Mission Impossible

„Sechse kommen durch die ganze Welt“, so heisst ein Märchen. Können zwei Menschen das Leben meistern? Braucht es vier, fünf, sechs? Wie gross muss eine Gemeinschaft sein, damit sie das Leben erhalten und gestalten kann? Welche Kompetenzen müssen unbedingt vorhanden sein? – Man muss essen, sich kleiden, sich wehren…

 

Inhaltsverzeichnis

Eine unmögliche Aufgabe. 1

Die Argonauten. 1

Die Hütte unter der Treppe. 2

Die Räuber vom Liang Schan Moor 5

Ein Comic aus Hiroshima. 6

Urgeschichte. 8

Aufbruch. 8

Archäologie der Gefühle. 9

Die versunkene Kathedrale. 10

Von der Archäologie zur Geschichte. 10

Der Raum unter der Treppe. 10

Iason und Christophorus. 11

Die versunkene Kathedrale. 13

Zusammenfassung. 15

 

Eine unmögliche Aufgabe

Das Mittelalter sprach vom Nährstand, Lehrstand und Wehrstand, die eine Gesellschaft ausmachen. Aber auch eine derart entfaltete Gesellschaft löst nicht alle Aufgaben, die das Leben ihr stellt. Die Erzählfigur von der „mission impossible“, die sich in vielen Zeiten und Kulturen findet, fragt, was denn eine Kultur und eine Zivilisation begründet. Neckischerweise gibt es dabei Aufgaben, die sich jenem Verhalten verweigern, mit dem Lösungen gemeinhin angegangen werden. Und die Lösung des Unmöglichen, das ist das, was eine Kultur dann begründet, so dass sie auf dieser Grundlage leben kann.

 

Die Argonauten

Ich höre in der Mittagspause Teile aus der Argonauten-Sage. Sie handelt vom griechischen Prinzen Iason, der als Kind nach einem Putsch fliehen muss, der Halbbruder des Vaters raubt dessen Thron. Der Kentaur Chiron, ein Mischwesen aus Pferd und Mensch, das schon Achill und andere Helden Griechenlands erzogen hat, nimmt ihn auf. Mit 20 will Iason seine verlorene Herrschaft antreten. Der Mythos erzählt von diesem Auszug ins Erwachsenenleben, wo Abenteuer und mythologische Lebensdeutungen sich durchdringen.

 

Als Iason herangewachsen war, kehrte er in seine Herkunfts-Stadt Iolkos zurück und verlangt vom Thronräuber seine Rechte. Dass es in dieser Geschichte nicht nur um das Besiegen von Ungeheuern geht, sondern um Recht und Unrecht, das steht schon am Anfang.

 

Unlösbar

Pelias, der Thronräuber und illegitime Herrscher, lenkte scheinbar ein, gab ihm aber eine unlösbare Aufgabe, an der er zugrunde gehen sollte. Er solle das Goldene Vlies aus Kolchis holen, einen Schatz, den schon viele Helden gesucht hatten. Iason nahm die Aufgabe an. Fünfzig der besten Krieger Griechenlands begleiteten ihn auf dem Schiff «Argos», das der Sage den Namen gab. Zum ersten Mal wagten sich die Griechen mit einem Schiff auf das offene Meer hinaus. Die Fahrt gelang, nach vielen Abenteuern kamen die «Argonauten» nach Kolchis, wo König Aietes über dem goldenen Vlies wachte.

 

Auch dieser König zeigte sich zugänglich, stellte aber Bedingungen. Zuvor müsse Iason drei Aufgaben erfüllen. Er müsse ein Feld umpflügen und dazu zwei feuerschnaubende Stiere einspannen. Ins Feld müsse er darauf Drachenzähne säen. Diese würden zu schrecklichen Kriegern heranwachsen, die ihm dann in den Rücken fallen. Auch aus diesem Kampf müsse er siegreich hervorgehen, bevor er würdig sei, das Goldene Vlies zu erlangen.

 

Ein neidischer König

Die Sage, die ich in der Mittagsause hörte, beschäftigt mich auch abends, als ich am Tagebuch sitze. Diese Art der Aufgabenstellung frappiert mich: ein Auftrag, der nicht zu lösen ist, eine Aufgabe, an der man scheitern soll.

 

Den Lebensauftrag nehmen wir immer an. Unbedacht gehen wir von Situation zu Situation. Wir nehmen eine Stelle an, kommen in ein Team. Da gibt man uns einen Auftrag. Oft hat er eine Doppelbindung, die vom Ehrgeiz geknüpft wird, von der Konkurrenz um Anerkennung: «Du sollst gut sein», sagt man offiziell. «Du darfst keinen Erfolg haben», wird ihm bedeutet.

 

Hier in der Sage wird es schon in der Rahmenhandlung erzählt. Im Leben tappen wir im Dunkeln und plagen uns, weil die Aufgabe nicht zu lösen ist. Das ist ein Auftrag – so richtig, um Menschen ruhig zu stellen, um Nebenbuhler zu entfernen. Selbst in der Bibel schickt König David seinen Nebenbuhler an die Front, wo er umkommen soll, damit sein Fehltritt mit Batseba nicht publik wird.

 

Der Auftrag erfolgt von einem neidischen König. Er hat sich den Thron des Prinzen angeeignet. Der Auftrag ist nicht zu erfüllen. Die Ausführung muss misslingen. Wer sich darauf einlässt, scheitert. Dann liegt es vor aller Augen, dass er ungeeignet ist. Und der Ränkeschmied hat der Allgemeinheit nur einen guten Dienst erwiesen, dass er das rechtzeitig aufgezeigt hat.

 

Der Sinn dieser unmöglichen Aufträge

Und doch gibt das Leben solche Aufträge. Und doch lässt das Schicksal es zu, dass solche Aufträge erteilt werden. Der Sinn dieser unmöglichen Aufträge:

 

  • Die alte Generation will die neue verhindern.
  • Die neue soll nicht schlechter sein als die alte.
  • Aber die neue gewinnt doch, denn die Zeit ist mit ihnen. Die Alten sterben aus.

 

Bei einer „mission impossible“ hat man Gott an seiner Seite. Auch wenn man selber schon alt und kein „junger Prinz“ mehr ist, wenn man in eine solche Falle läuft: „Mit Gott springe ich über Mauern“. (Ps 18)

 

Was tue ich also?

Akzeptiere die Ränke. Sie sind geheiligt durch das „Schicksal“, das solches zulässt. Es gibt Jugend und Alter und einen Wechsel der Positionen.

Erleide es und wende es ins Aktive.

Fülle den Platz, so gut es geht. Ziehe dich dann zurück und lass den Neuen Platz.

Finde den Lohn im Einverständnis.

Gott bringt Neue und Junge an deinen Ort.

Er denkt über dich hinaus.

Er denkt auch an dich.

 

Die Hütte unter der Treppe

Als Junge hatte ich eine Hütte unter der Treppe. Dort schnitzte ich ein antikes Segelschiff. Das hätte das Schiff sein können von Iason und den Argonauten. Sie brechen auf, es ist das erste Mal, dass ein griechisches Schiff in die offene See hinaus segelt.

 

Das Boot

Es hat 50 Ruder und 50 Helden bestreiten die Fahrt. Es ist die Blüte von Griechenland, die ersten Helden, von Herakles bis Orpheus. Es ist das Bild der Autonomie. Sechse kommen durch die ganze Welt. Zehn Betende im Minjan retten die Welt. «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.»

 

Die 50

Es ist die Gemeinschaft, die das Geschick in Händen hält, sofern die „condition humaine“ überhaupt eine Autonomie erlaubt, da sich der Mensch, auch als Kollektivwesen, nicht selber erschaffen kann. Er bleibt auf das hingewiesen, was vor ihm ist und was ihm das Leben schenkt, erhält und erneuert.

