Liebe ist stark wie der Tod
„Liebe ist stark wie der Tod.“ Wenn Konfirmandinnen und Konfirmanden die Bibel aufschlagen, geht es nicht lange, und sie finden diesen Text. Die Liebe ist «das» Thema in ihrem Alter. Diese Erfahrung können alle machen: Wer immer in die Bibel schaut, bleibt hängen bei dem, was ihn selbst bewegt. Dort kann er sich wiedererkennen. Die Bibel gibt ein Echo auf unsere Empfindung, stellt sie in einen Rahmen und kann viele Geschichten dazu erzählen.
Manchmal ist nicht das Thema zuerst, sondern die Stimmung. Wer in Freude oder Leid in die Bibel schaut, findet andere Texte. Wer ruhig ist oder erregt, der bleibt bei anderen Stellen hängen. Heute ist vieles aufgewühlt. Politik und Wirtschaft haben ihr altes Gleichmass verloren. Entsprechend sind auch die Menschen bewegt. Und wer jetzt in die Bibel schaut, wer eine Losung nachschlägt, den Text, der für diesen Tag empfohlen wird, der kann sich oft nicht damit beruhigen. Die innere Unruhe lässt ihn weiterblättern. Bis – da! Da ist es, da ist eine Stelle, die zu uns spricht! Da ist die Erregung, die auch wir kennen.
Und die Sache, die da angesprochen wird, erinnert seltsam an die grossen Themen unserer Zeit. Es sind die Propheten, die hier die Stimme erheben. Sie weisen auf Missstände hin, ergreifen Partei. Und sie verkünden einen Gott, der eingreift und den Dingen gewachsen ist.
Die Gefühle in der Bibel sind viel weniger individuell, als wir heute denken. Sie sind sozial eingebettet, so wie auch die Feier von Freude und Leid sozial eingebettet war. Und die Äusserung von Freude und Leid konnte darum leicht in Unruhe umschlagen. Die Menschen wurden bewegt, etwas zu verändern. Darum berichtet schon der römische Geschichtsschreiber Tacitus, der etwa zurzeit Jesu lebte, dass solche öffentlichen Gefühls-Kundgebungen im Römischen Reich verboten waren.
Davon erzählen auch die Evangelien. Als Jesus in Jerusalem einzieht, jubeln die Jünger. Sie erhoffen sich eine neue Zeit, wo auch der Ohnmächtige Recht und der Arme zu essen bekommt. Die Oberen wollen den Jubel unterbinden, da sagt Christus: „Wenn diese schweigen, werden die Steine schreien.“ (Lk 19,40). Und als er einzieht, preist er die „selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden gesättigt werden“. (Mt 5,6)
In Freude und Leid – wir nehmen Gott immer wieder anders wahr. Wir brauchen einen Gott, der uns entspricht. So erscheint er auch in der Bibel. Nur eines ist er in der Bibel nicht: ein Gott ohne Gefühle.
Aus Notizen 2012
Warum die Gottesrede temperiert wird
„Eifersucht ist jene Leidenschaft, die eifrig sucht, was leiden macht.“ So heisst ein altes Sprichwort. Leidenschaften bewegen, sie wühlen auf. Man kann kaum „cool“ bleiben in ihrer Nähe. Sie sind das Leben selbst. Und nie fühlt man sich lebendiger, als im Bannkreis einer Leidenschaft. Aber sie tragen das Leiden schon im Namen. So sucht man sie und flieht man sie. Und wer zu viel davon erlitten hat, leckt seine Wunden und hält Distanz.
Liebe, Eifersucht und Zorn
Leidenschaften rühren nicht nur die Gefühle auf, sondern auch die Beziehungen. Sie vertragen sich nicht mit ruhigem Gleichmass. Sie sind nicht berechenbar. Sie brechen herein und stören die Ordnung. So werden sie mit Argwohn betrachtet. Sie lassen sich kaum zivilisieren. Man muss ihnen Zügel anlegen. Schon die Sprache versucht, an ihnen vorbeizusehen und so zu tun, als ob es sie nicht gäbe.
Liebe ist noch gern gesehen, sie gilt als aufbauend. Am Familientisch ist vielleicht auch von Eifersucht die Rede. Denn Kinder sind eifersüchtig. Daran kommt man nicht vorbei. Zorn – auch das kommt vor. Die Zornigen verlassen aber eher die Gemeinschaft und werfen die Tür ins Schloss. Geredet wir nicht viel im Zorn. Und beim Hass hört es vollends auf.
