Plötzlich diese Milliarden!

Es war in der Covid-Epidemie und bei der Banken-Rettung vor einigen Jahren, dass plötzlich diese Milliarden-Beträge auftauchten. Der Staat hatte sie zur Verfügung, wir wussten nicht woher, weil bisher fast jede politische Diskussion damit geendet hatte, dass der Staat dafür kein Geld habe. Und da ging es nur um Millionen.

Fragen
Heute planen die Staaten wieder Milliarden-Ausgaben: für die Verteidigung, für den Ausbau der Infrastruktur. Und heute sehen wir, woher das Geld kommt: aus der Verschuldung. Es wird so viel Geld herbeigezaubert, das weckt Unbehagen. Man möchte die Zauberer befragen:

Es ist paradox: die Länder machen Schulden, um die Landesverteidigung zu finanzieren. Die Schulden sind aber so hoch, dass sie die Möglichkeit auffressen, Geld für Sachausgaben zu verwenden. Die Schulden für die Landesverteidigung begrenzen damit die Möglichkeit zur Landesverteidigung, für die sie ja eingegangen werden. Schon heute geben die Industrieländer, nach einem OECD-Bericht, für Schuldendienst mehr aus als für Landesverteidigung.

Können also wichtige Aufgaben noch wahrgenommen werden oder verstrickt sich der Staat in den Schuldendienst, so dass neue Einnahmen immer mehr in das Bezahlen von Schuldzinsen fliessen – noch nicht einmal in die Rückzahlung, die den Staat von dieser Lähmung befreien könnte?

Wie soll aber eine Rückzahlung je möglich sein? Müssen unsere Kinder und Enkel neben den Staatsausgaben und den milliardenhohen Zinsen auch noch die Schulden abstottern? Aus welchen Einnahmen soll das möglich sein? (Was laden wir den kommenden Generationen auf? Neben den finanziellen bleiben auch die realen Probleme aktuell. Schieben wir die Probleme immer nur vor uns her?)

Oder spekuliert der Staat schon heute, wo er diese Schulden anhäuft, auf einen Ausweg über Inflation? Als Kind in den 50er Jahren hatte ich eine Altgeld-Sammlung. Dabei war ein Schein mit einer absurd grossen Zahl. Der stammte aus der Hyperinflation von 1923 in Deutschland. Ich habe bei Hans Fallada («Wolf unter Wölfen») gelesen, wie das zugegangen ist. Das Geld entwertete sich im Stundenrhythmus. Bald konnte man es nicht mehr im Portemonnaie tragen, es brauchte einen Handwagen dazu, so viel Papiergeld wurde nötig. Schliesslich brach der geldvermittelte Warenverkehr ganz zusammen, man ging zum Tauschverkehr über und eine Zigarette war mehr wert als ganze Bündel Geldscheine, die niemand mehr annehmen wollte.

Inflation mit Absicht
Die Erinnerung an diese Inflation erschreckt umso mehr, als die Analyse zeigt, dass eine solche Inflation nicht wie ein Naturereignis über eine Gesellschaft hereinbricht. Es gibt Nutzniesser und es gibt ein planvolles Handeln, um auf diese Weise Schulden zum Verschwinden zu bringen. Dabei verschwinden aber nicht nur die Staatsschulden, sondern auch die Guthaben der Sparer, zu denen die Altersversicherungen gehören, aber auch kleine Leute und Firmen, die damit die Existenzgrundlage verlieren. Die Inflation der 20er Jahre hat grosses soziales Elend verursacht und war eine der Mitursachen für den Aufstieg der Nationalsozialisten.

«Grösster Profiteur war der Staat», heisst es in dem Bericht «Die Hyperinflation von 1923». «Seine gesamten Kriegsschulden in Höhe von 154 Milliarden Mark beliefen sich, als am 15. November 1923 die neue Währung Rentenmark eingeführt wurde, auf gerade einmal 15,4 Pfennige.»

Whatever it takes
Es muss nicht so weit kommen. Es gibt die internationale Gemeinschaft. Hat die «Troika» von internationalen Währungshütern nicht erfolgreich bei der Griechischen Staatsschuldenkrise nach 2009 interveniert? Die Folgen für Griechenland waren allerdings brutal. Das Geld billiger zu machen, um die Schuldner zu entlasten, hilft wohl nicht weiter. In der Schweiz hatten wir Negativzinsen. Sparer wurden bestraft, Schuldner belohnt.

Ist das Vertrauen überhaupt noch da, dass ein Zauberer alles beruhigen könnte mit der Zusicherung, alles zu unternehmen, «whatever it takes»? (2012 gab Mario Draghi, Chef der europäischen Zentralbank, diese Zusicherung. Die durch die Eurokrise verunsicherten Finanzmärkte beruhigten sich daraufhin. Das ging als «Draghi-Effekt» in die Geschichte ein.)

Kleiner Mann, was nun?
«Kleiner Mann, was nun?» heisst ein Buch von Hans Fallada. In «Wolf unter Wölfen» hat er die Erinnerungen an die Inflation niedergelegt. Der kleine Mann ist überfordert von all den Fragen, aber er muss es auch ausbaden. Es ist seine Pensionskasse, die pleitegeht, es sind seine Ersparnisse für das Alter, die entwertet werden. Es ist seine Vorsorge für Kinder und Enkel, die bachab geht, wenn das Experiment im Grossen scheitert. Und so resistent scheint das Finanzsystem ja nicht. Die grossen Finanzkrisen folgen sich im Abstand von ein paar Jahren.

 

Foto von Dom J, Pexels

Zur Inflation 1923 vgl. Die Hyperinflation von 1923, https://www.planet-wissen.de/geschichte/deutsche_geschichte/weimarer_republik/pwiediehyperinflationvon100.html#Schubkarren_voller_Geld

Zu den Banknoten in dieser Zeit vgl. https://www.gi-de-stiftung.org/geldscheinsammlung/die-hyperinflation-1923-ein-krisenjahr-im-spiegel-seiner-geldscheine-teil-i/