Gespräch vor dem Vorhang
Im Buch Hiob treffen sich Gott und Satan vor dem Vorhang zu einem Gespräch, bevor das Stück losgeht. Im Stück, da fallen die Hiobs-Botschaften, da ist nichts sichtbar, was noch helfen kann. Aber vor dem Stück, vor dem Vorhang: ist da noch etwas zu finden, was weiterführt?
Vom Nullpunkt aus
Vorwort
«Manchmal scheint es, als ob die Bibel eine Pause einschaltete. Wenn es besonders kritisch wird, scheint sie einen Moment anzuhalten: Verhält das auch in Extremsituationen?
Kann man von Gott auch erzählen, wenn fast alles zugrunde geht, von dem das Leben, Glauben, Hoffen zehrt in diesem Leben? Oder kann man dann nur noch verstummen?
Und sie erzählt von Hiob und seinen Freunden. Sie wollen ihn trösten, aber sie werden von der Gewalt seiner Erfahrung niedergezwungen. Sie sitzen neben ihm in der Asche und schweigen.
Ja, «nach sieben Tagen» beginnen sie wieder zu reden. Wir können nicht ohne Gottesrede sein, die Atemluft würde uns fehlen. Die sieben Tage stehen für Jahre, für historische Epochen, für Generationen, die sich ducken unter der Gewalt traumatischer Erfahrungen, wie sie die Geschichte immer wieder über die Menschheit bringt – über Mensch und Tier und die ganze Erde.
Heute sind es Artensterben und Klimakrise. Wie sollten wir da von Gott reden?
Vor dem Vorhang
Die folgenden Texte berichten von solchen Pausen, wo das Gespräch stockt, wo der Glaube sich vergewissern will, wo er zuhört, was vor dem Vorhang gesprochen wird. Im mythologischen Bild treffen sich Gott und Satan dort zu einem Gespräch, bevor das Stück beginnt.
Spätere Jahrhunderte haben dieses Gespräch in den Menschen hinein verlegt. Was die Inhalte ausmachen wird, wie von Gott gesprochen wird, wie der Glaubende der Verzweiflung widerstehen kann, wird nicht in einer mythologischen Rahmenhandlung erzählt, es wird im Menschen selbst gesucht. Was sein Leben und seine Interessen ausmacht, das bestimmt auch Möglichkeiten und Grenzen, wie die Rede von Gott ergehen kann.
Vom Jenseits in die Sprache
Es sind «Bedingungen der Möglichkeit», wie etwas überhaupt Gegenstand des Bewusstseins werden kann. Früher erkannte man diese Bedingungen in den Strukturen des Bewusstseins, dann der Sprache. Man sprach von einem erkenntnistheoretischen «Apriori», von «erkenntnisleitenden Interessen», von «Gelingensvoraussetzungen der Kommunikation». Auch wenn die Voraussetzungen immer flüssiger wurden, auch wenn sie nicht mehr an einem metaphysischen Jenseits festgemacht werden konnten, sollten sie doch noch ein Gespräch erlauben, das eine Verständigung über Wahrheit, Gerechtigkeit und Schönheit möglich macht.
«Glauben ist das allergrösste Abenteuer, das der Menschheit heute aufgegeben ist», heisst es in diesen Notizen. Der Glaube hütet drei denk- und lebenswichtige Intuitionen: dass das eigene Leben gelingt; dass die Welt ihren Bestand hat unabhängig vom Menschen; dass der Weg der Menschheit nicht im Dunkeln endet.
Archäologie religiöser Rede
Was dem Inhalt der Rede vorausliegt und es ermöglicht, das könnte man mit einem PC-Programm vergleichen, das für den Dialog ein Fenster öffnet. Das Programm bestimmt, was und wie etwas im Fenster erscheint, bleibt selber aber im Hintergrund.
Solche Fenster werden einem bewusst, wenn man auf ein Glaubensleben zurückschaut. Da spricht sich nicht nur der Glaube aus, wie er sich in der Feier, im Gebet und in der Lektüre der Bibel artikuliert. Da wird immer mehr auch deutlich, wovon dieser Mensch geprägt ist.
