Gott und Glaube im Zeitalter der ökologischen Zerstörung
Hilft Gott? Kann ich glauben, dass Gott mir in der Hitze hilft, im Sturm, in der Flut eines ausser Rand und Band geratenen Wetters, wenn ich Tag für Tag an der Zerstörung arbeite? In den 80er Jahren, als die ökologische Zerstörung breit ins Bewusstsein trat, plagten mich diese Gedanken. Im Zentrum des Alten Testaments steht eine kriegerische Erfahrung, das Exil, der Verlust von Staat, Sicherheit und Identität. Wie haben die Menschen das im Glauben verarbeitet? Ich nahm es als Muster und fragte: Wie wird die Krise im Glauben verarbeitet? Hilft der Glaube – oder ist er das erste Opfer?
Inhalt
Die Einsamkeit dieser Generation. 4
Im Stollen
Ein weiterer Tag in der scheinbar endlosen Abfolge von heissen Tagen. Man gewöhnt sich ein strenges Regime an, mit dem man die Tage durchsteht. Ich arbeite im abgedunkelten Haus, es hat was von Souterrain, von der unterirdischen Arbeit in einem Bergwerk. Ich fahre jeden Tag in den Stollen ein und nehme die Arbeit wieder auf, wo ich sie am Vortag liegen gelassen habe.
Der «Stollen», das sind Notizen aus den 80er Jahren, bevor ich mit dem Theologiestudium begonnen habe. Ich lese sie heute wieder, weil ich mich darin wiedererkenne in der Sorge um ökologische Ereignisse. Die Angst, die Lebensgrundlagen irreparabel zu verändern, das wird heute von vielen Menschen geteilt. Kann der Glaube, den ich damals kennenlernte, darauf eine Antwort geben?
Der Glaube als erstes Opfer
So interessierte es mich, von den Exils-Ereignissen zu lesen, den kriegerischen Ereignissen, die zum Untergang des ersten israelischen Staates im Altertum führten. Die Vertreibung der Bevölkerung, der Untergang von Staat und Tempel, ist «die» grosse Katastrophe in der Bibel des Ersten Testamentes. Der Fluch Mose’ (5. Mose, 28) stellt es abstrakt dar, bei den Propheten ist es eins zu eins nachzulesen.
Und es war für mich ein naheliegender Gedanke, in einer ähnlichen Infragestellung – jetzt durch die ökologische Krise – nachzufragen, wie damals die Krise erlebt und verarbeitet wurde. Wie haben die Vorfahren, von denen die Bibel berichtet, damit gelebt? Wie sind sie im Glauben damit umgegangen? Der Glaube war offenbar keine sichere Instanz, der war selber gefährdet und von den Ereignissen in den Strudel gerissen. Woran soll man sich halten, wenn alles unterzugehen droht? Woran, wenn der Glaube selbst das erste Opfer scheint, das die Ereignisse fordern?
Der Zorn Gottes
Aus der Lektüre der Bibel tauchte dann das Motiv von Gottes Zorn auf. Das Wort löst die üblichen Reaktionen bei heutigen Hörern aus. Ich kam aber nicht von einer bestimmten Frömmigkeit her, sondern von der Bibellektüre, die mir dieses Motiv anbot. Ich war damals kirchenfern, ich dachte in Begriffen einer allgemeinen Kultur und übersetzte mir die biblischen Begriffe.
Schuldübernahme
Wenn der Gläubige die Katastrophe so verarbeitet, dass er die Schuld auf sich nimmt (die Schuld an den Exils-Ereignissen, die Schuld am Untergang von Land, Tempel, Königtum, übertragen auf meine Fragestellung: die Schuld an der Zerstörung der Biosphäre durch Klimawandel und Artensterben), wenn er Gott nicht mehr als gnädigen Gott denken kann, wenn er einen zornigen Gott braucht, der das verletzte Heil in einem Gericht wieder herstellt, wenn Gott nicht mehr um Hilfe angerufen werden kann, wenn er ein dunkles Gesicht zeigt, dann übersetzte ich mir das in ein Dasein ohne Gott, in der Sprache unserer Zeit als ein Leben in «metaphysischer Einsamkeit».
«Metaphysischer Einsamkeit»
So muss man das wohl für unsere Zeit übersetzen, die den Gottesbegriff nicht mehr denken kann, die ihn vermisst, auch wenn sie ihm nachträglich noch alles Schmutzige nachwirft, als ob er die Schuld trüge am Zustand der Welt. Es ist eine Welt ohne Gott. In der Nomenklatur der alten Philosophie: eine Welt ohne etwas, was das Vorhandene übersteigt. Das Leben, die Wirklichkeit, ist flach geworden. Jetzt haben wir zwar keinen zornigen Gott mehr, wir haben überhaupt keinen Gott.
