Die Quelle
Es ist eine so ruhige und festliche Stimmung; die möchte ich nicht vertreiben oder vergehen lassen, indem ich mich in irgendeine Tätigkeit hineingebe: ich möchte sie festhalten, mich ihr hingeben (indem ich sie mit der Schreibmaschine festhalte). Gerne würde ich dafür einen schönen Ort aufsuchen, der der Festlichkeit angemessen ist. Stattdessen schreibe ich wieder in meiner dunklen Schreib-Ecke, und auch der winterliche Wind pfeift wieder bedrohlich um die Hausecke.
Aber ich tu es bewusst. Ich will das Fest nicht vom Alltag absondern. Vielleicht steckt in ihm die Kraft, den Alltag zu verwandeln. Vielleicht kann ich mit dieser reichen, frohen, im Innern aus der Tiefe heraufsprudelnden Stimmung diese dunkle Ecke aufhellen, dass sie mich in Zukunft nicht mehr mit dunklen Gefühlen überfällt, dass mich hier nicht mehr alte Ängste und Gefühle einholen, weil der Ort jetzt geheilt ist: „Das ist ein Ort, an dem ich glücklich war; er hat mein Glück gesehen. Er ist Zeuge, dass ich nicht verlassen bin, hier habe ich die Liebe annehmen können.“
Ruhe im Gehen
Ich musste aufstehen und etwas in der Wohnung herumgehen, herum wandern in den Welten, die hier von den Wänden abgezirkelt werden: da ist mein Zimmer, hier ist die Stube meiner Wohnpartnerin , hier ist der gemeinsame Gang. Hier bin ich in meinem Reich, was allzu oft auch Verlassensein war. Hier bin ich eher scheu: das ist ihr Reich, und gegenwärtig herrscht ein bisschen Verstimmung zwischen uns… Ich muss herumwandern in den Königreichen der Wohnung, so spüre ich die Ruhe, die Festlichkeit und den tiefen Frieden besser, der in mir herrscht.
Wenn ich gehe, spüre ich, wie dieser Friede alles in mir in Balance bringt. Es ist schön, so zu gehen, süss, sinnlich; eine Bewegung, die die Ruhe tiefer erfahrbar macht als das Ruhen. Es ist ein Gehaltensein, das viel besser spürbar ist, wenn es sich gefährdet. Indem ich gehe, verlagere ich den Schwerpunkt, gerate in unstabile Lage, muss sie wieder auffangen und neu stabilisieren. Immer und immer wieder, Schritt für Schritt ist es ein Loslassen und wieder Aufgefangen-Werden. Und jetzt gelingt es mir gut, ich gehe so ruhig und sicher, so „identisch“ mit mir selbst, so in mir selber ruhend. Es ist, als ob ich zum ersten Mal im Leben zu gehen gelernt hätte.
Die vermisste Geburt
So schliesst sich ein Kreis. Früher habe ich immer schmerzlich meine Geburt vermisst: physisch sei ich wohl geboren, meinte ich, aber seelisch sei ich noch nicht zur Welt gekommen. Ich hätte den Mut und die Kraft noch nicht, mein Leben anzunehmen, jenen Kern, aus dem heraus ich leben kann, der in mir leben will, der tut und geht und will und sich zum Sterben verbraucht.
Jetzt empfinde ich, dass ich meine Kindheit ein zweites Mal erlebe: gehen lernen. Ich habe ein Zentrum, ein Gleichgewicht erhalten, aus dem heraus ich balancieren und gehen kann: immer wieder meine momentane Sicherheit aufgeben, mich hingeben, dem Neuen, Unbekannten, ohne Angst (die den Schritt hemmt und ihn zögern lässt, die den schon erhobenen Fuss zögern lässt, so dass ich mir selbst ein Bein stelle), immer wieder also meine momentane Ruhe und Sicherheit aufgeben, mich hingeben, mich überlassen, tragen lassen und mich ein einer neuen Ruhe und Sicherheit wiederfinden. Gehen und erhalten, schenken und geschenkt erhalten, vertrauen und getragen werden, sterben und wiedergeboren werden.
Kleines Glück beim Weltuntergang?
