Einen Zugang, ganz von unten, ganz nahe an unserer Erfahrung, das gibt es auch im Christentum. Das ist die Liebe. – Glauben, das ist auch eine Liebesgeschichte.
Eine Religion für das Herz
Kürzlich war ich in einem Buchladen. In der Abteilung Religion – gähnende Leere, jedenfalls im Bereich Christentum. Bei einem anderen Regal, standen einige Leute, es wurde fast ein bisschen eng zwischen den Regalen – beim Buddhismus.
Der Buddhismus gilt als Religion, die nahe bei der Erfahrung ist, wo man nicht zuerst einen ganzen Haufen Lehrinhalte glauben muss. Man kann sich einfach hingeben. Das entspricht einem Bedürfnis.
Ein Zugang von unten
Einen Zugang, ganz von unten, ganz nahe an unserer Erfahrung, gibt es auch im Christentum. Das ist die Liebe. Das geht nicht zuerst über den Kopf. Dazu müssen wir nichts lernen in der Schule. Die Liebe gehört zum Leben selbst: dass wir den andern Menschen suchen, dass wir (erst) im andern Menschen uns selber finden.
Ich und Du, das sind Grundworte im Menschenleben.
Ich und Du, das sind auch Grundworte in der Beziehung zu Gott.
So ist die Erfahrung der Liebe immer schon ein Muster gewesen, wie Menschen die Beziehung zu Gott gesucht und gefunden haben.
Der Gottesdienst steht unter den Titel „Liebesmystik“. Und tatsächlich, bei den grossen Mystikern findet man diese Art von Glaubensleben. Glauben, das ist auch eine Liebesgeschichte. Aber das ist nicht auf die Mystiker begrenzt. Das findet sich schon in der Bibel. Und auch Lieder in unserem Gesangbuch erzählen davon. Darum lebt es auch im Volk – sicher auch bei vielen von Ihnen. Liebe ist ein Schlüssel zu Gott. Sie pflanzt uns eine Sehnsucht ein, sie gibt uns den Mut, zu ihm zu kommen…
Liebe ist wie ein Festkleid des Glaubens. Wir ziehen es an in der Freude. Aber die Sprache der Liebe hilft uns auch im Leiden und in den grössten Herausforderungen des Lebens. Wie ein Verliebter freut sich der Glaubende beim Propheten Jesaja:
«Von Herzen will ich mich freuen über den Herrn. Meine Seele soll jubeln über meinen Gott. Denn er kleidet mich in Gewänder des Heils (…), wie ein Bräutigam sich festlich schmückt und wie eine Braut ihr Geschmeide anlegt. (Jes 61,10)
Die Sprache der Liebe
„Wie schön leuchtet der Morgenstern“ – ich habe dieses Lied kürzlich im Internet nachgeschlagen. Ich war überrascht, wie anders es dort klang als in unserem Gesangbuch. Da war die Sprache der Liebe viel unverblümter, viel direkter. Oder umgekehrt: für die Ausgabe in unserem Gesangbuch wurde die Liebessprache abgeschwächt. Als ich mich eingehender mit dem Thema befasst hatte, überraschte mich das nicht mehr.
Die Liebe ist ein starkes Gefühl, sie kann leidenschaftlich sein. Sie lässt sich nicht kontrollieren. Sie stiftet Beziehungen. Die Liebe führt Menschen zusammen. Sie kann das Zusammenleben der Menschen aber auch stören und zerstören. Wenn man sie auf Gott anwendet, kann sie einen Weg zu Gott zeigen, sie kann ihn aber auch verdunkeln. So ist die religiöse Tradition vorsichtig umgegangen mit der Liebe. Und es brauchte lange Diskussionen, bis das „Hohelied der Liebe“ in die Bibel aufgenommen wurde: jene Sammlung von Liebesliedern, wo die Beziehung zu Gott unter dem Bild der Liebe besungen wird.
