Talmigold und Gold der Religion

Tauschen scheint das Friedlichste, was es gibt. Aber nicht, wenn Elfenbein gegen Glasperlen getauscht werden oder gegen Schnaps. Doch gibt es immer wieder Schlaumeier, die mit Talmigold bezahlen. Auch die Kulturgeschichte kennt solche Tauschverhältnisse und auch die Religion ist betroffen. Seit Jahrhunderten werden ihre Werte angeeignet und durch billige Imitate ersetzt. Ist Religion eine Kolonie? Oder gibt es auch hier eine Entkolonisierung, wie in der Politik der 50er Jahre?

Der Tausch
Ich habe ein Buch gekauft, es schien von Religion zu handeln, tat es aber nicht, obwohl alle Begriffe auftauchten. Das Schema ist immer wieder dasselbe: sie verstehen sich als Kulturschriftsteller und betreiben das Substitutionsgeschäft. Sie zitieren grosse Gedanken aus Jahrtausenden und holen den Respekt für diesen Tiefsinn ab. Und ersetzen den Gottesbegriff durch Statthalter, den religiösen Bezug durch empirische Grössen. So geben sie sich doch als Autoren zu erkennen, die klar auf Seiten der «Moderne» stehen und mit diesen naiven Phantasten nichts zu tun haben.

Etwas geht zu Ende
Im Rückblick auf viele Jahre der Beschäftigung mit Religion und Glauben scheint es mir zwei Schritte zu geben, die Weichen stellen und einen Weg zur Ernsthaftigkeit weisen können. Ich möchte es «Das Ende der Rollenprosa» und «Das Ende der Allegorie» nennen. Es waren Ereignisse, die sich auch in meiner religiösen Biographie abgezeichnet haben, so kann ich Erfahrungstexte zitieren aus meinem Tagebuch:

Das Ende der Allegorie
«Vor Monaten hat sich etwas Neues in mein Gebetsleben eingeschlichen, unmerklich, von den Rändern her. Schon früher hatte ich manchmal, als paradoxe Gedankenspielerei, den Satz ausgesprochen: „Wenn wir ernst nähmen, wovon wir immer sprechen: Gott – dass es ihn wirklich gäbe …!“

Dann rutschte der Satz in mein Gebet. Und ich versuchte mir vorzustellen, dass dieser Gott, von dem ich immer redete, zu dem ich selbstverständlich immer betete, wirklich lebte! –

Es war eine Sensation wie ein Erdbeben: Eine Kruste brach auf, vom Magen her sprudelte etwas auf und überschwemmte mich, es ging durch alle Glieder…

Es war ein Gefühl ungeheurer Freiheit. Wenn Gott lebt und der Welt gegenübersteht, so lebe auch ich und stehe der Welt gegenüber! Dann bin ich frei – in meiner Fülle festgestellt, und gerade dadurch frei, mich ins Einzelne zu verlieren!» (Text 1990)

Eine andere Weichenstellung hängt mit der Stellung der Kirche zusammen:

Rollen-Prosa
„Alle Welt spricht Rollen-Prosa. Alle reden uneigentlich. Man hat es verinnerlicht, dass alles, was aus dem Radio kommt, nicht so gemeint ist: die Werbung in der Wirtschaft, die Werbung in der Politik, die Event-Werbung in der Kirche.

Es gibt verschiedene Motive für das, was die Kirche sagt oder nicht sagt, verschiedene Filter für das, was ein Pfarrer verkündigt oder nicht verkündigt. Ein Filter ist auch die Stellung der Kirche in der Gesellschaft.

Das ist ja das Resultat eines langen historischen Prozesses. Seit der Antike gibt es Auseinandersetzung zwischen den Machtträgern um die Definitionsmacht im religiösen und sozialen Bereich. Das geht von der Einheit der religiösen und weltlichen Macht im antiken „Cäsaro-Papismus“ bis zum Streit zwischen Kaiser und Papst im Mittelalter. In unserer Zeit ist die Kirche domestiziert. Die Grundfragen des politischen und gesellschaftlichen Zusammenlebens sind säkularisiert, sie sind dem Zugriff der religiösen Instanzen entzogen.