 

Wie man damit umgehen soll, das eben beschreiben die Mythen. Und wir brauchen solche Abenteuergeschichten, wenn immer das Leben sich wieder zum Abenteuer öffnet: in der Kindheit, im Jugendalter, im Erwachsenwerden, im Alter, bei Krankheit und Tod.

 

Eine Göttin hat am Schiff mitgebaut und ein wahrsagendes Stück Holz aus dem sprechenden Baum eines Orakels dafür gespendet. Das ist ein Kompass auf dem Weg.

 

Das Ziel der Reise

Eines Tages gelangen sie ans Ziel und ankern in der Bucht. Ihr Ziel ist das goldene Vlies, das golden leuchtende Fell eines Widders. Dieser Widder (ein Bild für den Mond, der über den Himmel reist) hat einst zwei Kinder über den Himmel getragen, eines ist hinabgefallen, das andere wurde gerettet. Es ist das Ziel vieler Helden und Völker, dieses Vlies zu besitzen. Auch Iason soll es holen. Das ist die Aufgabe, der Preis ist die Prinzessin und das Königtum, das ihm zukommt und das er in Besitz nehmen kann, wenn er die Aufgabe löst. Es ist unmöglich für einen Menschen, der Onkel und Thronräuber stellt ihm diese Aufgabe, damit er dabei umkommen soll.

 

Der Weg

Es ist ein Kampf auf Leben und Tod. Es geht um das Mysterium von Leben und Tod, dem sich auch dieser Held stellen muss. Jeder Held. Denn so wird einer ein Held. Er muss in diesen Tod gehen. Und er wird auferstehen, wenn er das Rätsel löst, so wie der Mond zurückkehrt, nachdem er immer weiter abnimmt und schliesslich im Dunkeln verschwindet. Und er ist voll und schön.

 

(„Er, der herrlichste von allen!“ Er ist so schön, dass Medea bei seinem Anblick ein Schrei entfährt. Schön kann die Sage von Männern sprechen, die noch ganz unangekränkelt sind in ihrer Männlichkeit. Aber was sie zu Männern macht ist nicht das Geschlecht. Das ist der Weg des Helden, den sie gehen.)

 

Traumwege

Es ist ein Weg, der ohne Gott nicht zu gehen ist. Er ist nur auf diesen Wegen zu gehen, die der Mythos beschreibt. In der realen Welt sind das viele Schritte, aber auch Bilder, die nur wie im Traum begangen werden können. Es sind Wandlungsphasen, wenn sich etwas Neues konstelliert.

 

Das Leben wird immer in dieser realen Welt vollzogen, wo es Bäume gibt und Häuser und Konten und Rechnungen. Dort, in der mythologischen Welt, ist der „approach“ zu dieser Welt, das Dialogfenster, wie wir erfolgreich mit ihm in Kontakt treten. Das wird von diesem Rahmen gegeben, der immer wieder im Leben sich verändert und der uns durch die Geburt führt, der uns wachsen und reifen lässt, der uns ins erwachsene Leben hinausgehen lässt, der uns in Krankheit bewahrt wie in einem Verpuppungs-Stadium, wenn sich tief unten eine Metamorphose vollzieht, der uns schliesslich in den Tod begleiten wird.

 

Dieser Rahmen wird uns bewusst in Bildern, Geschichten. Das ist wie das Fotoalbum des Lebens. Wir können die Bilder lesen, etwas in uns versteht sie, auch wenn sie schon 4000 Jahre alt sind und die Völker, die sie erzählten, längst von der Erde verschwunden sind. Wir haben einen inneren Zugang zu ihnen. Und zwar nicht über das Wissen. Es sind nicht erst die Kulturforscher und Anthropologen, die diese Mythen zusammenstellen. Es ist das träumende Kind, der Kranke, der auf seinem Bett liegt und zwischen Schlaf und Wachen fiebert – sie haben Zugang dazu. Es taucht in ihnen auf wie ein Traum, ohne Wissen, ohne Verdienst. Einfach durch Leben, durch die Tatsache, ein lebender Mensch zu sein.

 

Da ist das „Hirn“, von dem heute so viel Aufhebens gemacht wird. Da ist das „Bauchhirn“, das auf der alternativen Seite ebenfalls auf viel Echo stösst. Jeder will seine Lieblingsidee irgendwo verorten. Da sind auch die „Matrizen“, von denen Stanislav Grof spricht, die Muster, die das Leben und Erleben steuern, wo immer sie auch verankert sind. Aber sie sind wirksam. Insofern hat Stanislav Grof recht: Wir tragen den Ursprung dieser Welt in uns. Auch den Atomen und Molekülen ist ein Gedächtnis aufgeprägt aus der Ursprungszeit dieses Kosmos. So hat sich alles, was je war, in dieser Welt abgezeichnet, und wir haben daran teil.

 

Der Palast

Es ist schön zu lesen, wie der Palast von König Aietes beschrieben wird. Da ist erst ein Vorfeld, wo die Toten hängen. Göttin Hera beschützt die Reisenden auf dem Weg und legt einen schützenden Nebel um sie. Da ist die Vorhalle, die Nebenhalle, da sind die Paläste. Die Krieger bestaunen die Festigkeit der Mauern. Zuhause haben sie selber gebaut.

 

Die Hallen und Räume beschreiben einen äusseren Ort. Und indem wir der Beschreibung folgen, öffnet sich ein innerer Ort. Denn diese Bilder kennen wir, dieses Hindurchgehen durch ein Tor, Eintreten in eine Mitte, diese Flucht durch Gänge und Räume, wo das Geräusch der Aussenwelt versiegt, dieses Eindringen in eine Innenwelt.

 

Die Seele

Da ist die Seele könnte man sagen. Sie sitzt nicht wie der Stier im Labyrinth, dass die Seelenforscher sie finden und erlegen könnten. Es ist eher die Struktur des Labyrinthes, das ihr ähnlich ist. Es ist dieses Entsprechen von innen und aussen, was der alte Seelenbegriff meint: dass wir im Innersten etwas tragen, wodurch wir mit dem Absoluten verbunden sind. Jedes einzelne Wesen trägt auch diesen Bezug zum Höchsten in sich. So können wir die Reise genauso gut nach innen antreten wie nach aussen, um an die Grenzen der Welt zu kommen, um ihr Zentrum zu finden und einzutreten.

 

Im Innern können wir das Ziel finden. Innen und aussen erscheinen hier wie eins, so wie die einfachste Formel der Chaostheorie Diagramme entstehen lässt, die sich selber ähnlich sind. Die Form, die das Ganze annimmt, ist selbst-identisch mit dem kleinsten Baustein. Aber die Seele ist keine Formel, auch wenn die Antike „Kosmos“ (was Schmuck und Ordnung bedeutet) auf „Logos“ reimt. Die Ordnung des Ganzen, das ist wie ein Weg, eine Richtung, eine Gesetzlichkeit. Und diese findet sich im Kleinsten wie im Grössten. Aber das sind Annährungen von aussen, Spekulationen. Der Mythos beschreibt den Traumweg, den wir mit traumwandlerischer Sicherheit gehen. So bin ich in die Welt getreten, so vertraue ich, dass ich im Tod den Weg geführt werde.

 

 

Die Räuber vom Liang Schan Moor

Ich lese wieder einmal „Die Räuber vom Liang Shan Po“. Das Buch ist einer der klassischen Romane der chinesischen Literatur. Es kommt daher wie ein Abenteuer-Roman, es handelt aber von Korruption und guter Reichsregierung. Es kann parallel zu biblischen Geschichten gelesen werden, die dieses Thema aufnehmen.

