Thesen
Askese taucht zwar in allen Religionen auf, ihr Ursprung ist aber wohl eher sozial-psychologisch als religions-geschichtlich zu verstehen. In einer Krise, wenn ein Schuldgefühl die Menschen plagt, dann neigen sie dazu, sich selber zu bestrafen. Die Psychologie kennt den „Bestrafungswunsch“, durch den eine Schuld abgetragen werden kann und der Mensch sich wieder ins Gleichgewicht bringen und in die Gemeinschaft integrieren kann. So erniedrigt man sich selbst, geht in Sack und Asche, schneidet sich die Haare, nimmt alle Lebensäusserungen zurück, würde sich am liebsten tot stellen.
Die Liebe ist die Kraft, die begeistert, die den einzelnen aus sich befreit, sie ist verwandt mit der Schöpfungskraft. Wer in der Liebe ist, ist ein Mitwirkender an der Schöpfung. Er kann das Leben weitergeben. Er hat Anteil am Absoluten, er hat das Wasser des Lebens gefunden, das Kraut der Unsterblichkeit. Er ist eingetaucht in die Quelle, aus der alles strömt und wo alles wieder neu wird wie in einem Jungbrunnen: wenn er nur über sich hinaussehen kann auf den andern. Denn das Leben des Einzelnen, das ist dem Tod unterworfen, aber im andern geht es weiter. Und wer in der Liebe ist, der denkt und fühlt über sich hinaus, der wird mit den andern ein neues Wesen.
So erfüllt die Liebe das, was in den psychotropen Substanzen gesucht wurde. Sie ist das wahre Sakrament, in dessen Genuss sich das Leben erneuert. Durch sie erfahren wir, dass wir angeschlossen sind an jene Quelle und Mitte des Daseins, so dass wir nicht mehr verloren gehen. Darum können wir unsere Leben annehmen, wie es ist, und mit all seinen Grenzen, denen es unterworfen ist. Weil wir erfahren haben, dass wir unverlierbar gehalten sind.
So entstehen starke Zeitgenossen, weil sie getrunken haben vom Trank der Unsterblichkeit. Nach ihrer Initiation können sie eintreten in das Erwachsenenleben und hier, an dem Ort, an den sie hingestellt worden sind, ihr Leben führen.
Sucht und Sehnsucht aus religiöser Sicht
Aus einem Vortrag zur Suchtprävention in einer Kirchgemeinde 2009.
Religion und Askese
„Religion und Rausch“ – das ist eine überraschende Zusammenstellung, jedenfalls auf den ersten Blick. Religion, wie wir sie kennen, verbinden wir nicht mit Rausch, eher mit Nüchternheit. Die reformierte Kirche hat eine besondere Beziehung zum «Blauen Kreuz» (einer 1877 von Schweizer Pfarrern gegründeten Abstinenz-Bewegung). So wie das «Rote Kreuz» den Kriegsopfern hilft, sollte das Blaue Kreuz den Opfern „auf dem Schlachtfeld des Alkohols“ beistehen.
In diesem Kirchgemeinde-Haus war es bis vor wenigen Jahren verboten, Alkohol auszuschenken. Und im Abendmahl schenken wir Traubensaft aus anstelle von Wein. Es lohnt sich, dem etwas nachzugehen.
Die Abstinenzbewegung
Wer etwas älter ist, erinnert sich gut an die 70er Jahre, als in der Schweiz die Volksinitiative der «Guttempler» (einer 1851 in den USA gegründeten Abstinenzbewegung) zur Abstimmung kam. Es ging darin um die Einschränkung der Suchtmittelreklame im Kampf gegen den Alkohol- und Tabakmissbrauch. Heute ist diese Bewegung weitgehend am Ziel, wenn man sich erinnert an die weitgehenden Rauchverbote in öffentlichen Räumlichkeiten.
In dieser Bewegung waren auch Kirchen immer wieder engagiert. Es entsprach immer wieder der Haltung einer grossen Zahl von Kirchgängern, diese Rauschmittel zurückzudrängen und mit Verboten dagegen vorzugehen.
