Nationaler Feiertag
Der Nationalfeiertag ist überall verschrien, wo der Nationalismus in der Geschichte schreckliche Ereignisse hervorgebracht hat, insbesondere in Europa. Seit dem 19. Jh. entfaltet der Nationalgedanke grosse Gestaltungskraft. Er kulminiert mit der Auflösung übernationaler Grossreiche nach dem Ersten und zweiten Weltkrieg. Hier kulminierte auch die zerstörerische Wirkung, die er entfalten kann. Danach suchte man das Heil eher wieder in neuen übernationalen Konstrukten wie der EU, der UNO und in internationalen Verträgen. Doch diese haben an Strahlkraft eingebüsst. Wohin also mit dem Nationalfeiertag?
Das Thema ist verstellt von Ausrufe- und Fragezeichen, von Auftrumpfen und von Ideologie. Ich will bei mir selbst anfangen und fragen, wie es mir damit geht.
Ein Nicht-Thema
Erster August, dazu fällt mir zuerst mal nichts ein. Das Feiern des Nationalfeiertags kommt nicht mal vor in meinem Kalender. Wir feiern ihn in der Familie als Vatertag. Vielleicht auch etwas in Opposition gegen die nationalkonservative Partei, die diesen Tag als neuen Feiertag in der Verfassung verankerte, während religiöse Feiertage unter Druck stehen, weil die Verlängerung der Arbeitszeit hier vermeintlich am einfachsten politisch durchzusetzen ist.
Stolz
Aber natürlich: Ich bin froh, in der Schweiz zu leben. Wenn ich sehe, wie die Verantwortlichen auf den Bergsturz reagieren, wie kompetent und nüchtern, dann spüre ich auch etwas Stolz darauf, «ein Schweizer zu sein». Das ist die Eigenart dieser Leute, denke ich dann. Das ist ein Menschenschlag, wie er hier vorkommt. Aber ich habe leicht reden, ich weiss nicht, ob ich so nüchtern und kompetent reagiert hätte. Das bestätigt mein Misstrauen gegen allen Nationalstolz, der es ermöglicht, sein Selbstwertgefühl billig aufzuplustern, indem man sich einem Kollektiv zurechnet, während es doch darauf ankäme, selber etwas zu leisten, und wenn das nicht gelingt, an sich zu arbeiten… Aber das ist auch wieder eine Reaktion, die vielleicht typisch schweizerisch ist, oder typisch für diese Kultur, die von Armut, Arbeitsmoral und Christentum geprägt wurde.
Von der Kultur zur Masse
Jetzt tauchen die grossen Themen auf, die Kultur, all das, was die Schweiz mit andern teilt und woraus sie hervorgegangen ist. Die Täler, in denen die Schweizer leben, sind mit Städten verbunden. Sie stehen im Austausch mit Zentren im Ausland, sind über Pässe mit ganz Europa verbunden, und über die fremden Häfen mit der ganzen Welt. Schon in der Antike war die Schweiz Teil des Römischen Reiches. Sie war abgelegen durch die Topgraphie, aber verbunden durch Handel und Austausch. Es war eine «Globalisierung vor dem Flugzeug». Aber es geschah noch nicht in solchen Massen, sodass die Begegnung noch unter dem Titel «Kulturkontakt» laufen konnte. Es war kein Zusammenprall, nicht dieses massenhafte Überrennen fremder Strände und ferner Touristenziele.
Grenzen
«Die Grenzen des Wachstums» hiess ein Buch in den 70er Jahren, als man entdeckte, dass sich die Wirtschaftsgesellschaft auf Kollisionskurs befand mit den endlichen Ressourcen der Welt. Ich fragte mich damals immer, was passiere, wenn die exponentiell wachsenden Zahlen auf eine äussere Grenze stossen. Beginnen die Kurven dann zu schlenkern? Gibt es einen Absturz wie an der Börse? Jemand sagte mir damals, die Wachstumskurve würden schon vor dem Zusammenstoss abflachen, weil die Preise die Entwicklung abpufferten. So könnte die Wachstumsgesellschaft sanft in eine Wirtschaft übergehen, die in Übereinstimmung mit den ökologischen und wirtschaftlichen Grenzen stünde.
Kollusionskurs?
Ich bin kein Fachmann. Mir scheint, der Kollisionskurs ist nicht bereinigt. Fast täglich wird irgendwo ein neues Kapitel aufgeschlagen mit neuer Produktion, neuer Pollution. So wie die Chemieindustrie jeden Tag neue Stoffe kreiert, die es noch nie auf diesem Planeten gegeben hat und von denen völlig unbekannt ist, wie sie mit dem Bisherigen koexistieren: ob die Lebensformen das ertragen. So ziehen sie durch die Schlagzeilen, die Ewigkeitschemikalien, die nicht abbaubar sind, die Viren, die aus dem Labor entweichen, die psychoaktiven Stoffe, die zweckentfremdet und im Internet als Rauschmittel verkauft werden. «Die weltweite Produktion von Chemikalien wird sich bis 2050 voraussichtlich verdreifachen», schreibt das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung 2024. «Einmal im Umlauf, könnten sie die biologische Vielfalt verringern.»
Vergewisserung
Ein Nationalfeiertag ist keine Gelegenheit für Untergangsängste. Aber wenn sie da sind, ist er die Gelegenheit, solchen entgegen zu treten. Dazu hilft die Vergewisserung, dass es immer noch einen Bestand von Haltungen und Werten gibt, die so viele Menschen teilen, dass der Staat, die Gesellschaft und die Wirtschaft sich erhalten und reproduzieren können. Aber an vielen dieser Säulen nagt der Rost, vieles wird bezweifelt und bekämpft, manches über Bord geworfen in der Verfolgung von partikularen Interessen.
Ja, ich bin in den 76 Jahren meines Lebens konservativer geworden, ich sehe vieles als Gefahr an und meine, dem Neuen in einer Haltung der Abwehr und Verteidigung gegenüber treten zu müssen. Dass das Alte funktioniert hat, habe ich erlebt, aber das Neue? So muss ich, bevor ich es noch im Einzelnen geprüft habe, dem Neuen pauschal einen Bonus zugestehen. Denn, ob es die Wirtschaft und die Gesellschaft, den Staat und die Kultur wirklich weiterbringt, das kann ich nicht testen. Selbst die Fachgesellschaften, in denen sich die Fachleute austauschen, haben dafür Labore eingerichtet. Denkfabriken nehmen diese Arbeit den Parlamentariern ab, die von der Aufgabe ebenfalls überfordert sind.
Kinder und Enkel
Das gilt wohl für uns alle und auch am 1. August: die Zukunft scheint uns zu überfordern, weil die Aufgaben neu sind und die Lösungen noch unbekannt. Mit Angst und Pessimismus können wir sie nicht gestalten. Die Zukunft, das sind unsere Kinder und Enkelkinder. Wir wollen ihnen ein schönes Land übergeben, eine Umwelt, die Leben ermöglicht und nicht gefährdet, eine Kultur, die ihnen erlaubt, sich selbst zu erkennen, Ziele zu formulieren und zu gestalten. Alte Leute wie ich sollen zurücktreten. Ihr Amt ist, der neuen Generation zu helfen, sie zu stützen und zu segnen. Auch wenn es schwierig ist, den Mund zu halten. Aber die Jungen sind jetzt am Drücker.
Foto von Germán TR, Pexels