Ein Fest ist wie ein Gipfel: ich möchte um mich blicken, sehen, wo ich stehe. Ich will mich freuen am Augenblick und ihn festhalten. Aber eine Scheu überkommt mich: wenn ich anfange, das festhalten zu wollen, es aufzuzählen, es zu verbuchen, so entwischt es mir unter den Händen. Wenn es so scheu ist, so mache ich die Augen zu, damit es sich nicht beobachtet glaubt, blinzle nur ein bisschen durch die Hände, die ich vors Gesicht halte, spiele ein bisschen Blinde Kuh, bei dem Schummeln erlaubt ist.
Huh, wie das rumpelt auf dem Balkon, wie der Wind den „Windfang„ schüttelt. Habe ich ein bisschen schlechtes Gewissen beim Schreiben? Kleines Glück beim Weltuntergang? – Ich kann das Weltuntergangs-Gefühl herleiten, seine Heraufkunft und Beschaffenheit historisch ableiten, ganz gebannt ist es aber doch nicht. Wenn ich von den Krisen der 30er Jahre lese – Wirtschaft, Nazis, heraufkommender Krieg – tue ich das aus der geborgenen Situation eines Nachgeborenen, der schon weiss, wie es herauskommt: es tut ihm nichts mehr. Diese Distanz habe ich aber gegenüber meiner Gegenwart nicht.
Gottes Zorn oder metaphysische Verlassenheit
Das Heulen des Windes erinnert mich. Das könnte süssliche Naturpoesie sein, wenn es hier nicht buchstäblich wäre: eine wesentliche Quelle der heutigen Untergangsangst ist ökologischer Art – die Angst, dass der Mensch durch sein Verschulden die Erde schon derart aus dem Gleichgewicht gebracht hat, dass irreparable Schäden auftreten, dass er eine Dynamik entfesselt hat, die er nicht mehr kontrollieren kann. Dazu gehört auch das Klima, dazu gehören Berichte, wonach das Windsystem und das Strömungsverhalten der Meere sich bereits in epochalem Mass gewandelt hätten.
Verständlich, dass das Heulen des Windes, der in diesem Winter wirklich pfeifend um die Hausecken bläst, mich daran erinnert und an „Gottes Zorn“: die metaphysische Verlassenheit, die uns überfällt, da wir uns an diesem Untergang ja schuldig fühlen. Wenn selbst Gott sich zornig zu uns stellt, wohin sollen wir da noch fliehen? Dann gibt es nicht einmal eine innerliche Zuflucht mehr, eine Reorientierungs-Möglichkeit, einen Punkt, an dem die Hoffnung fest machen kann.
Die letzte Quelle der Hoffnung
Ich lese (und meditiere) seit einiger Zeit späte Texte im Alten Testament, wo versucht wird, die Katastrophe des Exils zu verarbeiten. Wie können sie das mit ihrem Glauben vereinen? Mit Schuldgefühl, Busse, Hoffnung. Der „jüngste Tag“ wird zitiert, „dies irae“, Zorn Gottes. Durch alles hindurch aber der Versuch, hoffen zu können, dass Gott sich danach doch barmherzig zeigt denen, die ihn suchen. So hoffen sie und frieren; sie werden abgeschlachtete in den Strassen, die Toten dürfen nicht einmal begraben werden. Sie hungern und die Frauen essen ihre eigenen Kinder, wie es im mosaischen Fluch angekündigt ist. Und sie lesen diesen Fluch wieder und wieder, denn er gibt Hoffnung, so schrecklich er ist! Denn er spricht auch von einem barmherzigen Gott und davon, dass das Gericht auch wieder ein Ende hat. Aber indem sie hoffen, erleben sie doch Tag für Tag, Minute für Minute, wie andere krepieren, abgeschlachtet werden. Und in der Katastrophe wandelt sich auch ihr Glaube. Das Verständnis von Hoffnung und Schuld verändert sich. Schliesslich muss Hoffnung nicht nur aus einem leeren Fass geschöpft werden, sondern sogar noch aus seinem Gegenteil, dem Irrsinn in allen Erfahrungen.
Welcher Gott?
Welcher Gottesbegriff soll revidiert werden? Gott der Gerechte? Gott der Schöpfer und Erhalter seiner Schöpfung? – Wir haben Deine Schöpfung zerstört! Wir haben zuallererst uns selber zerstört, wir sind gar nicht mehr fähig, Deine Gebote zu halten! Gib uns eine neue Schöpfung! Lass uns neu geboren werden als Menschen, denen Du Dein Gesetz schon „ins Herz geschrieben“ hast! Alle Spaltungen sind dann überwunden, alle Kluft zwischen Sein und Sollen überbrückt, nicht weil unsere ohnmächtige Autonomie sie über die Tat vermittelt hätte, sondern weil die Schöpfung in Dir schon zu einer Ganzheit zusammenstimmt.