 

Ein Bild von gerechter Herrschaft

Der in den Untergrund vertriebene Verwalter Sun verkörpert das Bild eines messianischen Herrschers. Zuerst lebt er als eine Art Räuberhauptmann wie der alttestamentliche David, bevor er hervortritt und ein Regierungsamt übernimmt. Die Erwartung einer Zeit des Friedens in Gerechtigkeit knüpft sich an seine Machtübernahme, da sein Ruf schon durchs ganze Land ging. Er ist der Helfer der Bedrängten, „der Regenspender von Shantung“.

 

Am Anfang steht die Erzählung, wie die einzelnen „Recken“ zur Bande stossen und was sie alles können. Am Ende sind es über hundert Anführer, die mit Zehntausenden von Menschen in einem Moor leben, wo sie eine Art Gegengesellschaft bildet, bis sie begnadigt und wieder in das Reich integriert werden.

 

Spaltung im Grossen und Kleinen

Sie leben am Rand, sind ausgestossen. Sie haben gegen Unrecht protestiert. Es ist ein Zustand der „Desintegration“ – er zeigt sich in ihrer Randständigkeit, er meint aber das ganze Reich, das sich nicht einen kann. Die Gegensätze nehmen zu. Auch der einzelne kann so nicht zur Ganzheit kommen und mit sich übereinstimmen.

Niemand kann so „einheitlich“ werden.

 

Der Räuberhaufen wird im Lauf der Geschichte immer stärker. Sie bekommen Zulauf von Ausgestossenen der Gesellschaft. Sie können jetzt auch den Gegnern in der äusseren Welt Paroli bieten. (Auch militärisch, mit Waffen sind sie nicht zu besiegen.) Allmählich sind sie zu gross, als dass man sie weiter ignorieren könnte. Sie bekommen Amnestie, werden rehabilitiert, erhalten Ämter im Reich. Die Gerechtigkeit des Ganzen ist wieder hergestellt. Es war nicht sinnlos, dass sie in den Busch gingen. Es war notwendig und hat dem Ganzen geholfen. Jetzt kann der einzelne sich integrieren – in der Gesellschaft und in sich selber.

 

Wer gehört zu den Sechsen, die durch die ganze Welt kommen?

Die Lesefreude lebt wesentlich vom Motiv der Sechs, die durch die ganze Welt kommen. Jeder Held ist einzig in seiner Art, jeder kann etwas, das der Bande nützt. Und gerade das hat ihr bisher gefehlt. So stossen immer mehr dazu, bis alle gesammelt sind, die ein Ganzes ausmachen: eine Gesellschaft, die aus sich leben kann. Hier wird in einer Krise buchstabiert, was das ist.

 

 

Ein Comic aus Hiroshima

Am Anfang steht eine Explosion wie seinerzeit die Atomexplosion über Japan. Sie ging dort hoch, aber der Blitz ging um die ganze Welt. Und wenn ich das Buch lese, spüre ich, dass ich eigentlich – trotz Ende des Kalten Krieges – immer noch den Kopf eingezogen habe. (Es ist ein Comic: „Akira“ von Katsuhiro Otomo)

 

Die Japaner leben in dem Land, in dem die Bombe niederging. Sie haben sich in den Trümmern wiedergefunden. Sie mussten die Städte wieder aufbauen. Sie kämpfen mit den Spätfolgen bis heute. Sie mussten hinsehen. Das macht das Packende dieser Erzählung aus und das Gefühl: hier ist Wahrheit. Sie ist in Comic-Form, aber die Bilder wirken authentisch.

 

Im Hintergrund steht bei mir auch der neue Konfirmanden-Unterricht. Bald habe ich wieder etwa dreissig Jugendliche, denen ich die Welt und das Leben aus christlicher Sicht erzählen soll und die genau spüren, wo das Authentische aufhört und „die Mache“ beginnt… Nicht das Unvermögen ist hier schlimm, das kennen sie auch, aber das Unechte, das Sich-nicht-Stellen.

 

Jugendliche in diesem Alter gibt es auch in diesem Comic. Eine Bande lebt in Neu-Tokyo, sie kommen aus Familien, die so zerrüttet sind wie das Land. Sie sind in Gangs organisiert, die ihnen den Schutz geben, den ihnen die desintegrierte Gesellschaft und die desorganisierte öffentliche Gewalt nicht geben können.

 

Der Wiederaufbau von unten, das „nation-building“, der Aufbau einer neuen Zivilgesellschaft, reproduziert nicht das Alte. Das ist so nicht mehr zu haben. Es organisiert sich um kleine Zellen, die Sicherheit garantieren können. Das sind z.B. Gangs, Banden in den Suburbs, Jugend-Gruppen, die zu allererst mal den Schulweg sichern.

 

Das grosse Erzählen …

Diese Story, diese Bilder wecken in mir das Gefühl: „So ist es!“ Dazu kommt das grosse Erzählen. Es nimmt die Grunddaten der Weltwerdung auf, beginnt bei der Stunde null, mit dem Einschlag der Bombe, in der zerstörten Welt, und spielt „38 Jahre danach“, als der Wiederaufbau erst begonnen hat, aber die Zerstörung überall noch weiterwirkt, auch in der Traumatisierung der Menschen.

 

… angefangen bei der Stunde null

Das ist auch eine Grundtatsache im subjektiven Erleben der Menschen, dass sie vom „Alten“ immer wieder eingeholt werden, dass das Leben immer wieder in dieselbe Kerbe schlägt. Ihr Leben steht wie unter einem Bann. Und diese Traumatisierung greift jetzt bereits auf die zweite Generation über: auf Jugendliche, die nicht erhalten, was sie brauchen, die bis in die Mimik hinein zeigen, dass sie „kaputt“ sind, die sich mit Jugend-Gangs Umgang und Sicherheit organisieren und mit Tablettenschlucken „Speed“ oder Benebelung „einwerfen“.

 

Die Bombe hat auch im Erleben der Menschen einen ungeheuren Krater geschlagen, so wie er im Eröffnungs-Bild zu sehen ist, als die Jugendlichen ausbrechen, in die alte Stadt fahren (in unbewusster Suche nach der Ursache ihrer Misere) und plötzlich vor diesem ungeheuren schwarzen Loch stehen.

 

… entlang dem Suchweg der Seele

Eine solche Art des Erzählens, das beim Donnerschlag ansetzt, bei den Grunddaten des Daseins und Erlebens, eine solche Art des Erzählens, das den Suchweg der Psyche nachzeichnet, die ihre Labyrinth-Wege verstehen will, die sich versichern will, woher sie kommt und wo sie gehalten ist, die spüren will, dass sie auf einem grossen Weg geht, der durch alles hindurchführt (all das Leid der Welt hat da seinen Platz, aber alles Leid der Welt kann nicht aus dem Weg schaffen, dass es ein Ziel gibt, einen guten Willen, der über allem steht und der das Neue schafft) – eine solche Erzählung kannte seinerzeit auch die Bibel.

 

Es hat sich durch Wiederholung und Distanz abgeschliffen. Die Bilder reden nicht mehr. Ausser sie werden auf diese Art mit Erfahrungen aus unserer Zeit, aus unserem eigenen Erleben aufgefüllt. Da sind die grossen Äonen, wie im apokalyptischen Schema in der zwischen-testamentlichen und früh-neutestamentlichen Zeit. Da ist die „Schöpfung“, der „Untergang“, der Beginn der „Neuen Schöpfung“. Da sind die Bombenschläge und die kosmischen Ereignisse, die das Leben des einzelnen in einen ungeheuren Rahmen spannen. – Da sind aber auch die Kräfte, die aufbauen – nicht spektakulär, aber sie bringen die ganze Geschichte ins Rollen. Da ist das Trotzdem des Lebens, die Kraft, die Leben zeugt auch ohne den Willen des Menschen und die sich selbst gegen seinen Willen durchsetzt.

