In Geschichte geborgen
In Geschichte geborgen – ein provokativer Titel in einer Zeit, in der Völker mit gezogenem Messer aufeinander losgehen. Trotzdem möchte ich erst einmal einen Mantel erlaubter Naivität darumlegen und herausfinden, was mich da bewegte, als ich diesen Ausdruck fand. Es geht in die Kindheit zurück, in Leseeindrücke aus Legenden und Erzählungen.
Kürzlich ist es mir wieder passiert. Ich hörte ein Wort, einen Namen aus alter Zeit, und die Welt von früher ist mir wieder lebendig geworden. Diesmal war es der Name «Tamerlan». Er wird heute nach seiner eigenen turko-mongolischen Sprache benannt, Tamerlan ist eine Verballhornung, er ist durch häufiges Aussprechen entstanden und lebt unter diesem Namen in verschiedenen europäischen Sprachen. Das zeigt, dass von ihm früher die Rede war, dass er eine Rolle spielte in den Phantasien, die man sich in Europa von ihm machte. Es ist einer der Zauber-Begriffe, die mir meine Jugend wieder auferstehen lassen. Sie zeichnen eine Geschichte, in der ich geborgen war.
Geschichte, die sich rundet
Daran kann ich mich kaum erinnern, als Erwachsener übernahm ich das offene Geschichtsbild (das in den letzten Jahren mehr und mehr ein Gefälle bekommen hat mit Klimawandel und Artensterben). Die alten Namen stammen noch aus einer Zeit, die sich rundete, die auf ein gutes Ende abzielte. Denn der Anfang wurde gezählt «nach Christi Geburt». Auch Menschen, die kein religiöse Weltbild haben, werden verstehen, was es ausmacht, ob die Geschichte offen ist oder ob sie in einer überweltlichen Geschichte geborgen ist.
Fremde Völker kamen darin vor, Reisende zu Wasser und zu Land. Aber es gab immer eine Rückkehr und ein Zentrum, von dem ausgegangen und zu dem zurückgekehrt wurde. So reiste ich mit Sindbad dem Seefahrer, rieb mit Aladin an der Wunderlampe. Ich schlich mich mit Ali Baba in die Höhle und fand auch den Ausgang wieder. Ich hörte von fremden Völkern, die in Armut, aber auch in sagenhaftem Reichtum lebten. Der Kalif von Bagdad pflegte sich unerkannt unter die Untertanen zu mischen, so konnte er Übeltäter bestrafen und Unschuldige ins Recht setzen. Die Welt war aufgeteilt in Morgenland und Abendland, beides war schön und wunderbar und ergänzte sich mit Notwendigkeit, so wie eben die Sonne im Osten auf- und im Westen untergeht.
Bewahrt
Bei näherer Betrachtung war die Geschichte nicht so heilvoll, wie ich sie in der Erinnerung trage. Sie war bedroht, aber auch bewahrt. Erst beides zusammen machte das Gefühl der Geborgenheit aus. Tamerlan, Attila, Dschingis Khan, das waren Namen, die Schrecken verbreiteten im Abendland. Mongolen, Hunnen, Skythen – immer wieder drangen ihre Reiterhorden nach Westen vor. Sie abzuwehren war der grosse Zug der Geschichte, ihr Einfallen waren die Paukenschläge, unter denen man sich zusammenduckte. Das Reich musste alle Kräfte aufbieten und wem es gelang, dem winkte die Kaiserkrone.
Die Heldentaten wurden in Legenden erzählt. Ich erinnere mich an ein Bild, das die Belagerung von Wien zeigte. Ich sah nur eine kleine Reproduktion, aber es hat mir Eindruck gemacht. Da war die Stadt zu sehen in ihren Mauern, die sie kaum mehr zu schützen vermochten, und ein riesiges Belagerungsheer rundherum auf den Hügeln. Das war 1683 bei der Belagerung durch die Osmanen, so habe ich später gelernt, als Kind habe ich es gefühlsmässig aufgenommen. Es schien etwas auszudrücken wie ein Daseins-Gefühl: bedroht von aussen aber auch beschützt – und stark, wenn es gelang, sich zu einigen.
Bedroht
Das Gefühl, in Geschichte geborgen zu sein, trotz aller Infragestellungen, das habe ich als Kind erlebt. Ich fand ich es in Märchen und Legenden. Später, in meinen Jünglingsjahren habe ich gern Wilhelm Raabe gelesen. Ich konnte mich in seiner Welt bergen, es war mir dabei aber immer klar, dass ich mich hier berge und verberge, dass ich mich im Schutz äusserer Grenzen geborgen fühle, die mich gegen aussen abschirmen. So waren beide Momente da: die Geborgenheit, die ich in seiner Welt fand und das Bedrohliche, gegen das ich Geborgenheit suchte.