Erst jetzt kann die Welt als Schöpfung begriffen werden, wo ihr Ende sichtbar ist. „Begreifen“ nach unseren Kategorien (Aristoteles unterscheidet drei Grundverhältnisse zur Welt und zu uns selbst, in denen wir stehen): Das ist Theoria, Praxis und Poiesis. So legen die Griechen die Welt aus: die Welt, der der Mensch nur betrachtend gegenübersteht (Theoria), die Welt, die seinem zwischen-menschlichen Handeln offensteht (Praxis) und die Welt, in die er bebauend eingreift (Poiesis). Die Bibel fügt als vierte Kategorie die „Pistis“ hinzu: das Vertrauen – die Welt wird nicht nur vorgefunden, sie wird als Geschenk erlebt, der Mensch antwortet mit Vertrauen.
Bilder für das Verstehen
Die Poiesis-Kategorie bietet sich an, um zu verstehen, warum überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts (die heutige Philosophie würde darin ein unzulässiges Sprachspiel sehen, die Anwendung der logischen Operation „Negation“ auf Fragen, die nicht im Definitionsraum dieser Operation liegen, woraus metaphysische Scheinprobleme entstehen.)
„Warum ist überhaupt etwas?“ fragt sich der Mensch, wenn er sich das Fragen nicht verbietet. Und nach den inneren Erfahrungen der Poiesis, in der er sich die Welt auslegt, sagt er: auch Gott ist ein Schaffer, ein Schöpfer. Er hat die Welt geschaffen wie ein Töpfer den Topf aus einem Klumpen Lehm. Hier war das Material, dort sein Wort, sein Geist, seine Idee, sein Bild. Aus beidem entstand die Welt.
Eine andere Erfahrung ist der Atem, das Leben, der Lebenshauch. Leben wird nicht geschaffen. Es gibt zwei Arten „Vorhandenes“, Lebendes und Totes, Geborenes (natus – Natur) und Geschaffenes (Artifizielles, Kultur). Leben gibt sich immer nur weiter. So stammt es von Gott, auch Gott hat es nicht „geschaffen“, er hat seinem Ton den Atem eingehaucht.
Und warum hat Gott diese Welt geschaffen und nicht lieber im Nichts belassen? Und wieder antwortet die Kategorie, in der der Mensch sich erfährt und nach der er die Welt auslegt: die Kategorie der Praxis, des zwischenmenschlichen Handelns (sein zweiter Freiheitsbereich, wo er nicht einfach den Gesetzen der Natur unterworfen ist, sondern Gestaltungsfreiheit hat): Warum tut ein Mensch etwas und nicht vielmehr nichts? Aus Liebe! Aus Liebe hast Du uns erschaffen. Und darauf vertrauen wir auch jetzt in der Angst vor Deinem Zorn (auch der Zorn stammt aus dieser Kategorie).
Wir wissen zwar, dass wir nur aus unseren Kategorien schöpfen, Kategorien, die aus diesem irdischen Lebensraum stammen, in dem der Mensch entstanden ist, in dem er sich entwickelt hat, Hände ausgebildet, Sprache ausgebildet, Begriffe ausgebildet, Aussageweisen (Kategorien) entsprechend seinen Handlungsweisen. … Wir wissen, dass wir Dich aus diesen Kategorien nicht be-greifen können, und doch müssen wir so reden, weil wir eben keine andern haben! Was Du für uns „empfindest“, ist vielleicht nicht das, was wir als „Liebe“ kennen, aber aus unserem Lebensraum kennen wir es und erfahren wir es als Liebe. So nennen wir es trotzdem Liebe, auch wenn es absolut rätselhaft bleibt und wir es nicht begreifen können, dass Du uns lieben solltest.
