Ich möchte aus der Seelsorge erzählen und wie sich diese Arbeit in der Zeit meiner Berufstätigkeit entwickelt hat. Seelsorge geschieht im Verborgenen, man kann nicht wie bei öffentlichen Anlässen einfach dazu sitzen und zuhören. Trotzdem wird hier vielleicht deutlicher, wie sich die Arbeit der Kirche in 20 Jahren verändert hat. Denn hier geschieht die Auseinandersetzung mit der Kultur, in die Kirche und Glaube hinein gestellt sind.
Hatte die Kirche über lange Zeit ein Monopol in der Seelsorge, so ist ihr seit dem 19. Jahrhundert eine starke Konkurrentin erwachsen in einer Psychologie, die sich zuerst von Kirche und Religion abgrenzte. In den letzten Jahrzehnten kam es hier zu neuen Begegnungen. Das kann die Arbeit eines Pfarrers nicht unberührt lassen, sei es in der konkreten Seelsorge-Praxis, sei es im ganzen Denken.
Seelsorge ist seit den Anfängen immer Sorge um den ganzen Menschen. Man kann die „seelischen Fragen“ nicht herauslösen und das Umfeld ignorieren, in dem dieser Mensch steht, sonst begreift man auch seine „seelischen“ Fragen nicht. Der einzelne Mensch ist Teil einer Gruppe. Was sein Verhalten bestimmt, wird auch geprägt von den sozialen Rollen die er spielt oder spielen muss. Prägungen im Familiensystem können ihn ein ganzes Leben begleiten. Sie eröffnen ihm Handlungsmöglichkeiten, beschränken ihn aber auch in seinem Repertoire. Wer nur den Einzelnen vor Augen hat, stösst in der Seelsorge daher bald an eine Grenze. Um sein Gegenüber zu verstehen, muss er auch das soziale Umfeld ins Auge fassen. So hat sich diese Arbeit zu einer Systemischen Seelsorge weiterentwickelt.
Beschränkung auf die empirische Welt
Die Seelsorge teilt mit der Psychologie und anderen Humanwissenschaften das Interesse für den Menschen. So kann vieles übernommen werden, was dort entwickelt wurde. Interessant sind aber auch die Unterschiede. Das wir deutlich gerade an der Begegnung von Psychologie und Religion. Sie teilen miteinander das Interesse am Heilen. Als Ziel der Therapie hat Freud angegeben, die Menschen sollten wieder „arbeits- und liebesfähig“ werden. Darüber hinausgehende Versprechen hat er skeptisch beurteilt. Das ist gar nicht anders möglich in einer säkularen Wissenschaft, die sich am empirisch Machbaren orientiert. Absolute Heilsaussagen gehören zur Religion.
Religionen fassen das Heil in einem umfassenden Sinn. Sie begreifen den Menschen als Geschöpf Gottes. Seine Herkunft und Zukunft werden überweltlich begriffen. Heil geschieht in einer neuen Schöpfung, in einer Auferstehung, die alle Grenzen hinter sich lässt. Da werden nicht nur die Tränen abgewischt, Gott macht alles neu. Er ist der gute Hirte, der die Verlorenen sucht, die Kranken heilt, die Schwachen stärkt und die falschen Hirten zur Rechenschaft zieht. So werden in einem endzeitlichen „Reich Gottes“ alle Konflikte versöhnt, bis Gott „alles in allem“ ist.
In der Begegnung von Psychologie und Religion sind Richtungen entstanden, die sich als Psychologie verstehen, aber religiöse Gehalte in sich aufnehmen und als esoterische Weltanschauungen zu verstehen sind. – Sind das Konkurrenten von Kirche und Religion? In der Arbeit als Pfarrer begegnet man ihnen und man muss gesprächsfähig sein.
Alternative Weltanschauungen und ihr Ersatz für die verlorene Religion
In der Arbeit als Spital-Seelsorger ist mir deutlich geworden, wie sehr Fragen um Gesundheit, Ernährung, Geburt und Erziehung zu Einfallstoren für alternative Weltanschauungen geworden sind. Seelsorge bei Krankheit und Tod und bei Schwellenübergängen war bisher eine Domäne der Religion. Das bestätigt sich noch bei grossen Katastrophen, wo der Gedenkgottesdienst auch heute regelmässig dazu gehört, wenn eine Gemeinschaft ein grosses Schicksal bewältigen will. Die religiöse Aufrüstung von alternativen Weltanschauungen macht diese aber mehr und mehr zu Konkurrenten. Bei Krankheit und Tod können die Menschen ihre Situation auch ohne Kirche deuten. Auch bei Hochzeit und andern Schwellenübergängen verzichten viele Menschen auf die Kirche und ihre Deutungshandlungen.