Es ist, als ob man ein «Gespräch vor dem Vorhang» belauschte. Je nach der Zeit, in der das geschrieben wurde, wird das als «Apriori» angesprochen oder als «denk- und lebensnotwendige Intuitionen». Das Kapitel «Die versunkene Kathedrale» versucht eine Art von «Archäologie» der religiösen Rede. Sie sucht ihre Inhalte in den Prägungen der Kindheit auf, bevor sie als religiös bewusst geworden sind. So ist dieser Mensch, von dem die Geschichte handelt, schon lange religiös, auch wenn er sich für ungläubig hält.
Kann man glauben lernen?
Und wenn er sich bewusst wird, dass er einem «Apriori der Angst» folgt, dass er sich in seinem ganzen Leben und Erleben von seinen frühkindlichen Erlebnissen leiten lässt, stellt sich für ihn die Frage, wie er ein «Apriori des Vertrauens» lernen kann. Kann man glauben lernen? Das war die zentrale Frage, auf die mein Leben Mitte 30 zugelaufen ist. Ich beschloss – ich war damals Journalist – Theologie zu studieren.
Gespräch vor dem Vorhang
Das Buch Hiob, ein Weisheitsbuch des Alten Testamentes, fügt die Hiob-Tradition in eine Rahmenhandlung ein. Bevor das Drama um Heil und Unheil beginnt, treffen sich die himmlischen Mächte vor dem Vorhang und es entspannt sich ein Dialog zwischen Gott und Teufel. (Goethe wird das später imitieren, er setzt vor das Faust-Drama einen «Prolog im Himmel».)
Gespräch von Gott und Teufel, bevor das Stück beginnt
Worum geht es denn in diesem ganzen Drama? Was ist letztlich entscheidend? Das wird hier verhandelt. Verliert der Mensch den Glauben? Kann er der Verzweiflung widerstehen, wenn all die Leiden über ihn kommen, die das Leben auf dieser Welt für ihn bereithält? Ich kann die Geschichte heute nicht anders lesen als unter Bezug auf die Leiden, die die Menschen heute schrecken: Klimawandel, Artensterben.
Der Teufel „versucht“ Hiob nicht nur, indem er ihm alles wegnimmt, was zu seinem persönlichen Leben gehört. Er nimmt ihm auch das Vertrauen weg, dass die Welt erhalten bleibe, gibt ihm die Angst, dass die Menschen das Leben durch ihre Schuld zerstören und die Angst, dass der Weg der Menschheit im Dunkeln endet. –
Wenn er das alles verliert, glaubt er dann auch noch an Gott?
Das sind die drei denk- und lebens-notwendigen Intuitionen. Was ist, wenn sie verneint werden? Sie werden kontrafaktisch geglaubt. Sie beziehen sich auf Ganzheits-Aussagen, die in der relativen Erlebniswelt gar nie „faktisch“ werden können:
- dass das eigene Leben gelingt, dass es ein „Ankommen“ gibt, so wie Odysseus nach seiner Reise ankommt, wo all die Intuitionen von Gerechtigkeit und Leben, von Zugehörigkeit und Würde, von Ich und Du, von Ansprechbarkeit und Antwort in Erfüllung gehen;
- dass die Welt ihren Bestand hat unabhängig vom Menschen;
- dass der Weg der Menschheit nicht im Dunkeln endet.
Sie sind von vornherein auf Glauben angelegt, es sind Intuitionen, die „empirisch“ weder zu bestätigen noch zu widerlegen sind. Wenn sie „eintreffen“, wird durch die Erfüllung das Bisherige aufgehoben. Individuum, Welt und Menschheit sind Teil einer Ganzheit, die die Totalität des Vorhandenen übersteigt. Sie verdanken sich – biblisch gesprochen – einem welt-überlegenen Gott, sind keine Entfaltungen bloss-weltlicher Prinzipien, sie finden Ziel und Wert in der Zugehörigkeit zu diesem welt-überlegenen Gott.
