Lazarus, komm heraus!
„Herr, siehe, der den du liebhast, ist krank.“ Bei diesem Satz bin ich hängen geblieben. Im Hotel gab es noch eine Bibel im Nachttisch, wie früher. Ich habe darin geblättert. Es war die Geschichte von Lazarus. Sie geht mir nicht mehr aus dem Sinn.
Zu spät?
Vor allem, dass Gott sich verspätet in dieser Geschichte. Wenn ich unterwegs bin, wie jetzt auf dieser Reise, steigen viele Gedanken auf. Ich bin an einem toten Punkt angelangt mit meinem Leben. Im Beruf, in der Beziehung – es ist, als ob alles auseinanderfallen wollte. Oder als ob ich nie über einen gewissen Punkt hinauskommen würde. Es ist immer wieder dasselbe. Aber inzwischen geht das Leben weiter, ich kann nicht endlos von neuem anfangen. Irgendwann ist die Jugend vorbei, das Alter, in dem man eine Familie gründet, wo man im Beruf Karriere macht.
Wärest Du da gewesen!
Gott kommt zu spät. Der, den Du liebhast, ist krank. Aber Du beeilst dich nicht. Und als Du endlich da bist, ist es zu spät. Lazarus ist tot. Es tut gut, die Vorwürfe zu hören. Ja, es sind auch meine Vorwürfe: „Wärest Du da gewesen, so wäre er nicht gestorben.“ „Hat er nicht einen Kranken geheilt? Hätte er nicht verhindern können, dass er stirbt?“ Vieles wäre in meinem Leben anders gekommen, wenn Du da gewesen wärst. Jetzt ist es zu spät. „Er riecht schon“, sagen sie, als er befiehlt, den Stein von dem Grab fort zu wälzen. Sie lassen ihn seinen Fehler spüren.
Komm!
„Lazarus, komm heraus!“ ruft er. Beim ersten Hören hab’ ich das nicht verstanden. Aber jetzt, wenn ich so daliege, und warte und nicht weiss, wie es mit meinem Leben weitergeht, jetzt höre ich ab und zu dieses „Lazarus, komm heraus!“ Er meint damit: Jetzt! Er redet nicht von dem, was früher war und was ich verpasst habe, und auch nicht von dem, was in Zukunft vielleicht sein wird. Er meint: Jetzt! In diesem Moment!
Wenn…!
Wenn ich es ernst nähme – ein Gedanke blitzt auf von einer ungeheuren Freiheit. Mein Leben…! Aber ich bin noch nicht bereit, es ist, als ob mich der Gedanke blendete. Ich muss ihn erst ansehen, ihn in der Hand hin und herwenden, ihn auf Distanz halten. Was würde das denn bedeuten, wenn ich ihn ernst nähme?
Ich müsste Ernst machen mit dem was ich denke und für richtig halte. Hätte keine Entschuldigungs-Gründe mehr. Ich müsste können, was ich will. Aber ich wollte bisher gar nicht können. Ich wollte keine Fehler machen, nicht anstossen, ich hatte Angst vor Ablehnung und Allein-Sein. Ich müsste zeigen, was ich bisher immer versteckt habe, man würde mich kennen, meinen Namen aussprechen und mit dem Finger auf mich zeigen. All das, was ich an mir selber abgelehnt habe, läge da vor aller Augen.
Ich habe mich ein halbes Leben versteckt gehalten. „Lazarus, komm heraus!“ Ich habe selber einen Stein auf die Höhle gewälzt. So habe ich das Leben nicht gelebt, dafür habe ich die Angst vermieden, hinaus zu gehen!
Nicht Gott ist zu spät gekommen. Ich war nie bereit. Gott ist jetzt. „Lazarus, komm heraus!“ Ob ich den Mut dazu habe – jetzt?
Foto von Nathan Cowley, Pexels
Aus Notizen 1998.
Die Lazarus-Geschichte findet sich Johannes 11.
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