„Wie schön leuchtet der Morgenstern“ – wir haben einige Strophen aus unserem Gesangbuch gesungen. Ich möchte Ihnen einige Verse vorlesen, wie es ursprünglich tönt:
„Wie schön leuchtet der Morgenstern, voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn uns herrlich aufgegangen. Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm, mein König und mein Bräutigam, du hältst mein Herz gefangen. Herr Gott Vater, mein starker Held, du hast mich ewig vor der Welt in deinem Sohn geliebet. Er hat mich ganz sich angetraut, er ist nun mein, ich seine Braut; drum mich auch nichts betrübet. Stimmt die Saiten der Cythara und lasst die süße Musika ganz freudenreich erschallen, dass ich möge mit Jesus Christ, der meines Herzens Bräutgam ist, in steter Liebe wallen. Singet, springet, jubilieret, triumphieret, dankt dem Herren! (…).
Wie bin ich doch so herzlich froh, dass mein Schatz ist das A und O, der Anfang und das Ende. Er wird mich doch zu seinem Preis aufnehmen in das Paradeis; komm, du schöne Freudenkrone, säum nicht lange; deiner wart ich mit Verlangen.“
Es ist die Sprache einer Brautmystik: Jesus Christus ist der „himmlische Bräutigam“. Er vermählt sich mit der Seele und nimmt sie mit ins Paradies.
Gott erinnert sich an seine erste Liebe…
Liebe kennt Zuwendung, sie kann aber auch eifersüchtig sein. Im ersten Testament haben die Propheten das Bild der Liebe aufgegriffen, um das Verhältnis von Gott zu seinem Volk darzustellen. Gott hat sein Volk gefunden, wie ein junger Mann und eine junge Frau sich finden. Sie war die erste Liebe, aber sie ist untreu geworden. Aber Gott will sie wieder aufnehmen und einen neuen, ewigen Bund mit ihr eingehen.
So geht die Erzählung. So tönt es bei verschiedenen Propheten: Das Volk ist nach Kanaan eingewandert, es hat dort viele andere Kulturen kennengelernt und damit auch andere Götter. Im Bild der Liebe gesprochen, zeigt sich Gott „eifersüchtig“. Er ist zornig, weil sich das Volk von ihm abgewandt hat. Sie sind um das „goldene Kalb“ getanzt, sie haben den Fruchtbarkeits-Göttern geopfert. Sie sind überhaupt von Gott abgefallen und haben das Recht verlassen. Sie haben die Gebote missachtet und die Schwachen unterdrückt.
So deuten die Propheten die Geschichte des Volkes Israel. Es wurde aus dem Land vertrieben und musste im Exil unter fremder Herrschaft leben. Sie erzählen es als Geschichte einer Liebe, die die Menschen verraten haben. Aber Gott ist grösser, sagen die Propheten: Er wird sich an seine alte Liebe erinnern, er wird die Menschen suchen und zurückbringen. Und er wird einen neuen und ewigen Bund mit ihnen eingehen. Hören wir auf die Stimme der Propheten (Zitate aus Jer, Jes, Ez, Hos):
„So spricht der Herr: Ich denke an deine Jugendtreue, an die Liebe deiner Brautzeit, wie du mir in der Wüste gefolgt bist…“ (Jer 2,2) 7 Wie eine Blume auf der Wiese ließ ich dich wachsen. Und du bist herangewachsen, bist groß geworden und herrlich aufgeblüht. Deine Brüste wurden fest; dein Haar wurde dicht… 8 Da kam ich an dir vorüber und sah dich, und siehe, deine Zeit war gekommen, die Zeit der Liebe. Ich breitete meinen Mantel über dich …. Ich leistete dir den Eid und ging mit dir einen Bund ein und du wurdest mein.
