Lektionen beim Fischen
In der Reklamebeilage unserer Zeitung erzählt ein Fischer von seinem Hobby. Schon als Bub war er jeweils um 05.00h am Wasser. Oft war es so kalt, dass er kaum die Rute halten konnte. „Ich wurde damals oft belächelt. Aber das war ok für mich. Wenn man etwas so sehr will und so erfolglos ist, dann muss man sich schon fragen, was man da eigentlich macht. Aber gleichzeitig wusste ich auch, dass ich eine gute Zeit hatte da draussen.“
Erfolg und Misserfolg tauschen ihre Plätze
Im Misserfolg begreift er, was ihm eigentlich wichtig ist. Er hat sich über sich selbst getäuscht. Und Erfolg und Misserfolg tauschen ihre Plätze.
Der Reporter insistiert, ob er denn jenen „grossen Fisch“ nicht einmal gefangen habe, von dem doch jeder Fischer träume? Und der Fischer erzählt von einem Erlebnis in Kanada. Er will gar nicht fischen, geht aber mit Gästen eines Lodge mit hinaus und wirft auch eine Leine aus.
„Nach 20 Minuten hatte ich einen Riesenfisch an der Leine. Er war 115 cm lang, ein richtiges Urtier. Mir war sofort klar: ich schenke ihm das Leben. Doch als ich den Haken aus dem Mund lösen wollte, verletzte ich ihn so sehr, dass ich ihn töten musste. Dieses Erlebnis hat mir einen Traum geraubt. Ich hatte immer vom kapitalen Fisch geträumt, doch nun fing ich ihn ausgerechnet, als ich gar nicht fischen wollte.“
Der Erfolg, als er eintritt, entpuppt sich als Irrtum. Ein Traum zerfällt. Neue Ziele finden Platz.
Ein besonderer Moment
Er beginnt später, mit Fliegen zu fischen. „Man imitiert mit der Angel und einer künstlichen Fliege die Landung eines Insekts auf der Wasseroberfläche. Das ist reine Poesie. Der Fisch beisst nur mit der Lippe in den Köder. Wenn man die Spannung nicht hält, kann er leicht entwischen. Der Gedanke, dass der Fisch auch eine Chance hat, gefällt mir. Es ist immer ein besonderer Moment, wenn sich ein Fisch kurz zeigt – und dann wieder entschwindet. Die Fische, die davonkamen, waren seltsamerweise immer die schönsten.“
Der Fisch zeigt sich – und entschwindet. Es ist das Erlebnis der Kontemplation in der Natur, das Sich-Zeigen, von dem schon die alten Griechen sprechen. Da ist Schönheit, Wahrheit, Begegnung mit der Wirklichkeit. „Es zeigt sich.“ Der Mensch reagiert mit Staunen, Stille, Ehrfurcht.
Ein Unnennbares – es zeigt sich im Baum, im Blatt, das niederfällt, in einem Fisch, der emporspringt, in einem Reh, das aus dem Unterholz auftaucht, stille steht – die ganze Welt scheint stille zu stehen – und schon ist es wieder fort.
Es ist, als belausche man ein Geheimnis. Darf man das? Übertritt man so nicht eine Schwelle? Man umgibt den Ort mit Ehrfurcht. Hier wird man wieder herkommen, wenn man ein Gebet in sich trägt. Die Späteren sprechen von den „heiligen Hainen“ im antiken Griechenland.
Wenn etwas zusammenkommt
„Fischen bedeutet für mich heute einfach, draussen zu sein. Man konnte auch sagen: Glück zu empfinden.“
„Ich habe mich immer schon gern an den Rändern bewegt. Ich beobachte gerne. Mich fasziniert, dass beim Fischen wie beim Fotografieren alles in einem Moment zusammenkommt. Es kommt auf viele Dinge an. Und man kann gewisse Sachen nicht erzwingen.“
In einem Moment kann es zusammenkommen, man kann es nicht erzwingen. So hat er den Erfolg verlernt, er wurde von den Kameraden belächelt und hat etwas gefunden, was er „Glück empfinden“ nennt.
Foto von Jessika Arraes, Pixel
Aus Notizen 2016