Die soziale Frage
Entstanden ist die (Abstinenz- oder Temperenz-) Bewegung im 19. Jahrhundert in den USA als Reaktion auf die sozialen Probleme im Gefolge der Industrialisierung. Es gab wenig sozialen Schutz für die Einwanderer, die in Fabriken arbeiteten. So ging die soziale Verelendung oft einher mit Alkoholmissbrauch. Die Iren tranken Whisky, die Deutschen Bier, die Italiener Wein… So lag der Schluss nahe, dass es der Alkohol sei, der die Menschen ins Elend treibe. Wenn sich die Ausländer enthalten könnten (wie die etablierten Puritaner), würden sie auch integriert und könnten es zu Gesundheit und Wohlstand bringen.
Die religiöse Kultur kennt die Abstinenz- oder Fastentage in der Vorbereitung auf Ostern oder Weihnachten und am Freitag unter der Woche. So lag es nahe, darin die Antwort auf den Umgang mit Alkohol und Tabak zu sehen. Es war eine Antwort des christlich (puritanisch) geprägten Bürgertums auf die soziale Frage.
Ein Kreuzzug
Der Name Guttempler (Independent Order of Good Templars) knüpft ausserdem an den Kreuzzugsgedanken an. In der Geschichtswissenschaft spricht man von einem symbolischen Kreuzzug. Er hat ein Symptom bekämpft, statt die Ursachen zu analysieren.
Unschwer kann man darin die calvinistischen „blue laws“ erkennen, die Sittengesetze aus der Reformationszeit, welche die puritanischen Glaubensflüchtlinge in die amerikanischen Kolonien mitbrachten. In der Reformationszeit wurde auch in Zürich von der Obrigkeit vorgeschrieben, wieviel Silberschmuck die Frauen auf den Kleidern tragen durften. Arbeit am Sonntag und Tanzen an Festtagen war verboten. Die Polizeistunde in öffentlichen Gaststätten ist erst in der Liberalisierung der 90er Jahre aufgehoben worden.
Prohibition
Angesichts der Auswüchse der Liberalisierung findet eine solche rigide Haltung wieder viel Verständnis. Auf der anderen Seite hat der Rigorismus auch viel Unheil angerichtet. Denken wir an die Prohibition in den USA. Die Abstinenzbewegung war dort so erfolgreich, dass (1920) sogar die Bundesverfassung geändert und der Alkoholkonsum verboten wurde. Dadurch wurde er in den Untergrund gedrängt, es entstanden geheime „Flüsterkneipen“, illegale Brennereien und ein Handel, der bald bundesweit organisiert wurde. Es bildeten sich internationale Schmuggel-Organisationen. Das Verbrechen organisierte sich im grossen Massstab und war nach der Prohibition bereit für neue Geschäfte in einem bis dahin unbekannten Ausmass.
Korruption
Im Effekt hat die Prohibition bei ihren Zielen versagt, der Alkoholkonsum wurde nur in den Untergrund verdrängt, aber er hat wesentlich zur Entstehung einer Banden-Kriminalität im Stil von Al Capone und zur Korruption des gesellschaftlichen und politischen Lebens beigetragen. (Nicht nur die Polizei wurde damals bestochen, auf dem Höhepunkt der Prohibition konnte man sich auch Gerichtsurteile kaufen.) Die Kriminalität trat jetzt im Grossmasstab auf und erzielte Milliardenumsätze.
Als die Prohibition 1933 wegen Misserfolgs aufgehoben wurde, verlagerte die Grosskriminalität ihr Geschäftsfeld auf Drogen, Prostitution, Schutzgelderpressung, etc. Für Politik und Wirtschaft ist Korruption eine Pest, die – einmal eingeführt – fast nicht mehr auszurotten ist.
Was jetzt? – Man kann doch nicht für Drogen sein!? Aber ist der Rigorismus die richtige Antwort? Können wir die Abstinenzregeln, die früher der Vorbereitung in der Fastenzeit dienten, als politische Strategie zur Bekämpfung des Drogenmissbrauchs nehmen?
Ist Askese gefragt?
Was sagt „die Religion“ dazu? – Hier geht es um die Askese, die in die Diskussion um Rausch und Drogen immer hineinspielt, die aber einen eigenen Ursprung hat.
