30 Jahre
Es ist eine neue Phase in ihrem Leben, sie ist bald 30. Grosse Fragen tauchen auf. Dinge kriegen einen Namen, die vorher wie Schemen am Leben vorbeigezogen sind. Man lernt, sich zu stellen. Man will Verantwortung für sein Leben übernehmen und stösst auf Dinge, die man nicht einfach steuern kann, die eine andere Antwort verlangen als das Abspulen von früh gelerntem Problemlösungs-Verhalten. Die Lösung, die man in der frühen Kindheit lernte, führt manchmal mehr in die Irre als das Problem selber.
Initialzündung für den inneren Menschen
Da gibt es Heilung nicht auf Rezept oder durch einen Arztbesuch. Da wird das Leben zu einem Weg, auf dem neue Bilder, neue Wahrnehmungen, neue Deutungen für das Leben gelernt werden, wo erst einzelnes, bald alles seine Farbe ändert und seinen Wert. Und man stellt sein Leben um, lässt Altes bleiben, nimmt sich neue Ziele vor. Ein solches Erlebnis, wenn man realisiert: Was mir widerfährt, ist nicht nur ein Einzelereignis, es hat zutiefst mit mir und meinem Leben zu tun, mit meinem Herkommen – wird zu einer Initialzündung für den inneren Menschen. Eine innere Stimme taucht auf, ein Dialog beginnt mit sich selbst, ein Suchen, Sammeln, Bewerten. Es ist nicht so, dass das Leben einfach anders «erzählt» würde, wie ein Vorurteil lautet, man macht sich nichts vor. Man sucht wirklich, ist offen für alles, aber auch dankbar für Gefundenes, das man festhält. Das sind dann die Leitplanken, die Wegpfosten, die die Route markieren, auf der man weiter fortschreiten will.
Eine Kultur
Damit gliedert man sich auch in eine grössere Gemeinschaft ein. Man findet andere, die auf einem solchen Weg sind, man hört von Traditionen, die weit zurückreichen. Schon andere haben sich vor langer Zeit mit solchen Fragen beschäftigt. Man wird Teil einer grossen Kultur, auch wenn man vielleicht skeptisch unterwegs ist und nicht gleich alles ungeprüft übernimmt.
Aber es ist spannend, in einen Dialog zu treten, mit Menschen, die vor Tausenden von Jahr gelebt und ihre Erfahrungen festgehalten haben. Was heisst vergangen, was heisst jetzt, was ist Zukunft? Auf einem Weg gibt es Anfang, Ende und es gibt Gegenwart. Das Vergangene ist nicht vorbei, das Kommende ist bereits jetzt zu erfahren. Es gibt Momente von Glückserfahrung und Vollkommenheit. Obwohl einem immer bewusst ist, wie sehr man gefährdet ist auf seinem wackligen Weg, der immer wieder infrage gestellt werden kann. Von dem man immer wieder herunterfallen kann, wenn man das Vertrauen verliert, wenn man seinen alten Ängsten wieder ins Netz geht und die alten Rituale der Angst-Abwehr abspult.
Foto von Kutay Ertürk, Pexels
Der «Innere Mensch» entsteht schon im Kindergartenalter, wenn das Gewissen sich herausbildet und man abends im Bett «Gewissenserforschung» macht. Da nimmt man eine Position ausserhalb seiner selbst ein und blickt auf sich und beurteilt sich. Man errichtet eine Instanz in sich, die wie von aussen auf sich blicken kann und Regie führen möchte im Leben. So ist es auch später, wenn die Autonomie erwacht, irgendwann in der Pubertät, wenn man begreift, dass man die Vernunft auch dazu brauchen kann, sein Leben bewusst zu führen. Sie ist nicht nur für die Schule da. So gibt es wohl viele Anstösse, wo ein inneres Leben erwacht oder vertieft wird.
Weiterführende Texte finden Sie unter dem Titel «Innen und Aussen»