Gefühle sind tabuisiert. Das ist bei den Menschen so, und erst recht, wenn von Gott die Rede ist. Da gibt es den „lieben Gott“, dann hört es aber schnell auf. Dass Gott „zornig“ ist, davon hören wir aus dem Alten Testament. Aber das scheint uns mit dem Neuen Testament überwunden. „Eifersüchtig“ ist er im Alten Testament, und er will unter allen Göttern allein verehrt werden. Das erscheint uns archaisch. Es passt nicht in eine Zeit der Toleranz zwischen allen Religionen.
Der apathische Gott
Gefühle überhaupt scheinen uns unangemessen, um von Gott zu sprechen. Darin wirkt der Gott der Philosophen nach, der über den Gefühlen steht. Er ist allenfalls vom Denken zu erfassen. So wurde das Gottesbild apathisch. Es ist ein Ding für das Denken und berührt die Gefühle nicht mehr. Damit wurde der Glaube in der Antike salonfähig. Er hat aber auch viel verloren. Da ist kein Gott mehr, den man anrufen könnte, wenn man leidet. Und schon gar nicht, im Sturm der Leidenschaften.
Auch wenn wir von etwas wegsehen, es ist dennoch da. Selbst Liebe, die im Drüber-Reden am Familientisch so harmlos wirkt, hat ein zweites Gesicht. Sie kann eine Familie auch auseinanderreissen. Sie ist verwandt mit allen Leidenschaften und kann in ihr Gegenteil umschlagen.
Über Gefühle kann man gar nicht abstrakt reden. Sie sind immer eingebettet in eine Situation, wo sie wachgerufen werden. Menschen erfahren oder erleiden etwas, ihre Gefühle werden erregt, und das treibt sie zum Handeln. Gefühle gehören zu einer ganzen Wirkungskette. Da sind Ursachen und Folgen, Lebensumstände und Bilder vom richtigen Leben. Es gibt Konflikte und Gefühle entzünden sich. Es kommt etwas in Gang. Und das ist der Grund, warum Gefühle oft tabuisiert werden, im Leben wie in der Religion. Man fürchtet das, was in Gang kommt.
Gefühle setzen etwas in Gang
So ist es auch mit den Gefühlen, die die Bibel Gott zuschreibt. Der Philosophen-Gott, der am Schreibtisch entworfen wird, kann noch „apathisch“ beschrieben werden. Das griechische Wort meint: ohne alle Gefühle. Der Gott aber, zu dem gebetet wird, der wird hinabgezogen in alle menschlichen Verhältnisse. Da ist das betrogene Recht, die enttäuschte Treue. Und Gott wird aufgerufen, einzugreifen. Da ist der Schmerz um Verlust, die Freude im Glück und der Jubel bei der endlichen Erfüllung. Und die Menschen danken Gott für seine Hilfe.
Nie ist Apathie. Bei Menschen gilt Apathie als Krankheitszeichen. Sie kann eintreten bei fortgeschrittener Demenz. Wenn die Gottesrede ohne Gefühle auskommen will, verliert sie ihre Kraft. Sie wird gleichgültig. Wundert es da, dass dieser Gott den Menschen gleichgültig wird?
Der Gott der Bibel aber ist voller Leidenschaft, auch im Neuen Testament. Und es wird zu einem Abenteuerweg, auf der Suche nach dem mitleidenden Gott in die Bibel zu schauen. Da wirken die konfektionierten Gefühle der Hollywood-Filme schal dagegen.
Da schreien die Steine
Allerdings, eine kraftvolle Rede von Gott, eine leidenschaftliche Verkündigung von Gott, kann man nur wiedergewinnen, wenn man auch die Sache wieder zulässt: die Leidenschaft für das Recht, die Leidenschaft für das Leben, das jedem und jeder zusteht. Eher vergeht der Himmel, als das davon ein Jota abgeändert wird (Mt 5,18).
Den Propheten im Alten Testament wird verboten, das Unrecht anzuprangern. Bei Habakuk schreien es darum die Steine ins Land. Ein Reicher baut sein Haus mit unrechtem Gewinn. Da fangen die Balken an zu schreien (Habakuk 2,9f). Den Jüngern Christi will man verbieten, zu jubeln, als er in Jerusalem einzieht. Sie erhoffen sich eine neue Zeit, wo auch der Ohnmächtige Recht und der Arme zu essen bekommt. Und Christus sagt: Wenn diese schweigen, dann werden die Steine schreien. (Lk 19,40).
Das ist Leidenschaft in der Bibel. Nicht als Selbstzweck, aber als Leidenschaft für das Recht und das Leben. Verständlich, dass man ihnen das Maul verbot. Man will lieber den apathischen Gott, der niemanden stört.