 

Da ist die ganze Macht der Sinnlosigkeit. Ihre Argumente sind unwiderleglich. Da ist der Weltkrieg, da ist der Völkermord, da ist die Schoah, da ist Wiederholung um Wiederholung. (Und die Opfer werden Täter. Auch die Hoffnung auf das Besserwissen der Opfer wird enttäuscht.) Aus dieser Kraft erfolgt nichts als Untergang. – Da ist das Faktum des Lebens, ohne Argument. Es geht auf wie die Sonne, und niemand wusste davon, niemand hat sie aus der Tasche gezaubert. Das schlicht Undenkbare und Unmachbare. Und wieder ist es wie bei der Sinnlosigkeit: ihre Argumente sind unleugbar. Es ist licht. Und es bricht sich genauso Bahn im Leben der Protagonisten wie die Schatten der Vergangenheit. Das macht die Geschichte dieser Jugendlichen in Neu-Tokyo aus. Das macht unser Leben aus.

 

Das ist ein Modell, wie man wieder erzählen kann. Das Neue kommt wie ein Faktum. Wie die Sonne, die aufgeht. Aber erst ist das Hinsehen, das Wahrnehmen von dem, was ist. Erst muss man die Katastrophe wahrnehmen, das Trauma erzählen. Dann ereignet sich der Neubeginn. Nicht aus unserer Kraft.

 

Erlebnisse im Dunkelraum

Das Erzählen gewinnt seine Gewalt erst wieder, wenn es Himmel und Hölle in Bewegung setzt, und zwar glaubhaft. Wie habe ich als Kind mitgefiebert bei Seereisen, bei der „Schatz-Insel“ von Robert Louis Stevenson! (Über Neujahr war ich mit den Kindern in einer Verfilmung.)

 

Die Schifffahrt als Modell der Seelenfahrt durch ihre Abgründe, als Bild der Odyssee des Menschen durch sein Leben auf der Suche nach seiner Bestimmung… – die Schifffahrt funktioniert so nicht mehr. Die x-tausend-Bruttoregistertonnen-Schiffe fahren ruhig durch die Brecher, wo die kleinen Segelschiffe früher auf Tod und Leben konfrontiert waren. Die Satelliten-Navigation weist dem Autopiloten den Weg, wo früher das Dunkel einer sternenlosen Nacht das Erleben in alle Abenteuer der Psyche stürzte, wo aus dem Dunkel archetypische Bilder auftauchten und die Seefahrt zu einem überzeitlichen Ereignis machten. Vergleiche nur mal das Erlebnis, mit Kindern durch einen Dunkelraum zu gehen. Das ist heute verniedlicht und zu einem Erlebnispfad in Freizeitanlagen verkommen. Ursprünglich ist das Dunkel (wie der Wald im Märchen, wie die Nacht auf See) die Folie, vor der die Kräfte aus dem eigenen Innern sich bemerkbar machen.

 

Innere Bilder für äussere Wege

Im Dunkeln orientiert sich die Psyche wie im Traum. Sie setzt Wegmarken. Sie entfaltet das einmalige, grosse Abenteuer des Menschseins, ja der Menschheit auf ihrem grossen Weg. Sie weiss nicht, woher sie kommt, sie weiss nicht wohin sie geht. Sie hat nichts als Ahnungen. Sie hat nichts als die Furcht, die sich immer wieder in Katastrophen-Ängsten konkretisiert, dass ihr Weg im Dunkeln endet. Sie hat nichts als die Hoffnung, die sie immer wieder in Herkunfts-Erzählungen vergewissert: dass sie aus einem anderen Ursprung entstanden ist, einem Ursprung, der die eigene Kraft übersteigt. Sie hofft in diesen Herkunfts-Erzählungen, dass ihr Weg einem anderen Willen folgt, so dass sie sich dort gehalten weiss – über alle Schwäche menschlicher Kraft hinaus, über all die Böswilligkeit und Unfähigkeit des Menschen hinaus, die immer nur Zerstörung zu bewirken scheinen.

 

Äussere und innere Welt

Zur Wahrnehmung der äusseren Realität, wie es Katsuhiro Otomo eindrücklich zeigt, gehört die Wahrnehmung der inneren Welt. Das Erzählen gewinnt seine Gewalt erst zurück, wenn die Mechanismen der inneren Welt, ihre Bilder und Mythen, aufgenommen werden. Das ist eigentlich schon ein Gemeinplatz im Zeitalter der Re-Mythologisierung. Die Kirche lehnt die Mythen noch ab. Die Leerstelle füllen die Fantasy-Geschichten.

 

 

Urgeschichte

Mitte 30 interessierte ich mich wieder für Religion. Und ich fand Zugang zu dem, was dem religiösen Interesse bei mir voranging. Es stammt aus früher Kindheit. Ich nannte es «Archäologie der Gefühle», weil es noch vor dem Auftreten der Sprache liegt und sich im Durchbrechen alter Gefühle bemerkbar macht.

Ich zitiere es an dieser Stelle, weil es mir hilft, die Geschichte von Iason einzuordnen. Was ist die Grösse und Verfasstheit einer Gemeinschaft, die die Lebensfragen lösen kann?

 

Aufbruch

Mach dich auf den Weg. Such deine Ängste auf, dass sie dir nicht weiterhin in den Rücken fallen. Schau dem ins Gesicht, was dir im Nacken sitzt. Und mach dich gefasst: Auch das Allerschlimmste, was du dir gar nicht vorstellen kannst, das „Loch“, das alles verschlingt, wo das Denken aufhört und die Panik anfängt – es sieht bei jedem anders aus – auch das wird dir begegnen.

 

Aber dort im Grenzgebiet, wo du die Kontrolle aufgibst, dort am Fluss, wo du spürst, dass du nur auf die andere Seite kommst, wenn du dich anvertraust, dort wird dir das begegnen, was du brauchst. Und diese Zuversicht kannst du wie einen Segen mit dir nehmen, wenn du dich auf diesen Weg machst: „Ich finde, was ich brauche.“

 

Aus Notizen 1985

 

 

Archäologie der Gefühle

Eine meiner ältesten Erinnerungen ist das „Nina-Nina-Machen“. So nannte es meine Mutter. Offenbar wälzte ich mich als kleines Kind im Bett hin und her, wenn ich aufwachte und mich alleine fand. Die Mutter war in jener Zeit viel im Geschäft. „Machst du Nina-Nina?“ fragte sie mich, wenn sie kam. Und dann war alles wieder gut. Meine Mutter war da. Und das, was gewesen war, hatte einen Namen bekommen.

 

Später im Leben erinnerte ich mich daran. Ich wiegte mich nicht mehr im Bett, aber das Gefühl kam mir bekannt vor: dass ich den Kontakt zu mir selber verloren hatte, dass ich wie aus meinem Körper gefallen war. Es war ein Stück von Ekstase. Die wiederum hatte ihre eigene Schönheit. Es war wie ein anderer Bewusstseins-Zustand. Mal konnte ich von oben auf mich heruntersehen, wie ich als Kind am Tisch sass und Schul-Aufgaben machte. Mal floh ich in diesen Zustand, wenn ich es im gewöhnlichen Leben nicht mehr aushielt. Ich floh in das Grenzgebiet, befahl meinen Räubern und war dort König.

 

Es war reine Schönheit. Glück ist etwas für das normale Leben, das stellt sich ein, wenn Wünsche sich erfüllen. Schönheit ist anders. Das denkende und wollende „Ich“, das im Streben nach Glück ganz lebendig wird, löst sich hier auf. Es geht über ins „andere“. Es verschmilzt mit dem Betrachteten. Und alles ist „schön“. Die Dinge verlieren ihre Preisschilder, die sie für das handelnde Bewusstsein haben, da gibt es kein gut und kein schlecht mehr, kein höher und tiefer. Da ist nichts Hässliches mehr. Gerade in den hässlichsten Ecken, wo das Verlassenheitsgefühl am grössten ist, ist es am schönsten. Man muss nur durch das Tor gehen.

