Auf und Ab
In den Märchen verwandeln sich die Menschen. Niemand muss bleiben, wie er ist. Was vergangen ist kann sich verändern. Es ist kein Urteil über die Zukunft. Diese kann hell und golden sein, auch wenn die Herkunft dunkel und leidvoll war. Die alten Alchimisten suchten den „Stein der Weisen“, der Blei in Gold verwandelt. Auch in der Wirklichkeit gibt es diesen magischen Stein, der aus alt neu macht. Das ist der soziale Aufstieg.
Eine Gesellschaft, die allen eine gute Ausbildung ermöglicht, die Arbeitsplätze bereithält und Aufstiegsmöglichkeiten, ist wie ein Lift, in dem es aufwärts geht. Nicht alle sind von Geburt an gleichgestellt. Aber alle haben gleiche Chancen. Und wer tüchtig ist, schafft es auch. Er ist seines Glückes Schmid. So kann aus dem Tellerwäscher ein Millionär werden.
Nicht immer stehen aber diese Arbeitsplätze bereit. Nicht alle können die Bildungschancen nutzen. Und es gibt Wirtschaftslagen, bei denen alle Tüchtigkeit versagt. Industrien gehen ein. Produktionsanlagen werden ins Ausland verlagert. Ganze Regionen sind betroffen von Arbeitslosigkeit. Und es braucht Zeit, bis etwas Neues nachkommt.
Da kommt dieser Lift ins Stocken. Statt aufwärts führt er abwärts. Einige wenige schaffen es, sie werden immer reicher. Andere verlieren, was sie hatten. Das sind schwierige Momente für die betroffenen Menschen, aber auch für die Gesellschaft. Die Aufstiegsversprechen werden nicht gehalten. Die Glücksgüter, die sie verbindet mit Aufstieg und Erfolg werden für viele unerreichbar. Wer die Stelle verliert, riskiert auch seine Beziehung. Es kann ein Weg nach unten losgehen, bei dem man „alles“ verliert, was dem Leben bisher Halt und Wert gegeben hat.
Was gibt Halt, was bedeutet Wert? Diese Frage müssen sich nicht nur diese Menschen stellen. Sie ist der ganzen Gesellschaft aufgegeben. Denn der Wachstumspfad, den sie bisher gegangen ist, geht so nicht weiter. „Hinunterwachsen“ ist eine Aufgabe auch für die Weltwirtschaft, denn die Erde ist endlich, wir verbrauchen schon so viele Güter, als ob wir zweieinhalb Erden hätten.
Es gibt Glücksgüter, die die Umwelt nicht belasten. Es gibt Anerkennung und Würde, die nicht an sozialen Status gebunden ist. Es gibt ein Zusammenleben, das nicht allein von Wettbewerb bestimmt ist. Da sind auch die „unteren“ geachtet und die „oberen“ werden nicht beneidet. Es gibt einen Weg „unten durch“, der nicht im Abseits endet, sondern nach oben führt: zu innerem Wachstum, zu einem solidarischen Zusammenleben und zu einem Frieden mit der Natur.
Aus Notizen 2013
„Unten durch“ – zur Würde des Menschen
In der Zeitung kann man heute viele Geschichten von Auf- und Abstieg lesen. Und die Wirtschaftsnachrichten erhalten dann plötzlich ein Gesicht. Wir lesen vom Boom in China oder von der Krise in Irland – am Beispiel eines Menschen kommt es uns plötzlich nahe. Viel Aufsehen hat kürzlich der Fall von Bo Xilai in China erregt. Er ist von ganz hoch oben ganz tief hinabgestürzt.
Rangkämpfe
Schon sein Vater war eine Partei-Grösse in China. Der Sohn stieg vom Bürgermeister zum Gouverneur und zum Handelsminister auf. Er galt als Anwärter auf die allerhöchsten Ämter in China. Am 22. September dieses Jahres (2013) wurde Bo Xilai von einem Gericht zu lebenslänglicher Haft verurteilt – wegen Korruption und Amtsmissbrauch. Beobachter vermuten auch einen Machtkampf an der Spitze Chinas.