Der zornige Gott im Ersten Testament ist ein Gott, der sich seinem Volk wieder zuwendet, der nicht immer zornig bleibt, der das Gericht als Heilswerk betreibt und das zerstörte Recht im Gericht wieder heilt. So gibt es ein Leben nach dem Gericht. Wir aber haben uns den Zorn Gottes zurechtgelegt als einen Rückzug Gottes überhaupt. Wir haben ihn selbst aus dem Kulturbereich entfernt, wo die Menschen über das Elementarste nachdenken, wo es um die letzten Bestimmungen geht, die uns das Leben und diese Welt verstehen lassen. Wir haben ihn selbst entfernt. So leben wir in einer metaphysischen Einsamkeit.
Untergangsängste
- Januar 1987
Ich versuche, das, was mir Angst macht, wenn ich von Naturzerstörung, atomarem Winter, Ozonloch, Genmanipulation etc. höre, mit dem zusammenzuhalten, was mich ruhig macht, was mir hilft, die Ruhe in der Unruhe zu finden. Es ist die Frage, wie sich der Glaube in dieser Situation behauptet.
Untergangsängste
Bei Untergangsängsten handelt es sich nicht um umgrenzbare Probleme, die unsere alten Lösungen unangetastet lassen würden, als „Untergangsängste“ qualifizieren sie sich ja gerade dadurch, dass sie auch unsere alten Lösungen nicht ungeschoren lassen, dass diese ihre lösende Kraft verlieren, dass wir in Panik vor der Situation stehen, die wir mit den gewohnten Lösungswegen nicht mehr bewältigen können.
Erst dann greifen einige zum Wort „Weltuntergang“. „Welt“ ist ja nicht nur eine physikalische Entität, etwa der Bereich der Natur, sondern der Inbegriff alles dessen, was wir uns in unserem Tun, Fühlen, Denken, Wollen und Empfinden erschliessen. Dazu gehört auch die Natur, aber eine immer schon auf bestimmte Weise erschlossene Natur, in den Bedeutungs-Kategorien, die sie in unserem Lebensvollzug für uns hat.
«Die Welt geht unter»
Wenn also Welt „untergeht“, werden nicht einfach alte Probleme wiederholt, auf die wir mit alten Problemlösungs-Mustern antworten können. Zum Bild des „Jetzt geht aber die Welt unter!“ greifen wir, wenn unsere Problemerfahrung eine bestimmte Intensität und Globalität angenommen hat. Aus den Feuerwehr-Schläuchen kommt plötzlich kein Wasser mehr, oder das Wasser löscht das Feuer plötzlich nicht mehr, sondern entfesselt es im Gegenteil erst richtig: denn hier brennt vielleicht nicht mehr etwas, was in seinem Chemismus den altgewohnten Bränden entspricht, hier brennt vielleicht eine neue Substanz, wie beim Brand im Chemiewerk in Schweizerhalle (1986), die durch das beigefügte Wasser erst recht bedrohlich wird.
Der Glaube hilft nicht
Der Glaube steht den neuen Problemen nicht äusserlich gegenüber. Er wird selber davon betroffen, wird in den Strudel hereingezogen. Was in die Krise gerät, ist ja gerade die alte Weise des Glaubens: wenn er zweifelt, glaubt er nicht. Das panische Wiederkäuen von auswendig gelernten Glaubenssätzen, das Runterrattern des Rosenkranzes hilft ihm nicht mehr. Er muss sich etwas dabei denken, er muss sich etwas Neues dabei denken Die Frage des Glaubens wird neu gestellt.
Aufräumen im Innersten
Was sollen mir diese Grübeleien? Es ist der Versuch, jenen Kern in mir, aus dem heraus ich lebe, denke, plane, fühle, mich freue, mich ängstige neu zu ordnen. Dort steht dann das Resultat, nicht auf dem Papier.
Gebet: Lieber Gott, ich stecke seit Tagen in einer Grübelei, in der ich herauszufinden versuche, wie ich zu Dir beten kann in den „Untergangsängsten“, ohne dass die Angst mich im Beten einholt, so dass ich mich nicht mehr Dir ergeben und vertrauen kann… Hilf meinem Vertrauen!