 

Damals hat mich die Schönheit überfallen. Es war der halb-krankhafte Eskapismus eines Kindes, das nie ganz im Körper Platz genommen hat. Es war ein „Aus sich hinausfallen“, aber auch ein Hineingehen in ein Reich der Schönheit. Doch ich verbot es mir, immer wieder, definitiv im Alter um 25. Ich legte die Gedichte beiseite, die ich geschrieben hatte. Ich verpflichtete mich auf einen Weg „unten“ auf dem Boden. Ich misstraute mir und allem, was ich liebte und was ich gut kannte. So wollte ich immer auf das zugehen, was mir nicht lag. Ich wollte mir immer das auferlegen, was ich von mir aus nie gesucht hätte. Weil ich spürte, dass der Weg da hindurchführen musste.

 

Die Erinnerungen sind undeutlich. Es ist, als ob man durch das Wasser hinabsehen wollte auf den Grund. Von hinten her betrachtet, von dem her, was ich später gelernt habe im Leben, waren das Anfänge von Religion. Aber es war urwüchsig, ohne Gestaltung. Es kam, ohne dass man es gerufen hatte. Es ergriff einen und trug einen fort.

 

 

Die versunkene Kathedrale

Verfallene Ruinen! Sollte da ein Schatz verborgen sein? Auf dem Meeresgrund sind Rundbogen zu sehen – sollten sie zu jener Kathedrale gehören, die nach einer Sage auf dem Grund zu sehen ist, die Kirche einer versunkenen Stadt?

 

Kann es einen Sinn haben, dass Kinder aus sich selbst herausfallen zu unfreiwilligen „Seelenreisen“? Kommt dieses Abdriften in die Kontemplation naturwüchsig und wie ein Überfall über die Menschen, oder lässt es sich kultivieren? Gibt es einen erlaubten Umgang damit, der den einzelnen nicht schädigt und die Gemeinschaft fördert?

 

Das Heben versunkener Schätze

Lassen sich diese Erlebnisse des Kleinkindes reinigen und pflegen? Gibt es aus dem Hinausfallen eine Wiederkehr? Kann das Kind eine Mitte finden? Muss der Rausch der Ekstase verboten bleiben oder hat das Schöne ein Heimatrecht in einem recht geführten Leben?

 

Gibt es aus der Flucht eine instruierte Wiederkehr? Ist Ekstase nur Rausch, oder hat sie eine Botschaft? – Im Symptom steckt eine ganze Welt mit Himmel und Hölle.

Aber lässt sich das mit andern teilen? Ist das ein Weg zum Glauben?

 

 

Von der Archäologie zur Geschichte

 

Der Raum unter der Treppe

In dem Haus, in dem ich aufwuchs, gab es einen vergessenen Raum unter einer Treppe. Vorne war eine Türe angebracht, an der man immer vorbei ging, weil niemand sie benutzte. Eines Tages öffnete ich sie. Ich war vielleicht 10 oder 12 Jahre alt. Es gab eine kleine Lampe in dem Raum, der nach hinten immer tiefer wurde, weil darüber die Treppe lag. Hier waren Putzsachen untergebracht, aber offenbar wurden die nicht oft gebraucht. So nahm ich den Raum in Besitz. Ich habe damals gern gebastelt. Einmal fiel mir ein Stück Isoliermaterial in die Finger: dieses weisse, bröckelige Material, mit dem man zerbrechliche Postsendungen schützt.

 

Ich nahm es mit in meinen Raum und schnitzte mir daraus ein weisses Schiff. Es glich einem antiken Boot, vorne hatte es einen spitz zulaufenden, nach oben gezogenen Bug. Es war elegant und geeignet, meine Phantasien von Aufbruch und Seereisen aufzunehmen. Als ich vor einiger Zeit die Geschichte von Iason und den Argonauten hörte, erinnerte ich mich an dieses Schiff aus der Kindheit. Habe ich diese Sage damals gekannt? Sie könnte das Drehbuch abgeben für das, was sich damals in mir vorbereitete und nach Ausdruck suchte.

 

Das weisse Schiff, das ich damals schnitzte, führte mich hinaus aus der Enge. Es liess das Dunkel der Kammer unter der Treppe bald hinter sich und stach in See. Die Argo war das erste Langschiff, mit dem die Griechen sich auf die offene See wagten. 50 Ruderer wies es auf. Die grössten Helden des antiken Griechenlandes waren dabei, unter ihnen Herakles, Orpheus und Theseus. Jeder verfügte über eine besondere Fähigkeit, die bei Gefahren helfen konnte.

 

So war die Zahl 50 die Grösse, die eine Gemeinschaft haben musste, wenn sie allen Fragen gewachsen sein wollte. Die Göttin Athene hatte eine weissagende Planke beigesteuert. Damit konnten sie in der Not den Weg finden, wie – in späteren Zeiten – mit einem Kompass oder einem Sextanten. Sie sollten einen Schatz heben und das Goldene Vlies holen.

 

Damit wollte Iason sein Königtum zurückgewinnen. Er war noch ein Kind, als sein Vater von dessen Bruder entmachtet und getötet wurde. Iason wurde gerettet und vom Kentauren Chiron erzogen. Als er herangewachsen war, machte er sich auf. Er nahm seinen Wurfspiess und die Stosslanze mit, legte sich das Fell eines Panthers über die Schulter, den er mit blossen Händen erwürgt hatte, und zog an den Hof seines Onkels.

 

Unterwegs kam er an einen Fluss. Eine alte Frau bat ihn, sie auf die andere Seite zu bringen. Er trug sie hinüber und verlor dabei einen Schuh, mit dem er im Sumpf stecken geblieben war. War es Hera, die Göttermutter, die er unerkannt über den Fluss getragen hatte?

Am Hof des Onkels trug er sein Anliegen vor. Schon seine Ankunft erregte Aufsehen. Der Hof war an einem Opferfest versammelt und er erschien den Wartenden wie ein Gott, so schön war er. Der Onkel sah aber den fehlenden Schuh. Ein Orakel hatte ihn gewarnt, sich vor dem „Einschuhigen“ in Acht zu nehmen.

 

Er versprach, ihm sein Königreich zurückzugeben, erst sollte er aber eine Aufgabe für ihn erfüllen, die ihm in seinem Alter nicht mehr leichtfalle. Er solle die Gebeine des Phrixos holen, um den Vorfahren recht zu bestatten, und dessen Schatz, das Goldene Vlies. Er stellte ihm eine unlösbare Aufgabe, an der Iason zugrunde gehen sollte. Was in seiner Optik eine Strategie des Machterhalts war, machte für Iason und das Königreich aber doch Sinn. Es sollte keiner an diese Stelle gelangen, der ihrer nicht würdig war.

 

Auch im persönlichen Leben, so empfand ich schon als Bub auf undeutliche Weise, gab es jene „mission impossible“ – eine Aufgabe, die für Menschen unmöglich ist, aber nicht für Gott. Und doch muss sie gelöst werden, wenn das Leben gelingen soll. Denn zum Leben gehört auch der Tod. Auch darauf ist eine Antwort zu finden. Und auch die Liebe war nicht einfach in die Hand des Menschen gegeben, dass er einfach darüber verfügen könnte. So gab es noch vieles, das ich für mein Leben dringend brauchte, und ich konnte es nicht einfach tun und machen.

