baum zum Blühen und zur Frucht kommt, das ist schon die Voraussetzung für den Keimling, damit überhaupt ein Anfang stattfinden kann. Der Erfolg ist schon vorweggenommen im Samen. Das Gelingen ist eine Anfangs-Voraussetzung für das Leben.
So taucht damals das Wort „Ankommen“ in meinen Texten auf, v.a. bei Beerdigungen. Das meint nicht nur ein Ziel in der Lebens-Geschichte zwischen Geburt und Tod. Es meint das Gelingen von all dem, was hier angebrochen und angesprochen wurde und das weit über das individuelle Leben hinausgeht.
Dazu gehört auch die Intuition der Gerechtigkeit, wie die Geschichte vom „Ankommen“ des Odysseus zeigt. Und es gehören dazu die Intuitionen von Liebe und Barmherzigkeit, weil nur Liebe und Vergebung versöhnen können, was gebrochen und verletzt worden ist. Gott wird „am Ende der Zeit“ eine neue Schöpfung ins Leben rufen, so sagt der Glaube. Der Mensch aber kann jetzt schon daran Teil haben in Liebe und Vergebung. So kann sein Weg einmünden in Frieden und Dankbarkeit. Trotz allen Übels, trotz aller Verletzungen. Trotz allen Unrechts, das erfahren wird im Leben.
Einschliessende Geschichten
Das ist der Erzählhorizont, den eine Lebens-Geschichte anpeilen muss. Er geht über alles hinaus, was der betreffende Mensch oder seine Gemeinschaft oder selbst die Menschheit als Ganzes verantworten können. Er geht über Geburt und Tod hinaus. Die Erzählung geht vom Ursprung bis zum Ziel, wo das Leben und alles Leben „ankommt“.
Die religiöse Tradition leiht ihre Geschichten dazu. Es sind einschliessende Geschichten, wo selbst der Aussätzige dazu gehört, weil Jesus ihn berührt. So lassen mich diese Geschichten besser verstehen, wer ich bin und wer die Menschen sind. Unter dem Blick dieser Geschichten können wir uns integrieren: als Menschen mit unserer Psyche und mit den disparaten Erfahrungen unseres Lebenslaufes, aber auch in der Gesellschaft, weil niemand ausgeschlossen wird. Darum sind solche integrativen Geschichten lebensnotwendig – für die psychische Gesundheit der Menschen und das friedliche Zusammenleben in einer Gesellschaft.
Die Fragen des neuen Millenniums
Und das ist vielleicht das grosse Thema des neuen Millenniums: Integration und Abgrenzung, und in beidem: Selbstbehauptung. Da sind die Millionen Menschen, auf der Flucht vor ökologischen Katastrophen und wirtschaftlicher Verelendung. Da sind die Erfahrungen von Millionen Menschen, die an der einseitigen Integrationsleistung durch die Globalisierung nicht teilhaben und aussen vor bleiben. Da sind all die Menschen, die sich sozial nicht mehr integrieren können und damit auch psychisch desintegrieren. Sie können kein stabiles Selbstwertgefühl mehr aufbauen, keine stabile Haltung. Es fällt ihnen schwer, eine regelmässige Lebensführung aufrecht zu erhalten. Sie geraten an den Rand und darüber hinaus.
Wohin das neue Jahrtausend steuert, ist ungewiss. Was geschieht nicht alles in tausend Jahren? Die Trends zu extrapolieren ist genauso falsch wie auf Gestaltbegriffe zu setzen wie „Katastrophe“, „Fortschritt“ oder „Untergang“. Die Zukunft ist ungewiss. Gewiss sind die Intuitionen, die wir in uns selber finden und die bestätigt werden durch die Erfahrung der Generationen, wie sie in der Bibel überliefert werden. Dazu gehört die Gerechtigkeit; und die Erfahrung sagt, dass so ein Zusammenleben in Frieden möglich ist. Dazu gehört die Barmherzigkeit, weil Versöhnung die Kraft hat, die Vergangenheit zu ändern und neue Wege für die Zukunft zu öffnen.
All das ist zusammengefasst im Bild vom „Reich Gottes“. Das ist ein Zukunftsbild für das neue Millennium. Da gibt es für den einzelnen Menschen ein „Ankommen“ nach seinem Weg. Wir wissen die Welt „gehalten“, trotz unseres Tuns und obwohl wir sie zu zerstören scheinen. Und der Weg der Menschheit verläuft sich nicht im Dunkeln. Es endet im Licht. „Und er sah an alles was er geschaffen hatte, und siehe, es war sehr gut.“
Foto von Sammie Sander
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Das Interview mit dem alt-Bundespräsidenten wurde veröffentlicht in NZZ 12.3.26, «Trost reicht nicht»