Das Bild vom Zorn Gottes
- Dezember 1986
„Das Bild vom „Zorn Gottes“ drängte sich auf wegen des Gefühls letzter Verworfenheit und Verlassenheit, das es bewahrt und das es zugleich zu bewältigen sucht. Schon einmal hat eine Generation ähnlich tief gelitten und im Kampf damit das Bild vom „Zorn Gottes“ geprägt: im Exil, als das Unerhörte geschah, dass Gott sein eigenes Volk den Feinden preisgab.
Wenn alle Stricke rissen
Das Volk, die Kulturgemeinschaft, hat eine Erfahrung gemacht, die auch mit den allerletzten Sinnkriterien dieser Kultur nicht zu vermitteln war. Wenn alle Stricke rissen, wenn die Verantwortung versagte, konnte man die Geborgenheit bisher noch denken in jener Ganzheit des natürlichen und sozialen Kosmos, der im Namen Gottes aufbewahrt war.
Doch dieses letzte Sicherheitsnetz, das den Schmerz bisher davor bewahrte, seine Ausflucht in die Krankheit nehmen zu müssen, das die Trennlinie zwischen Kultur und Wahnsinn zog, zwischen Gestalten und Verstummen, zwischen einer menschlichen Passion und dem stumm hinnehmenden Erleiden eines Tieres, dieses letzte Sicherheitsnetz dieser Kultur ist jetzt zerrissen. Da gibt es keinen Gedanken mehr, den man anrufen könnte, um den Skandal sinnvoll zu machen, dass fremde Soldaten durch die Stadt streifen und Kinder abschlachten, dass Mütter in der Hungersnot der Belagerung ihre eigenen Kinder essen. (Vgl. Dtn 28, 53 ff, der Fluch Mose’, der die Exils-Ereignisse aufnimmt)
Es ist ein allerletztes Ausgesetzt-Sein an ein Schicksal, das nicht mehr einzuholen ist. Religiös gesprochen: Gott hat sich „verborgen“, sein „Antlitz“, das die Augen suchen, um sich dem Tod hingeben zu können, ist nicht mehr aufzufinden. Der Segen, den man mit den Worten zu spenden pflegte: “der Herr erhebe sein Angesicht auf dich“, ist versiegt.
Zorn als Zuwendung
Das Bild vom Zorn Gottes vermochte nun diese allerletzte Angst aufzufangen (selbst Gott ist zornig und will meine Vernichtung), es vermochte aber auch, diesen allerletzten Vernichtungswillen, womit der Kosmos uns als Schädlinge ausspuckt, noch mit einem Sinn zu umgeben, denn der „Tag des Zorns“ ist der „Tag des Gerichts“. „Gericht“ ist ein Element der sozialen Erfahrung, es wird zur mythologischen Allegorie, um im „Zorn Gottes“ die „Gnade Gottes zu finden.
Denn der Richter und Vollzieher des Richtspruchs bewahrt gerade dadurch die Gerechtigkeit, dass er den Übeltäter bestraft. Wenn die Vernichtung, die ich erlebe, ein „Todesurteil“ ist, dann ist die Welt eben doch ein „Kosmos“! Dann gibt es eben doch einen letzten Sinn in der Welt. Auch wenn das nur eine unerbittliche Gerechtigkeit ist, aber in meinem Untergang behauptet sie sich. Nun hat mein ermatteter, zum Sterben müder Blick doch noch etwas vom „Antlitz“ Gottes geschaut, ich kann sterben!
Die Einsamkeit dieser Generation
- Dezember 1986
Aber warum sollen alle alten Bilder entleert worden sein? Wo wird in der heutigen Erfahrungswelt ein Bereich betreten, der allen bisherigen Generationen fremd war? (Dann verlieren alle bisherigen Bilder ihren Wiedererkennens-Wert, sodass sie im Gegenteil den trennenden Abgrund und die unendliche Einsamkeit dieser Generation fühlbar machen.)
Die ökologische Frage
Stellt die Umweltzerstörung uns derart in Frage? Von der ökologischen Katastrophe wird bei uns zwar hautsächlich im Futur gesprochen, als ob das eine schreckliche Erwartung für die Zukunft wäre und nicht eine tägliche Realität, die bereits heute von Millionen von Menschen erlebt wird. Denn wo wird ein Unglück zuerst erlebt? Bei den Armen, in der »Dritten Welt», im Sahelgürtel, auf dem indische Subkontinent, wo die Rodung immer weiter den Himalaja hinaufgetrieben wird, so dass ganze Hänge abrutschen und im Unterland zu den jährlichen Überschwemmungen mit Millionen Betroffen führen.
Inwiefern stellt uns die Umweltzerstörung vor neue Erfahrungen, die in den Bewältigungsbildern früherer Generationen nicht mehr aufgefangen werden können?
