Neujahrs-Orakel

Da möchte ich nicht mehr dabei sein, wenn der Streit losgeht, wer denn schuld sei an dem Unglück, das uns trifft. Mit einer Fingerbewegung gerate ich mittenhinein in eine solche Auseinandersetzung, über Sylvester/Neujahr habe ich den Finger in die Bibel gesteckt, ob ich einen Vers finde, den ich zum neuen Jahr meditieren könnte. Es mag ein Überrest des alten Orakel-Glaubens sein.

An Sylvester fand ich den Vers: «Ich aber würde mich zu Gott wenden und meine Sache vor ihn bringen.» (Hiob 5,8) und an Neujahr: «Und Gott antwortete Hiob aus dem Sturm und sprach: Willst du mein Urteil zunichtemachen und mich schuldig sprechen, dass du recht behältst?» (Hiob 40,8)

Ist etwa Gott schuldig am Unrecht auf dieser Welt?
Der Zufall will es, dass die Texte zwei Mal aus Hiob stammen. Es geht um «Theodizee»: Ist etwa Gott schuldig am Unrecht auf dieser Welt? Man könnte es auch «Anthropodizee» nennen: die Verteidigung des Menschen angesichts der Uebel auf dieser Welt, wenn er beansprucht, das ohne Gott handhaben zu können. Dann trägt er auch die Verantwortung dafür.

Es erinnert an den Roman «Les Misérables» von Victor Hugo, der dieser Tage als Serie im Fernsehen gespielt wird. Ob es bei Hugo so stark betont wird, weiss ich nicht mehr, ich habe das Buch vor vielen Jahren gelesen. Hier wird der Kontrast zwischen den vor- und nachrevolutionären Zuständen und Personen betont und wie zu einer Karikatur zugespitzt. Die alten Herren des Ancien Régime, die durch die Restauration in ihre Güter und Rechte wieder eingesetzt werden, sitzen da als bezopfte, weissgepuderte Gespenster mit hassverzerrten Gesichtern. Die Anhänger Napoleons, die jetzt in den Untergrund gedrängt werden, sind jung, hübsch und sympathisch. Und beide Parteien tragen einen weltanschaulichen Kampf aus.

Wer sonst?
Nach der Anschauung der Restauration, die die Kirche wieder an Bord holt, ist der Mensch schlecht. Die Uebel der Zeit sind ihm anzurechnen. Nach der Überzeugung der Revolutionäre bzw. der Anhänger Napoleons, der die Errungenschaften der Revolution retten will, auch wenn er den Staatsaufbau wieder monarchisch ausrichtet, sind es die Verhältnisse.

Die einen sehen eine Charakterschuld und sagen, der Mensch muss sich ändern. Die andern sehen eine soziale Schuld und wollen die Verhältnisse ändern. Die einen zweifeln, ob der Mensch überhaupt zur Freiheit fähig sei und zur Selbstbestimmung zum Guten. Die andern sehen ihn entstellt durch Unrecht, Herrschaft und Ausbeutung, so dass er sich falsch verhält, auch wenn er den besten Willen hätte zu einem anderen Leben.

Das Unrecht wächst nicht auf Äckern
Was sagt das Buch Hiob dazu, an den beiden Textstellen? Zunächst wehrt sich Gott: «Willst du mich schuldig sprechen, dass du recht behältst?» (Hiob 40,8). «Unheil geht nicht aus der Erde hervor, und Mühsal wächst nicht aus dem Acker.»

Er gibt aber auch den Menschen nicht die Schuld, Gott erinnert an das Geschick des Menschen, der nicht im Paradies wohnt wie Adam, sondern sein Brot im Schweisse seines Angesichts isst: «Unheil geht nicht aus der Erde hervor, und Mühsal wächst nicht aus dem Acker; sondern der Mensch wird zur Mühsal geboren, wie die Funken des Feuers emporfliegen.» (Hiob 5,6ff)

Anstelle der Schuldfrage
Die Schuldfrage wird nicht verhandelt, ausser dass Gott den Vorwurf zurückweist, am Uebel schuld zu sein. Gott will aber eine Hilfe sein: «Ich aber würde mich zu Gott wenden und meine Sache vor ihn bringen, der grosse Dinge tut, die nicht zu erforschen sind, und Wunder, die nicht zu zählen sind, der den Regen aufs Land gibt und Wasser kommen lässt auf die Gefilde.» (Hiob 5,8ff)

Gott hilft den Menschen wie durch den Regen, den er auf durstiges Land schickt. Aber Gott ist nicht nur in der Natur zu erfahren, er steht auch ein für Gerechtigkeit und für das Recht der Armen auf ein menschenwürdiges Leben. Solche Verse finden sich immer wieder im Buch Hiob und machen ein eigentliches «Evangelium der Armen» aus:

«Ich aber würde mich zu Gott wenden und meine Sache vor ihn bringen (…) der die Niedrigen erhöht und den Betrübten emporhilft. Er macht zunichte die Pläne der Klugen, dass ihre Hände nichts zustande bringen. Er fängt die Weisen in ihrer Klugheit und stürzt den Rat der Verkehrten, dass sie am Tage in Finsternis laufen und tappen am Mittag wie in der Nacht. Er hilft dem Armen vor dem Schwert und vor ihrem Mund, er hilft den Elenden vor der Hand des Mächtigen. Dem Armen wird Hoffnung zuteil, und die Bosheit muss ihren Mund zuhalten.» (Hiob 5,8ff)

Weder noch
Hier findet sich keine Entscheidung, ob die Schuld bei der Unmoral der Menschen oder bei den Verhältnissen liege, aber die Verantwortung des Menschen wird festgehalten und seine Freiheit. Und die Hilfe des Glaubens wird angeboten.

Glaube dient hier nicht als Herrschafts-Ideologie einer politisch vereinnahmten Religion. Glaube, wo er wirkt, hebt Blockaden auf durch Prozesse des Verzeihens und indem er die Kräfte des Vertrauens neu erschliesst. So werden neue Anfänge möglich, auch wo sich Verhältnisse schon lange ineinander verkeilt haben und das Verhalten in ewig repetierten Ablaufschlangen gefangen bleibt. Vergeltung folgt hier auf Verletzung und Verletzung auf Vergeltung, was den Teufelskreis von Schuld und Strafe auf ewig verlängert.

Ein neuer Anfang, ein Ausbruch aus alten Blockaden – das klingt doch gut zum Jahresanfang. So bin ich froh, habe ich meinen Finger gerade hier in die Bibel gesteckt.

 

Foto von Eberhard Grossgasteiger, Pexels