Eine Wende in Israel?
Was in der Luft liegt, sind nicht nur die geopolitischen Umwälzungen in Europa, USA und Asien. Als Satellit der USA im Nahen Osten hat auch Israel daran teil, auch dank eigener militärischer Erfolge, die allerdings waffentechnisch und finanziell von den USA und Europa unterstützt sind. Es stellt eine technologisch singuläre Macht in der Region dar, symbolisch zusammengefasst in der Verfügung über Atomwaffen. Mit der atomaren Aufrüstung des Irans ist diese Überlegenheit in Frage gestellt worden.
Die Überlegenheit ist eine Sicherheitsgarantie wie die Existenz eines Staates Israel. (Das war das Urerlebnis der Nazi-Zeit: es gab keinen Ort, in den man fliehen konnte.) Jetzt gibt es endlich einen solchen Ort. Allerdings gibt es in der Nachbarschaft noch Gruppen und Staaten, die sein Existenzrecht bestreiten. So sind die Atomwaffen eine «Verlängerung» der Eigenstaatlichkeit, beides zusammen macht die Lösung aus, endlich einen Ort zu haben, wohin Juden ziehen können, der ihnen mit den Mitteln eines Staates hilft. Und nicht nur als Zuflucht und Hilfe: als Ausprägung der Daseinsrechte dieser Gemeinschaft, ihres Glaubens und ihrer Kultur.
Wende?
Wäre jetzt der Zeitpunkt da, dass in die ganze Sache allmählich eine Wende eintreten könnte? Israel ist militärisch derart erfolgreich, dass in Teilen der Bevölkerung, in den Rechtsparteien, immer neue Forderungen auftauchten.
Immer mehr von den alten Verheissungen schien jetzt realisierbar. Als könnte man die Bibel direkt zitieren, so nah an der Einlösung schien man zu stehen. Die alten Verheissungen an Abraham, Isaak und ihre Nachkommen schienen für die Gegenwart gesprochen. Gotteszeit und Menschenzeit waren aneinander angeschlossen. Man lebte wieder wie weiland unter Moses, als das Volk ins Gelobte Land einzog. Bald würde der Messias kommen und seine endgültige Herrschaft aufrichten. So in der religiösen Interpretation einzelner Gruppen.
Der Zwang des Erfolgs
Israel ist derart erfolgreich, auf dem Schlachtfeld, dass eine «endgütige Lösung» nahe scheint. So kann es nicht zurück, im Gegenteil, jeder Erfolg erhöht den Druck nach mehr. Denn es sind «nur noch zehn Minuten bis Buffalo». Man steht kurz vor dem Ziel. Dann, ja dann wäre der Erfolg da. Aber die Wirklichkeit gleicht eher diesem Gedicht von Fontane, wo ein Schiff brennt und alle Segel setzt, alle Kohlen verheizt, um noch den rettenden Hafen zu erreichen. Der Kontrast zwischen idealen Zielen und begrenzten realen Möglichkeiten wird immer grösser.
So kann die Dynamik zu einer Implosion führen. Israel überdehnt seine Kräfte, wenn es den Gazastreifen besetzen und das Westjordanland besiedeln will, wenn es die Nachbarn in Schach halten will und die internationale Gemeinschaft an seiner Seite behalten. Und die liefern ja Munition und Technologie, Geld und Unterstützung.
Implosion
Israel überdehnt seine Aktionen, sein militärisches und politisches Ausgreifen. Es wird vielleicht nichts sein, was von aussen eingreift, kein Staat, keine Entwicklung, die das von aussen beendet. Es ist seine eigene Dynamik, die einen Rückzug erzwingt. Vielleicht werden andere Akteure dann nachstossen, die Gunst der Stunde nutzen, so wie Israel in den letzten Monaten jeden Vorteil ausgenutzt hat und immer neue Forderungen erhoben und immer neue Vorstösse unternommen hat. Wird die Regierungskoalition das aushalten? Wird die Erschütterung die Parteienlandschaft stehen lassen? Die Auseinandersetzung wird wohl hart ausfallen, auch im Innern, weil alte Wege nicht mehr gangbar sind.