Frühling
Da ist der Schauder, der mir bei den pfeifenden Herbstwinden dieses Jahres über den Rücken fährt. Das Vertrauen, dass es nach diesem Winter noch einmal grün wird, ist erschüttert. Schon früher kannte ich dieses Staunen, dass es immer noch einmal grün wurde. Aber jetzt ist das keine selbstverständliche Erwartung mehr, die man beim Schöpfer dieser Welt einklagen könnte, wenn sie einmal ausbliebe (wie die soziale Ordnung in den Klageliedern des Alten Testaments eingeklagt wird). Wir haben kein reines Gewissen mehr. Wenn es Frühling wird, wissen wir, er kommt nicht, weil wir es verdient haben, er kommt „trotz“ uns Menschen, trotz unseres tausendfältigen Verhaltens, dass alles in der Richtung zusammen zu wirken scheint, einen neuen Frühling unmöglich zu machen.
Herbst
„Herbst“ ist für uns nicht nur eine Jahreszeit. Diese Erfahrung aus unserer äusseren Erlebniswelt ist mit vielerlei inneren Erfahrungen verknüpft, so dass er als Bild für diese eintreten kann. Im Herbst kennen wir auch das Traurig-Sein, den Verlust, den Tod, den Rückzug. Wir lieben aber den Herbst, obwohl es immer kälter und dunkler wird, weil wir wissen, dass nach dem Winter wieder der Frühling folgt. So bewirkt seine Kälte nur, dass wir uns erst recht geborgen fühlen. „Das muss so sein“, denken wir, wenn es so richtig „hudlet und stürmt“, „das ist ein richtiger Herbst.“ Die Welt ist in Ordnung, der Kosmos (griechisch für «Ordnung») bestätigt sich gerade in dieser scheinbaren Störung, in diesem Aufruhr.
Auch darin können wir unser Innenleben wieder erkennen. Auch unseren Aufruhr können wir annehmen: „das muss so sein“. Herbststimmung strömt aus tausend Gedichten, es ist die Hingabe an den Tod, die aus dem Wissen möglich wird, dass er nicht endgültig bleibt, dass er nicht das letzte Wort bleibt, dass auf einen Winter immer wieder ein Frühling folgt.
Winter
Jetzt taucht aber eine Generation auf, die dem Herbst nicht mehr zuzutrauen wagt, dass er sich noch einmal zum Frühling wandelt. Jetzt hören sie im Pfeifen des Herbststurms nicht mehr die Geborgenheit, weil die Überwindung des kalten, harten Fremden im Wissen um den wiederkommenden Frühling schon geleistet ist. Jetzt stellt der Herbst plötzlich eine ernste Frage: Es wird kalt und kälter, die Erde ist nicht mehr bereit, Setzlinge und Samen aufzunehmen und zur Reife zu bringen.
Auf einen andauernden und bleibenden Winter ist das Leben und Wirtschaften nicht eingestellt. Das Pfeifen wird unheimlich, und im Schrecken dieses Pfeifens nimmt man die Unheils-Botschaften viel ernster, die man jeweils am Frühstückstisch in der Zeitung gelesen und weggelegt hat: die Meldungen von der Störung des Klimas, vom Ozonloch, vom Treibhauseffekt, vom nuklearen Winter und wie sie alle heissen. Wenn wirklich einmal die Zeit kommt, in der auf einen Winter kein Frühling mehr folgt?
Und Gott? Er ist doch der Schöpfer? Aber wir haben seine Schöpfung kaputt gemacht. Und wie zur Strafe verbirgt er sich uns. Denn wie der Schöpfer aus seiner Schöpfung erlebbar wurde, so weist die zerstörte Schöpfung nicht mehr auf ihn als ihren Urheber zurück.
Von Gott gehalten?
Wenn „Schöpfung“ die Erfahrung ausdrückt, dass da eine vom Menschen nur noch vorfindbare Ordnung vorliegt. Wenn diese Erfahrung dem Menschen bisher jene psychische Reaktion der Hingabe ermöglich hat, ein Vertrauen auf eine höhere Ordnung, die nicht er verantworten kann und muss, dann fällt die Möglichkeit der Hingabe in dem Moment dahin, in dem er selbst in wesentlichem Ausmass an ihr herumlaboriert, sei es bewusst oder unabsichtlich als Nebenfolge seines Tuns.
Dann übernimmt er eine Verantwortung, der er nicht gewachsen ist, die die Unschuld mit einem Schlag zerstört wie das Essen von der verbotenen Frucht: Wenn ich einmal Verantwortung übernommen habe, dann ist es mir auf immer unmöglich, mich einfach hingeben zu können. Beides wir zerstört, Verantwortung wie Hingabe. Wenn ich dem Schöpfer ins Handwerk pfusche, dann bin ich zum Schöpferischen verdammt, eine Verantwortung, die mich masslos überfordert, und vor allem: die mich in masslose Einsamkeit stürzt.