Askese taucht zwar in allen Religionen auf, ihr Ursprung ist aber wohl eher sozial-psychologisch als religionsgeschichtlich zu verstehen. In einer Krise, wenn ein Schuldgefühl die Menschen plagt, dann neigen sie dazu, sich selber zu bestrafen. Die Psychologie kennt den „Bestrafungswunsch“, durch den eine Schuld abgetragen werden kann und der Mensch sich wieder ins Gleichgewicht bringen und in die Gemeinschaft integrieren kann. So erniedrigt man sich selbst, geht in Sack und Asche, schneidet sich die Haare, nimmt alle Lebensäusserungen zurück, würde sich am liebsten totstellen.
Das wird nicht unbedingt von den Religionen gelehrt, es ist aber in die Religionen eingesickert. So gibt es in allen Religionen archaisch wirkende Buss-Riten: dass man sich zu Boden wirft, auf den Knien zu einem Wallfahrts-Ort kriecht, dass man sich Erbsen in die Schuhe streut, Dornen um den Leib trägt, dass man sich geisselt und martert, und durch solche Selbst-Bestrafung das Gewissen erleichtert, um die gefürchtete Strafe abzuwenden und wieder zum Frieden zu finden.
Der uninformierte Zeitgeist legt das den Religionen zur Last, diese haben sich aber schon in frühester Zeit dagegen gewehrt. So ist diese Busspraxis schon im Alten Testament kritisiert worden. Stellvertretend für viele Stellen zitiere ich den Propheten Jesaja.
Das Volk beklagt sich bei Gott: „Warum fasten wir, und du siehst es nicht an? Warum tun wir unserm Leibe weh, und du willst es nicht wissen?“ Und Gott gibt zur Antwort:
Siehe, wenn ihr fastet, so übt ihr doch nur euren Willen und treibt eure Arbeiter an. Ihr fastet, dass ihr hadert und zankt und schlagt mit gottloser Faust. Wie ihr jetzt tut, fastet ihr nicht so, dass eure Stimme in der Höhe gehört würde. Sollte das ein Fasten sein, das ich erwählen soll, dass ein Mensch seinem Leibe des Tages übel tue oder seinen Kopf hängen lasse wie ein Schilf oder auf einem Sack und in der Asche liege? Wollt ihr das ein Fasten nennen?
Das ist aber ein Fasten, das ich erwähle: Lass los, welche du mit Unrecht gebunden hast; lass ledig, welche du beschwerst; gib frei, welche du drängst; reiss weg allerlei Last. Brich dem Hungrigen dein Brot, und die, so im Elend sind, führe ins Haus; so du einen nackt siehst, so kleide ihn, und ziehe dich vor deinen Brüdern nicht zurück. Alsdann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Besserung wird schnell wachsen, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird dich zu sich nehmen.“ (Jes 58,3ff)
Ein anderes Verhalten!
Die asketische Selbstminderung auf dem Weg einer individuellen Seelenhygiene wird hier umgemünzt in eine soziale Fürsorge, in ein Interesse am Ganzen. Im anderen Menschen sollen und dürfen wir uns selber erkennen, so wie Christus sich in ihnen erkennt, wenn er sagt: Was ihr einem von diesen meiner geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan. (Mt 25,40)
Askese ist keine geeignete Antwort. Askese findet nie ein Ende, denn das, was sie erstrebt, kommt durch Gnade und Vergebung, nicht durch Selbst-Bestrafung. So neigt Askese zur Übersteigerung, sie wird immer rigider. Und in ihrem Rigorismus erzeugt sie Missstände, die schlimmer sind als die Übel, gegen die sie ausgezogen ist.
Neuer Rigorismus
Die „Kreuzzüge“, die heute teilweise veranstaltet werden, sind derart lebens-verneinend, dass die Opfer dieser Rigidität schon wieder abzusehen sind. Da ist keine Toleranz für Minderheiten, keine Toleranz für das Leben, wo es sich regt. Da ist Dogmatismus und Rechthaberei und eine rigide Verneinung des Lebens, was die Sucht nicht verhindert, sondern allererst erzeugt! Der Beitrag der Religion zu Sucht und Sehnsucht kann unmöglich nur in der Askese liegen, in der Nüchternheit.
Was aber sagt die Religion zum Rausch? Religion gibt es, seit es Menschen gibt. Die Anfänge verlieren sich im Dunkeln der Geschichte. Natürlich gibt es immer wieder Kulturhistoriker, die Hypothesen aufstellen. So auch zu Religion und Rausch.