Die Seelsorge mit ihren Kasual-Handlungen ist nicht mehr der Königsweg zu den Menschen. Auch die Spitäler öffnen sich für alternative Wege. Sie richten sich zunehmend auf den Markt aus. Patientenzufriedenheit ist ein wichtiges Element geworden für ihren wirtschaftlichen Erfolg. Sie unterstützen eine professionelle Seelsorge, öffnen sich aber auch für alternative weltanschauliche Konzepte.
Von der Psyche zum Körper
„Alternative“ Weltanschauungen haben Heilsaussagen aus der Religion aufgenommen. Umgekehrt kann die Religion viel von den säkularen Wissenschaften profitieren. Das zeigte sich bei der Systemischen Seelsorge. Das gilt aber auch bei der Körperarbeit.
Eine Seelsorge, die ihre Arbeit nur spirituell versteht, stösst auf Grenzen. Es gibt hartnäckige Verhaltens-Dispositionen, die sich einfach nicht der Einsicht beugen. Sie können somit auch nicht über Verstehen und Deutung angegangen werden. So wie systemische Prägungen aus der Herkunftsfamilie einen Menschen ein Leben lang begleiten, gibt es Haltungen, die sich fest eingegraben haben. Sie sind im „Körpergedächtnis“ gespeichert.
In der Psychotherapie kam es daher zur Entwicklung von Körpertherapien. In der Seelsorge tauchte die Frage auf nach einer „Körperspiritualität“. Der Glaube lebt oft nur im Kopf, aber der Unglaube steckt noch in allen Knochen. Er meldet sich schon am Morgen beim Aufwachen. Die Haltungen, die wir einnehmen, sind geprägt von dem, was wir ein Leben lang erlebt haben. „Kann man mit dem Knie glauben“ – das war darum eine Frage, die ich in Gottesdiensten und Vorträgen entfaltet habe.
Von Grenze zu Grenze
So hat die Seelsorge sich von Grenze zu Grenze weiterentwickelt. Der Gegensatz zur psychologischen Seelsorge wurde überwunden durch Aufnahme therapeutischer Ansätze. Als man anstand im Verständnis des Einzelnen gab es ein Weiterkommen, indem man ihn als Teil einer Gruppe verstand. Die Hartnäckigkeit gewisser Haltungen lässt sich verstehen durch ihre Verankerung in einem Körpergedächtnis. Der Mensch würde die Zusage des Evangeliums gern aufnehmen, aber „das Knie“ kann nicht glauben. Die Schreckerfahrungen und Traumata eines Lebens stecken noch in allen Knochen. Darauf entstand eine Körperspiritualität, die mit Körper- und Atemübungen „predigt“.
Neue Lektüre der Propheten
Noch eine Grenze möchte ich ansprechen. Der Mensch ist nicht nur Teil einer Familie oder einer Gruppe am Arbeitsplatz. Er ist auch Teil einer Gesellschaft. Das ist über der Beschäftigung mit Psychologie und Esoterik eine Zeitlang in den Hintergrund getreten, nachdem es bis in die 70er Jahre in unserer Kultur auch eine System-Diskussion gegeben hat.
Die Verschärfung der sozialen Probleme in den vergangenen Jahren hat nun aber ein neues Interesse an (sozialökonomischen) Systemfragen aufgebracht. Das hat nicht nur die Diakonie befruchtet (strukturelle Diakonie) sondern auch die Seelsorge. So gab es in den vergangenen Jahren ein neues Interesse an der prophetischen Tradition der Bibel. Fragen der Gerechtigkeit sind wiederaufgetaucht, Fragen nach einer Sozialordnung, die den biblischen Werten entspricht.
Katastrophenängste
Die Ökologie, die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima, Artensterben und Klimaveränderung – das sind nicht nur Fragen an unsere Lebensweise, an Technologie und Energiesparen. Es ist auch eine Glaubensfrage und eine Frage der Seelsorge: wie umgehen mit Katastrophenängsten? Wie eine Haltung unterstützen, die lieber „Bäume pflanzt“ als sich in Verdrängung zu flüchten? Wie den Glauben erhalten, dass Gott Schöpfer und Bewahrer dieser Erde ist, auch wenn wir Menschen sie zunehmend zerstören?