Hiob
„Es war ein Mann im Lande Uz, der hiess Hiob. Der war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse. (…) Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den Herrn traten, kam auch der Satan mit ihnen. Der Herr aber sprach zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan antwortete dem Herrn und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen.
Der Herr sprach zum Satan: Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse. Der Satan antwortete dem Herrn und sprach:
Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet? Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher bewahrt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: Was gilt’s, er wird dir ins Angesicht fluchen!» (Hiob 1,1ff)
- Januar 2014
Das grösste Abenteuer der Menschheit
Wir sind in der seltsamen Lage, dass wir das Leben unterminieren und gleichzeitig hoffen, dass es bestehen bleibt, dass wir die Zukunft untergraben und gleichzeitig hoffen, dass unser Tun ohne Folgen bleibt. Wir haben das Gefühl, dass wir durch unsere Schuld die Schöpfung zerstören und hoffen auf einen Gott, der die Schöpfung erhält, trotz uns Menschen, gegen uns Menschen.
Wir hoffen, dass Gott uns hilft, indem er uns widersteht
Wir hoffen, dass Gott uns hilft, indem er uns widersteht. Wir hoffen auf einen „lieben“ Gott und fürchten einen zornigen. Wir wissen nicht, sollen wir froh sein, dass wir das alles nicht mehr erleben müssen, oder sollen wir verzweifeln, weil wir es unseren Kindern hinterlassen.
So stehen wir vor diesem Christus und reihen uns ein in den Chor: Gib uns ein Zeichen, dass wir an dich glauben! (Joh 6,30 ff) – Wir können nicht mehr glauben. Viele Zeichen die wir haben, die wir uns selber schaffen, gehen ins Dunkle!
Sollte es denn möglich sein, hier eine einfache Antwort zu geben, eine Antwort, die nicht erarbeitet und erlitten sein muss wie die des alten Hiob: „Der Herr hat‘s gegeben und der Herr hat‘s genommen. Der Name des Herrn sei gelobt!“ Aber das sagt Hiob erst nach vielen verzweifelten Auseinandersetzungen, und vorher wird erzählt, wie er klagt, wie er rechtet, wie er Gott herausfordert. Lieber wäre er gar nicht geboren, als so etwas erleben zu müssen!
Das grösste Abenteuer
Ja, Glauben ist auch heute ein grosser Weg. Es ist nichts Naives, wie die Spötter meinen. Nichts Hinterwäldlerisches für Leute, die mit den neusten Trends der Kultur nicht vertraut sind. Glauben ist das allergrösste Abenteuer, das der Menschheit heute aufgebgeben ist! Wie können wir in die Zukunft fahren, wenn wir all unsere Hoffnungen durch unser Tun selber untergraben?
Wir müssen uns wohl anders ausrichten, in eine andere Richtung schauen, andere Schritte gehen, wenn wir wieder mit unserem Ziel übereinstimmen wollen. Und dieses Ziel ist die Hoffnung, dass unser Leben eines Tages ankommt. Dass diese Welt erhalten bleibt und dass der Weg der Menschheit sich nicht im Dunkeln verliert.
Dafür gibt es keine Garantie, aber eine Gewissheit ist möglich, die uns sagt, dass wir in die richtige Richtung gehen. Dafür gibt es keinen Beweis, aber eine innere Ruhe ist möglich, wenn wir dem folgen, was wir als richtig eingesehen haben.
Es gibt keine Garantie, dass unsere Kinder das erleben. Das hatten die Väter in der Wüste auch nicht. Aber sie hatten – durch allen Zweifel hindurch – doch das Vertrauen, dass sie geführt werden. Sie hatten, trotz all ihrem Widerstreben, doch den Glauben, dass sie gehalten sind und begleitet in dem grossen Abenteuer ihres Lebens. Dass da ein Gott ist, der sie geschaffen hat, der sie nicht vergisst, der sie führt und begleitet und dem sie ihre Kinder anvertrauen können.