Eine dieser Hypothesen lehnt sich an die Säkularisierungs-These an. (So z.B. Peter Sloterdijk, «Wozu Drogen?» in Weltfremdheit, Ffm, 118 ff) Demnach hätten Rausch und Rauschmittel „ursprünglich“ im Dienst der Religion gestanden. Die im Rausch erlebte Welt sei religiös gedeutet worden. So gab es einen ritualisierten Drogengebrauch ohne Sucht und ohne Herausfallen aus der Gemeinschaft. Er diente nicht der privaten Berauschung, sondern als „Türöffner für die Götter“.
Religion und Rausch
Die Rauschmittel wurden bei Initiationsriten verwendet wie der Wein im Abendmahl. Sie förderten die Teilhabe des einzelnen am Andern, am Umfassenden und Ganzen. Sie waren „Götternahrung“, sie ermöglichten dem Menschen, dass er mit Göttern an einem Tisch essen konnte. Dank seiner Verwandlung konnte er die sinnliche Welt hinter sich lassen und den Weg zu Gott weiter gehen, bis er eines Tages ganz bei ihnen ankommen und zur Unsterblichkeit verwandelt würde.
Nach dieser Hypothese gab es damals wohl „Rausch“, aber keine „Sucht“, es gab einen „kulturellen Umgang“ mit der Droge, aber kein „Drogenproblem“. Erst mit dem Verschwinden der religiösen Deutung der Wirklichkeit aus der Kultur sei diese Einheit auseinander getreten. Es entstand ein Rausch-Erleben ohne religiöse Einbindung und eine nüchtern gewordene Kultur. Es entstand ein Drogenproblem und ein unglückliches Bewusstsein in der modernen Zivilisation…
In dieser Allgemeinheit können wir nicht darüber diskutieren. Über die „schamanische Urzeit“ wissen wir sehr wenig. Schon in den antiken Hochkulturen sah es ganz anders aus. In der Bibel beruft sich z.B. der Prophet Ezechiel noch auf ekstatische Erlebnisse. Das dient aber eher der Beglaubigung vor einer Ekstase-gläubigen Zuhörerschaft. Die Inhalte seiner Botschaft kommen aus anderer Quelle.
In neutestamentlicher Zeit gerät Paulus in Korinth in Bedrängnis, weil andere Prediger in der Gemeinde sich auf ekstatische Erlebnisse berufen. Was hat er da vorzuweisen? Er erwähnt seine Entrückungs-Erlebnisse: in einer Seelenreise sei er bis ins Paradies entrückt worden wo er unaussprechliche Worte vernahm (vgl. 2. Kor, 1f).
Aber wenn es um seine Botschaft geht, um sein Evangelium, dann hält er sich an die Maxime: „Als ich zu euch kam, beschloss ich, nicht durch Weisheit zu überzeugen, nicht durch einen Vorzug der Rede. Ich beschloss, unter euch nichts zu wissen als Jesum Christum, und zwar den gekreuzigten.“ (1. Kor. 2,1f)
Was er sonst vom Zungenreden und andern ekstatischen Geistgaben hielt, steht im bekannten Hohelied der Liebe: «Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle…» (1. Kor 13). Und er fährt fort: «Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde.» (1. Kor 14,4)
Die Liebe
Die Liebe ist die Kraft die begeistert, die den einzelnen aus sich befreit, sie ist verwandt mit der Schöpfungskraft. Wer in der Liebe ist, ist ein Mitwirkender an der Schöpfung. Er kann das Leben weitergeben. Er hat Anteil am Absoluten, er hat das Wasser des Lebens gefunden, das Kraut der Unsterblichkeit. Er ist eingetaucht in die Quelle, aus der alles strömt und wo alles wieder neu wird wie in einem Jungbrunnen: wenn er nur über sich hinaussehen kann auf den andern. Denn das Leben des Einzelnen, das ist dem Tod unterworfen, aber im andern geht es weiter. Und wer in der Liebe ist, der denkt und fühlt über sich hinaus, der wird mit den andern ein neues Wesen.