Das letzte Stadium des Glaubens
So haben wir das Exil erfahren, eine Katastrophe nach der andern, wir haben unsere Selbstverständlichkeiten zurückgenommen, sogar noch unser Reden, bis wir nackt und bloss und stumm und leer vor Dir stehen. Und das ist das letzte Stadium des Glaubens, der nicht mehr rechnet wie Hiob, welcher die gerechte Weltordnung einklagt; nicht mehr schmollt wie Jonas, weil Du ihn als Unheilspropheten Lügen strafst (wie steht er jetzt da vor seinen Anhängern und Gegnern in der Stadt Ninive, der er innerhalb 40 Tagen den Untergang angesagt hat, wenn Du Dich erbarmst und sie nicht vernichtest: da werden seine Gegner triumphieren und ihn auslachen und seine Anhänger werden sich über ihn erzürnen. So will er lieber deine Barmherzigkeit leugnen und verhindern, als selber als falscher Prophet dazustehen.)
Je mehr wir unsere Mitwirkung in allen Dingen entdeckt haben, umso mehr haben wir unser Denken von Dir zurücknehmen müssen: in der psychischen Erfahrung steckst Du nicht unmittelbar; das Gewissen ist auch nur eine „Internalisierung“… Im „Kosmos“, in der Geordnetheit der Welt, der physischen wie der sozialen, steckst Du nicht mehr: moralische und rechtliche Regeln haben wir als „konventionell“ durchschauen gelernt. Und die „Naturgesetze“, die Regelhaftigkeit des Naturgeschehens, das wir im Wort „Natur-Gesetz“ nach der Analogie unserer Praxis-Erfahrung deuten, stammen aus den „transzendentalen Kategorien unserer Wahrnehmung“. – Wie immer die Antworten auch lauten.
Heute
Jetzt stehen wir mit Schuldgefühlen in einer neuen Katastrophe. Wir lesen in der Bibel, wie unsere Vorväter andere Katastrophen mit Berufung auf Dich bewältigt haben und finden aus dem „credo quia absurdum“ nur noch einen letzten Gottesbegriff. Nein, keinen Gottesbegriff, eine Haltung, ein Loslassen, ein Vertrauen, hinter das wir eben doch nicht zurück können. Wenn wir Dich zornig denken müssen, äussert sich das Vertrauen in demütigem Hinnehmen Deines Zorns. Du wirst nicht alles vernichten, wozu hättest Du uns dann erschaffen? Warum hast Du überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts erschaffen? Aus Liebe.
Letzte Quelle
Hinter diese Antwort können wir nicht zurück. So vertrauen wir, dass hinter Deinem Zorn das Verzeihen wartet. Das Gericht, die Strafe, aber auch die Versöhnung, die gerade durch das Gericht wieder möglich wird. „Gericht“ ist ein Ereignis unserer Erfahrung. Da ist das Heil, die Ordnung verletzt, aber die Verletzung kann geheilt werden, eben im „Gericht“. Darauf vertrauen wir, so sehr wir das als Kategorie unseres Denkens und Fühlens und Erlebnis-Verarbeitens kennen und um den Unterschied zum „Sein an sich“ wissen. Aber dahinter können wir nicht zurück, und „Sein an sich“ gibt es für uns nicht, nur „Sein für uns“. „Sein“ erschliesst sich uns nur in der kontemplativen, teilnahmslosen Betrachtung. Jetzt aber sind wir hineingezogen in „Poiesis“ und „Praxis“. Es gibt kein „Sein“, nur „Tun“, Hoffen, Wollen, Wagen, Sich Ängsten… Und „Pistis“, wie Paulus ergänzt, indem er das griechische Denken einbringt, aus der Verarbeitung seiner jüdischen Herkunft und dessen, was er in Christus erfahren hat: Versöhnung, Gnade, Erlösung.
Es ist absurd, dass Du uns lieben sollst. Aber gerade, weil es absurd ist, weil wir die Kategorien unserer Weltaneignung als unübersteigbare Barrieren erleben, die uns die Welt genauso ver-bergen wie sie diese für uns ent-bergen, gerade deshalb können wir über die Kategorien Liebe, Gnade nicht hinaus, obwohl wir nicht mehr glauben können, darin über einen unmittelbaren Schlüssel zur Welt zu verfügen.
“Vertrauen“, das kennen wir, so „vertrauen“ wir auf Dich, auf Deine Liebe, Deine Gnade. Wir stehen nackt und bloss vor Dir, ohne Kleider, die unseren „Wert“ vor Dir anzeigen könnten, ohne Möglichkeit, selber mitzuwirken an „unsrem Heil“ (das in seiner Ausgestaltung selbst unser Vorstellungsvermögen übersteigt), ohne Worte, um mit Dir zu reden, ohne Begriffe, Dich zu denken… Und wir vertrauen.