- Juli 2017
Karwoche und Ostern
Karwoche. Ein grosser Anspruch. Kann ich mich dem stellen? Die Karwoche ist das Grösste im Kirchenjahr. Es ist das Allergrösste an Kunst und Frömmigkeit, was in dieser Zeit begegnet. Durch die Säkularisierung ist man aber auch freigestellt. Man kann die Zeit verbringen, ohne einen Gedanken an sie zu verwenden.
Gongschläge der Erfahrung
Die Passion ist ein Schwerpunkt im realen und kulturellen Leben des Menschen, vielleicht von jedem Menschen, egal ob christlich oder nicht, und ob die Passion nun religiös betrachtet wird oder nicht. Ein anderer Schwerpunkt, der mit dem ersten korrespondiert, ist Gerechtigkeit, Hoffnung, Aufbruch, Selbstverantwortung. Es ist eine Annäherung an die Karwoche vom Erleben und Erleiden her, vom Kämpfen und Verarbeiten. Eine Annäherung von traumatischen Erfahrungen her und was diese in einem Menschen und in einem Kollektiv auslösen.
Durch das Schlimmstmögliche
Das Christentum ist angelegt rund um die traumatische Erfahrung einer Gemeinschaft. So wie das Judentum einen Quellpunkt hat im Exil und in der Aufarbeitung dieser Geschichte, so geht das Christentum aus von der Kreuzigung, von der Zerschlagung, von der Verfolgung, vom Martyrium, von einer Welt, die auf ein Loch zuzusteuern scheint und darin verschlungen wird. Es ist der Durchgang, nicht nur die Befürchtung. Es ist das Schlimmstmögliche, was eine traumatisierte Lebenserfahrung sich vorstellen kann und wogegen sie sich immer wehrt.
«Nicht mehr kontrollierbar»
Es trifft tatsächlich ein und die Kontrolle hört auf. Es ist der Eintritt in eine Zone, die nicht mehr gesteuert werden kann von all den Mechanismen, die wir uns einzeln und kollektiv angeeignet haben, wo autonomes Verhalten drin vorkommt aber auch reaktives, angstgesteuertes Verhalten, wo kollektive Vernunft abgerufen wird aber auch kollektive Panik eintreten kann und ein Zusammenbruch aller Steuerung.
Von aussen scheint es nicht so himmelstürzend: da ist jemand, der im Wasser ertrinkt. Aber von innen ist es ein Durchgang durch alles, was ein Leben aufbaut, prägt, bedroht und beschützt und was an psychischen und kulturellen Leitlinien aufgebaut wird, um die negative Grunderfahrung eines Lebens fernzuhalten – «dass nur das nicht noch einmal geschieht!» Aber es reicht nicht, es kommt und der Weg geht hindurch.
Der Tunnel
Daran erinnert das Bild «Aufstieg der Seligen» von Hieronymus Bosch mit dem «Tunnel». Es sei die Visualisierung eines «Nahtoderlebnisses», so hiess es vor Jahren, als man sich für solche Dinge interessierte. Es scheint mir die bildhafte Erinnerung an eine traumatische Verletzung, an die Begegnung mit einer solchen Gefährdung, an den Durchgang durch das «Allerschlimmste», was dieser Mensch, diese Gruppe, diese Kultur erlebt hatte und das als «emotionales Apriori» in die Konstitution der individuellen und kollektiven Subjekte eingegangen ist.
In Zukunft – so meint die Rede vom Apriori – wird alle Erfahrung in den Kategorien dieses Erlebnisses geprägt und beantwortet, oder jedenfalls mitgeprägt und beeinflusst, vor allem Tun.
Der Weg hindurch
Da ist Abwehr, sagte ich oben, eine ungeheure Aufbietung aller Kräfte, damit sich «das» nicht mehr wiederholt. Aber der Weg geht hindurch. Und er ist von unerhörter Eindringlichkeit. Das ist nicht vorstellbar, so lange man nie darin verweilt hat. Ist man aber einmal eingetaucht, ist es nicht fremd, sondern seltsam vertraut.