Ich kleidete dich in kostbare Gewänder… 11 Ich legte dir prächtigen Schmuck an, legte dir Spangen an die Arme und eine Kette um den Hals. …14 Der Ruf deiner Schönheit drang zu allen Völkern… 15 Doch dann hast du dich auf deine Schönheit verlassen, du hast deinen Ruhm missbraucht und dich zur Dirne gemacht…“(Ez 16,7ff)
„Was fanden eure Väter Unrechtes an mir, dass sie sich von mir entfernten und nichtigen Göttern nachliefen? … Bin ich denn für Israel eine Wüste geworden oder ein finsteres Land? Warum sagt mein Volk: Wir wollen frei umherschweifen, wir kommen nicht mehr zu dir? Vergisst denn ein Mädchen seinen Schmuck, eine Braut ihre Bänder? Mein Volk aber hat mich vergessen seit ungezählten Tagen.“ (Jer 2,2ff)
„Freu dich …, denn die Schande in deiner Jugend wirst du vergessen, 5 Denn dein Schöpfer ist dein Gemahl, «Herr der Heere» ist sein Name. Der Heilige Israels ist dein Erlöser,
«Gott der ganzen Erde» wird er genannt. 6 Ja, der Herr hat dich gerufen als verlassene, bekümmerte Frau. Kann man denn die Frau verstoßen, die man in der Jugend geliebt hat? – 7 Nur für eine kleine Weile habe ich dich verlassen, doch mit großem Erbarmen hole ich dich heim. 8 Einen Augenblick nur verbarg ich vor dir mein Gesicht in aufwallendem Zorn; aber mit ewiger Huld habe ich Erbarmen mit dir, spricht dein Erlöser.“ (Jes 54, 1ff)
„An jenem Tag wirst du zu mir sagen: Mein Mann! 20 Ich schließe für Israel an jenem Tag einen Bund mit den Tieren des Feldes und den Vögeln des Himmels / und mit allem, was auf dem Erdboden kriecht. Ich zerbreche Bogen und Schwert, es gibt keinen Krieg mehr im Land, / ich lasse sie Ruhe und Sicherheit finden.
Ich traue dich mir an auf ewig. Ich traue dich mir an auf ewig, und der Brautpreis wird sein: Gerechtigkeit und Recht, Liebe und Erbarmen.“ (Hosea 2,18ff)
Eine poetische Sprache ist es, die die Propheten finden. Und das Verhältnis von Gott zu seinem Volk – es ist nichts weniger als ein Liebesbund, in der Sprache einer Hochzeit.
Die Erfahrung der Liebe
Die Liebe ist eine starke Erfahrung, die einen Menschen aufwühlt bis ins Innerste hinein. Wer verliebt ist, hat das Gefühl, ein neues Leben habe angefangen. Er sei ein neuer Mensch. Er weiss kaum mehr, was vorher war. Was gemeint ist mit dem Leben – jetzt begreift er es. Zwei Verliebte haben oft das Gefühl, als ob sie sich schon lang kennen würden. Sie trugen das Bild des andern schon in sich. Und es war wie ein Wieder-Erkennen, als sie sich trafen. Es war wie die Erfüllung einer tiefen Sehnsucht, etwas ist an ein Ziel gekommen.
So redet die Liebe. In ihren Ahnungen geht es darum, dass etwas ans Ziel kommt, was von Ursprung an schon unterwegs war. Ein langer Weg wird da abgeschritten. Und es hat zutiefst damit zu tun, was der Mensch ist, was er sich erhofft, wie er sich selber versteht. In diesen Bildern erkennt sich der Mensch: als jemanden, der in Beziehung steht zu einem DU. In dieser Beziehung wird er, wer er ist. Er findet zu sich selbst und zum andern. Alles erfüllt sich, was als Sehnsucht in ihm angelegt ist. Hier erfährt der Mensch, wer er ist, wo er herkommt und wo er hingeht, was seine Mitte ausmacht und sein Schicksal.
Hier werden alle Fragen gestellt, die der Mensch in der Religion zu beantworten sucht: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo finde ich die Mitte meines Lebens? Wie lebe ich mein Schicksal?
