Es gibt verschiedene Arten, von Weihnacht zu erzählen. Was ist überhaupt das Leid der Welt? Was gibt Antwort? Bekannt ist die Weihnachtsgeschichte von Lukas und Matthäus, wo die heilige Familie sich auf den Weg macht, um sich in Bethlehem zählen zu lassen.
Der Evangelist Markus erzählt nicht, wie Jesus geboren wurde. Er beginnt seinen Bericht mit dem erwachsene Jesus. Und trotzdem gibt es bei ihm eine Weihnachts-Geschichte. Auch Johannes weiss nichts von Bethlehem und den drei Königen.
Er beginnt seine Erzählung mit dem Anfang der Welt. Und doch weiss auch er, von Weihnachten zu erzählen. Die folgenden Beiträge möchten davon berichten.
Weihnachten ohne Ochs und Esel
Immer wieder wird über Weihnachten gesagt: Das sei Kitsch, es gehe nur ums Geschäft. Das Gefälle ist so gross zwischen den Problemen in der Welt und dem, was wir dafür vorkehren! In dieser Zeit von Englein zu reden und sich in Kindheits-Erinnerung zu flüchten, sei falsch und sentimental.
Weihnachten unsentimental
Eine ganz unsentimentale Einstimmung in Weihnachten gibt der Evangelist Markus: da ist keine Geburt im Stall, kein Weg nach Bethlehem, keine Herbergssuche, keine Hirten, kein Ochs und kein Esel. Er beginnt seine Erzählung, als Jesus erwachsen ist. Nichts von niedlich. Die Geschichte verführt uns nicht zu Erinnerungen an die Kindheit. Er ist so alt wie wir.
Und er beginnt in der Wüste. Das getraut sich kein Pfarrer: an Weihnachten von Wüste zu reden. Aber wer sich seinem Leben stellt, der will gerade da durch. Der interessiert sich gerade für diese Frage, wie man da durchkommt. Den TV-Sender mit seinem Lärm und seiner Zerstreuung, den muss man nicht auch noch in der Kirche anknipsen. So jedenfalls denkt Markus, und er mutet uns etwas zu. Er mutet uns das zu, was er sich selber zumutet auf dem Weg zu einem richtigen Leben.
In der Wüste
So führt er Jesus gleich mal in die Wüste. Mal schauen wie es ihm geht. Das interessiert uns Menschen: wie es einem dort geht. Wie man sich behauptet, wenn so was kommt. Wie man da wieder herausfindet, wenn es leer und öd wird. Es wird ihm zur Probe, er wird „versucht“ in der Wüste.
Was ist wichtig im Leben? Was führt weiter? Und wo geht es nur immer wieder zurück auf die alten Trampelpfade? – Wer sich auf Kosten anderer Anerkennung holt, der bleibt wohl stecken in diesem Sieb, das sich Wüste nennt. Wer Einfluss und Geltung höherstellt als alles andere, der wird Menschen rund um sich verletzten und selber in einer menschlichen Einöde enden… Markus beschreibt die Art der „Versuchungen“ nicht, im Unterschied zu Matthäus und Lukas. Es ist für jeden Menschen wieder anders.
Wüste statt blühender Landschaften, Fasten statt Festen. Das scheint eine magere Botschaft für Weihnachten. Und doch wird es jedem wohl dabei, der den Lärm der Zerstreuung nicht mehr hören mag.
Gibt es denn kein Weihnachten bei Markus? – Sein Weihnachten ist, dass Gott kommt. „Wahrlich, dieser war Gottes Sohn!“, sagt der Hauptmann am Schluss seines Evangeliums.
Kein Ochs und kein Esel
Seine Advents-Türe, die aufgestossen wird, ist der Vorhang im Tempel, der mitten entzweireisst, als Christus stirbt. Es widerstrebt uns, in der Adventszeit Geschichten vom Leiden zu hören, auch wenn die Zeitungen voll davon sind, aber in dieser Zeit blenden wir sie aus. Markus beharrt eigensinnig darauf, dass gerade dadurch, durch dieses Geschehen am Kreuz, Heil geworden sei für die Menschen auf Erden. Aber es bleibt dabei: Da sind keine Hirten, die aufbrechen, kein Ochs und kein Esel. Aber eine Geschichte auf der Höhe der Zeit, die die Not nicht leugnet und die Erlösungssehnsucht der Menschen ernst nimmt.
Markus hat eine grosse Botschaft: Gott hört. Gott hilft. Und er kommt, auch in der Wüste. Und er zitiert den Propheten Jesaja: „Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Strasse für unseren Gott! Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben. Dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn, alle Sterblichen werden sie sehen.“ (Jesaja 40,3 f und Markus 1,2).
