Meine Hände sind nicht zu kurz

Ich besuche das Schloss Frauenfeld. «Schloss» ist vielleicht etwas übertrieben, es ist eine Burg aus dem 13. Jh. Der Turm ist aus riesigen Findlingen aufgeschichtet, die Nebenräume wurden im 14. Jh. angebaut. Zugig wird es gewesen sein, nicht wie man sich ein Schoss vorstellt. Jetzt ist das Museum darin untergebracht. Plötzlich stehe ich vor einer Kreuzigungsgruppe. Maria hat riesige Hände.

Grosse Ohren und Hände
Vor einigen Wochen habe ich im Völkerkundemuseum eine Götterdarstellung gesehen, die riesige Ohren hatte. «Ich bin ein Gott, der hört», sollte das wohl heissen. Maria hat riesige Hände. «Meine Hände sind nicht zu kurz zum helfen», der Satz des biblischen Propheten Jesaja kommt mir in den Sinn.

Maria steht neben dem gekreuzigten Christus. Seine Hände sind festgenagelt. Er kann sich dem Betrachter nicht zuwenden. So hat sich der Bittsteller vor dem Andachtsbild vielleicht an Maria gewandt. «Jesus ist mein Trost und Maria meine Zuflucht.» So steht es auf einem Kachelofen in derselben Burg.

Handlungsstark
Die Herrinnen des Klosters Feldbach bei Kreuzlingen, aus dem das Altarbild stammt, waren handlungsstarke Frauen. Sie gehörten dem Adel oder begüterten Bürgerfamilien an und verwalteten einen weitläufigen Besitz. Das Kloster konnte eine geschlossene Gerichtsherrschaft aufbauen, so gehörten die Äbtissinnen zum Gerichtsherrenstand im Thurgau. Sie retteten das Kloster über die Reformation hinaus, erst 1848 wurde es vom Grossen Rat im Zuge der Säkularisierung aufgehoben. Der unter Geldnot leidende Kanton zog das Klostervermögen ein. Dabei wurde in einem Nebengebäude der Feldbacher Altar mit dem Marienbild gefunden.

Die grossen Hände passen vielleicht auch zur Geschichte der Äbtissinnen. Die Klostergebäude von Feldbach brannten 1895 während der Benutzung durch eine Nähmaschinenfabrik fast vollständig ab. Erhalten blieb das Altkloster, das heute als Teil eines Hotels dient.

Wo bleibt der Friede?
Zu Hause lese ich den Bibeltext nach: «Siehe, des Herrn Arm ist nicht zu kurz, dass er nicht helfen könnte, und seine Ohren sind nicht taub geworden, sodass er nicht hören könnte, sondern eure Verschuldungen scheiden euch von eurem Gott.» (Jes 59) «Sie kennen den Weg des Friedens nicht, und Unrecht ist auf ihren Pfaden. (…)  Die Gerechtigkeit hat sich entfernt; denn die Wahrheit ist auf der Gasse zu Fall gekommen.» Der Prophet spricht von Recht und Unrecht und mahnt zum Frieden.

Gott kann seine Hand ausstrecken und helfen, das zeigt Psalm 138: «Wenn ich durch die Bedrängnis gehe, / so wirst du mich am Leben erhalten; / gegen den Zorn meiner Feinde wirst du deine Hand ausstrecken, / und deine Rechte wird mich retten. / Herr, deine Gnade währt ewiglich;/ das Werk deiner Hände wirst du nicht im Stich lassen!»

 

Bild: Ausschnitt aus dem Feldbacher Altar, Vermutlich aus der Zisterzienserinnen-Abtei Feldbach um 1450