Hingabe
Ein Bund wie eine Hochzeit, so sagt das erste Testament, ist die Antwort auf unsere Fragen. Das zweite Testament erzählt von der Jungfrau Maria. Ein Engel kommt zu ihr, als die Zeit erfüllt ist. Und der Heilige Geist „überschattet“ sie, sie bringt ein Kind zu Welt bringt. Der wird Sohn Gottes heissen. Das ist das zentrale Ereignis im Neuen Testament. Gott geht mit den Menschen einen Liebesbund ein. Und das Kind, das geboren wird, ist wahrer Mensch und wahrer Gott. In ihm ist der Mensch mit Gott versöhnt. Alles Trennende ist aufgehoben. So erzählt das Neue Testament die Erlösung – als Geschichte einer Liebe.
Der Glaube hat immer wieder Maria zum Vorbild genommen. Sie ist die wahrhaft Glaubende. „Gegrüsst seist du, Maria, voll der Gnade“, sagt der Engel. „Der Herr ist mit dir.“ Und Maria gibt zur Antwort: „Siehe ich bin des Herrn Magd, mir geschehe nach deinem Wort.“ Die Hingabe wird hier gepriesen. So kann jeder Mensch im Glauben Gott in sich empfangen. „Und wir werden kommen und Wohnung bei ihm machen“, sagt Christus (Joh 14, 23) Der Mystiker und Liederdichter aus dem 17. Jh., Angelus Silesius, sagt es so: „Ich muss Maria sein und Gott in mir gebären, soll er mich ewiglich der Seligkeit gewähren.“ Bekannt ist seine Aussage zum Advent: „Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren – und nicht in dir, so bleibst du ewiglich verloren.“
Ein heiliges Spiel
Die Liebes-Mystik kennt verschiedene Rollen, die wir einnehmen können. Wir können an die Stelle der Maria treten (sie ist darum das Vorbild der Kirche). Wir können aber auch in eine Beziehung zu Jesus Christus treten. Er ist der himmlische Bräutigam.
So hat schon Christus von sich gesprochen. Der Evangelist Markus berichtet: „Leute kamen zu Jesus und fragten ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht? Jesus antwortete: Die Gäste einer Hochzeit können doch nicht fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist. (Mk 2,18-20). Es ist Hochzeit und er ist der Bräutigam. Und er erzählt ein Gleichnis: „Das Reich der Himmel ist gleich einem König, der seinem Sohn die Hochzeitsfeier rüstete. Und er sandte seine Knechte aus, um die Geladenen zur Hochzeit zu rufen.“ (Mt 22,1f) Wir sind die Gäste. Wir sind zur Hochzeitsfeier geladen. Christus vergleicht seine ganze Sendung mit einem Hochzeitsfest.
Wer wird daran teilnehmen? – Die, die „jetzt“ Zeit dazu haben, so geht das Gleichnis weiter. Viele entschuldigen sich, weil sie Geschäfte haben. Sie würden ja gerne kommen, aber nicht gerade jetzt. Es ist immer etwas, das wichtiger ist. So ruft der Gastgeber alle Leute herein, die auf der Strasse stehen, egal wer. Das Haus muss voll werden, denn „jetzt“ ist die Feier.
„Jetzt“ soll das Reich Gottes Wirklichkeit werden. So sagt Christus. Und er mahnt uns, bereit zu sein, wenn der Ruf an uns kommt. Die zehn Jungfrauen haben sich bereit gemacht für das Hochzeitsfest. Aber es geht lange. Da schlafen sie ein. Fünf davon waren klug und haben sich bereit gemacht. Sie haben ihre Lampen aufgefüllt, falls es Nacht würde. Und tatsächlich, spät in der Nacht kommt der Ruf. Christus erzählt: „Da kam der Bräutigam. Und die, welche bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit.“ (Mt 25,1ff)
Das Herz der Liebesmystik
Über Liebe kann man endlos reden, es ist ein „Megathema“. Darum kann man sich auch darin verlieren. Am Ende eines Lebens möchte man nicht möglichst viel wissen über die Liebe, man möchte etwas davon erlebt haben.
So ist es auch in der Religion. Wir wollen nicht viel darüber wissen, wir wollen selber erleben. So ging es ja auch jenen Leuten im Buchladen, die eine Religion gesucht haben für das Herz. Etwas, was das Gefühl anspricht, wo sie einen Führer finden in sich selbst. Wir wollen nicht hören, wie andere geliebt haben, wir möchten selber lieben.
