Psalmensingen im Kriegslärm
Ich habe mein halbes Leben mit Psalmen gelebt. Noch heute höre ich jeden Morgen einen Psalm. Aber seitdem die Aggression im Nahen Osten eskaliert, haben Psalmen einen anderen Ton für mich angenommen.
Die Musik verstummt
«An den Strömen Babels sassen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. An den Weiden, die dort sind, hängten wir unsere Lauten auf.»
So beginnt der heutige Psalm. Eine wehmütige Stimmung kommt auf. Wozu sollen sie von Jerusalem singen, wenn sie im Exil sind, vertrieben aus der Heimat?
«Wie sollten wir ein Lied des Herrn singen auf fremdem Boden? Vergesse ich dich, Jerusalem, so erlahme meine Rechte!»
So fährt das Lied fort. Die elegische Stimmung, der man sich vielleicht hingeben will – der Psalm ist immer wieder vertont worden -, ist aber bald vorbei. Vielleicht war es Sehnsucht nach der Heimat, der Sänger wird aber bald von heftigeren Gefühlen mitgerissen. Und das Lied biegt ab zu einer Feindverwünschung und zu allerheftigsten Erinnerungen:
«Tochter Babel, du sollst verwüstet werden! Wohl dem, der dir vergilt, was du uns angetan hast! Wohl dem, der deine Kindlein nimmt und sie zerschmettert am Felsgestein!»
Im Horizont des Exils
Früher, bevor Krieg war, las ich eine solche Stelle immer mit dem Verständnis-Horizont des Exils: Das haben die alten Israeliten erlebt, dachte ich. Das wurde in der Exilszeit zu Papier gebracht. Das war das grosse Ereignis, das sich traumatisch in die Erinnerung des Volkes eingebrannt hat, der Untergang von Nord- und Südisrael, die Vernichtung von Hauptstadt, Königtum und Tempel.
Das Leid, das sie erfahren hatten, äusserte sich in Selbstkritik und Selbstanklage, aber auch in Anklage und Verwünschung der Feinde. Und ich verstand die heftige Sprache. Wer erleben musste, dass Kinder bei der Eroberung an den Mauern zerschmettert wurden, der wünscht es in einer Gefühlsaufwallung wohl auch für die Feinde: «Wohl dem, der deine Kindlein nimmt und sie zerschmettert am Felsgestein!» (Ps 137,9)
Andere Deutehorizonte
Ganz anders klingt der Text nun für mich, wenn ich höre, wie in Gaza Menschen getötet und ganze Familien umgebracht werden und wenn ich lese, dass israelitische Bürger selber dagegen protestieren, indem sie am Sabbat Bilder eines palästinensischen Kindes vor sich hertragen, das beim letzten Angriff getötet wurde.
Ein anderer Horizont für das Verständnis des Textes ist der Überfall vom 7. Oktober 2023, als Israel überfallen wurde. Und ein anderer Verständnishorizont ist es zwei Jahre später, wenn der Krieg zu einem Selbstläufer geworden ist und vor den eigenen Bürgern und vor dem Ausland nicht mehr begründet werden kann.
Der Schlagabtausch von Leid zufügen und Leid erdulden in der Geschichte kann wohl nicht durch eine «letzte» Tat beendet werden, die die Balance von Täter-Sein und Opfer-Sein ausgleicht, so dass die Vergeltung schweigen könnte. Der Mechanismus kennt kein eingebautes Ende.
Historische Wende
Heute ist der Krieg in den Nachrichten allgegenwärtig. Hier mischt sich die Trauer über den Tod und die – von hier aus gesehen – Unnötigkeit von so viel Leid mit dem Zorn über eine Politik, die nicht Halt zu machen versteht, die die «Gunst der Stunde» ausnützen will, den Erfolg auf dem Schlachtfeld ummünzen in immer höher gesteckte Ziele.
Das Unverständnis wächst , weil Israel in diesem Krieg wie nie mehr seit dem Sechstagekrieg auf allen Schlachtfeldern erfolgreich ist. Erst wurden die Anführer der Hamas ausgeschaltet, dann die der Hisbollah, dann griff Israel nach dem Libanon aus und nach Syrien. Die Golanhöhen bleiben annektiert, die «Rückholung» des Westjordanlands und des Gazastreifens wird von Rechtsparteien immer wieder gefordert.
Heute ist das Unverständnis so weit fortgeschritten, dass es Haltungen aufweicht, die bisher unerschütterlich schienen. Der Protest ist auch im Ausland so weit vorgedrungen, dass sich die Politiker von ihrer alten Haltung distanzieren müssen. Es kommt zu historischen Korrekturen. So hat Deutschland den von Angela Merkel (2008 in einer Rede vor der Knesset) formulierten Grundsatz, dass die Sicherheit Israels zur «deutschen Staatsräson» gehöre, in Zweifel gezogen. Das Bekenntnis zur Sicherheit Israels dürfe nicht als Freibrief für jede politische Handlung dienen.
Von aussen gesehen, ist der Eindruck fast nicht abzuwehren, dass vieles in diesem Krieg «kaputt» gegangen ist, dass die Menschen über alle Masse hinaus traumatisierst sind und aus dieser Lage heraus reagieren. Das Handeln folgt dem Schema von Schlag und Gegenschlag. Freiheitsräume für ein rationales Verhalten scheinen kaum noch vorhanden. Hilfe müsste von aussen kommen, nicht nur Waffenhilfe, sondern Friedenshilfe, Versöhnungshilfe, Aufbauhilfe.
«Zur Gerechtigkeit wird zurückkehren das Recht, und alle werden ihm folgen, die aufrichtigen Herzens sind.» Auch das ist ein Psalm aus der Bibel. (Ps 94,15)
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