Was ein Pfarrer sagt
Diese Stellung der Kirche in der modernen Gesellschaft und Kultur prägt auch die Sprache, die einem Pfarrer zur Verfügung steht: Was kirchliche Amtsträger sagen können, ist weitgehend normiert. Es gibt enge Toleranzgrenzen für ihre Äusserungen. So entdeckt ein Pfarrer, je länger er im Amt ist, je länger er sozialisiert wurde in diesem Amt, dass er eigentlich nur noch Rollenprosa absondert. Wenn er nicht anecken will sagt er, was erwartet wird, was der Rolle der Kirche und der Pfarrer in der Gesellschaft entspricht.

Entspricht er der Rollenerwartung, so wird das honoriert. Widerspricht er der Erwartung, wird es sanktioniert. Die Belohnung für ein Entsprechen ist eine Art von gleichgültiger Akzeptanz. Sie ist gemischt mit Geringschätzung. Denn der Pfarrer sagt ja nur, was von ihm erwartet wird und was der Stellung der Kirche in der Gesellschaft entspricht. Das kennt man schon, bevor er den Mund aufmacht.

Weicht er ab von dem, was erwartet und toleriert wird, so wird er sanktioniert. Das geht vom Nicht-Beachten, Ignorieren bis zum Lächerlich-Machen, an den Rand stellen, Skandalisieren…

(Den Narren zu machen ist eine Form, die Rolle zu übernehmen und ihr zugleich zu widersprechen.)

Das Ende der Ironie
„Ich muss wieder lernen, eigentlich zu reden. Wenn ich Nachrichten im TV schaue, gibt es eine Sorte von Nachrichten, die den Stempel der Wahrhaftigkeit an sich tragen: dort wo Menschen von einer Katastrophe betroffen sind. Da fällt die Rolle, die Distanz, das Tun-Als-Ob ab.

Ironie
Für mich kommt noch etwas dazu: ich kann die ironische Distanz aufheben. Mit der Ironie versuchte ich, zwei Dinge zu verbinden: das Festhalten an etwas, das mir wichtig ist, und das Wissen, dass es in der umgebenden Gesellschaft keinen Wert hat. So sprach auch ich uneigentlich vom Glauben. Er ist mir wichtig, ich war bereit, dafür die Arbeit als Journalist „im Zentrum dieser Kultur“ aufzugeben und in eine Nische zu gehen (ich hätte auch Bibeln abgeschrieben in einem Kloster). Aber ich wusste, dass das eine Nische ist, ohne Weg zum Zentrum, belächelt, geduldet, aber ohne Bereitschaft zum Zuhören, dort, wo es zählt.

Ich habe es Gott überlassen, die Differenz aufzuheben: „Sie werden es merken, was wirklich zählt“. „Was einer glaubt und lebt, das kommt über ihn selbst.“  Auf die Länge kann das nicht aufgehen. So redet ein verbitterter alter Mann, der seiner Wahrheit nicht mehr zutraut, dass sie die Mehrheit erobern kann. Der es sich in seiner Nische recht macht. Aber die andern müssen selber schauen.“ (Text 2012)

Das gesammelte Schweigen
Hier wird das Tun als ob überschritten, das Reden ohne Verbindlichkeit, wo man immer von Gott redet, aber ihn draussen hält. Was wäre aber, wenn es diesen Gott, von dem wir immer reden, wirklich gäbe? Das ist auch eine Antwort auf die Substitutions-Intellektuellen, die die religiöse Tradition beerben, aber das Wort Gott überall herausnehmen wie in der Erzählung von Heinrich Böll über «Dr. Murkes gesammeltes Schweigen». Im Zug der kulturellen Kehrtwende nach dem Krieg – so die Erzählung – wurde das Wort «Gott» aus einem Radio-Vortrag gestrichen, so dass das Fehlen ein Schweigen hinterliess. Im Lauf des Vortrags kam eine ganze Menge von Leerstellen zusammen. Im Zug einer Kehrwende von der Kehrtwende gab es aber wieder eine Nachfrage, so dass man das Wort wiederverwenden konnte.

Ich bin froh, bin ich Pfarrer einer Kirche, die – wiewohl eingetaucht in eine Kultur des Allegorisierens und der Rollenprosa – den Auftrag zur Verkündigung noch in der Kirchenordnung stehen hat. So sind wir «eigentlich» zur Verkündigung verpflichtet, wenn wir denn das uneigentliche Reden aufgeben wollten.

 

Lesen Sie das Streiflicht «Rückblick auf den Fortschritt»
Foto von Carolina Spork, Pexels