Bei Raabe war das Gefühl von Geborgenheit in Geschichte immer gepaart mit dem Gegenläufigen, mit Gefühlen des Ausgesetztseins und der Bedrohung. Es war kein Gefühl von Sorglosigkeit, von kindlicher Geborgenheit, dahin könnte ich nicht zurück, das würde über die heutige Welt nichts aussagen und hätte mir als Erwachsenem nichts zu geben. Das «Gegenläufige» aber bringt mich wieder mitten in die heutige Zeit und ihre Bedrohungsgefühle und ich kann mich fragen, ob die Religion als Geborgenheits-Erfahrung noch ausreicht. Ich muss, um das zu diskutieren, keinen Streifzug durch die Geschichts-Theologie machen, ich kann bei der Erfahrung ansetzen: beim Kreuz, beim Gegenläufigen, bei der Bedrohung.
Wo wäre denn Geborgenheit in Geschichte zu erfahren?
An vielen Orten wird das heute vorgetäuscht, weil die geschichtliche Deutung unserer Zeit offenbar wieder hochaktuell ist und viele konservative bis autoritative Deutungen unsere Zeit diese in einen historischen Horizont stellen. Auch das, was mich fasziniert, die Geborgenheit im Geschichtsbild meiner Kindheit, wird hier gesucht, gefunden und vermarktet, aber es «verhält» nicht, es ist eine ideologische Scheinwelt, eine Projektionsfläche für Interessen anderer Art.
Heute ist der neue US-Präsident erstmals aufgetreten, in seiner Inaugurations-Rede hüllt er sich in ein historisches Gewand, das «von hier und heute an eine neue Zeit» verspricht, «ein goldenes Zeitalter». Er zitiert die messianische Sendung, die seine evangelikalen Anhänger ihm anhängten, als er das Attentat überlebte und die Schüsse ihn verfehlten. Ist das nicht ein Zeichen göttlicher Sendung? So hat er eine charismatische Legitimation, was die traditionale Legitimation aus Recht und Verfassung notfalls unnötig machen könnte.
Geborgenheit in Geschichte – das wird heute offenbar von vielen Menschen gesucht, weil viele sich aus der Geborgenheit hinausgestossen fühlen, welche das Geschichtsbild ihnen bisher gab. (Und es sind nicht nur Angehörige ehemaliger Grossreiche, die den Verlust alter Bedeutung abtrauern. Auch kleinste Staatswesen können Geborgenheit vermitteln, indem sie sich auf sagenhafte Gestalten berufen, die «am Anfang» standen, wie den Befreier Tell gegen Habsburg, den Ziegenhirten David gegen Goliath, den im Mittelalter immer wieder neu umschriebenen Ritter Artus gegen wechselnde Bedrohungen von innen und aussen.)
Die labile Stellung von Kleinstaaten weckt offenbar ein Bedürfnis nach Herkunftserzählungen, die als sagenhaftes Element in die offizielle Politik eingehen. Der Zerfall des Kaiserreichs Österreich-Ungarn und der Zerfall des Osmanischen Reiches nach dem ersten Weltkrieg, das Ende der UdSSR nach 1989 und der Zerfall Jugoslawiens in den 90er Jahren entliess Völker aus einem Vielvölkerstaat, die sich eine neue nationale Identität geben mussten und dazu in der Geschichte nachforschten.
Eine Nation aufbauen
Die Suche nach einem mythologischen Geschichtsbild war die Suche nach einer gemeinsamen Identität. Als ich in den 70er Jahren Geschichte studierte, gab es so etwas wie eine «Entmythologisierung» in der Geschichtsschreibung. Aber hinter den sagenhaften Geschichtsbildern der Schweiz stand nicht eine «bürgerliche Wissenschaft», wie wir in marxistischer Ideologiekritik dachten, es war das Interesse am «nation building» in dem jungen Nationalstaat, der 1848 entstanden war und der auch eine geistige Grundlage brauchte.
Gesucht war die Verankerung in einem Wir-Gefühl, das auch durch gemeinsame Geschichte gestiftet wurde, in einem gemeinsamen Erfahrungsweg «durch Dick und Dünn», wodurch die Werte gestiftet und eingeprägt wurden. (Eben noch herrschte Bürgerkrieg, für das Gemeinsame musste man weiter zurückgehen. Die Jahreszahlen der Schlachten von «Morgarten» und «Sempach» können die Älteren heute noch aufzählen. In Sempach hat Winkelried eine Bresche in die Angreifer geschlagen, indem er die Lanzen in die eigene Brust bohrte und rief: «Sorgt für mein Weib und meine Kinder.» So wurde uns Geschichte in der Schule erzählt.)
