«Im Jahre des Herrn…» So hat Wilhelm Raabe seine Erzählungen oft angefangen. Als Junge liebte ich sie. «Im Jahre des Herrn», so liess ich mich gern wegführen in eine andere Zeit. «Im Jahre des Herrn», so fühlte ich mich geborgen in jeder Zeit, von der die Erzählung handeln würde. Diese Geborgenheit möchte ich auch anrufen, wenn ich am Beginn eines neuen Jahres stehe. Die Zeit ist heute offen, wie selten in den letzten Jahrzehnten, als die Entwicklungen mehr eingebunden schienen, von Institutionen zusammengehalten, von einer Identität geprägt, die sich mittelfristig erhalten konnte.

Hinausgeworfen
Heute sind die Veränderungen so schnell, so tief, so gravierend, dass ich mich fast hinausgeworfen fühle. Was ist das Bleibende, was macht die Identität aus? Man müsste nachdenken. Es liegt nicht gleich auf der Hand. Ist es die Sprache, die Nationalität? Die Begegnungen in den Verkehrsmitteln machen mich unsicher. Ist es die Kultur, sind es die Überzeugungen? Ich weiss nicht was die andern denken. Die zwei Zeitungen, die ich lese, haben kaum noch Abonnenten. «Meine Welt» ist auf dem absteigenden Ast.

Wer ist es überhaupt, der die Ereignisse bestimmt, wem kann man sich anschliessen, wer sind die Neuen, die an meine Stelle rücken? Die Frage hängt nicht nur von den Menschen und Entwicklungen ab, die ich ins Auge fasse, es hängt auch davon ab, wie ich mich fühle, wie alt, wie nahe am definitiven Abtreten. Was von dem, was mir wichtig war, soll ich festhalten? Wo könnte ich überhaupt einen Ort finden, wo es sicher und aufgehoben wäre? Ich bin froh, wenn ich meine Angehörigen aufgehoben weiss, wenn ich vertrauen kann, dass sie einen Weg vor sich haben, den sie gehen können, auf dem sie bewahrt werden, wenigstens für eine Zeit, bis sie grösser sind, bis sie stärker im Leben stehen.

König Konsument, Menschenmaterial
Höflichkeit und Entgegenkommen, Wertschätzung und Vertrauenswürdigkeit scheinen im menschlichen Verkehr keinen Wert mehr zu habe. Die Zeit verdichtet sich in Bildern, die Tag für Tag in den Nachrichten aufscheinen: von zerbombten Häusern, umkämpften Städten, verfolgten Menschen, die gezielt mit Drohnen terrorisiert und beschossen werden. In der Wirtschaft ist der Kunde König, in der Demokratie bemüht sich der Staat um jede einzelne Stimme, hier aber sind Menschen kaum mehr als Material, das gebraucht und verbraucht wird, Gegner, die maschinell vernichtet werden. Die «Front» ist dort, wo Drohnen und Raketen hingelangen.

Erholung in der Natur?
Oft verstricken sich die Kultur-Katastrophen mit den Natur-Katastrophen, so wie Deutschland heute noch, wenn es die Bahnanlagen modernisieren will, auf Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg stösst. Sie tauchen auf, wenn das Bahntrassee um einige Meter verbreitert und Bäume gefällt werden. In Skandinavien, als die Wälder wegen des Hitzesommers brannten, konnten die Feuerwehren nicht vorrücken, weil die Böden kontaminiert waren mit Blindgängern aus dem Krieg. Die Bomben aus dem letzten Krieg sind noch nicht weggeräumt, schon werden neue Minen verlegt.

Natur und Kultur nehmen nicht Rücksicht aufeinander, wenn sie den Menschen die Fehler vor die Füsse kehren. Da ist keine Zeit, erst das eine und dann das andere zu bereinigen. Es verbündet sich zu einem Knäuel ungelöster Probleme, wie es ein einzelner vielleicht vor sich sieht, wenn er seine Lebensprobleme immer nur vor sich hergeschoben hat, bis sie mit überwältigender Kraft über ihm zusammenstürzen.

Im Jahre des Herrn
Wo sollte Gott sein in all dem? Das Vertrauen kennt nicht nur ein Darum, sondern auch ein Trotzdem. Wilhelm Raabe hat in seinen Erzählungen gerade die schlimmsten Ereignissen so gerahmt, sie fanden statt «im Jahre des Herrn». Er kennt die Höhen und Tiefen. Und er macht einen Anfang mit dem Kind.

Heute Morgen, im Dunkeln vor Tagesanfang, habe ich einen Psalm gehört:

1Das ist mir lieb,
dass der Herr meine Stimme und mein Flehen hört.
2Denn er neigte sein Ohr zu mir;
darum will ich mein Leben lang ihn anrufen.

3Stricke des Todes hatten mich umfangen,
des Totenreichs Schrecken hatten mich getroffen;
ich kam in Jammer und Not.
4Aber ich rief an den Namen des Herrn:
Ach, Herr, errette mich!

5Der Herr ist gnädig und gerecht,
und unser Gott ist barmherzig.
6Der Herr behütet die Unmündigen;
wenn ich schwach bin, so hilft er mir.

7Sei nun wieder zufrieden, meine Seele;
denn der Herr tut dir Gutes.
8Denn du hast meine Seele vom Tode errettet,
mein Auge von den Tränen, meinen Fuss vom Gleiten.
9Ich werde wandeln vor dem Herrn
im Lande der Lebendigen. (Aus Psalm 116)

 

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