Auch aus Irland gab es kürzlich eine Geschichte, die schlagartig die Situation beleuchtete, in der manche Menschen heute leben. Henryk Pietrowski fand in Polen keine Arbeit mehr und zog wie viele Tausend seiner Landsleute nach Irland. Das war noch in der Boom-Zeit, als der Wirtschaftsmotor in Irland brummte. Um die Jahrtausendwende schrieb das Land Wachstumszahlen von durchschnittlich sechs Prozent im Jahr, weshalb Irland oft als „Keltischer Tiger“ bezeichnet wurde.
Er fand eine Stelle auf dem Bau. In der Folge der Finanzkrise von 2007 brach die Wirtschaft in Irland ein. Er verlor seine Stelle und alle Ersparnisse. Er empfand es als persönliche Niederlage und wollte so nicht nach Polen zurückkehren. Wie hätte er vor seine Verwandten und Freunde hinstehen sollen? In Irland verlor er bald den Boden unter den Füssen. Er verstand die Sprache schlecht, konnte seinen Anspruch auf Sozialhilfe nicht geltend machen und begann zu trinken. Er schlief in Obdachlosenheimen und ass in Suppenküchen. Bei einer Sparrunde im staatlichen Budget wurde der Anspruch von Auswärtigen auf Obdachlosenbetten gestrichen, da begann er, auf der Strasse zu schlafen.
Müll-Menschen?
Manchmal legte er sich auch in eine Mülltonne, weil er dort von Wind und Regen geschützt war. Das wurde ihm zum Verhängnis. Am 23. August dieses Jahres leerten die Müllmänner den Behälter, in dem er lag. Dabei wurde er tödlich verletzt.
Der Fall hat in Irland grosses Aufsehen erregt. Sollte es möglich sein, dass Menschen wie Müll behandelt werden? fragten sie in der Zeitung.
Irland hat selber über Jahrhunderte in grosser Armut gelebt, und der Fall hat sie erschüttert. Sie haben Spenden gesammelt, um seinen Sarg nach Polen zurück zu schicken. Das wenigstens wollten sie für ihn noch tun. (TA 13.9.13)
Wie ist es, wenn man alles verliert?
Bo Xilai und Henryk Pietrowski – das sind Beispiele aus dem Ausland. In der Schweiz könnten sie so vielleicht nicht geschehen. Trotzdem lesen es viele Schweizer mit Anteilnahme. Denn Ängste sind auch hier vorhanden, wie eine Umfrage kürzlich zeigte.
Viele Menschen in der Schweiz fürchten um ihre Stelle, um ihre Alterssicherung oder um die Zukunft ihrer Kinder. Wenn die Stelle verloren geht, wird es auch in der Beziehung schwierig. An der Stelle hängt oft die ganze Existenz, und es ist ein Schreckbild, „alles“ zu verlieren und „auf der Strasse zu stehen“, ohne Stelle, ohne Familie und ohne Wohnung.
In der Gesellschaft ist man sich einig: „Oben“ ist das Leben, aber „unten“ hört alles auf. Die Bibel sieht das anders. Sie zeigt uns Schicksale, wo Menschen alles verloren haben. Sie müssen „unten durch“. Auch wir möchten gerne erfahren, wie das ist, „dort unten“ – gerade, weil es uns auch Angst macht. Angst übt immer auch eine Anziehung aus. Dort in den Abgrund zu schauen – so könnte die Angst sich beruhigen. Die Bibel erzählt davon. An diesen Schicksalen lotet sie aus, wie es ist, „dort unten“. Und der Leser kann mitgehen auf diese Reise, er kann es miterleben – ohne, dass er selber alles riskieren muss. Und er erfährt: Am tiefsten Punkt ist nicht einfach nur „nichts“. Da ist etwas zu erfahren.