 

Iason und Christophorus

Darum gehört die Sage an diese Stelle, weil es auch die Auszugs-Geschichte meines Lebens ist, und weil Gott darin vorkommt, den ich suchte, auch wenn ich damals noch nichts davon wusste. Aber er ist gemeint, er ist im Blick, er wird gebraucht. Und er ist gegenwärtig unter vielen andern Namen, die wie Platzhalter an seiner Stelle sitzen und darauf warten, dass der Glaube zum Bewusstsein kommt und gepflegt wird. Es ist wie die Planke der Athene, die bisher schweigend in der Bordwand sass. Aber an einem bestimmten Punkt der Reise, da beginnt sie zu flüstern und zu rumoren. Und die Seher und Deuter, die um Rat gefragt werden, übersetzen die Worte der Göttin.

 

Und sie treten bewusst ins Leben und zeigen einen Weg, der jetzt nicht mehr naturwüchsig abgestrampelt wird, so wie man im Leben lange über die Trampelpfade seiner Psyche stolpert, bis man lernt, seine Schritte bewusster zu lenken. Was man bisher zufällig gefunden hat, was das Leben rettete, was Schönheit schenkte und Frieden – all das, was zur Abenteuergeschichte des eigenen Lebens gehört, das lässt sich zufällig finden, wenn wir vom Schicksal hin und her geworfen werden. Aber es gibt dort auch einen Weg, den man pflegen und begehen kann. Aus der Wildnis kann ein Garten werden.

 

Iason steht am Fluss, eine Frau bittet ihn um Hilfe. Er erfüllt die Bitte und die Göttin hört es. Es ist, als ob er sie selber über den Fluss getragen hätte. Dabei zieht er „einen Schuh voll“ heraus, genauer: er verliert einen Schuh, weil er im Schlamm stecken bleibt. Das erinnert an Christophorus, der Jesus über den Fluss trägt, und an Jakob, der am Jabbok mit dem Dämon ringt und eine Verletzung davonträgt, durch die er ein Leben lang hinkt. Aber er hat die Aufgabe gelöst, er bekommt einen neuen Namen.

 

Auch Christophorus bekommt einen neuen Namen: er heisst jetzt „der, der Christus trägt“. Wie hat er zuvor geheissen? Er war stark, sagt die Legende. Er wollte sein Leben dem mächtigsten König weihen. So geht er von einem Herrn zum andern, und kommt schliesslich zum Teufel. Dieser verfügt über Macht, kann Ruhm und Reichtum verleihen. Aber auch dieser scheint nicht der grösste und letzte. Auch der Teufel scheut sich noch vor einem andern. So will er schliesslich Gott dienen.

 

Aber jetzt muss er lachen, als er am Fluss steht: Da kommt ein kleines Kind, das auf die andere Seite will. Das kann doch nicht schwer sein?! Eine solche Aufgabe schultert man sich wie nichts! Ist da seine Stärke nicht fast verschwendet, wenn er ein kleines Kind über den Fluss trägt, statt sein Leben einer wirklich grossen Aufgabe zu widmen, die ihn herausfordert und die nur von ihm geleistet werden kann? Denn diese Aufgabe gilt es doch zu finden, die Aufgabe, die zum eigenen Leben passt. Das ist die, die nur von ihm und nicht von einem andern geleistet werden kann. An dieser Aufgabe kann er wachsen, hier kann er sich selber werden, sich finden und seinen Beitrag leisten.

 

Und jetzt kommt dieses Kind. Es ist zum Lachen! Aber – zum Teufel! – Es ist schwer, als er es aufhebt. Und als er es auf seine Schulter setzt, kann er es kaum tragen. Er reisst einen Eichbaum aus als Stütze, damit er durch den Fluss kommt. Aber er kommt nicht weit. Er sinkt ein, wie damals Petrus. Als dieser Jesus auf dem Wasser kommen sieht, steigt er aus dem Boot und will ihm entgegen gehen. Er wäre ertrunken, im Schlamm versunken, hätte das Kind ihm nicht geholfen.

 

„WER BIST DU?!“ schreit er, er ist zu Tode erschrocken.

 

So rufen auch die Jünger, als sie im Sturm über den See fahren und Jesus ihnen auf dem Wasser entgegenkommt. Sie meinen, ein Gespenst zu sehen, kein Wesen von Fleisch und Blut. „Wer ist dieser, dass ihm sogar die Wellen gehorchen und der Wind!? Und sie werfen sich vor ihm nieder. Aber er schilt sie, dass sie noch keinen Glauben haben.

 

Und so fasst auch der Christophorus Glauben. Er vertraut sich diesem Kind an, das die Last der Welt trägt als sei es ein Kinderspiel. So findet er seine Aufgabe, die Aufgabe, die zu seinem Leben passt. Sie unterscheidet sich zwar nicht von der Aufgabe anderer Menschen: dieses Kind bei sich zu tragen, Gott zu dienen. Aber er wird dabei herausgefordert auf die Weise, die nur er erfüllen kann, Christophorus, Maria, Peter, Lara, Kevin und wie wir alle heissen. Er ist immer derselbe. Sein Dienst bringt aber bei jedem etwas anderes hervor, wie die Wiese Schlüsselblumen trägt und Dotterblumen, Klee und Hafer, Weizen und Roggen und im Frühling Hahnenfuss.

(Notiz 8.1.11)

 

 

Die versunkene Kathedrale

Mit dem „Trauma“ taucht hier ein Wort auf, das von der Sache her in meinen Notizen schon lange präsent war, aber erst später einen Namen erhielt. Ich kann es hier nicht aus diesen wenigen Texten herleiten. So muss ich die Vor- und Nach-Geschichte einbeziehen.

 

Vorgeschichte

Ich kann die Notizen von der versunkenen Kathedrale aufnehmen. Sie zeigen, wie Themen schon lange vorher wirksam sind, bevor sie einen Namen haben. Es ist die Archäologie der individuellen Glaubens-Geschichte in den Widerfahrnissen der Kindheit, in den stummen Reaktionsweisen, die da gelernt werden. In den Lebens-Deutungen, die sich etablieren, noch auf vorsprachliche Weise, in den Gesten dieses Menschen, den bevorzugten Wegen, in den Trampelpfaden seiner Psyche.

 

So gibt es schon vorsprachliche Lebensdeutungen. „Religion“ werden sie erst, wenn sie kultiviert werden. Dann können sie ihre Wildheit abstossen, ihre Brutalität und das traumatisierende Beiwerk und Blendwerk, das immer wie ein Theater abläuft, wenn ein Flashback erfolgt, wenn die alten Verletzungen wieder auftauchen und die alten hilflosen Abwehr-Versuche einer frühkindlichen Magie.

 

Hier tauchen die Erinnerungen auf an den Raum unter der Treppe, an das Boot, das ich dort geschnitzt habe. Es sind Aufbruch-Bilder der Pubertätszeit.

 

Zwischenstück

Das geht dann über in die Märchen, die nach der rechten Grösse des Handlungs-Subjekts fragen: «Sechse kommen durch die ganze Welt» (welche Kompetenzen müssen sie haben?). «Tischlein deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack» (welche Ermächtigung muss dabei sein, wenn das Lebenswerk nicht immer gestohlen werden soll?). «Die Bremer Stadtmusikanten» (es ist nicht nur eine Versammlung von Ausgemusterten, jede und jeder hat auch eine Fähigkeit, die diesen „Rest“ zu einem Ganzen ergänzt). – Hier taucht die Sage von Iason und dem goldenen Vlies auf. Das Boot ist bestückt mit den grössten Helden Griechenlands. Aber was ist die Aufgabe und wie löst man sie?