Aus Notizen 2010
Weihnachten im ersten Testament
Im andern den „Lichtfunken sehen“. – Ich habe gestern Nacht über den Chassidismus gelesen. Es ist ein Bild für die Gegenwart Gottes. Und das gilt selbst im Leid. Selbst im Exil, als das Volk sich verlassen glaubt, kann man die Anwesenheit Gottes erfahren und seine Zuwendung. Man kann es auch anders formulieren:
Gott scheint abwesend
Wir sind Gottes Volk, er hält seine Zusage. Er ist mit uns. Er ist mit uns im Exil.
Im Unheil ist Gott nicht „verborgen“, sondern „im Exil“. Im Heil ist er „bei sich selbst“.
Auch in uns Menschen ist er, lebt er, entweder eine Königsherrschaft oder ein elendes Exils-Dasein und es ist unsere Aufgabe, ihm eine schöne Wohnung zu bereiten.
Das kennt das Christentum auch mit der Selbstidentifikation Jesu mit dem Geringsten: So kann Jesus auch im allerletzten Verworfenen erkannt werden: Es ist – Gott im Exil.
Gott ist anwesend
Gott geht mit dem Volk ins Exil. Diesen prophetischen Gedanken des Ersten Testamentes nimmt das Zweite Testament auf: In der Kindheitsgeschichte flieht Jesus nach Ägypten, in der Berufungsgeschichte zieht er 40 Tage durch die Wüste.
Es ist das Kreuz und die Passion, die nach dem Zeugnis des Glaubens nicht das gottferne absolute Unheil sind, was es für die traumatisierte Erfahrung bedeutet, sondern ein Ereignis, in dem Gott wie nirgends sonst anwesend ist, weil Gott nur so bei der leidenden Kreatur ist. So geht er mit ins Exil: auch in die Folterkammern dieser Welt und unserer Zeit, damit kein Mensch mehr von Gott und Mensch verlassen sein muss, auch wenn er das Allerschlimmste erlebt, was Mensch und Welt sich gegenseitig antun können.
Die ökologische Zerstörung
So leidet er auch mit der Kreatur in der ökologischen Zerstörung. So umschreibt der ökologische „Gau“ den Karfreitag in der Natur. So kann die Passion helfen, das Vertrauen in Gott und sein Erlösungshandeln auch in der Zerstörung der Natur und des Menschen aufrecht zu halten!
Er ist mit uns im Exil. Nicht nur als zorniger und strafender Gott, sondern als mitleidender Gott, der hier seine Passion erleidet. Er sitzt im Garten Gethsemane und weint blutige Tränen (die Jünger schlafen): „Wenn es möglich ist, nimm diesen Kelch von mir“, bittet er. „Aber nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe“. Damit rettet er die Hingabe, ermöglicht uns die Hingabe im Glauben, wo das Handeln nichts mehr ausrichtet. Er leidet mit der Schöpfung, er stirbt ihren Tod. Er ersteht zu neuem Leben, aus einer Quelle, die mit menschlichem Tun und Vermögen nichts zu tun hat.
Der Schöpfer leidet, der Schöpfer bittet, der Schöpfer gewährt, der Schöpfer antwortet. Er spielt alle Rollen (es ist nicht eine abstrakte Folge der Trinität). Er entäussert sich seiner Gottheit, er wird Mensch, er lässt sich herab, er nimmt Fleisch an und leidet. So haben es die Autoren des Neuen Testaments schon formuliert.
Passion und Weihnacht in der Schöpfung
Die Passion ist die Abbreviatur der Geschichte, nicht nur der Menschheitsgeschichte, sondern auch der Geschichte der Schöpfung. Alles, die ganze Wirklichkeit, leidet im Dunkeln unter seiner Abwesenheit. Sie staunt und jubelt über seine Geburt an Weihnachten. Sie nimmt ihn auf und trägt ihn, wie Maria das Kind, und wächst so zu seiner Bestimmung. Sie stirbt wie der alte Simeon im „Nunc Dimittis“. Ihr Tod wird überholt und aufgehoben unter seinem Tod, der den Tod aufhebt und aus der Quelle aller Wirklichkeit eine neue Schöpfung hervorgehen lässt. Nicht als ewigen Kreislauf, sondern im Sinn eines grossen „Ankommens“: wo Gott bei den Seinen ist wie der Bräutigam bei der Braut.
Meine allererste Notiz fällt mir ein, jene Gefühlsreaktion, die vor aller Reflexion war, die Bitte im Gebet: „Ich will mich dir ganz hingeben, zerschlag alles, woran ich mich festhalte.“ Jetzt macht mir diese Bitte Angst. Ich bin am Punkt des Reichen.
