36 Ansichten vom Berg Fuji

Erfolg, Schönheit, dass das Leben gelingt … Es sind Fragen, Wünsche, Ängste, die immer wieder auftauchen. Und es findet sich ein Weg. Im Rückblick ist es, als ob wir immer wieder den heiligen Berg umrundeten. Immer wieder zeigt er sich von einer neuen Seite. So auch in den folgenden Beobachtungen.

Sie sind vielleicht nicht schön nach den Massstäben der Welt, manch einer ist gekrümmt von der Mühsal des Lebens, so wie ich gekrümmt bin. So ziehen sie vor mir vorbei. Ich kann mich freuen an ihnen, ich muss nichts und sie müssen nichts, ich darf sie einfach sein lassen und mich freuen. Sie sind auf dem Weg wie ich.

 

„Würdigen“ ist nicht gleich „gut“ finden, „gutheissen“. Würdigen ist „stehen lassen“, ohne Urteil, als eigenständige Ausprägung des Lebens. Würdigen ist aber anerkennen, dass es ein eigenständiges Recht hat auf Leben, und dass dieses Recht nicht aus uns stammt.

 

Was Menschen geholfen hat, wenn sie ein schweres Schicksal tragen mussten, das war durch die Jahrhunderte immer wieder das Kreuz Christi. In der Betrachtung seiner Passion erkannten sie etwas von ihrem Leiden.

 

Die zwei Schächer am Kreuz – es sind zwei Möglichkeiten, wie Menschen sich verhalten. Das eine ist der Weg der Verzweiflung, und der hat viele Argumente für sich – eigentlich alle Argumente, denn alles, was man sieht, führt nicht weiter. Das andere ist der Weg des Vertrauens. Dieser Weg hat keine Argumente. Es ist ein Vertrauen am Karfreitag. Es ist es ein Vertrauen trotz allem.

 

Wir dürfen die Angst um unser Leben ablegen. Er ist mit uns. Er stellt uns in die Mitte. Und es wird gut. Das ist ein Vertrauen an Karfreitag. In der äusseren Welt gibt es nichts, was dieses Vertrauen rechtfertigen könnte. Es ist gegen alle Erfahrung – und doch eine Kraft, die ein Leben verändern kann. „Kirche“ heisst auch: auf Gott vertrauen, wo für Menschen kein Weg mehr sichtbar ist. Denn für Gott ist nichts unmöglich.

 

So entsteht neues Leben: Dort, wo Menschen wieder Vertrauen lernen. Wo Verzweifelte wieder Boden unter die Füsse kriegen. Wo aus dem Vertrauen zu Gott – auch im unmöglichsten Moment – wieder ein „Ja zum Leben“ entsteht.

 

Er sieht sein Leben wie von aussen und er geniert sich. Ich kann mich so gar nicht vorzeigen! Da, wo ich stehe, da wollte ich gar nicht hin. Aber immer ist etwas dazwischengekommen, immer hiess es: Es geht nicht. Und schliesslich habe ich mich eingerichtet in diesem Noch-Nicht und Geht-Nicht. Ich habe aufgeschoben, was ich selber wollte, bis ich es vergass. Ist das jetzt mein Leben gewesen? Er spürt eine Verantwortung, als ob er sein Leben gestalten sollte, und kriegt es doch nicht in den Griff.

 

Petrus sieht, wie Jesus auf den Wellen wandelt – ungeschützt, ganz ausgesetzt. Mitten im Sturm. Es hat eine ungeheure Leichtigkeit. Es ist nicht Sicherheit, es ist Vertrauen. Petrus sieht Jesus auf dem Wasser gehen, und er begreift mit einem Mal, dass er sein Leben falsch verstanden hat. Es geht nicht darum, sicher im Schiff zu sitzen. So verliert er gerade, was er retten will. Es geht darum, das zu verwirklichen, was gemeint ist und was auch ihm zugesagt ist.

 

Foto: Der Inume-Pass in der Provinz Kai, aus «36 Ansichten des Berges Fuji» von Katsushika Hokusai

Text aus «36 Ansichten vom Berg Fuji. Notizen 2009»