Zynische Ehrlichkeit

Brutale Zeitungsmeldungen verdichten sich zum Gefühl einer kulturellen Wende. Im In- und Ausland spricht sich die Interessenpolitik immer deutlicher aus. Hohn und Spott halten Einzug in die Politik. Der Mantel von Demokratie und Rechtsstaat wird auch mal fallen gelassen, wenn direkte Machtausübung schneller zum Ziel führt. Für mich ist es wie Schock. Es stellt sich die Frage, wer „Wirklichkeit“ besser wahrnehme. Glaube ist auch ein Streit um die Wirklichkeit.

Wer hat Recht: Das Vertrauen in eine Welt, in der Unrecht behoben werden kann, oder das Ausspielen der blanken Macht und eine Willkür, der alle Schwächeren zum Ergötzen freigegeben sind? Hier beanspruchen die Stärkeren als solche Verehrung und die Schwächeren haben als solche das Recht verwirkt.

Was ist Wahrheit?
Im Christentum wird diese Frage in der Passion verhandelt. „Was ist Wahrheit?“ fragt Pilatus. Unter dem Kreuz streiten auch zwei Weltauffassungen. Und die römischen Soldaten, die eben noch auf diesen Messias gehofft hatten, dass er die Verhältnisse verändern könnte, sehen, dass er den Kürzeren zieht und laufen auf die andere Seite über. Jetzt lästern sie über ihn und verhöhnen ihn, mit der Verzweiflung derer, die um ihre eigenen Lebenshoffnungen betrogen wurden. Die Kreuzigungs-Szene stellt nicht nur einen Machtkampf dar, sondern auch einen Kampf um die zutreffende Weltbeschreibung.

Wer ist eine Insel?
Im letzten Militärdienst stiess ich auf ein Auftreten, das in sich eine Behauptung über die Welt enthielt, die mit der Tendenz der allgemeinen Kultur allzu gut übereinstimmt: nicht, dass der Wiederholungskurs eine Insel im Zivilleben sei, sondern umgekehrt, das Zivilleben nur eine Maskerade, die aus Gutmütigkeit und um Kosten zu sparen da und dort noch aufrechterhalten wird.

Sollte die Maske aber herabgezogen werden, so würde es nichts ausmachen, unverhüllt zur Herrschaft überzugehen und alles Gerede von Demokratie und Rechtsstaat und Menschenrechten fahren zu lassen. Dann könnten endlich die Stiefel wieder poltern im Morgengrauen, die Verdächtigen würden abgeholt. Dann würden sie wieder verschwinden, in den Kellern der Folter- und Verhör-Lokale.

Eine Religion der Angst
Es zeigt sich das „emotionale Apriori“ der ganzen Konstruktion: jene neurotische Weltauffassung eines in der Kindheit traumatisierten Charakters, der in Feindbildern und in reaktiven Angst-Abwehr-Mechanismen „Sicherheit“ sucht und der in der scheinbar analogen Welt der Sicherheitspolitik und der internationalen Beziehungen einen Schlupfwinkel findet, welcher die neurotische Weltsicht bestätigt, als gäbe es keine andere. Das ist der Geburtsort dieses Wahrheits-Bewusstseins:

Ein Wahrheitserlebnis im Dunkeln
Traumatisierte Charaktere gibt es immer, aber in einer Zeit der sicherheitspolitischen Hochrüstung, der massenhaften Verdächtigung und misstrauischen Bespitzelung der eigenen Bürger gewinnt solche Welt-Erfahrung eine massenhafte Evidenz. In der scheinbaren Analogie des Sicherheitsdenkens, wo die Staatsräson über alle anderen Werte hinwegschreitet, erlebt der Neurotiker das Wahrheits-Erlebnis, wo sich scheinbar enthüllt, was er von der Welt immer schon vermutet hat: die Welt ist auf Feindschaft aufgebaut, jeder ist der Feind des andern, niemand darf dem andern trauen, niemand darf sich eine Blösse geben. Jeder muss die Fäden direkt in der Hand behalten, sonst kann er sich nie sicher fühlen.

Pilatus soll sich entscheiden
„So „richtig“ und „grossartig“ diese Welt auch aussieht, sie entspricht dennoch nicht der „Wahrheit“. Wahrheit – das ist ein grosses Wort! Gibt es hier eine Entscheidung aus Gründen? Stehen hier nicht einfach verschiedene „Daseinsentwürfe“ einander gegenüber? Das so entworfene Leben ist nicht lebensfähig. Es kann sich selber nicht am Leben erhalten. Es beerbt eine frühere Phase, die Leben aufgebaut hat, es kann nur als Verfallsform entstehen. Auf diesen Prinzipien kann kein Leben entstehen.

Zu den unverzichtbaren Grundlagen des Lebens gehören Vertrauen und Autonomie, ohne das gibt es kein Handeln, kein Kooperieren, keine gesellschaftliche Organisation. Ohne das gibt es nur Krankheit und Selbstzerstörung, atomistische Zersplitterung. Darum haben all diese Vorboten einer angeblichen neuen Zukunft nicht Recht.

 

Foto von cottonbro studio, pexels

Aus Notizen 1986