Das ist der Ort, wo das Herz schlägt dieser ganzen Liebesmystik: Es ist die Hingabe. Ein Ratsuchender kommt zu Jesus und fragt: „Meister, welches Gebot ist das wichtigste? Er antwortete ihm:
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 22, 36 ff)
Wie sollen wir das begreifen? Wir können diesen Satz mitnehmen und darüber meditieren, einen Tag lang – eine Woche – das Leben lang. Sich hingeben, voll Vertrauen. Bis wir vielleicht sagen können:
Alles gehört Dir – Du gibst mir, was ich brauche, jeden Tag.
Es ist eine Einladung zur Hingabe.
Du darfst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Du darfst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Aus Notizen 2013
Das Erste
Liebe ist das erste, was wir erfahren, als Kinder unserer Eltern. Und wenn wir sie vermissen, dann ist sie das erste, was wir vermissen. Liebe, ob wir sie erleben oder vermissen, ist etwas Zentrales. Sie ist ein allererstes Lebensbedürfnis.
Wenn zwei heiraten, dann wollen sie nicht hören, dass statistisch gesehen jede zweite Ehe in der Schweiz auseinandergeht. Sie glauben an die Liebe, sie beschwören sie und sie feiern sie mit ihrer Hochzeit. Und selbst wenn es ganz und gar unmöglich wäre – wenn alle Erfahrung zeigen würde: so etwas wie die Liebe gibt es nicht – dann würden wir gegen alle Erfahrung anglauben, an die Liebe.
Wir glauben an die Liebe
Wie glauben an die Liebe. Ein Glaubens-Bekenntnis sagt nicht, was es „gibt“ auf der Welt. Es sagt, woran wir glauben. Wir brauchen es zum Leben. Und es stiftet immer wieder Leben. Wo wir den Glauben aufgeben, ziehen wir uns zurück. Wo wir resignieren, geben wir auf. Wo wir zweifeln und verzweifeln, hört alles auf. Aber mit jedem Stück Glauben beginnt etwas Neues. Das Leben bekommt eine Chance. Die Liebe kriegt einen Ort.
Hier kommt der Glaube an Gott ins Spiel. Psychologen sagen: Wer im Leben Liebe erfahren hat, der fasst ein Zutrauen zum ganzen Dasein. Dem fällt es dann auch leichter, an Gott zu glauben: dass da eine gute Wirklichkeit ist, die ihn trägt und hält. Es gibt aber auch Menschen, die das nicht erfahren haben, und die trotzdem an Gott glauben.
Ich und Du
Als Menschen sind wir ausgerichtet auf ein „Du“. Wir leben immer in Beziehung. Ganz wichtig für das Kind ist die Mutter. In diesem Du machen wir die ersten Erfahrungen mit der Welt und mit uns selbst. Dann ist es der Vater, die Geschwister – immer ist da ein Du, das uns auf unserem Weg begleitet. Und im Leben mit ihnen begreifen wir, wer wir selber sind.
Dass wir auch zu Gott „Du“ sagen, das scheint nur ein weiterer Schritt. Die ganze Wirklichkeit tritt uns da gegenüber, und mit dem Vertrauen, das wir gelernt haben, begegnen wir ihm und sagen „Du“. So haben wir schon beten gelernt, lange bevor die Eltern es uns beigebracht haben. Das liegt in uns Menschen drin, dieses ich und Du. Darum gibt es keine Kultur in der ganzen Menschheitsgeschichte, die nicht eine Religion und eine Beziehung zu Gott gefunden hätte.
Wachsen und Heilen
Im Gespräch mit diesem Du darf jetzt laut werden, was wir im Leben vermisst haben. Vor diesem Du darf aufblühen, was wir uns ersehnen im Leben. In der Begleitung dieses Du dürfen wir neue Schritte machen im Leben. Ja, wir haben nicht alles schon von Kindheit an, aber wir dürfen auch später noch lernen. Wir bringen nicht alles schon mit, was man zu einem guten Erwachsenenleben braucht oder zu einem guten Alter – aber in diesem Ich und Du mit unserem Gott, darf das Alte vergehen und Neuem Platz machen.
