Ich suchte nach einer „wirkmächtigen Sprache“, die auch einer traumatischen Verletzung standhält, so dass das Glaubens-Vertrauen nicht immer wieder in Zweifel und Verzweiflung fällt.
Schon in der vorchristlichen Antike gab es Glaubens-Gemeinschaften, die für die Weitergabe ihres Glaubens nicht nur auf das Wort setzten, sondern dieses durch Rituale ergänzten, welche körperlich erlebt wurden. So prägten sie sich dem Körper-Gedächtnis ein und halfen damit, das in der Feier Gelernte auch in der Lebenspraxis auszuüben. In bestimmten Situationen konnte die Erinnerung wiederbelebt werden. Das gab Kraft und half, die richtige Haltung einzunehmen.
„Erfahren, nicht lernen“ war damals die Losung: Der Mensch, der in den Glauben eingeführt wurde, sollte nicht belehrt, sondern erschüttert werden durch eine heilige Schau und die Erfahrung unmittelbarer Gottesnähe. Es ging um die leibliche Ergriffenheit des „Mysten“: nicht um erlernbares Wissen (mathein) sondern um inneres Erleben (pathein). Dann prägt sich eine Glaubens-Feier derart ein, dass sie in der Folge auch die Lebenspraxis im Sinn dieser Feier und der dort abgelegten Glaubens-Sätze praktisch anleiten kann.
Die christliche Kirche hat diese Erfahrung der antiken Kultmysterien aufgenommen und Zeichen-Handlungen entworfen, durch die das Heil des Glaubens nicht nur in der Sprache, sondern auch in Symbol-Handlungen erfahren wurde. Dazu gehört die Taufe, aus der später andere sog „Sakramente“ abgeleitet wurden.
Theoretisch stimmt das auch heute noch: Die Taufe bezeichnet eine Wandlung. Ein neuer Mensch wird hier versprochen. Doch wer erinnert sich in unserer Kirche an seine Taufe? Diese liegt weit in der Kindheit zurück und wird nicht bewusst erlebt.
Was hilft die Taufe?
Wie können wir den Zuspruch des Evangeliums hören? Wie können wir ihn so hören, dass wir wirklich daran glauben? Dass er Kraft bei uns bekommt? Dass unser Leben sich unter diesem Ja verändert?
Was meint eigentlich die Taufe und wie kann sie helfen bei den Fragen, die uns im Leben plagen? Müsste sie dazu nicht auch etwas beitragen können, wenn es dabei doch um „Heil“ geht? In der Arbeit mit Jugendlichen habe ich Formen der Meditation und der Phantasiereise erprobt.
Das nutze ich im Folgenden, um die Taufe, die in der Kindheit erfolgte und nicht bewusst erlebt werden konnte, ein Stück „erfahrbar“ zu machen.
Die Tauferinnerung feiern
Mit den Jugendlichen dieses Jahrgangs feierte ich die Konfirmation als Tauf-Erinnerung. In der Vorbereitung nahm ich schon einige Elemente vorweg, die ich hier an einem Elternabend zusammenfasse.
Mein Weg zur Konfirmation
Ich will die Jugendlichen nicht zu einem Glaubensbekenntnis zwingen, das sie nicht innerlich teilen können. Ich will mich aber auch nicht darauf beschränken, nur festzustellen, was sie denken und glauben.
Mir ist Glauben wichtig. Es ist ein tiefes menschliches Bedürfnis, sich gehalten und getragen zu wissen, geführt und begleitet auf einem Weg. Ich möchte einen Beitrag leisten, dass sie den christlichen Glauben kennen lernen.
Die Tauf-Erinnerung in der Konfirmation
Die Idee kommt von einzelnen Konfirmanden. Sie haben ihre Taufe nicht bewusst erlebt. Wir wollen ansehen, was Taufe ist und daran erinnern in einem Ritual, das sich an die Taufe anlehnt. (Zum Ritual gehören Abtauchen, Auftauchen und Rückkehr in den Alltag. Dazu stelle ich Fragen, die zu einer Phantasiereise anregen.)
- Abtauchen: Was liegt hinter mir? Was gibt es in meinem Leben, was zu Ende geht? Wovon habe ich genug, dass ich es sterben lassen möchte?
- Auftauchen: Den Wandel geschehen lassen, er kommt nicht aus eigener Kraft. Vertrauen auf den, der mir das Leben geschenkt hat. Und Vorfreude: Ich freue mich schon jetzt darauf, dass ich…
- Dazu gehört die Zusage Gottes. Gott ist gegenwärtig. Er kommt auch zu mir.
- Und die Antwort: Ich vertraue auf Dich.
Das ist das „Credo“ bei der Taufe: das Vertrauen, dass ich im Leben gehalten und geführt werde. Das ist die „Konfirmation“, die Bestätigung der Taufe.
Aus Notizen 2004
Konfirmation als Ritus
Seit die Kirche nicht mehr Erwachsene, sondern kleine Kinder tauft, erleben es die Täuflinge nicht mehr bewusst mit. So hat mir eine Konfirmandin gesagt: Ich bin getauft worden, aber ich weiss eigentlich gar nicht, was da geschehen ist. Darum feiern wir die Konfirmation als eine Erinnerung an die Taufe.