Vor aller Erfahrung
Auch die Kategorie „Vertrauen“ verfällt der Subjektivitäts-Kritik aller Kategorien (dass sie eben Ausstattungen unseres subjektiven Erkenntnisvermögens sind und nicht der objektiven Welt angehören). Aber von allen Kategorien (Aussageweisen), die uns zur Verfügung stehen, geniesst sie noch eine letzte Kredibilität. Ihr können wir uns zuletzt noch ausliefern, wenn alles andere in die Krise gerät.
(Es ist eine Kategorie des „emotionellen Aprioris“; nicht eine kognitive Kategorie des Kantischen Bewusstseins, welche als „ewige Vernunft“ der „empirischen Welt“ gegenüber steht. Es ist eine „praktische Kategorie“, keine „Aussage-Weise“, sondern eine „Auslege-Weise“ der Welt, die immer schon vor jedem Gedanken in meinem Tun steckt, in den Eigenheiten meiner psychischen Identität. Wenn alles „Denken“ samt seinen „transzendentalen Bedingungen“ längst dem Misstrauen anheimgefallen ist, hält nur noch das Vertrauen stand, als das, was eben nicht Misstrauen ist, was nicht nur negativ von Misstrauen geschieden ist, sondern eine Kraft eigener Herkunft.
Eine Kraft eigener Herkunft
Wenn ich nichts mehr habe, vertraue ich, weil ich als Mensch eben nicht anders kann als zu vertrauen! – Erstaunlich! Bisher haben alle Erfahrungen ergeben, dass Vertrauen eine knappe Ressource“ ist, klein, verletzlich, von frühkindlichen Erfahrungen traumatisiert und nur in lebenslangen Prozessen wieder aufzubauen. Jetzt ist es das einzige, das bleibt, wenn alles andere in Zweifel gezogen wird!?
Was für ein ganz anderer Test, als der, dem die Menschen im 17. JH unterzogen wurden! „Wenn alles zweifelhaft wird, bleibt die Vernunft, das diskursive Denken. Cogito ergo sum. Darauf folgten die „Transzendentalkritik“ Kants, die psychologische Kritik Freuds, die ökonomische Kritik von Marx … Heute gilt: Ich vertraue, also bin ich. Pisteuo, ich vertraue, ich glaube.
Die Anmassung des Glaubens
Wenn die Welt untergeht, wird der aufziehbare Blechaffe im Kinderzimmer immer noch den letzten Energie-Rest seiner aufgezogenen Feder verbrauchen, indem er auf seine Blechtrommel schlägt. Der Blechaffe kann trommeln. Das Gebilde Mensch kann vertrauen. Es vertraut, auch wenn es keinen Anlass mehr hat, einfach, weil es nicht anders kann als vertrauen.
Und das entdeckt es eben gerade in einer Grenzsituation: dass hinter all der Verletztheit und scheinbaren Unfähigkeit, zu vertrauen, eine ungeheure Anmassung steckt: Dass es Gott nicht gleichgültig ist, ob ich existiere (in Begriffen des Glaubens geredet), dass es in der Welt irgendetwas geben muss, das mich aufhebt, das die Würde meines Subjektseins aufnimmt und weiterträgt und aus dem Zusammenbruch rettet. Ist das die von mir in letzter Zeit so oft zitierte Selbstverständlichkeit, mit der ein Hund sich verteidigt, wenn er angegriffen wird, mit der er zu sich steht, sein Leben rettet, beisst, bellt, schnauft, rennt – sein Leben als einen letzten Wert herausstellt, der fraglos gilt?
Foto Ron Lach, Pexels
Aus Notizen 28. 12. 1986 (Ich habe Freude, heute, nach 20 Jahren Pfarramt, Texte zu lesen, die vor meinem Theologiestudium entstanden sind. Sie sind noch ganz unberührt von akademischer Theologie, leben von einer grossen Neugier und einer Lektüre, die persönlichen Anliegen folgt. Die Lebensfrage in diesem Text ist die Angst vor einer Natur-Zerstörung, wie sie seit den 70er Jahren immer deutlicher vor Augen stand. Wie hat denn die Bibel eine solche Angst bearbeitet? So fragte ich mich und inspirierte mich an der Exils-Verarbeitung im Alten Testament. Der Glaube, der dazu beitragen könnte, erscheint selber angegriffen von dieser Krise. Doch unerwartet zeigt sich hier eine letzte Quelle.)