Am Punkt des Reichen
Ich stehe in meinem Weg zum Glauben immer und immer wieder am Punkt des Reichen, der von Jesus gehört hat und der zu ihm kommt: Wie gewinne ich das Heil? Jesus schaut in an, liebt ihn, und sagt dem Reichen: Dir fehlt etwas. Gib alles auf, dann wirst du es erhalten.
So sehr ich Freude habe ob dieser Dialektik: Ich klammere mich an meinen Reichtum. Das ist meine Sicherheit. Seit ich klein bin, habe ich gelernt, mich daran zu klammern wie ein Schiffbrüchiger sich an ein Stück Holz klammert. Es hat mich durch alle Stürme hindurch getragen, es ist mit mir verwachsen, es ist ich und ich bin es. Und das soll ich loslassen, mich den Wellen überlassen und absaufen?
Auf diese Weise, das weiss ich, kann ich mich behaupten – zwar immer schlechter, das gebe ich zu. Ich sehe auch, dass ich mich erst mit diesem Verhalten in viele Probleme hineinreite, deshalb frage ich ja nach dir.
Kann ich dein Heil nicht kaufen? – Ich kann meinen Reichtum hergeben, wenn Du mir das Heil dafür gibst. Dann gebe ich das Alte und erhalte im selben Moment über den Ladentisch das Neue. So könnte ich das tun. Aber einfach so, freihändig, ohne Garantien, ohne Quittung, ohne gerichtlich einklagbaren Beleg? Einfach loslassen ins Blaue hinein? …
Aus Notizen 1987
Wie Johannes von Weihnachten erzählt
Johannes beginnt sein Evangelium auf ungewohnte Weise. Auch das ist eine Art, von Weihnachten zu erzählen.
„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott,
und das Wort war Gott. (…)
Und das Licht leuchtet in der Finsternis
und die Finsternis hat es nicht erfasst. (…)
Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.
Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden,
aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum,
aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
Allen aber, die ihn aufnahmen,
gab er Macht, Kinder Gottes zu werden,
allen, die an seinen Namen glauben. (…)
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt
und wir haben seine Herrlichkeit gesehen,
die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.
Johannes legte Zeugnis für ihn ab und rief:
Dieser war es, über den ich gesagt habe:
Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich.
Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.
Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben,
die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus.
Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist
und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“
(Johannes 1,1-18)
Ja und amen!
So erzählt Johannes. Ich will es lesen und nicht gleich den Kopf einschalten. Auf die Gefühle hören, die Wärme, die sich einstellt, die Bejahung, die aus dem Innern kommt, wenn ich diese Botschaft höre.
Ja, ja und amen! So ist es! So hat Gott die Wirklichkeit festgestellt.
So hat er einen Anfang gelegt in alles, und es muss sich entfalten.
Es reibt sich, es gerät in Konflikt, es leidet, es stirbt. Auch das Dunkelste findet bei uns einen Widerhall. Wer hätte das nicht erlebt? Ja, so ist es. Die Bitterkeit der Welt ist da, der Hass, der Zorn, die Ausweglosigkeit. Die Bitterkeit des Todes.
Der Zorn verrauscht
Der Zorn verrauscht, die Leidenschaft verebbt. Unter dem Kreuz harren ein paar Menschen aus. Es ist still. Die andern sind abgezogen. Lärmend und grölend feiern sie ihren Sieg. Niemand kann ihnen widerstehen. Sie feiern sich selbst und randalieren in der Innenstadt. Hier draussen ist es einsam und still. Und eine leise Stimme wird hörbar. Ist es aussen oder im Innern?
Er hat sie einander noch anvertraut: „Sieh da, deine Mutter! Und siehe, dein Sohn!“ So hat er sie zusammengegeben. Sie sind sich geschenkt, sie finden Hilfe und Unterstützung. Und sie haben einen Menschen, für den sie sorgen dürfen.
Einfache Anfänge, aber eine ganze Welt.
Der Schmerz verebbt, die Ohnmacht weicht. Es friert sie unter dem Kreuz. Sie nehmen sich wahr. Sie sind sich geschenkt.
Der Anfang in der Mitte
Da ist etwas vom Anfang. Es ist kein Wunder. Die andern können nichts sehen als zwei arme Tröpfe. Aber die Tröpfe sind es, ihnen ist die Schönheit geschenkt. Ihnen, den Armen, ist der Reichtum zugedacht. Ihnen, den Verlassenen, ist Antwort zugesagt:
Ja, ich will mich eurer annehmen.
Ich will alle zurückbringen.
Das Verletzte will ich heilen, das Verlorene suchen.
Das Zerbrochene wiederherstellen.
Es ist Schönheit und Wärme und Reichtum in den Hütten der Amen. Wie es Maria singt bei der Geburt ihres Sohnes:
«Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich seligpreisen alle Kindeskinder. Denn er hat grosse Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stösst die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unseren Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.“
(Lk 1,46-55)