Aus Notizen 2012
Der leidenschaftliche Gott
«So spricht Gott, der Herr: Mit glühender Leidenschaft will ich reden!» Das kündigt Gott beim Propheten Ezechiel an (Ez 36,5). Sein Zorn ist erregt, er sieht, wie Unrecht geschieht und will einschreiten. In der Bibel begegnet uns immer wieder ein Gott voller Gefühle und Leidenschaft.
Das ist ungewohnt für uns und wirkt seltsam. Unserer Gottesdienste fliessen in einem ruhigen Gleichmass dahin. Ein Gott, der zornig wird, das erscheint uns urtümlich und primitiv. Gott, wie wir ihn uns vorstellen, hat keine Gefühle. Und wir müssen uns erst sagen lassen, dass das zur alttestamentlichen Vorstellung von einem König gehört:
Ein König muss das Recht wahren in seinem Land. Wenn er Unrecht sieht, wird er zornig. Und das wird von ihm erwartet. Denn dann greift er ein. Das hat den Menschen in der Bibel geholfen. Wenn sie sahen, dass Gott zornig wurde, dann wussten sie, dass einer da ist und sieht. Sie sind nicht allein. Da ist einer, der helfen kann, und er ist der Sache gewachsen.
Die Sprache
Eine kraftvolle Sprache hatten die Menschen früher, um von Gott zu reden. Unsere Sprache heute wirkt seltsam blass dagegen. Farblos und unbeteiligt, wenn wir an all das denken, was in der Welt geschieht. Ist das Gott egal, wenn Menschen ausgenützt werden, wenn sie Haus und Stelle verlieren? Wenn sie fliehen müssen und nichts retten als das nackte Leben? Ist es ihm egal, wenn Tiere aussterben, Pflanzen ausgerottet werden, die Gestalt der Erde verödet? –
Aber sollen wir so von Gott reden, dass er sich in alles einmischt und politisch Partei ergreift? Es gibt Zeiten und Orte, wo Prediger das Volk aufhetzen. Das ist sicher kein Weg. Aber von Gott zu reden, als ob ihn alles nichts anginge, was auf der Welt geschieht, kann uns auch nicht helfen. Ein gutes Beispiel von Gott zu reden und dabei die Sorgen ernst zu nehmen, das finden wir im ersten Testament bei den Propheten. Wer die Bibel liest, dem fallen die Propheten zuerst gar nicht auf. Die Bibel beginnt mit langen Erzählungen, und darin eingebettet tauchen einige Propheten auf. Im 19. Jh. hat die Bibel-Forschung entdeckt, dass die Propheten älter sind als die Erzählungen. Sie sind ursprünglicher. Das hat damals eine eigentliche Propheten-Begeisterung ausgelöst.
Wie aus dem Nichts scheinen sie aufzutauchen. Als das Land leidet unter Ungerechtigkeit, als die Not gross ist in der Bevölkerung, da treten sie auf und sie verkündeten Gottes Wort. Sie scheuen den Konflikt nicht mit Autoritäten. Sie stehen ein für das Recht, unerschrocken und bereit, auch die Ablehnung und Verfolgung zu tragen, die mit dieser Aufgabe verbunden ist. So etwas, dachte man, müsste man auch heute wiederhaben. Und die Dichter damals, liessen sich anstecken. Sie wollten auch Propheten sein und das Wort verkünden, so dass sich unter ihrem Wort die Welt verändert.
Die Welt verändern durch eine Predigt – das ist viel verlangt. Was wir brauchen, was wir suchen, ist eine kräftige Verkündigung, eine Sprache, die das aufnimmt, was die Menschen heute bewegt. Gesucht ist das Bild eines Gottes, der den Dingen gewachsen ist. Und der nicht abseitssteht.
Abseitsstehen ist nicht gern gesehen in der Bibel. Das ist das, was Gott den Menschen vorwirft im Neuen Testament: dass sie abseitsstehen. „Ihr sagt, ihr seid reich und habt alles. Ihr braucht nichts. Ihr seid weder kalt noch warm. Ach, dass ihr doch warm wäret. Ihr seid lau, und ich will euch ausspucken aus meinem Mund, spricht Gott!“ So heisst es in der Offenbarung über die Gemeinde von Laodizea. (1,14ff)
Wir sehen: eine leidenschaftliche Sprache ist gewöhnungs-bedürftig! Wenn die Kirche sie nicht mehr sprechen kann, wandert sie aus. Viele wichtige Dinge werden heute ausserhalb der Religion zur Sprache gebracht. Die Menschen sehen keinen Grund mehr, in der Kirche zu bleiben. Denn dort finden sie ihre Anliegen nicht.