Gott im Exil
- Januar 1987
Wie ist das Volk Israel mit der Katastrophe umgegangen? Ich habe gestern Nacht über den Chassidismus gelesen. Im Exil kann man den „Zorn Gottes“ erfahren, aber auch seine Zuwendung. Man kann sein Gericht erleben, aber auch seine Anwesenheit im Gericht. Man kann es auch so formulieren: Wir sind Gottes Volk, er hält seine Zusage. Er ist mit uns. Er ist mit uns im Exil.
Im Unheil ist Gott nicht „verborgen“, er ist dort „im Exil“; im Heil ist er „bei sich selbst“.
(2014 lese ich diese Notizen und füge folgenden Kommentar bei: )
Gott ist gegenwärtig
Gott geht mit dem Volk ins Exil. Diesen prophetischen Gedanken des Ersten nimmt das Zweite Testament auf: In der Kindheitsgeschichte flieht Jesus nach Ägypten, in der Berufungsgeschichte flieht er 40 Tage in die Wüste. Er rekapituliert die Geschichte des alten Israel. Er geht mit ins Exil.
Es ist das Kreuz und die Passion, die nach dem Zeugnis des Glaubens nicht das gottferne absolute Unheil sind, was es für die traumatisierte Erfahrung bedeutet, sondern ein Ereignis, in dem Gott wie nirgends sonst anwesend ist, weil Gott nur so bei der leidenden Kreatur ist. So geht er mit ins Exil: auch in die Folterkammern dieser Welt und unserer Zeit, damit kein Mensch mehr von Gott und Mensch verlassen sein muss, auch wenn er das Allerschlimmste erlebt, was Mensch und Welt sich gegenseitig antun können.
Karfreitag in der Natur
So leidet er auch mit der Kreatur in der ökologischen Zerstörung. So umschreibt der ökologische „Gau“ den Karfreitag in der Natur. So kann die Passion helfen, das Vertrauen in Gott und sein Erlösungshandeln auch in der Zerstörung der Natur und des Menschen aufrecht zu halten!
Er ist mit uns im Exil. Nicht nur als zorniger und strafender Gott, sondern als mitleidender Gott, der hier seine Passion erleidet. Er sitzt im Garten Gethsemane und weint blutige Tränen (die Jünger schlafen): „Wenn es möglich ist, nimm diesen Kelch von mir“, bittet er. „Aber nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe“. Damit rettet er die Hingabe, ermöglicht uns die Hingabe im Glauben, wo das Handeln nichts mehr ausrichtet.
Die Passion als Abbreviatur der Geschichte
Er leidet mit der Schöpfung, er stirbt ihren Tod. Er ersteht zu neuem Leben, aus einer Quelle, die mit menschlichem Tun und Vermögen nichts zu tun hat. Der Schöpfer leidet, der Schöpfer bittet, der Schöpfer gewährt, der Schöpfer antwortet. Er spielt alle Rollen. Er entäussert sich seiner Gottheit, er wird Mensch, er lässt sich herab, er nimmt Fleisch an und leidet. So haben es die Autoren der Bibel schon formuliert.
Die Passion ist die Abbreviatur der Geschichte, nicht nur der Menschheitsgeschichte, sondern auch der Geschichte der Schöpfung. Alles, die ganze Wirklichkeit, leidet im Dunkeln unter seiner Abwesenheit. Sie staunt und jubelt über seine Geburt an Weihnachten. Sie nimmt ihn auf und trägt ihn, wie Maria das Kind, und wächst so zu ihrer Bestimmung.
Wie der Bräutigam bei der Braut
Sie stirbt wie der alte Simeon im „Nunc Dimittis“ (Lk 2,29–32). Ihr Tod wird überholt und aufgehoben unter seinem Tod, der den Tod aufhebt und aus der Quelle aller Wirklichkeit eine neue Schöpfung hervorgehen lässt. Nicht als ewigen Kreislauf, sondern im Sinn eines grossen „Ankommens“: wo Gott bei den Seinen ist wie der Bräutigam bei der Braut. (Off 21)
Foto Leyla Helvaci, Pexels, Berg Ararat
Zum Abschluss meines Theologiestudiums habe ich die Frage noch einmal vorgenommen, lesen Sie „Glaubenssprache angesichts der Zerstörung der Lebensgrundlage„