In diesem Du darf heilen, was verwundet ist. In dieser Geborgenheit darf wachsen, was lange verkümmert war. Und ein neues Zutrauen wächst zum Dasein, zu den Menschen und zu sich selbst. Und neue Schritte werden möglich im Leben.
Lieben
Denn das Du, das will immer ankommen bei den Menschen. Die Liebe, die will sich immer verwirklichen mit einem Menschen, auch wenn Gott uns zu Hilfe kommt, mit seiner Liebe. Der Glaube will uns nicht von der Welt abziehen, er will uns einen festen Boden unter die Füsse geben. Er will uns eine Brücke bauen zu den Menschen, er will sich verwirklichen in dieser Welt, damit man es sieht und erfährt und erleben kann: Es gibt einen Gott, und Liebe ist nicht nur eine Chimäre. Es ist das erste in der Welt.
Aus Notizen 2013
Die Seele – ein Liebesgeschichte
Landläufig denkt man, Seele ist das, was übrigbleibt, wenn ein Mensch gestorben ist. Aber am meisten wird von der Seele nicht dort gesprochen, wo es um den Tod geht, sondern dort, wo es um das Leben geht. – Die Rede von der Seele und die Rede von der Liebe, das gehört zusammen. Der Weg der Seele, das ist eine Liebesgeschichte. Sie sagt, wer der Mensch ist, wo er herkommt und wo er hingeht, was seine Mitte ausmacht und sein Schicksal.
Seele – das Wort weckt viele Vorstellungen. Zuerst bedeutet es nur etwas Inneres. Man kennt den Ausdruck auch im Handwerk, z.B. bei der Seil-Herstellung. Seele – so heisst der Faden, den man braucht, um einen Strick zu drehen. Es ist der Faden in der Mitte, um den die kleinen Seile gedreht werden, um einen grösseren Strick herzustellen.
Auch die Mitte einer Wendeltreppe heisst Seele. So wie sich ein Seil um eine Mitte dreht, schraubt sich eine Wendeltreppe um eine Achse in die Höhe. Auch dieser Achse sagt man „Seele“. Aber während bei einem Seil wenigstens noch ein Faden in der Mitte ist, ist bei einer Wendeltreppe gar nichts mehr. Es ist nur Luft, eine gedachte Mitte, um die sich die Treppe in die Höhe schraubt.
Das Innerste oder ein Nichts?
Das sind Beispiele aus dem Handwerk, aus der Architektur. Aber mit diesen Beispielen ist die Spannweite schon angegeben, die auch die Diskussion um die menschliche Seele beherrscht:
Für die einen ist die Seele ein innerster Kern, um den sich alles dreht, wie beim Seil.
Für die andern ist es ein leeres Nichts, wie bei der Wendeltreppe. Man redet zwar immer darum herum, aber es hat keine Wirklichkeit.
Heute findet man beide Haltungen nebeneinander.
Die Wissenschaft hat die Seele verabschiedet. Aber im Bewusstsein der Menschen lebt sie weiter. Der Internet-Suchdienst google braucht nur 1/5 Sekunde und findet über 25 Millionen Eintragungen zum Thema Seele. Die Seele ist totgesagt, aber sie beschäftigt die Menschen nach wie vor.
Tod oder Leben?
Landläufig denkt man, Seele ist das, was übrig bleibt, wenn ein Mensch gestorben ist. Der Streit um die Seele drehe sich um die Frage, ob der Mensch einen unsterblichen Kern besitze, oder ob mit dem Tod „alles aus“ sei.
Am meisten wird von der Seele aber nicht dort gesprochen, wo es um den Tod geht, sondern dort, wo es um das Leben geht. Und wer die Gedichte liest, die heute verfasst werden (nicht die in den Büchern, sondern die im Internet, wo die Jugendlichen schreiben), wer die Lieder hört, die gesungen werden, der sieht, dass nirgendwo so viel von der Seele geredet wird, wie in der Liebe.