So erfüllt die Liebe das, was in den psychotropen Substanzen gesucht wurde. Sie ist das wahre Sakrament, in dessen Genuss sich das Leben erneuert. Durch sie erfahren wir, dass wir angeschlossen sind an jene Quelle und Mitte des Daseins, so dass wir nicht mehr verloren gehen. Darum können wir unsere Leben annehmen, wie es ist, und mit all seinen Grenzen, denen es unterworfen ist. Weil wir erfahren haben, dass wir unverlierbar gehalten sind.
So entstehen starke Zeitgenossen, weil sie getrunken haben vom Trank der Unsterblichkeit. Nach ihrer Initiation können sie eintreten in das Erwachsenenleben und hier, an dem Ort, an den sie hingestellt worden sind, ihr Leben führen.
Die Antwort der Antike
Ich möchte schliessen mit der Geschichte von Phaeton. Mit dieser Geschichte hat die Antike die Frage nach dem Rausch beantwortet. Müssen wir die Seelenreise machen zum Ursprung wie die alten Schamanen? Brauchen wir psychotrope Stoffe, die uns entführen?
Phaeton ist der Sohn der Klymene (vgl. Ovid, Metamorphosen, 2. Buch). Sein Vater aber ist der Sonnengott Apollo. So ahnt er etwas von seiner göttlichen Herkunft, auch wenn er sein Leben hier auf Erden unter den Sterblichen verbringt. Herangewachsen macht er sich auf die Suche nach seinem göttlichen Vater. Nach einer langen Reise (der Seelenreise der Schamanen) kommt er zum Sonnengott. – Er will auch so werden! Auch er will seine Bahn am Himmel ziehen! Und er bittet ihn: „Lass mich den Sonnenwagen lenken!“
Apollo mahnt ihn, sich zu bescheiden. Er ist der Sohn einer sterblichen Mutter, er kann nicht über den Himmel ziehen. Und er richtet folgende Worte an ihn (so meine Imagination). Ich schliesse damit, denn es ist die Antwort auch auf unsere Frage:
Apollo sagt zu Phaeton: „Glaube doch, dass du mein Sohn bist und ich dir als Vater zugetan. Was willst du den Wagen lenken, was suchst du den Beweis, dass du aus meinem Geschlechte bist? Das kannst du nicht. Lass es genug sein an dieser Liebe, die ich zu dir spüre. Du bist mein Sohn! Du hast einen Vater, der zu dir steht und dich nicht vergisst. Er führt dich, und du wirst zu ihm kommen, eines Tages, dorthin, wo alle vereint sind. Es wird ein grosses Ankommen geben.
Darum darfst du aufstehen und gehen. Auf der Erde, die ich dir bestimmt habe. Und ich habe eine grosse Liebe eingepflanzt allem was auf dieser Erde lebt. Du kannst es spüren. Es ist eine tiefe Solidarität in allem Lebendigen, dass alles Leben sich zudienen muss, unter allem Schein von Feindschaft und Gegnerschaft. Es ist der Weg, den ich bestimmt habe.
So geh jetzt in Gottes Namen. Nimm diese Erinnerung mit, dann hast du genug. Du brauchst nicht immer wieder Halt zu machen, umzukehren und zu suchen, als ob du alles verloren hättest. Ich sage dir, Amen, ich verlasse dich nicht, bis du an dem Ziel angekommen bist, das ich dir jetzt zugesagt habe.
Zusammenfassung
Brauchen wir also den Rausch, um das Leben voll zu machen? Um es ans Ziel zu bringen? Die Auseinandersetzung der Antike mit dieser Frage endet in Nüchternheit und bei der Liebe, sei das in der klassischen Antike, sei das in der Bibel des ersten und zweiten Testamentes.
Wir sind nur „Halbgötter“, nicht unsterblich, wir leben auf der Erde, wir ziehen unsere Bahn nicht am Himmel. Wenn wir zu hoch hinaus wollen „stürzen wir ab“, auch wenn wir Drogen zu Hilfe nehmen. Wir stürzen ab wie Phaeton, der die Warnung Apolls nicht ernst genommen hat. Aber im Glauben ist es uns zugesagt, dass wir zu unserem göttlichen Vater finden.