Die Helden der Geschichte kehren von dort zurück. Sie sind gewandelt. Sie haben einen Grund gefunden. Sie haben neu erfahren, was Wert gibt – über den wirtschaftlichen Erfolg hinaus. Sie haben erlebt, was Würde ist, unabhängig von der sozialen Position. Und sie haben zu einem Miteinander gefunden, das zu einem Modell werden kann für eine ganze Gemeinschaft. Darum erzählt die Bibel solche Geschichten. Es ist die Geschichte dieser Gemeinschaft, die die Bibel überliefert. Sie erzählt, wovon sie lebt, wofür sie steht. Was ihre Werte sind und wie sie zusammenleben will.
Eine Geschichte von Aufstieg und Fall
Das Volk Israel erzählt im ersten Testament von seinen Erfahrungen. Was sie erlebt haben, das haben sie in der Geschichte von Josef zusammengefasst. Das Volk hat viel Auf und Ab erlebt. Sie lebten in Nachbarschaft der Grossmächte und oft haben diese nach Palästina übergegriffen, von Ägypten her und vom Zweistromland, von Griechenland her und von Rom. Sie haben Unterwerfung kennengelernt und Vertreibung, Tributzahlung und Versklavung, dazwischen kurze Phasen von Frieden und Zeiten des Wohlstandes.
Wenn sie von Josef erzählen, was der erlebt hat, so geht es auch in seinem Leben turbulent zu und her. In seine Geschichte legen sie hinein, was sie erfahren haben. An seinem Schicksal wollen sie erfahren, ob man davonkommt, wenn man „ganz nach unten“ geht. An seiner Geschichte haben sie dargestellt, was sie gelernt haben als Volk und wie sie ihr Leben in Zukunft ausrichten wollen.
Sie lassen Josef zuerst aufsteigen – er ist der Liebling seines Vaters und erhält ein Ehrenkleid. Aber die Brüder sind eifersüchtig, sie stürzen ihn, so wie auch heute Menschen in Positionskämpfen gestürzt werden. Er wird in die Sklaverei nach Ägypten verkauft. Als Verwalter bei einem Beamten macht er Karriere, stürzt aber über eine Eifersuchtsgeschichte. Zum zweiten Mal muss er „unten durch“. Er kommt ins Gefängnis. Dort lernt er andere Gefangene kennen, Beamte, die teils zu Recht, teils zu Unrecht einsitzen. Er sagt ihnen die Zukunft voraus und erwirbt sich so einen Ruf als Ratgeber.
Er kann Träume lesen. Als der Pharao einen Traum hat und seine Ratgeber ihn nicht deuten können, lässt er Josef holen. Als Josef ihm einen guten Rat gibt, setzt er ihn als Verwalter ein. Jetzt ist Josef hoch oben angelangt. Und wenn er unterwegs ist eilen Herolde vor ihm her und rufen seinen Namen und Titel aus.
Damit hört die Geschichte aber nicht auf. Sie zielt nicht auf den Aufstieg. Sein Erfolg interessiert nur, weil dadurch Gerechtigkeit geschieht. Seine Brüder, die ihn gestürzt haben, anerkennen ihre Schuld und machen sie gut. Die ganze Unglücksgeschichte ist aber auch für die ganze Region zum Wohle ausgeschlagen. Weil Josef Vorratshäuser bauen liess, konnte die Hungersnot besiegt werden. Ägypten wurde zur Kornkammer für die ganze Region und hat auch den Nachbarvölkern geholfen.
So sehen die Israeliten Gott selber am Werk bei dieser Geschichte. Er hat alles zum Guten gewendet. Das ist nicht naiv. Das ist ein Vertrauen, ohne das es nicht geht, wenn einer eine Reise „nach unten“ antritt. Gerade dort kann man Gott begegnen. Dann ist man offen, wenn einem die anderen Hilfsmittel aus der Hand genommen sind. Und im Vertrauen auf ihn ergreift man solche Massnahmen, die allen zugutekommen, nicht nur wenigen. Noch etwas lehrt die Geschichte von Josef: Die Menschen, die „unten“ sind, wissen oft eine Lösung. „Worin einer gelitten hat, darin kann er andern helfen“, heisst es in der Bibel.