Die Liebe ist eine starke Erfahrung, die einen Menschen aufwühlt „bis in die innerste Seele hinein“. Wer verliebt ist, hat das Gefühl, ein neues Leben habe angefangen. Er sei ein neuer Mensch. Er weiss kaum mehr, was vorher war. Was gemeint ist mit dem Leben – jetzt begreift er es. Zwei Verliebte haben oft das Gefühl, als ob sie sich schon lang gekannt hätten. Sie trugen das Bild des andern schon in sich. Und es war wie ein Wieder-Erkennen, als sie sich trafen. Es war wie die Erfüllung einer tiefen Sehnsucht, etwas ist an ein Ziel gekommen. So redet die Liebe. In ihren Ahnungen geht es darum, dass etwas ans Ziel kommt, was von Ursprung an schon unterwegs war. Ein langer Weg wird da abgeschritten. Und es hat zutiefst damit zu tun, was der Mensch ist, was er sich erhofft, wie er sich selber versteht.
Liebe deutet die Welt
Davon redet auch die Seele. Die Rede von der Seele und die Rede von der Liebe, das gehört zusammen. In diesen Bildern erkennt sich der Mensch als jemanden, der in Beziehung steht zu einem DU. In dieser Beziehung wird er, wer er ist. Er findet zu sich selbst und zum andern. Alles erfüllt sich, was als Sehnsucht in ihm angelegt ist.
Der Weg der Seele, das ist eine Liebesgeschichte. Sie sagt, wer der Mensch ist, wo er herkommt und wo er hingeht, was seine Mitte ausmacht und sein Schicksal.
Das „Du“, mit dem wir in Beziehung stehen, erfahren wir zuerst an einem Menschen. Aber dahinter steht Gott, auch mit ihm verbindet uns eine Beziehung, eine Liebesbeziehung. Daher kommt das „Du“ im Gebet, wenn wir uns an Gott wenden. Daher das Vertrauen, dass er uns kennt und zu uns steht. Vor dort die Vertraulichkeit und Intimität, wenn wir mit ihm reden.
Und die Wissenschaft?
„Seele“, „Seel-Sorge“, „Seelen-Frieden“, „Seelen-Heil“ – viele Vorstellungen verbinden sich mit dem Begriff Seele. Es ist etwas, zu dem man Sorge tragen soll. Es soll Frieden finden. Es ist auf einem Weg, der zu einem umfassenden Heil finden soll.
Wenn Sie mit einem Arzt reden, wird Ihnen dieser nicht von Seele reden, er misst Ihnen den Blutdruck, er lässt das Blut untersuchen. Das sind Dinge, die man messen kann. Auf dieser naturwissenschaftlichen Grundlage hat die Medizin riesige Fortschritte erzielt.
Andererseits gibt es Menschen, die diese Apparate-Medizin als „seelenlos“ empfinden. Und viele Patienten, die heute einen Arzt aufsuchen, wollen daneben auch noch eine alternative Behandlung. So gibt es ein grosses Angebot von Alternativ-Medizinen. Das spüren auch die Spitäler. Sie müssen sich heute immer mehr am Markt ausrichten und an den Bedürfnissen der Patienten. Darum bieten sie einen ganzheitlichen Ansatz an. Nicht nur der Körper soll bei ihnen behandelt werden, nicht nur der Blinddarm, sondern auch der Mensch. Dazu gehören auch die seelischen Bedürfnisse.
So sind es dieselben Mediziner, die in der Forschung den Seelenbegriff ablehnen und im Marketing die Seele wieder an Bord holen. Ein wissenschaftlicher Status wird dem Konzept Seele nicht mehr zugebilligt. Es geht um Gemütswerte. Das Wort Seele steht für Gefühle, für Wertschätzung, es steht für den Personencharakter des Menschen. Er soll respektiert werden und nicht auf einen Körper reduziert. –
Zweisprachig
Diese doppelte Art zu reden zeigt: Als wissenschaftliches Konzept ist die Seele tot, aber es beschäftigt die Menschen nach wie vor. Darum kommt über die Marktnachfrage wieder herein, was vorher durch die Wissenschaft verabschiedet worden ist. Darum die vielen „Alternativ“-Ansätze in der Medizin.