Schon die bisherigen Kriege haben ein Terrorpotential für Jahrzehnte geschaffen. Ganze Generationen wurden traumatisiert. Es wird nicht reichen, eine «Verwaltung» aufzubauen. Wer die unterworfenen Gebiete «befrieden» will (die heutige NZZ redet nicht von «Frieden») muss über Jahrzehnte präsent sein, die Folgen der Traumatisierung aufnehmen und die Menschen darin begleiten.
Ist der Moment gekommen?
Sollte der Moment gekommen sein, wo die Expansion stoppen und ein Kompromiss gesucht werden könnte, bevor die Bewegung sich umkehrt und Israel implodiert wie ein Ballon, dem die Luft entweicht?
Ein anderer Gedanke, der mit diesen Nachrichten vom Schlachtfeld verbunden ist und der Frage, wann eine Wende wohl eintreten könnte: Er betrifft den «Urknall», der mit seinem Donnern die ganze Nachkriegszeit erfüllte. Ob dieser Knall vielleicht verebben könnte, dass im kleiner werdenden Lärm gewisse Dinge wieder hörbar werden. Dass wieder ein Gespräch möglich wäre und etwas Neues anfangen könnte.
Der Versuch der Nazis, ein ganzes Volk zu vernichten, mit «industriellen» Mitten – es ist fast unmöglich, davon zu schreiben, es ist gegen jedes menschliche Gefühl, gegen jede Vernunft, gegen jede Haltung, die ein Mensch einnehmen kann, gegen jede Ordnung, welche den Menschen ein Leben und Zusammenleben erlaubt. Es ist das Ende des Formulierbaren so dass das Schreiben darüber stolpern muss und sich kaum wieder auffangen kann. –
Versiegelt und eingepackt
Es ist ein Ende, so total, dass kein neuer Anfang denkbar scheint. Und doch muss das Leben neu beginnen, und doch beginnt das Leben immer wieder neu. Es wächst am Strassenrand, es wächst zwischen den Pflastersteinen, es wächst, weil es wachsen muss, ob man das will oder nicht. Und es wächst auf allen Schlachtfeldern dieser Welt, sogar in Hiroshima und Nagasaki – wir erinnern uns dieser Tage an den Atombomben-Abwurf vor 80 Jahren. Das sind Namen, die auch ein absolutes Ende markieren.
Es ist ein Ende für unser Denken. Das Leben ging weiter, nicht weil man eine Lösung gefunden hätte. Man hat «das Übergrosse» eingerahmt, eingefriedet, in einem Sarkophag gepackt. (Diese Lösung wird heute immer mehr auch für Umweltschäden gewählt. Wo ein Gebiet überstark vergiftet wird, ersetzt man den Boden nicht – man hat nicht endlos gesunde Erde, um alle Gifthalden sanieren zu können – man versiegelt es und packt es in einen Sarkophag wie die verstrahlten AKWs in Tschernobyl.) Und erst nach Jahrzehnten werden die Verbrechen beim Namen genannt und angesprochen. Erst jetzt kommt, Generationen später, ein politischer Streit hoch, Forderungen werden erhoben, abgewiesen, die ganze Ungeheuerlichkeit, die die Politik überfordert, steht da und bedrückt das Gemüt der Menschen, lähmt sie und überzieht die Kultur mit Bildern von Endzeit und Unlösbarkeit.
Gibt es ein nachher – nach der Shoah?
Jetzt wird der Bombenabwurf von Hiroshima und Nagasaki auf neue Weise angesprochen, jetzt die Shoah, es sind Endpunkte, die als solche respektiert wurden, indem man sie als unlösbar versiegelte. Jetzt, nach Generationen, wenn die traumatische Erstarrung weicht, sucht man nach einem Umgang damit, der nicht «Ende» heisst. Man öffnet einen Spalt im Sarkophag. Was wäre das, was «Neuanfang» heissen könnte und was den Menschen heute ein Weiterleben ermöglichte? Gibt es eine Vergebung für Hiroshima und Nagasaki? Eine Versöhnung nach der Shoah? Wer müsste und könnte eine solche Vergebung aussprechen?