Ist man als Kind vielleicht schon mal hierher gelangt? Da sind Bilder wie aus einem Traum. Da sind Gesprächsfetzen wie aus einem vertrauten Dialog. Wer später Äusserungen liest oder hört von Menschen, die durch ein Trauma hindurchgegangen sind, erkennt sich in ihnen und es entsteht ein Gefühl von Gemeinschaft, einer Gemeinschaft wie von Urzeiten an.
- April 2025
Den Menschen ausgeliefert
Die Passion Christi wird erzählt mithilfe von mythologischen Bildern, sodass sie begreiflich wird als Geschichte jedes Menschen und der ganzen Menschheit. So lässt sich formulieren: Die Geschichte der Menschheit ist, wie in einer Abkürzung, schon erzählt in der Passion Christi. Diese ist nicht nur ein Objekt der persönlichen Besinnung. Es ist ein Spiegel für das, was heute, täglich, in der Welt geschieht.
Höllenfahrt durch menschliche Höllen
Die Höllenfahrt Christi wird im Neuen Testament doppelt erzählt: mythologisch angedeutet im Petrus-Brief (1.Petrus 3,19), breit erzählt in der Passion. Diese Feststellung allein hat ein gewisses Pathos. Sie entlastet die alten Höllen-Schilderungen, für die man die Kirche tadelt, und lädt die Wucht ihrer Aussage dem Leiden in dieser Welt auf: Es ist eine Höllenfahrt!
Man könnte den Gegensatz noch ausmalen: Im mythologischen Bild wird er dunklen Mächten ausgeliefert und er besiegt Tod und Teufel. In der realen Passion wird er den Menschen ausgeliefert und stirbt unter Spott und Hohn am Kreuz.
Auch die Passion erzählt mythologisch
Und doch kann man beide Erzählungen nicht aufteilen nach mythologischer und realistischer Rede. Auch die Passion erzählt „mythologisch“ (es macht einen Bezug aufs „Ganze“, das nur symbolisch auszusagen ist):
- Sein Leiden ist das Leiden aller Menschen (ohne das wäre es ohne Heilsbedeutung für uns, ein Ereignis nur für unser Mitleiden wie der Tod jedes Menschen).
- Es ist Gott, der leidet (ohne das gäbe es keine Erlösung, keine rettende Versöhnung). Im leidenden und auferstehenden Christus versöhnt er die Welt mit sich, bis er „alles in allem“ ist. In der Passion geht er durch Abgründe, er teilt das Dunkle und erhellt es.
Darum ist seine Geschichte die Geschichte jedes Menschen und der ganzen Menschheit. Oder umgekehrt: Seine Passion wird so erzählt, mithilfe von mythologischen Ganzheits-Bildern, dass sie begreiflich wird als Geschichte jedes Menschen und der ganzen Menschheit. So lässt sich formulieren:
Die Geschichte der Menschheit ist, wie in einer Abbreviatur, schon erzählt in der Passion Christi. Diese ist nicht nur ein Objekt der persönlichen Besinnung. Es ist ein Spiegel für das, was heute, täglich, in der Welt geschieht. Und es geschieht in all den Phasen der Passion.
Seine Passion in unserer Geschichte
Wir können sie wiederfinden, all die bekannten Szenen:
- Seid wachsam!
- Dieser ist es, der, den ich küsse!
- Er liess ihn vor das Volk führen und sagte: Seht den Menschen!
- Dann führten sie ihn ab und geisselten ihn.
- Was ist Wahrheit?!
- Noch bevor der Hahn kräht, wirst du mich drei Mal verraten.
- Bist du nicht einer von jenen? – Ich bin es nicht!
- Wen sucht ihr? – Jesus von Nazareth – Ich bin es!
- Sie verbanden ihm die Augen, spuckten ihn ins Gesicht und sagten: Bist du ein Prophet, so weissage uns, wer es war!
- Sie verhöhnten ihn am Kreuz: Bist du der Messias, so hilf dir selbst und uns!
- Bei seinem Tod bebt die Erde, der Kosmos wird erschüttert. Wahrlich, dieser war Gottes Sohn.
- Was weint ihr über mich, weint um euch und eure Kinder. Wenn es schon dem grünen Holz so ging, wie wird es dem dürren gehen?
