Gott in der Natur
Für die Zugsreise schnappe ich mir ein kleines Reclam-Bändchen, das sich gut in der Tasche verstauen lässt. Es ist „Das grosse Welttheater“ von Calderon de la Barca. Übersetzt ist es von Eichendorff. Was man bei der Lektüre der Romantiker immer wieder trifft, hier ist es in einem Konzept zusammengefasst: wie da im Gefolge der Säkularisation die Natur mit religiösen Gehalten aufgeladen wurde. Er schreibt in „Zur Geschichte des Dramas“ 1846:
„Indem das Göttlich menschlich und das Irdische aber, die ganze Natur, gottestrunken in Stern und Baum und Blumen mitredend, zum Symbol des Übersinnlichen wird, spielt das Ganze in einer Höhe, wo das Diesseits und Jenseits wunderbar ineinander klingen und Zeit und Raum und alle Gegensätze in dem Geheimnis der ewigen Liebe verschwinden. Wir fühlen, es schlummert unter dem irdischen Schleier ein unergründlich Lied in allen Dingen, die da sehnsüchtig träumen. Calderon aber hat das Zauberwort getroffen, und die Welt hebt an zu singen.“
Die christliche Botschaft wird anschaulich in der Legende vom „vertauschten Kind“ erzählt: dass Gott im Christkind Mensch wird, damit der Mensch wieder zum verlorenen Ebenbild Gottes verwandelt werde. Das wird auch im Bild der Madonna mit Kind und Vögelein ausgedrückt: Wenn Gott vom Himmel zur Erde kommt, verleiht er dem Menschen Flügel, damit er den Weg „ganz“ zurücklegen kann, bis zur Vollendung seiner Hoffnungen, wie die Sonne, die in den Himmel steigt.
Raub der metaphysischen Schätze
Die metaphysischen und christologischen Voraussetzungen dieser Aussagen waren zur Zeit der Romantik zerstört. Die Vergottungs-Aussagen, die absoluten Gehalte der Erlösungs-Hoffnung wanderten aus und suchten sich neue Träger: das Genie, den Künstler, die Natur, den Fortschritt…
Mit diesem romantisierten Naturbild bin ich aufgewachsen. Ich fand es in der Lektüre meiner Jünglingsjahre. Und meine Naturerlebnisse, die meinerseits getränkt waren mit den Erlebnissen und Ahnungen eines jungen Menschen, fanden hier einen Echo-Raum.
Das Urbild einer «Katastrophe»
So waren die Nachrichten über Baumsterben und Artensterben später für mich eine absolute Katastrophe. Etwas Unantastbares war berührt worden. Die Folgen mussten „katastrophal“ sein. Das war ja die Definition von „Katastrophe“, was „ganz herabfallen“ heisst: eine Art metaphysischer Fall in tiefere Schichten der Wirklichkeit, von wo aus das Alte nie mehr zurück zu gewinnen ist. Der Engelsfall am Anfang der Zeit, der Sündenfall. Der Abstieg vom Goldenen zum Bleiernen Zeitalter.
Das Höhere in der Natur verstand ich nicht nur „symbolisch“. Ich meinte, hier in Kontakt mit der „Wirklichkeit“ zu treten. Das Naturgefühl meiner Jugendzeit war das genaue Gegenteil der heutigen Befindlichkeit. Nachdem die metaphysische Verankerung gelöst ist, warten wir jeden Tag, dass uns „der Himmel auf den Kopf“ fällt. (Damals gab sie uns ein Gefühl von Geborgenheit.)
Ein Tabu-Bruch, der sich nicht umkehren lässt
Es ist nicht nur, dass uns eine „Illusion“ verloren gegangen wäre. Mit dem Tabubruch wird uns alles erlaubt, was früher verboten war. Wir überschreiten eine Grenze nach der andern und zerstören, was gewachsen ist und was als Geschenk auf uns kam, als „Gnade“. Nach dem Atomkern greifen wir ein in den Zellkern – und in das, was in Jahrmillionen gewachsen ist und sich in einem Gleichgewicht von Arten und Lebensräumen ausgebildet hat. Verrücke nur einen Stein und das Gleichgewicht gerät ins Rutschen!
Wir haben nicht nur eine Illusion über die Unantastbarkeit des Heiligen aufgegeben. Indem wir es angetastet haben, haben wir es den Kräften ausgeliefert, die schamlos nach dem Heiligsten greifen, wenn es nur Profit abwirft.
Aus Notizen 2017
Foto Simon Berger, Pexels
Dieses Aufladen der Natur mit religiösen Gehalten findet sich auch beim Dichter und Philosophen Friedrich von Hardenberg (Novalis). Die Kunst „romantisirt“ die Welt, indem sie einen neuen Sinn „construirt“ und ein niederes Objekt mit einem höheren Sinn verbindet und den höheren Sinn mit dem Diesseits synthetisiert, schreibt er (HKA II, S. 545). Hier wird «das Göttlich menschlich und das Irdische, die ganze Natur (…) zum Symbol des Übersinnlichen», wie Eichendorff es oben ausdrückt.
Eichendorff hat diese oben abstrakt formulierte Symbolik („es schlummert unter dem irdischen Schleier ein unergründlich Lied in allen Dingen, die da sehnsüchtig träumen“) auch als Gedicht formuliert: „Schläft ein Lied in allen Dingen, / Die da träumen fort und fort, / Und die Welt hebt an zu singen, / Triffst du nur das Zauberwort.“ (1835)
Lesen Sie dazu das Streiflicht «Rückblick auf den Fortschritt»