In der Kirche hören sie immer von einem Gott, der lieb und zufrieden ist. Im ersten Testament tönt das anders: „Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert? (Jeremia 23, 29) Da ist ein leidenschaftlicher Gott, der Anteil nimmt an der Welt!
Die Sache
Eine leidenschaftliche Sprache ist das! Warum haben wir sie verloren?
Es ist nicht nur das Gottes-Bild: dass wir uns einen Gott mit Gefühlen nicht mehr vorstellen mögen. Es ist auch die Sache, um die es da geht.
Im ersten Testament geht es um das Engagement für ein ganzes Volk. Bei uns ist der Glauben privatisiert. Darum wirft das erste Testament den Blick auf das ganze Dasein der Menschen: wie sie leben, wie die Gesellschaft sich verändert, wer abgehängt wird von der Entwicklung. Und diese Menschen werden von der Gemeinschaft nicht aufgegeben, auch wenn sie aus dem System fallen.
Bei uns ist das Glaubensleben verengt auf den einzelnen und seine Psyche. Wenn man das Programm der kirchlichen Bildungshäuser anschaut, dann findet man da Wellness, Psyche, Spiritualität, aber kaum ein soziales Thema. Das ist ausgewandert aus der Kirche (und mit ihnen die Menschen, die sich dafür interessieren).
Das war nicht immer so. In den 30er Jahren erhob sich die Bekennende Kirche gegen den Nationalsozialismus. Und in den 80er Jahren protestierte die Weltkirche gegen die Politik der Rassentrennung in Südafrika. Der Reformierte Weltbund erklärte, ein solches Regime sei nicht vereinbar mit dem christlichen Glauben, mit der christlichen Überzeugung von der Würde jedes Menschen. (1982 wurde der „status confessionis“ ausgerufen.)
Wie sollen wir das wieder lernen: ein Interesse für Fragen der ganzen Gemeinschaft?
Wir sind nicht mehr ein Volk wie im Alten Testament, das hinter Moses aus der Wüste auswandert und den Weg in ein gelobtes Land sucht. Aber wir sind ein Volk wie im Neuen Testament, das hinter Jesus Christus aus der Wüste auswandert und den Weg ins Reich Gottes sucht. Auch die Kirche versteht sich als Gottesvolk. Und dieses lebt nicht nur im Einzelnen und in seiner Seele. Es lebt real in dieser Welt.
Aber wer ist die „Kirche“? Wer ist das Volk, das uns angeht? –
Das ist dein Nächster, sagt die Bibel: Und Christus erzählt die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Wenn einer in Not fällt, musst du nicht überlegen, ob er jetzt zu Dir gehört oder nicht, ob er dein Nächster ist. Christus kehrt die Frage um: hilft ihm, dann bist du für ihn der Nächste! (Lk 10,25ff)
So lebt die Kirche als Volk im realen Volk. Die Kirche hat keine äusseren Grenzen, keine Beschränkung nach Alter, Geschlecht oder Herkommen. Sie ist aber auch kein Phantasiegebilde. Sie lebt ganz real in realen Menschen. Mit ihnen hat sich Christus identifiziert, wenn er sagt: «Was du einem dieser meiner geringsten Brüder getan hast, das hast du mir getan.» (Mt 25)
Wenn wir uns öffnen für konkrete Menschen und ihre konkreten Sorgen, dann kommt auch die Leidenschaft zurück, die wir in der heutigen Kirche vermissen. Dann finden wir auch eine starke Verkündigung. Es wird vielleicht nicht jene Predigt, „unter der sich die Welt verändert“. Aber sie hilft, den Glauben wieder neu verstehen.
Dann finden wir wieder einen Gott, der den Dingen gewachsen ist:
Weil wir unsere konkreten Sorgen zu ihm bringen,
Weil wir ihn für kompetent halten,
Weil wir auf seine Antwort hören, die er uns gibt, auch im sozialen und wirtschaftlichen Zusammenleben,
Weil wir uns anstecken lassen von unserem Glauben und unser Verhalten danach ausrichten.
So sagt Gott im ersten Testament: „Hütet euch, dass ihr den Bund des Herrn, eures Gottes, nicht vergesst. Denn der Herr, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer und ein eifernder Gott. Wenn du aber den Herrn, deinen Gott, suchst, so wirst du ihn finden. Denn der Herr, dein Gott, ist ein barmherziger Gott; er wird dich nicht verlassen noch verderben.“ (Dtn 5,23 ff)
Aus Notizen 2012