 

Schluss

Das geht über in die Erzählfigur der unmöglichen Aufgabe, an der man nur scheitern kann. Aber jeder muss eine solche Aufgabe erfüllen. Am Helden wird es für alle demonstriert, was einen auf dem Weg erwartet. Die Negativ-Figuren der Handlung gehören dazu, aber man darf sich von ihnen nicht ablenken lassen. Freilich wollen sie einen Konkurrenten abhalten, einen Nachfolger verhindern. Aber das ist ohnehin sinnlos, das Alter sorgt dafür, dass jeder einmal abtreten muss, dass jeder einen Stärkeren findet. Es geht darum, dass der Nachfolger nicht schwächer ist als der Vorgänger, dass die Aufgabe auf die richtigen Kompetenzen trifft.

 

Aber was ist die Aufgabe, die so unmöglich scheint und deren Lösung darum eine ganze Kultur begründet? Ist es der Tod, der eine Antwort braucht? – So scheint es. Darum treten die Helden die Reise in die Unterwelt an, wo die Toten wohnen.

Die Frage nach dem Tod ist die Frage nach dem rechten Leben. Wie wird es seinen Aufgaben gerecht? Was muss getan werden, dass es im Einzelnen und in der Gemeinschaft Leben trägt und ermöglicht und nicht verhindert? Was hilft, das Leben zu entfalten? Wo ist ein neuer Anfang, wenn alles verstellt ist? Da sind viele Hindernisse. Manche sind sachlich zu lösen, andere scheinen jedem Versuch zu widerstehen.

 

So ist es nicht nur der Tod, der eine Antwort braucht in der „mission impossible“. Da sind auch viele Erfahrungen im Umfeld des Todes, die verletzen, die lähmen, die Zwang und Bann ausüben und den Menschen auf seltsame Ablaufwege des Verhaltens zwingen. Da ist das „grosse Loch“ der frühen Verletzung, in das der Betroffene nicht mehr fallen will, komme was wolle. Da ist das Trauma, das von einem einzelnen erfahren wird oder von einer ganzen Gemeinschaft, wenn es im Krieg erfolgte, im Bürgerkrieg, in der Verfolgung, in der Niederschlagung einer Bewegung…

 

So wundert es nicht, dass sich viele Spuren solchen Welt-Erfahrens und Welt-Deutens auch im ersten Testament finden. Gleicht es nicht einer Passion, was dieses Volk über die Jahrhunderte erlebte? Wenige Jahre lebt es in Selbständigkeit, immer wieder wird es bedroht, überfallen, weggeführt von Grossreichen und Nachbarstaaten… So erzählt es das Alte Testament, auch die frühe Kirche im Neuen Testament kann als Gemeinschaft gesehen werden, die eine traumatische Erfahrung teilte: die Verfolgung und Hinrichtung Jesu, die Verfolgung der Anhänger, das Kreuz.

 

So wundert es nicht, dass die mythologische Sprache, die schon Jahrhunderte früher von der griechischen Philosophie „entmythologisiert“ worden war, wieder auftaucht – nicht als Rückfall in archaische Zeiten, nicht als Ersatz für eine philosophische Sprache auf der Höhe der Zeit, sondern als Sprache, die nahe am traumatischen Erleben ist. Da sind Höllenfahrt und Himmelfahrt nicht Konzepte aus einer wissenschaftlichen Kosmologie, sondern gefühlsdichte Sprachbilder für die Schrecken und Seligkeiten des Erlebens im beschädigten Dasein.

 

Wer solche Erfahrungen teilt, findet sich auch in dieser Sprache wieder und er empfindet es als groben Verlust, wenn die Sachwalter der religiösen Tradition diese Sprache als „vormodern“ verwerfen. Denn hier fühlt er sich angesprochen. Hier ist einer, der diese Erfahrung teilt und ihm auf seiner Ebene entgegenkommt. Die „Höllenfahrt Christi“ ist für ihn kein „Bild einer langvergangenen Kultur“. Es ist lebendige Gegenwart. Es ist das, was ihn aushalten lässt, was ihm Hoffnung gibt. Was ihm einen Weg und eine Perspektive weist. Es versinkt nicht alles nur in jenem „Loch“. Die „Welt“ und was sie ausmacht, ist nicht nur das, was klein macht oder vor dem man sich selber klein macht, weil man vor Scham und Schande in den Boden kriechen möchte.

 

Die Offenlegung von Übergriffen, die „me-too“-Debatte und der Opfer-Diskurs haben die Tatsache und die Begleiterscheinungen von traumatischen Verletzungen in diesen Tagen bekannt gemacht. Dazu kommt das Erleben der Kinder und Enkel der Kriegsgeneration, die heute aufgearbeitet wird. Traumata können auch weitergegeben werden. Hier entsteht die „Aufgabe der Ahnen“, die von Eltern und Voreltern an ihre Kinder weitergereicht wird. Da ist etwas, was noch gelöst werden will. In der Seelsorge habe ich das oft gefunden. Sie konnten oft nicht darüber reden. Da gab es unheilvolle Ketten von Gewalt, Alkohol und „Ins-Wasser-Gehen“. Aber Kinder nehmen viel von ihren Eltern auf. Sie können eher formulieren, was ihren Eltern noch zu nahe war.

 

Ankommen

Gibt es für ihn ein Ankommen nach dem Weg? – Odysseus ist der unglücklichste der Menschen – aber das freut die Menschen, die seine Geschichte hören. Denn an seiner Geschichte wird die Frage abgehandelt: ob es nur für Glückspilze eine Lösung gibt im Leben, für Reiche, Schöne und Begabte. Oder ob der Mensch – ob jeder Mensch – Hoffnung haben kann. Und so treiben sie Odysseus mit einer wahren Lust von Unglück zu Unglück. Wenn er dem Strudel der Skylla ausweicht, gerät er in den Schlund von Charybdis.

Wenn es für ihn einen Weg gibt, dann gibt es ihn für alle Menschen. Dann gibt es Hoffnung. Und die grösste Sorge der Menschen ist beruhigt: dass die Welt nicht irgendwann einen bodenlosen Schlund auftut, wo der Mensch in der Tiefe verschwindet.

Gibt es den Weg, der ans Ziel führt? Ist jetzt genug Spannung aufgebaut um zu verstehen, was es bedeutet, wenn Christus von sich sagt: Ich bin der Weg!?

Die Lösung der alten Menschheitsfrage! Jede Kultur hat sie gestellt, jeder Mensch steht im Leben einmal davor.

 

(Aus einem Gottesdienst 2007)

 

Zusammenfassung

An vielen Orten, zu vielen Gelegenheiten stellt sich diese Frage heute: Was macht einen Staat aus? Was braucht es mindestens? Was hält eine Gemeinschaft am Laufen? Eine Zusammenfassung in Zitaten:

Heute versuchen Sozialwissenschaften eine Antwort zu geben, aus früherer Zeit erreichen uns Antworten in Form von Märchen und Sagen. «Sechse kommen durch die ganze Welt» ist so ein Text.

 

Die Erzählfigur von der „mission impossible“, die sich in vielen Zeiten und Kulturen findet, fragt, was denn eine Kultur und eine Zivilisation begründet. Neckischerweise gibt es dabei Aufgaben, die sich jenem Verhalten verweigern, mit dem Lösungen gemeinhin angegangen werden. Und die Lösung des Unmöglichen, das ist das, was eine Kultur dann begründet, so dass sie auf dieser Grundlage leben kann.

 

Pelias, der Thronräuber und illegitime Herrscher, lenkte scheinbar ein, gab Iason aber eine unlösbare Aufgabe, an der er zugrunde gehen sollte. Er solle das Goldene Vlies aus Kolchis holen.

 

Das Boot hat 50 Ruder und 50 Helden bestreiten die Fahrt. Es ist die Blüte von Griechenland, die ersten Helden, von Herakles bis Orpheus. Es ist das Bild der Autonomie. Sechse kommen durch die ganze Welt. Zehn Betende im Minjan retten die Welt. «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.» Es ist die Gemeinschaft, die das Geschick in Händen hält, sofern die „condition humaine“ überhaupt eine Autonomie erlaubt, da sich der Mensch, auch als Kollektivwesen, nicht selber erschaffen kann. Er bleibt auf das hingewiesen, was vor ihm ist und was ihm das Leben schenkt, erhält und erneuert.

