Wie feiern die Religionen?
Was ist das überhaupt: eine Feier?
Wer feiert, interessiert sich zunächst nicht für die Herkunft der Feste und für die Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den Religionen. Er erlebt das Fest als Hilfe auf dem Lebensweg. Er nimmt dankbar alles auf, was das Verständnis vertieft.
Das Fest feiert aussen, was das Innere ahnt
Das Fest kommt zwar von aussen auf den einzelnen zu. Es kommt aus Geschichte und Brauchtum, aber es wirft ein Echo im eigenen Innern. Die Jung‘sche Psychologie kennt ein (dem einzelnen unbewusstes aber in Träumen und Symbolen aufsteigendes) phylogenetisches Gedächtnis. In Archetypen sind Urszenen aufbewahrt. In ihren Symbolen erkennt sich die Psyche in ihrem Suchweg wieder. Sie sucht nach der Herkunft, die ihr Würde gibt, die sie unverlierbar mit dem Ursprung der Welt verbindet und sie teilhaben lässt am Ziel, auf das alles zusteuert und das allem Sein schon eingestiftet ist.
Die Sicht von Jung und Grof
Wenn C. G. Jung das Menschenbild der analytischen Psychologie so auf über-individuelle Dimensionen ausdehnt und ein Wissen einbezieht, das den Rahmen biographischer Erfahrung übersteigt, so dehnt die „Transpersonale Psychologie“ den Rahmen noch weiter aus.
Sie sieht den einzelnen nicht nur im Rahmen der Menschheits-, sondern der ganzen Lebens-Geschichte (der Evolution) und sogar im Horizont der ganzen Kosmogenese. Wir sind ja aus „Sternenstaub“ gefertigt, die Atome wurden im Innern von Sternen aufgebaut. Dazu brauchte es mehrere Generationen von „Sternenleben“.
Damit zieht Stanislav Grof nicht nur Material bei, das aus der Erinnerung der Menschen stammt oder das beim Freien Assoziieren und in Träumen aufsteigt. Er analysiert nicht nur den Fundus der Kulturgeschichte mit all seinen Mythen und religiösen Symbolen. Er bezieht auch die Erlebnisse in sog. ausserordentlichen Zuständen bei, wie sie bei Rausch-Erlebnissen, beim angeleiteten „holotropen Atmen“, aber auch bei spontanen Durchbrüchen in Folge von „psychischen Erkrankungen“ erfahren werden.
Neue Annäherung von Psychologie und Religion
Die frühere Erforschung der Seele war religiös geprägt. Die Vorläufer von Grofs Seelenreisen finden sich bei Stammesritualen. Die ersten Therapeuten in unserm Sinn waren die Wüstenväter. Von ihnen ging das Wissen in priesterliches Wissen und Sakramente über, wie Taufe, Beichte, Busse.
Die Aufklärung hat das Nachdenken über die Seele und den Menschen säkularisiert. Und Psychologie und Psychiatrie standen der Religion lange feindselig gegenüber. Seit einigen Jahren gibt es wieder mehr Berührungen. Die Einflüsse gingen hin und her.
Die Psychologie hilft heute beim Entziffern der innerseelischen Vorgänge, beim Verstehen des Menschen in seinem Woher und Wohin und beim Anlegen einer Topographischen Karte, wo die Wege und Irrwege der Psyche und des Menschen verzeichnet sind.
Die Kunst des „Weges“
Das ist auch das Anliegen der Spiritualität, der Frömmigkeit.
Das ist die Kunst des „Weges“.
- Sie will in allen Anforderungen des Alltags, in allen ordentlichen und ausserordentlichen Lagen, am Anfang und Ende des Lebens und an allen entscheidenden Lebenswenden, einen gangbaren Weg zeigen.
- Sie will das Ganze im Moment aufschliessen, sodass der Betende zur Ruhe kommt, dass er sich orientieren kann.
- Sie will seine Hoffnung erneuern, indem sie seine Herkunft aus einem grossen Ursprung aufzeigt.
