Die Menschheit als Warteschlange

Ende Woche ist Palmsonntag. Ich möchte darauf zugehen, aber ich bin zu unruhig. Was mich in dieser Zeit beschäftigt, ist weniger, wie es mir geht, was ich hoffe und befürchte. Es ist unsere Zeit, die eine Krise nach der andern abruft.

Ein langer Zug
Ist das etwas für Palmsonntag? Da ziehen alle Menschen hinter Christus her, «selig sind, die auf Gott vertrauen!» Da stehen die Menschen am Strassenrand. Hier soll er vorbeikommen. Ihre Hoffnung hat sie hergebracht, ihr Nicht-Weiter-Wissen. «Für Gott ist nichts unmöglich», heisst es irgendwo in der Bibel. Und sogar die offiziellen Gegner Jesu kommen zu ihm, wenn man es nicht sieht, sie wählen das Dunkel, die Nacht.

Der Baum
Sie finden sich ein an der Strasse und sie klettern auf einen Baum, damit sie besser sehen können. Vorne würden sie erkannt, vorne an der Strasse würde man mit dem Finger auf sie zeigen, weil sie mit dem Feind kollaborieren, weil sie sich in Dienst nehmen lassen als Steuereinnehmer, als Zöllner. Aber hier hinten können sie sich unerkannt unter die Wartenden mischen. Die Hoffnung ist doch auch da, bei denen, die Christus öffentlich ablehnen, die im Dienst der Gegner stehen. Und sie klettern auf einen Baum wie der Zöllner Zachäus.

Die Kraft
Und dieser wird nicht enttäuscht. Der, der kommt, ist souverän. Er singt nicht das Lied der Anhänger, reagiert nicht, wie Freund oder Feind es von ihm erwarten. Er handelt, wie man sich das nur von Gott vorstellen kann: dass er so gross ist, dass ihm Barmherzigkeit wichtig ist und wichtiger als Gerechtigkeit. «Bei dir muss ich heute zu Gaste sein!», sagt er zu Zachäus. Und was die Gerechtigkeit nicht vermöchte, was alle Strenge nicht erreichte, was alles Verhalten im Sinn der erwarteten Politik nicht zuwege brächte, das erreicht dieses Erbarmen.

Zachäus wird beschämt. «Wer bin ich, dass Gott zu mir käme?» Heiss steigen die Erinnerungen in ihm auf: wie er Menschen abgewiesen hat, gedemütigt, betrogen. Und er will es wieder gut machen: die Hälfte seines Vermögens will er den Armen geben. Und was er mit Unrecht gewonnen hat, will er vierfach zurückgeben.

Die Zeit
Und die Bibel erzählt seine Geschichte, weil hier etwas zu lernen ist, für uns, über Gott, über unsere Erwartungen. Und wir hören, was Gott tut, was jetzt an der Zeit ist. Hat Jesus nicht die Menschen aufgefordert, sich umzudrehen, anderes ins Blickfeld zu nehmen, weil Gott nahe ist? «Der Menschensohn ist gekommen», so sagt er jetzt, «um zu suchen und zu retten, was verloren ist.» (Lk 19,9)

Wie kann ich nur so kleinlich sein und Menschen ausschliessen, wenn Gott sie willkommen heisst? Wie kann ich denn geizig sein mit etwas, was mir nicht gehört und was Gott allen Menschen zugesagt hat? Nichts weniger als «die Rettung», darum geht es, und das sagt er ihnen zu, jetzt, an dieser Stelle. Wer bin ich, dass ich davon ein Jota wegnehmen wollte?

Danke, Danke! Ich möchte mich selber bergen in dieser Zusage und alles fortwerfen, was ich mir als Reichtum anrechnete, was ich selber erarbeitet habe, wofür ich ein ganzes Leben aufgewendet habe. Es ist nichts gegen das, was Gott uns gibt und was er auch mir zum Geschenk anbietet. «Was mir früher ein Gewinn war, ich halte es jetzt für Dreck», sagt der Apostel Paulus. «Nicht meine Vollkommenheit, sondern jene, die von Gott kommt!» (Phil 3,7ff)

Auch ich
Auch ich bin mit Zachäus auf den Baum gestiegen. Auch ich habe mich nicht getraut, mich vorne hinzustellen. Auch mich hat das schlechte Gewissen geplagt. Auch ich habe kollaboriert mit dem Feind, mit all dem, was das Leben erniedrigt und beleidigt. Auch ich habe falsch Profite daraus gezogen. Auch ich war hart und habe die Menschen an den Schranken mit überhöhten Zöllen geplagt. Auch ich, auch ich.

Auch ich darf mit Zachäus das Wort der Begnadigung hören. «Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus bleiben!» (Lk 19,5) Und die Umstehenden murren: «Er ist bei einem Unwürdigen eingekehrt!» Und ich möchte Antwort geben wie Zachäus: «Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.»

 

Foto von Emir Bozkurt, Pexels

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