 

Es ist ein Kampf auf Leben und Tod. Es geht um das Mysterium von Leben und Tod, dem sich auch dieser Held stellen muss. Jeder Held. Denn so wird einer ein Held. Es ist ein Weg, der ohne Gott nicht zu gehen ist. Er ist nur auf diesen Wegen zu gehen, die der Mythos beschreibt

 

Es sind nicht erst die Kulturforscher und Anthropologen, die diese Mythen zusammenstellen. Es ist das träumende Kind, der Kranke, der auf seinem Bett liegt und zwischen Schlaf und Wachen fiebert – sie haben Zugang dazu. Es taucht in ihnen auf wie ein Traum, ohne Wissen, ohne Verdienst. Einfach durch Leben, durch die Tatsache, ein lebender Mensch zu sein.

 

Es ist schön zu lesen, wie der Palast von König Aietes beschrieben wird. Die Hallen und Räume beschreiben einen äusseren Ort. Und indem wir der Beschreibung folgen, öffnet sich ein innerer Ort. Denn diese Bilder kennen wir, dieses Hindurchgehen durch ein Tor, Eintreten in eine Mitte, diese Flucht durch Gänge und Räume, wo das Geräusch der Aussenwelt versiegt, dieses Eindringen in eine Innenwelt.

 

Da ist die Seele könnte man sagen. Sie sitzt nicht wie der Stier im Labyrinth, dass die Seelenforscher sie finden und erlegen könnten. Es ist eher die Struktur des Labyrinthes, das ihr ähnlich ist. Es ist dieses Entsprechen von innen und aussen, was der alte Seelenbegriff meint: dass wir im Innersten etwas tragen, wodurch wir mit dem Absoluten verbunden sind. Jedes einzelne Wesen trägt auch diesen Bezug zum Höchsten in sich. So können wir die Reise genauso gut nach innen antreten wie nach aussen, um an die Grenzen der Welt zu kommen, um ihr Zentrum zu finden und einzutreten.

 

Der Mythos beschreibt den Traumweg, den wir mit traumwandlerischer Sicherheit gehen. So bin ich in die Welt getreten, so vertraue ich, dass ich im Tod den Weg geführt werde.

 

Er stellte ihm eine unlösbare Aufgabe, an der Iason zugrunde gehen sollte. Was in seiner Optik eine Strategie des Machterhalts war, machte für Iason und das Königreich aber doch Sinn. Es sollte keiner an diese Stelle gelangen, der ihrer nicht würdig war.

 

Aber was ist die Aufgabe, die so unmöglich scheint und deren Lösung darum eine ganze Kultur begründet? Ist es der Tod, der eine Antwort braucht? – So scheint es. Darum treten die Helden die Reise in die Unterwelt an, wo die Toten wohnen.

 

Die Frage nach dem Tod ist die Frage nach dem rechten Leben. Wie wird es seinen Aufgaben gerecht? Was muss getan werden, dass es im Einzelnen und in der Gemeinschaft Leben trägt und ermöglicht und nicht verhindert? Was hilft, das Leben zu entfalten? Wo ist ein neuer Anfang, wenn alles verstellt ist? Da sind viele Hindernisse. Manche sind sachlich zu lösen, andere scheinen jedem Versuch zu widerstehen.

 

So ist es nicht nur der Tod, der eine Antwort braucht in der „mission impossible“. Da sind auch viele Erfahrungen im Umfeld des Todes, die verletzen, die lähmen, die Zwang und Bann ausüben und den Menschen auf seltsame Ablaufwege des Verhaltens zwingen. Da ist das „grosse Loch“ der frühen Verletzung, in das der Betroffene nicht mehr fallen will, komme was wolle. Da ist das Trauma, das von einem einzelnen erfahren wird oder von einer ganzen Gemeinschaft, wenn es im Krieg erfolgte, im Bürgerkrieg, in der Verfolgung, in der Niederschlagung einer Bewegung…

 

So wundert es nicht, dass die mythologische Sprache, die schon Jahrhunderte früher von der griechischen Philosophie „entmythologisiert“ worden war, wieder auftaucht – nicht als Rückfall in archaische Zeiten, nicht als Ersatz für eine philosophische Sprache auf der Höhe der Zeit, sondern als Sprache, die nahe am traumatischen Erleben ist. Da sind Höllenfahrt und Himmelfahrt nicht Konzepte aus einer wissenschaftlichen Kosmologie, sondern gefühlsdichte Sprachbilder für die Schrecken und Seligkeiten des Erlebens im beschädigten Dasein.

 

Die Offenlegung von Übergriffen, die „me-too“-Debatte und der Opfer-Diskurs haben die Tatsache und die Begleiterscheinungen von traumatischen Verletzungen in diesen Tagen bekannt gemacht. Dazu kommt das Erleben der Kinder und Enkel der Kriegsgeneration, die heute aufgearbeitet wird. Traumata können auch weitergegeben werden. Hier entsteht die „Aufgabe der Ahnen“, die von Eltern und Voreltern an ihre Kinder weitergereicht wird. Da ist etwas, was noch gelöst werden will.

 

Gibt es für ihn ein Ankommen nach dem Weg? – Odysseus ist der unglücklichste der Menschen – aber das freut die Menschen, die seine Geschichte hören. Denn an seiner Geschichte wird die Frage abgehandelt: ob es nur für Glückspilze eine Lösung gibt im Leben, für Reiche, Schöne und Begabte. Oder ob der Mensch – ob jeder Mensch – Hoffnung haben kann. Und so treiben sie Odysseus mit einer wahren Lust von Unglück zu Unglück. Wenn er dem Strudel der Skylla ausweicht, gerät er in den Schlund von Charybdis.

 

Wenn es für ihn einen Weg gibt, dann gibt es ihn für alle Menschen. Dann gibt es Hoffnung. Und die grösste Sorge der Menschen ist beruhigt: dass die Welt nicht irgendwann einen bodenlosen Schlund auftut, wo der Mensch in der Tiefe verschwindet.

 

Lesen Sie: Sechse kommen durch die ganze Welt

Foto von Magda Ehlers, Pexels

Texte aus «Mission Impossible – die unmögliche Aufgabe, deren Lösung eine Kultur begründet», Notizen 2007 – 2008.

Zum goldenen Vlies

Der goldene Widder in der Sage ist der Vollmond (er steht für den „Kosmos“, die gute Ordnung in der Welt, für die Gewähr, dass nach Dunkel wieder Licht kommt, nach der Ebbe die Flut, nach dem Tod das Leben). Der Drache, der zu besiegen ist, wenn man sein leuchtendes Fell zurückholt, ist die Nacht, das Dunkel, die Kraft, die den Vollmond klein macht, auffrisst und zum Verschwinden bringt.

Dargestellt wird der Drache durch die Milchstrasse, die sich mit einem Panzer von leuchtenden Schuppen durch den Himmel ringelt. Aus ihm entstehen die Drachenzähne (die Spitzen des zu- und abnehmenden Mondes), die der König jeweils in das Feld sät, wenn er es mit den Ochsen pflügt. Daraus erwachsen bewaffnete Krieger, die er besiegen muss.

Das ist der kosmogonische Kampf der Antike. So geht die Wirklichkeit ihren Weg durch Flut und Ebbe des Flusses (Drachens), durch Auf- und Niedergang der Gestirne, durch Tod und Leben. Vgl. dazu Koneckis: Mythen und Märchen, was uns die Sterne darüber verraten, Stuttgart 1994.