- Sie lässt ihn jetzt schon symbolisch, in der Feier, teilhaben am Grossen und Ganzen, in das er mit seinem Leben eingebettet ist und wo er sich aufgehoben weiss.
- Sie gibt ihm durch die Nachfolge auf einem normativen Weg, in der Feier des Weges Christi mit seinen Symbolen und Geschichten, Orientierung für das Handeln, das Leben und Zusammenleben.
Das Kirchenjahr als Entwicklungsweg
Die Psychologie hilft heute beim vertieften Feiern und Verstehen der Feste und was sie für den Menschen und seinen Weg bedeuten. Aber die Einflüsse gingen nach beiden Seiten. Wenn heute psychologische Autoren uns besser begreifen lehren, was unsere religiöse Tradition beinhaltet, so sind diese Autoren gerade auch durch die religiöse Tradition auf die Spur gekommen.
Das gilt neben Jung auch für Erik Homburger Erikson, einen weiteren Nachfolger in der Tradition der Freud‘schen Psychoanalyse. Er spricht geradezu von einer „Ontogenese der Ritualisierung“. Er begreift den Menschen auf einem entwicklungs-psychologischen Entfaltungsweg nach dem Muster des christlichen Kirchenjahres.
Er geht über die drei Stufen Freuds hinaus (oral, anal, genital), fasst das ganze Leben in einen Zyklus von acht Krisen, wo acht Aufgaben zu bewältigen sind, wo die Feier, das Ritual, hilft, den Übergang zu verstehen und zu bewältigen.
Der Weg Christi als „Normalbiographie“
Joachim Scharfenberg entwirft daraus das Modell einer christlichen Psychologie, die wie die Analytische Psychologie hermeneutisch verfährt, wo als Deutungshorizont aber nicht die Mythen der griechischen Antike (Ödipus, Elektra, etc.) beigezogen werden, sondern die christlichen Erzählungen und Symbole des Weges Christi.
„Ecce homo“ sagt Pilatus, als er den gefangenen Christus dem Volk vorführt. „Sieh da, den Menschen“. Sein Weg dient als „Normalbiographie“, wo ausgelegt wird, was der Mensch ist, was seine Herkunft und Zukunft, was die Konflikte und wie er trotz allem und durch alles hindurch den Weg finden kann. In seinem erwähnten Buch zeichnet er die Feste des Kirchenjahrs nach als Offenbarung des Menschen und Wegweisung für seinen Weg.
Rituale wecken Resonanzen
Da gibt es viel Vorarbeit, sodass wir uns einzulassen können auf die Frage:
Was bedeuten die Feste, wie wir sie als Reformierte (und andere Christen) feiern? – Wie feiern wir sie in einem vertieften Verständnis? –
Wie berühren wir die tief in uns angelegten Bedürfnisse?
Wie bringen wir die in uns angelegten Resonanzen zum Klingen, sodass die Kräfte geweckt werden und das Grosse Leben sich an uns vollzieht und wir durch eine Lebenswende hindurch schreiten wir durch das Spalier bei einer Hochzeit?
Was jetzt an uns geschieht, das ist nicht von uns gemacht
Das Spalier sagt uns ja: Was jetzt an uns geschieht, das ist nicht von uns gemacht. Es vollzieht sich an uns, wir wollen es geschehen lassen und achthaben auf den Weg. Wir wollen die Hoffnung stark machen, das Vertrauen lernen und das Glück feiern. Wir wollen auch der Dankbarkeit Raum geben, denn wir spüren, dass wir von einem guten Geschick getragen sind.
Aus einer Podiumsdiskussion: Religiöse Feste in Judentum, Islam und Christentum – zum Jahr der Bibel 2003
Literaturangaben:
E. H. Erikson. Identität und Lebenszyklus, Suhrkamp 1966
Joachim Scharfenberg, Einführung in die Pastoralpsychologie, Göttingen 1985
Stanislav Grof, Das Abenteuer der Selbstentdeckung, 1994