«Angreifer»
Solche Identität wurde nicht nur in den Vielvölkerstaaten gesucht, die zerfielen. Es geschieht überall wo Tradition zerstört wird. Auch die Wirtschaft ist ein Disruptor. Die globale Ausrichtung der Wirtschaft ist grossräumig angelegt, sie wirkt aber bis ins Kleinste hinein und lässt kleine Siedlungen im Hinterland untergehen. Ein Postamt lohnt sich nicht mehr, eine Schule, eine Bank, das wandert alles in grössere Zentren. Das Hinterland wirkt wie von einem Feuersturm zerstört. Allenfalls findet man noch ein «nail studio», das jemand in seiner privaten Stube unterhält. Für den Rest muss man in die Grossstadt oder ins Internet. Am Ort sind nur noch Empfänger, Handys, mit denen man Kontakt halten kann zu einer Welt, die physisch hier nicht mehr vorhanden ist.
Entmythologisierung der Geschichte aufgehoben
Insofern hat Trump recht, wer ein Imperium bauen will, braucht eine anschlussfähige Grosserzählung. Der «Westen», den er anführen will, hat eine solche Erzählung aber lange verneint und untergraben. Das «Ende der grossen Erzählungen» wurde ausgerufen. Das stammt wohl aus einer Phase, als man Gross-Ansprüche noch relativierte und skeptizistisch demontierte. Heute steht es in einem anderen Kontext. Die «Entmythologisierung» der Geschichte war erfolgreich. Da herrscht Leere, wo gemeinsame Bindungen nötig wären, ein Loch an Metaphysik, wo die Wirklichkeit so erzählt werden müsste, dass es Infragestellungen wie Klimawandel, Artensterben und Staatszerfall auffangen könnte.
In Geschichte geborgen? Kreuz und Auferstehung
Der neue Geschichts-Messianismus von Trump trifft es auch nicht. Da ist zwar der Anspruch, die Geschichte so aufzurollen, dass man sich in ihr gehalten und geborgen fühlen könne, aber es ist zu offensichtlich eine politische Ideologie, welche Reste einer Geschichts-Theologie aufgenommen hat (den Millenarismus, die Apokalyptik, die in evangelikalen Strömungen lebendig sind und die sich auch durch die «Endereignisse» in Israel bestätigt fühlen, weil Israel in den Kriegen 2024 erfolgreich war).
Wo ist Geschichte denn wirklich aufgehoben? Wo kann man sich geborgen fühlen, in allem und trotz allem, was in Geschichte geschieht und was wir auf uns zukommen sehen? Es kommt nicht in einem linearen Wachstumsprozess, wo es wie eine reife Frucht vom Baum fiele. Es ist nicht undialektisch zu haben, es geht durch sein Gegenteil hindurch. Das Neue Testament erzählt von den Menschen, die das schon einmal durchlebt hatten, die hofften, die glaubten und Christus nachfolgten. Ist nicht die Bergpredigt das schönste Zeugnis eines solchen Glaubens und Hoffens? Ist hier nicht der Friede zu erwarten, wenn Menschen sogar ihren Feinden verzeihen, ihren Penigern die rechte Wange hinhalten, den Räubern auch das andere Kleid noch überlassen, die mit den Nötigern noch eine weitere Meile gehen, wenn sie zu einer gezwungen werden? – Nein, in dieser Welt ist das kein unbezwingbares Argument. In dieser Geschichte, die uns offensteht, ist auch das Gegenteil möglich, die Verachtung des Schönen, die Verhöhnung des Wahren, das erbarmungsloses Niedermachen von allem und jedem, ob es einen Grund dafür gibt oder auch keinen.
Darum geht die Erzählung im Neuen Testament über das Kreuz. Anders ist es nicht zu haben. Was Menschen tun und vermögen wird hier bis zum Endpunkt geführt. Das Vertrauen liegt «nicht auf Menschen und Fürsten» (Ps 146). Aber der «Stein des Anstosses» wird zum Grundstein gemacht (Ps 113). Im Vertrauen auf Gott findet die Suche nach Geborgenheit in dieser Geschichtswelt kontrafaktisch einen Boden. Man glaubt an Recht und Gerechtigkeit, nicht weil man das immer wieder erfahren würde, sondern weil man es vermisst. Es muss so etwas wie Gerechtigkeit geben, das wird klar, wenn man die Uebel der Geschichte bis zum tiefsten Punkt erlebt hat. Und dieser Punkt, der wird mit der Kreuz-Erzählung zitiert.
Und viele Völker, denen man später das Christentum gebracht hat, sind nicht übergetreten, weil sie darin eine «Wohlstands-Religion» erkannten, sondern weil sie sich und ihre Leidensgeschichte in der Passion wiedererkannten. Dieses Paradox hatten sie aus ihrer eigenen Geschichte gelernt: Das menschliche Tun vermag vieles, aber es überwindet nicht diesen Nullpunkt, in dem menschliche Geschichte immer wieder steht. Die Bibel erzählt es anhand von drei Frauen, die zum Grab gehen, weil sie den Leichnam salben wollen. Aber das Grab ist leer. Gott hat ihn auferweckt, den die Menschen zum Tod befördert haben, er hat ihm recht gegeben, den die Menschen zum Übeltäter erklärt haben, er hat ihn aufgerichtet, den sie in den Schmutz getreten haben.
Foto: Belagerung Wiens 1863
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