Darum gleicht der Gesundheitsmarkt auch einem Markt der Weltanschauungen. Wenn Sie in einer Buchhandlung die Ecke mit Gesundheits-Ratgebern ansehen, so finden Sie alles, von der westlichen Medizin bis zu östlichen Weisheitslehren, von wissenschaftlichen Ratgebern bis zu magisch-schamanistischen Heil-Ritualen. Da ist Wissenschaft vertreten, aber noch viel mehr Religion. Denn diese redet eine Sprache, die die Menschen suchen, eine Sprache, die die Seele versteht.
Gottesfunke oder Beziehung?
Die Wissenschaft redet also kaum mehr von Seele. Und wenn sie von der Seele redet, dann meint sie etwas Gemüthaftes. Sie meint damit nicht den unsterblichen Teil am Menschen, der in der Tradition mit der Seelenvorstellung verbunden war. Das Seelische, von dem sie spricht, steht einfach für ein psychisches Innenleben.
Für die Seelsorge ist das zu wenig. Menschen möchten spüren, dass sie in Beziehung stehen zu etwas Absolutem. Darum kann Seelsorge auf diesen spirituellen Bezug nicht verzichten. Kirchliche Seelsorge redet von Gott.
Dazu ist es nicht nötig zu spekulieren, was die Seele sei, ob es einen „unsterblichen Kern“ gibt im Menschen, einen „Gottes-Funken“, ob die Seele etwas „Feinstoffliches“ sei oder eine Form von «Energie». Wenn man so fragt, entsteht weder Wissenschaft noch Glaube, sondern Aberglaube. Besser ist es, wenn man die Sprache der Seele selber benutzt. Und tief in der Seele verankert ist die Sprache der Liebe. Diese Sprache erzeugt keinen Aberglauben, sie verfällt nicht der Kritik der Wissenschaft. Und es ist eine Sprache, die uns tief berührt.
Die Sprache der Liebe stellt uns in Beziehung zu Gott. Und wir lernen glauben und vertrauen, wie es in der Bibel heisst: „von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt» (5. Mose 6,5). Wenn wir so glauben, sieht unser Leben anders aus. Dann stehen wir am Morgen anders auf und legen uns am Abend anders nieder.
Ein Liebeslied
Die Seele verstehen wir, wenn wir die Sprache der Liebe reden. Das erste Testament enthält eine ganze Sammlung von Liebesliedern. Die Kirche hat sie mit Absicht in die Bibel eingefügt, weil sie die Geschichte erzählen von Gott und Mensch. Es ist eine Liebesgeschichte. Sie wird erzählt im Hohelied. Hier schliesse ich mit einem modernen Gedicht:
„Ich trage Dein Herz in mir, es schlägt in meinem Herzen.
Ich bin nie ohne Dich.
Wo immer ich gehe – da gehst Du mit,
Was immer ich tue – Du tust es, meine Liebe.
Ich fürchte kein Schicksal, denn Du bist mein Geschick,
Ich begehre keine Welt, denn wunderbar bist Du, meine Welt,
Du bist es, was der Mond am Himmel sagen will,
Und was die Sonne singt, Du bist es.
Hier ist das tiefste Geheimnis, das niemand kennt.
Hier ist die Wurzel aller Wurzeln, die Knospe aller Knospen.
Hier ist der Himmel über allen Himmeln,
ein Baum, der Leben heisst,
er wächst höher als die Seele hoffen kann,
er wächst tiefer als der Verstand begreift.
Hier ist das Wunder, das die Sterne über den Himmel spannt.
Ich trage Dein Herz in mir, es schlägt in meinem Herzen.“ (E. E. Cummings)
Aus einem Gottesdienst 2006