Könnte die Bibel da einen Weg weisen? Sie wird immer wieder von Menschen angegangen, die gegensätzlich Forderungen stellen. Gerechtigkeit wird eingefordert, aber auch Vergebung. Ohne das Recht auf Leben und Würde geht es nicht. Aber Menschen brauchen auch Vergebung, wenn Leben möglich sein soll. Die Bibel übergibt die Frage Gott. «Rächt euch nicht selbst», heisst es im Ersten und Zweiten Testament, in der Bibel der Juden und der Christen.
«Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes! Denn es steht geschrieben: »Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr.« (Römer 12,19, nach 3Mo 19,18; 5Mo 32,35)
Wie sollte so etwas möglich sein?
Vergebung im Kontext historischer Traumatisierungen folgt anderen Gesetzen als Vergebung im individuellen Leben. Aber da sie doch von realen Menschen getragen sein muss, ist es auch nicht ganz davon losgelöst. So gelten einige Einsichten zur Vergebung auch hier.
Die christliche Bibel bringt dazu eine paradoxe Erzählung. Jesus rettet einen Gelähmten. Er sagt ihm zu, dass seine Sünden vergeben seien. Darauf ist er von seiner Lähmung befreit. (Mk 2) Dass ein Gelähmter aufstehen und sein Bett heimtragen kann, scheint ein Wunder. Die Umstehenden staunen. Jesus hob aber kein Naturgesetz auf, er vergab ihm die Sünden. Vergebung ist kein ethischer Akt, sondern ein religiöser, er beschreibt kein Tun, sondern ein Glauben. Alle Anstrengung nützt hier nichts. Auch mit dem besten Willen der Welt kann man sie nicht machen. Es geht um ein zerstörtes Vertrauen, das geheilt und wieder hergestellt wird – Vertrauen zu sich und andern Menschen, Vertrauen zu dieser Wirklichkeit, die als absurd und zerstörerisch erlebt wurde.
Paradoxerweise kann der Gelähmte danach aufstehen und sein Kranken-Bett nach Hause tragen. Vergebung hat diese Kraft, wie die Erfahrung unter Menschen lehrt. Schuld und Schuldgefühle können blockieren und lähmen. Sie können ein Leben verdüstern und in einem Wechsel von Vorwurf und Rechtfertigung gefangen halten. Vergebung schenkt einen neuen Anfang.
Wäre diese Zeit jetzt da?
Ist unsere Zeit vielleicht der Ort, wo Israel zu einer Eigenstaatlichkeit findet im Kompromiss mit den Forderungen anderer Menschen, die in diesem Gebiet leben und die von den Schutzmächten einst ebensolche Zugeständnisse auf Eigenstaatlichkeit erhalten haben.
Ist unserer Zeit vielleicht der Ort, wo die Shoah nicht nur erinnert wird als Ereignis ungeheuerlicher Verbrechen, sondern auch als Etwas, das in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit Gott übergeben wird, dass er den Knäuel löst von Recht und Vergebung. Damit es auf Erden wieder grün wird, damit die Selbstbestrafung aufhört, die Selbstablehnung, die Selbstkasteiung ohne Aussicht, je auf diesem Weg Vergebung zu erlangen.
Damit die Menschen aus der Erstarrung traumatischer Verletzung aufwachen können, ohne in den Aktivismus von Rache und Terrorismus verfallen zu müssen. Denn das liegt auf dieser Zeit wie ein dunkles Vermächtnis, die Angst vor dem, was daraus erwächst. Ob wir die Zeit nutzen können, die vielleicht nur kurze Zeit, die sich eröffnet, in der eine Friedenslösung möglich ist?
Foto von Alexis B, Pexels