Es gibt Symptome der Resignation und Verzweiflung, der Konsumsucht und des Nicht-Wahrhaben-Wollens. Das ist eine Frage für eine Seelsorge im traditionellen Sinn, wenn man im Einzelgespräch Menschen betreut. Es ist aber auch ein Auftrag für eine Seelsorge im neuen Sinn: eine systemische Seelsorge, wie sie schon die alten Propheten gepflegt haben. Sie haben sich eingemischt in politische und gesellschaftliche Fragen.
Die Frage nach dem Ganzen
Damit scheint der grösstmögliche Horizont erreicht, den Seelsorge ansprechen muss. Aber die Sorge der Menschen geht noch viel weiter. Die ökologischen Fragen berühren etwas ganz Tiefes in den Menschen. Es geht um ein Grundvertrauen in die Welt: Ist sie eine gute Schöpfung oder ist sie beherrscht von Mächten, die sich nicht kontrollieren lassen?
Das begegnete mir im Kontakt mit Menschen, die an Teufel und Dämonen glauben. (Eine Variante davon ist die Überzeugung, einer «Verschwörung» unterworfen zu sein.) Diesen Menschen fällt die Erfahrung der Wirklichkeit auseinander, die Teile lassen sich nicht integrieren. Es ist eine seelsorgerliche Herausforderung, da an einem Glauben festzuhalten, dass wir mit unserem Leben, mit allen Konflikten, mit allem Offenen und mit all dem, was uns selber an den Rand bringt und das Kraft hat, uns zur Verzweiflung zu bringen, dass wir uns mit all dem gehalten und angenommen wissen und selber akzeptieren können.
Dieser Verlust an Grundvertrauen begegnet aber auch bei säkularen Menschen. Religionen versöhnen die Wirklichkeit. Erlösungsreligionen zeigen, dass die Wirklichkeit trotz aller Konflikte nicht aus der Hand Gottes hinausfällt. Im Christentum wird Gott durch Christus alles mit sich versöhnen, bis er „alles in allem“ ist (1. Kor 15). Das Christentum hat somit kein tragisches Weltbild. In der heutigen Kultur stellt ein solches Weltbild aber eine Insel dar. Das Christentum prägt nicht mehr die Kultur. Die Kirche ist zu einem „Subsystem“ geworden. Die Weltanschauungen, die das Tagesgespräch beherrschen, leisten diese Versöhnung nicht. Da ist keine Gewähr, dass die Erde nicht untergeht, dass die Menschheitsgeschichte nicht im Dunkel endet und dass der einzelne hoffen kann, dass es für sein individuelles Leben ein „Ankommen“ gibt.
Die Kultur als seelsorgerliche Frage
Die ganze Kultur ist zum Gegenüber der Seelsorge geworden. In der heutigen Welt stossen Kulturen oft konfliktiv aufeinander. Hier geht es nicht um einen Kulturkampf, sondern um „Mission“ in neuem Sinn: um das Verbreiten der guten Nachricht, dass Gott in Jesus Christus zur Welt kommt, um sie zu erlösen, und dass er uns in seine Gemeinschaft ruft, um ihm nachzufolgen. Damit verbunden ist eine Hochschätzung der Welt und des Lebens – in all seinen Erscheinungsformen. Eine solche Weltanschauung wird sich niemals einverstanden erklären mit Handlungen und Verhältnissen, wo Natur zerstört und Menschen kleingemacht oder ausgebeutet werden.
Ein Weg der Integration
Die Entwicklung der Seelsorge ist hier dargestellt als Integrationsweg, der von Grenze zu Grenze geht. Das wird noch deutlicher, wenn ich das Geschilderte tabellarisch zusammenfasse:
- Kirchliche Seelsorge versus Psychotherapie
Integration: Pastoral-Psychologie als „christliche Psychologie“
- Kirchlich-psychologisch Seelsorge am Einzelnen versus Ansätze, die den einzelnen aus der Dynamik in Gruppen verstehen
Integration: Systemische Seelsorge
- Seelsorge als „Rede Kur“ versus Erfahrung, dass viele Erfahrungen im „Körper“ gespeichert sind, Körpertherapie in der Psychologie
Integration: „mit dem Knie glauben“, Körperspiritualität
- Systemische Seelsorge, Verstehen des einzelnen aus dem Familiensystem versus Erfahrung, dass vieles aus der Schicht, aus der Gesellschaft verstanden werden muss, neue Systemkritik
Integration: „strukturelle Seelsorge“ (neue Lektüre der Propheten und soziales-gesellschaftliches Engagement)
Aus einem Referat zum Abschluss meiner Berufstätigkeit 2014. Es sind persönliche Eindrücke aus meiner Praxis.