Ich habe den Lebensweg verstehen gelernt als einen Weg, auf dem Aufgaben zu lösen sind, auf dem wir aber auch Hilfe erfahren. Und es kommt darauf an, sich in das Richtige hineinzustellen. Denn da ist etwas, das trägt, das auch in Situationen begleitet, wo das Tun und Machen hilflos ist, weil wir nicht mal ein zureichendes Weltbild dafür haben, was gut für uns ist im Leben oder wie wir den Wandel in die nächste Lebensphase bewältigen sollen.
Es ist ein Weg des Vertrauens, nicht der Sicherheit, der Religion, nicht der Ethik. Das verweist auf die Tradition der Nachfolge und des christlichen Weges, der in Christus eröffnet wird. Auf diesem Weg gibt es Hilfen: die Geschichten, die die Evangelien erzählen, das Gebet, durch das wir uns in jedem Augenblick vor Gott stellen können. Dazu gehören auch die Sakramente. Die Taufe ist ein abgekürzter Lebensweg im Glauben, wo die Hauptschritte rituell durchschritten werden: Separatio – das Verlassen des Alten, Initiatio – Einführung in das Neue, Ordinatio – Rückkehr in den Alltag, dessen Aufgaben jetzt mit dem neu Gelernten gelöst werden können.
Die folgende Konfirmations-Feier ist der erste Gottesdienst dieser Art. Ich musste im Vorfeld viele Ängste und Widerstände überwinden, weil es dem Ortsgebrauch nicht entsprach und auf Verwunderung oder Widerstand stossen konnte.
Konfirmations-Gottesdienst als Taufbestätigung am Palmsonntag
Wir feiern jetzt die Erinnerung an die Taufe. Wir machen dazu eine kleine Meditation. Wir gehen den Weg von Karfreitag zu Ostern. Karfreitag, das ist die Erinnerung an das Dunkle im Leben, an das, was keine Zukunft hat und zu Ende gehen will. Ostern, das ist die Freude über das, was kommt. Das neue Leben, das sich vorbereitet. Es kommt nicht aus unserer Kraft, aber es kommt – so wie die Pflanzen jetzt im Frühling hervorkommen. Noch vor einer Woche gab es Schnee in Ambach, aber unter der Schneedecke hat es sich schon vorbereitet. Mit der Sonne wird es jetzt sichtbar. Da war schon lange eine Kraft am Werk. Und das Alte hat sich verwandelt.
Wir benützen den Taufbrunnen dazu. Das Alte, das wir verabschieden wollen, legen wir in diesen Taufbrunnen. So hat sich der Täufling früher untergetaucht, als Symbol, dass sein altes Leben begraben sein soll wie Christus.
Dann feiern wir die Vorfreude auf das, was aus diesem Taufbrunnen aufsteigen wird. So ist der Täufling früher aus dem Taufbad aufgetaucht, als Symbol, dass ein neues Leben geboren wird, aus jener Kraft, aus der das Leben kommt.
(…)
Was geschieht mit den Bitten, die wir Gott übergeben? – Eine Geschichte aus der Bibel: Einmal kamen zwei Blinde zu Christus. Sie wollen wieder sehen können, aus ihrer dunklen Welt befreit werden. Aber ist das möglich? – Sie kommen zu Christus und rufen: Ach, du Sohn Davids, erbarme dich unser!
Christus sieht sie an: Glaubt ihr, dass ich das tun kann? Da sagen sie zu ihm: Ja, Herr. – Christus berührt ihre Augen und sagt: Euch geschehe nach eurem Glauben! Da werden ihre Augen geheilt. So erzählt die Bibel. (Mt. 9,28f) –
Wenn wir bitten, kommen auch wir zu ihm. Auch wir legen vor ihn, was uns plagt. Und er fragt uns: Glaubt ihr, dass ich das tun kann? – Ja, Herr! – Euch geschehe nach eurem Glauben!
Auch wir sind christlich getauft worden. Auch wir haben in diesen Taufbrunnen hinein gelegt, was uns plagt. Auch uns fragt er nach unserm Glauben. Haben wir Vertrauen zu ihm? Können wir Gott alles übergeben, was uns beschäftigt und wirklich vertrauen, dass er es in die Hand nimmt und richtig für uns ordnet?
Dann können wir dieses Vertrauen bestätigen in der Konfirmation.
Glaubt ihr, dass ich das tun kann? fragt er uns – Ja, Herr! sagen wir –
Euch geschehe nach eurem Glauben!
(…)
Nach der Taufe geht der Weg zurück in den Alltag. Dort ist der Ort, wo das Neue wächst und sich bewährt. Dort werden wir es erleben und spüren, wie es sich anmeldet und vorbereitet. Dort sind die Aufgaben, in denen wir stehen. Dort, im Kleinen und Kleinsten, fängt das Grosse an, das Gott schon beschlossen hat.
Gott sagt in der Bibel: „Wie der Regen vom Himmel herabkommt und nicht dahin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt, dass sie fruchtbar wird und sprosst und dem Essenden Brot gibt, so ist auch mein Wort, das aus meinem Munde kommt: es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern es wirkt, was ich beschlossen habe, und es führt durch, wozu ich es gesandt habe. Und in Freuden werdet ihr ausziehen und in Frieden sollt ihr geleitet werden.“ (Jes 55, 10ff).
Das ist der Segen, den wir von unserer Tauferinnerung mitnehmen. Das ist die Zusage, die in der Konfirmation erneuert wird: „In Freuden sollt ihr ausziehen und in Frieden werdet ihr geleitet werden.“ Amen
Aus Notizen 2005