So hat die Antike den Rausch verabschiedet als Mittel, den Himmel zu erobern. Im Rausch mögen wir vielleicht den Himmel stürmen, aber letztlich leben wir auf der Erde. Und wir sind nicht verloren: Da ist die Liebe, die uns lenkt und leitet. Sie ist mehr als ein romantisches Gefühl. Nach der Meinung der Antike ist sie das Prinzip, das die Schöpfung trägt und entfaltet. „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe ist, der ist in Gott“, so sagt es der Evangelist Johannes. (1. Johannesbrief, 4).
Die Verantwortung der Kirche (Fragen zur Diskussion)
Die Kirche steht nicht einfach in einer neutralen Stellung gegenüber Sucht und entstelltem Leben. Und es geht nicht nur um die Verantwortung, die wir gegenüber den Jugendlichen mittragen mit Schule und Staat. Es gibt auch eine kulturelle Verantwortung. Das ist die Frage, ob das Evangelium so ausgerichtet und die christliche Kultur so buchstabiert wird, dass es Leben ermöglicht und nicht verbiegt.
Im Christentum gibt es eine asketische Unterströmung. Askese erzeugt, was sie vermeiden will: die Verfehlung. Rigorismus ist lebensfeindlich. Im psychologisch induzierten Buss-Verhalten macht man sich klein, man zieht alle Lebensäusserungen zurück, möchte sich am liebsten tot stellen. Oder die übersteigerte Moral verbietet etwas, „Über-Ich“ und „Es“ geraten in Widerspruch.
Der Ablaufzyklus der Sucht
Wenn etwas, das elementar zum Leben gehört, nicht gelebt werden darf, staut es sich auf. Da es keinen erlaubten Weg gibt, auf dem es sich Bahn verschaffen kann, bricht es irgendwann durch. Es gibt einen Höhepunkt – das Ja zum Bedürfnis – und dann den Katzenjammer. Da es nicht von Erlaubnis getragen ist, kommt das schlechte Gewissen, das Gefühl, jetzt schmutzig oder ausgeschlossen zu sein.
Es kommt die Scham, gegen die eigenen Grundsätze zu verstossen zu haben, die Resignation bezüglich der Hoffnung, je sein eigenes Leben in die Hand zu kriegen und bewusst gestalten zu können. Man hat „den Moralischen“ aber die Moral, die jetzt wieder erinnert wird, ist selber mitbeteiligt, dass es dazu kam.
Dieser Ablauf-Zyklus wiederholt sich, wenn die Erlaubnis nicht gegeben wird, wenn an den moralischen Überzeugungen und den eingeübten Haltungen nichts geändert wird. Es kommt zu Stau und Durchbruch, Hoch und Tief. Es ist nicht freies Verhalten, sondern folgt einer Ablauf-Schlaufe von zwanghaftem Verhalten. Es folgt einer Sucht-Dynamik.
Das verbotene Bedürfnis sucht einen erlaubten Ersatz. Vieles kann so zu Ersatzbefriedigung werden. „Der Tag ist mir noch etwas schuldig“, spürt man, man will etwas erleben, nachholen. Vielleicht sitzt man vor den Fernseher, und weil er als Ersatz das Gemeinte nicht bieten kann, bleibt man davor hängen, ohne sich lösen zu können. Oder man geht einkaufen, findet aber nie das, was man eigentlich sucht, wird kaufsüchtig und stapelt die Dinge doch nur unausgepackt zuhause… Man sucht Befriedigung im Internet, man geht spielen…
Sucht und Trauma
Am Anfang solchen Verhaltens und Erlebens steht oft eine traumatische Erfahrung. Auch der Rausch ist ein Weg aus traumatischer Verletzung. Schon das Kind lernt ihn kennen, wenn es den Atem anhält. Neue Welten tun sich auf. Da ist Schönheit, wenn es in stiller Kontemplation mit der Aussenwelt verschmilzt und Not und Angst verschwinden. So wandert es aus dem Körper aus und erfährt das Gefühl von „Ewigkeit“ in frühkindlicher Ekstase.
Auch Selbst-Kasteiung und Askese haben zu tun mit traumatischer Erfahrung und Selbst-Aggression, die dort gelernt wird. Durch Askese und Rausch wird das schmerzliche Erlebnis stillgelegt.
Vgl. das Streiflicht «Trauma und Religion» auf diesem Blog.
(Die Texte zu diesem Streiflicht stammen aus einem Vortrag zur Suchtprävention in einer Kirchgemeinde 2009.)