„Unten durch“ – mitten in der Bibel
Im Neuen Testament ist es Jesus Christus. Er ist uns im Glauben vertraut, im Gebet wenden wir uns an ihn. Da geht vielleicht ganz vergessen, dass er in der Bibel zuerst fast ein „nobody“ ist, nach gesellschaftlichen Maßstäben. Von seiner Umwelt wird er nicht respektiert, weil er nicht mit Macht auftreten kann. Nein, er ist nicht mächtig. Und am Schluss scheint ihm alles zu missglücken. „Er wurde wie ein Sklave und erniedrigte sich bis zum Tod am Kreuz.“
Und doch erzählt die Kirche diese Geschichte. Es ist die Geschichte von jemandem, der ganz hinabstieg und der dort etwas fand, was allen weiterhilft. Und seine Werte stiften eine Gemeinschaft – sie ist lebendig, wo immer Kirche lebt. „Die letzten werden die ersten sein“, sagt Christus. Er kehrt die gewöhnliche Ordnung um.
Und als seine Jünger sich streiten über ihre „Position“, die sie in der Kirche einnehmen wollen, da sagt er ihnen:
„Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“
Was dort zu gewinnen ist
„Ganz unten“ hört der Weg nicht auf. Ganz unten, wenn nach den Massstäben der Welt „alles aus“ ist, entdeckt man „das andere“: Das, was die Welt trägt, gratis. Es ist nicht um Geld zu haben. Und man kann es nicht in Banksafes sammeln. Man kann es nur besitzen, wenn man es gleichzeitig loslässt, als hätte man es nicht.
Nutzen kann man es nur, wenn man daraus eine Haltung macht: Ja, ich vertraue, dass ich von Gott gehalten bin, dass er mich führt in meinem Leben. So finde ich, was ich brauche. So findet sich der einzelne im Gegenüber Gottes, und er bekommt einen Wert, den die Welt nicht geben kann, und wenn er die ganze Welt gewänne. Das gibt ihm eine Würde, die ihm die Welt nicht absprechen kann, und wenn er die ganze Welt verlöre.
Es ist ein Weg für den einzelnen, aber auch für die Gemeinschaft. Die Gesellschaft findet hier eine neue Weise, sich zu organisieren: Christus spricht vom „Reich Gottes“. Da gibt man dem Hungrigen zu essen und dem Durstigen zu trinken. Da besucht man die Kranken und vergisst die Gefangenen nicht. Da wird der Nackte gekleidet, und wenn einer bittet, so dreht man sich nicht weg.
Das ist keine Träumerei. Das Reich Gottes ist nicht in einem fernen Jenseits angesiedelt. Es kommt nicht nur am Ende der Zeit, als ob es für diese Welt nur ein romantischer Traum wäre. Es ist immer wieder zu erleben, auch jetzt in unserer Zeit. Es bricht immer wieder an – dann, wenn einer sich im andern erkennt, wie Christus sagt: „Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Und als die Jünger Jesus bitten, er soll seine Lehre in einem Satz zusammenfassen, sagt er: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das sollt auch ihr ihnen tun.“ (Mt 7,12).
Es ist eine handfeste Lehre, so kann man die Gesetze gestalten, wenn in der Zukunft die Frage an uns kommt, wie wir uns verhalten wollen, wenn Menschen „abrutschen“. Und es ist spirituell. Es ist eine Haltung, die uns begleiten kann auf unserem Weg. Es hilft, wenn wir oben sind, und es hilft, wenn wir unten sind.
Denn daran halten wir fest: Gott sieht uns, Gott kennt uns. Wie es der Psalm sagt:
Du lässt mein Lebenslicht strahlen, Herr.
Du selbst, mein Gott, machst mir das Dunkel hell.
Du hast den Weg vor mir frei gemacht, nun kann ich ohne Straucheln vorwärts gehen. Der Herr lebt! Ihn will ich preisen!“ (Ps 18)
