Die Erlaubnis
Die Kältewelle scheint allmählich vorüber. Es ist schön: die Rekonvaleszenz, wenn die Kräfte zurückkehren, wenn die guten Geister, die das Haus verlassen haben, wieder Platz nehmen. Und es wird hell im Haus, man sieht wieder, man kann wieder teilnehmen, bei den Menschen sitzen. Man ist wieder Teil des Gesprächs.
Ich nehme die Fäden wieder auf, die liegengeblieben sind, ich turne, mache Übungen. Am Morgen lese ich die Zeitungen. Draussen ist es seltsam hell geworden. Die Baumzeile hinter dem Haus, die den Bach säumte, ist gefällt worden. Das Bachbett wird ausgebaggert, damit es Starkregen aufnehmen kann. Aus den Zeitungen kommt wenig Positives. Immer neue Raketen steigen am Himmel über der Ukraine auf. Immer neue Konflikte bedrohen die internationale Gemeinschaft.
Die Zeit ist fiebrig geworden
Die Zeit ist fiebrig geworden. Der Schlagabtausch auf den Schlachtfeldern gibt einen hohen Rhythmus vor. Die Politik hinkt hinterher, findet noch kaum einen Budgetposten für die nötigen Rüstungsausgaben. Der Friede ist zu langsam für den Krieg. So treibt der Krieg neue Formen der Machtausübung hervor. Rechtsstaaten verfügen für den Notfall über Notstandsvollmachten. Das aber weckt die Versuchung, die inneren Konflikte noch anzuheizen, um den Notstand ausrufen zu können. So zweifelt ein pensionierter amerikanischer Bundesrichter in den Nachrichten, ob Donald Trump die nächsten Wahlen im November überhaupt zulassen wird. Er könnte «Unruhen anstiften», um ein Vollmachten-Regime anzutreten. (Dann würde die Macht der Exekutive weiter ausgebaut, auf Kosten der übrigen Staatsgewalten. Die Grundrechte würden eingeschränkt.)
Die Erlaubnis
Einige Tage war ich krank, ich hab nichts gehört. Was ist anders, wenn ich aus dem Dunkel auftauche und wieder um mich schaue? Es ist alles eine Spur dunkler geworden. Nicht nur der Müll in den Medien hat zugenommen, es ist auch mehr Feindseligkeit. Trash und Rubbish gab es schon früher, neu ist die Erlaubnis.
Der Krieg hat einen Hebel umgelegt, da ist Feindschaft, wo Freundschaft war. Und die Feindschaft sagt, du darfst. Viele Schranken, die die Flut zurückhielten, die Flut negativer Gefühle und Verhaltensweisen, sind gefallen. Der Hebel ist umgelegt. da sind Gegner, wo Partner waren oder ein Nebeneinander, das sich leben liess. Auch Gleichgültigkeit scheint nicht mehr möglich, alles wird in ein Schema gezwängt. Die Welt hat eine schwarze Brille aufgesetzt, die nur noch dunkle Bilder zeigt: Da ist Bedrohung, dort ist Risiko. Was vertraut war, wird verdächtig. Ruhe war einmal, alles steht in einem Wettlauf, in dem man gewinnt oder verliert.
Selbst Moral wird wieder eingefordert, die so lange verlacht und verpönt worden ist. Das Pflichtgefühl wird wieder eingefordert. Sogar von Religion wird da und dort wieder positiv berichtet. Da ist ein Sänger mit «spirituellen Liedern», dort ein Influencerin, die betet. Singen ist gut, ohne Beten geht es nicht. Um es fundamental zu ändern, müssten wir aber den Hebel wieder umlegen, den Hebel der Erlaubnis. Es ist ein Irrtum, dass irgendeine Instanz das Töten erlauben dürfte. Es bleibt ein Verbrechen und ein Widerspruch zu allem, was das Leben stützt.
Der Bach
Der Bach hinter unserem Haus wird ausgebaggert. Bei Starkregen würde er sonst überfliessen. Das Wäldchen müssen wir opfern, es wird nachwachsen. Das braucht 20 Jahre Geduld. Wenn die Feindschaft alle Ventile öffnet und die Flut niedergeht, müssen wir auch in Politik und Gesellschaft Vorkehren setzen. Der Friede, den wir lange hatten – ist er wirklich vorbei? – braucht solche Vorkehren, sonst steigt das Wasser über alle Dämme und geht wie ein reissender Strom durch die Strassen.
Foto von Valentin Ivantsov, Pexels
Quelle: «Ex-Bundesrichter bezweifelt, dass es unter Trump noch Wahlen gibt.» Von Andrea Christen, Echo der Zeit, Radio SRF 2.2.26