- In der Welt habt ihr Angst, ich habe die Welt überwunden.
- Bist du es, der da kommen soll – oder sollen wir auf einen andern warten?
- Und sie gingen und weckten ihn. Er schlief hinten im Schiff. Und sie fragten: Herr, bekümmert es dich nicht, dass wir untergehen?
- Er bedrohte den Wind und die Wellen und sie beruhigten sich. Was habt ihr für einen kleinen Glauben!
- Januar 2014
Wenn es geschieht
Es ist eine grosse Unruhe in dieser Zeit. Halb ist man alarmiert, halb misstraut man sich selber und dem Alarmgefühl. Da ist eine Angst vor der Krise – und gleichzeitig ein Verdrängen und Wegwischen: Ist ja nicht so schlimm. Da ist der Wille zum Hinschauen, um die Angst zu bannen. Und dann doch ein Wegschauen: Ach was, das ist ja verquer. Der hat persönliche Probleme.
Leute, die die Bibel lesen, schlagen die Prophetenbücher auf. Hier finden sie Bilder, die zur Intensität ihrer Gefühle passen. Sie wollen sich nicht mehr belügen, es läuft doch schief. Vieles ist ausser Kontrolle. Es schlägt auf uns zurück. Dort ist der Mut, den Katastrophen ins Gesicht zu sehen, die man kommen fühlt. Das ist unerträglich, dieses dauernde Warten auf die Katastrophe und nichts tun zu können. Es schlägt immer bei den andern zu.
Die Geschichte vom Fluch
Ich möchte das zu einer Geschichte verdichten nach der chassidischen Erzählung von jenem Mann, der im Gottesdienst den Fluch aus der Thora vorlesen soll. Ein Schauspieler spricht die ganze Bibel auf Tonträger auf. Nach der Vorbesprechung mit Redaktion und Technik ist er allein mit einem Tontechniker in Studio. Es sind viele Sitzungen. Er ist allein mit dem Mikrophon, mit sich und mit dem Text. Er ist einsam vor diesem Text.
Er hat Angst vor dem Fluch Mose (Dtn 28,15ff). Je näher er der Stelle kommt, desto schlimmer. Er sieht vieles von seiner Zeit in diesem Text. Er will nichts davon wissen, ist aber dann doch wieder seltsam angezogen: Hier fühlt er sich nicht belogen, er kann endlich mal der Angst ins Auge sehen, statt immer zu beschwichtigen. Er kann schauen, was wird, wenn es kommt.
Er liest den Text Tag für Tag, fasziniert und erschreckt in einem. Er geht auf diesen Text zu, also ob darin das Urteil über die Welt zu finden wäre, über ihn, seine Hoffnungen und Befürchtungen im Leben. Und über das, was er für Kinder erwarten darf.
Endlich ist der Tag da. Er liest, er meint erst, der Schlag müsse ihn treffen. Aber es geht. Die Stelle kommt, auch jene, die das Unaussprechliche androht. Aber er kann es lesen. Und indem er es ausspricht fällt eine ungeheure Not von ihm ab. Er hat der Angst ins Gesicht geschaut. Es tut gut, diesen Text zu lesen. Er stellt Bilder zur Verfügung. Es ist nicht mehr das Undenkbare, bei der die Seele und die Welt aus den Fugen geraten.
Unaussprechlich
In der letzten Zeit war eine Angst in ihm gewachsen: vor einem dunklen Gott. Das war nicht mehr der Gott, den die Seele kennt. Wo er vertrauensvoll Zwiesprache halten kann, sich getragen weiss. Sondern ein Gott, der Unbekanntes plant, Unaussprechliches, das in seiner Phantasie aufstieg wie ein dunkles Gewitter.
Jetzt hat er es ausgesprochen. Der alte Text hat ihm Worte gegeben. Und eine tiefe Ruhe ergreift ihn. Es gibt Worte dafür. Es fällt nicht mehr aus der Wirklichkeit heraus. Es gehört dazu. Gott hat es in der Hand.
Der dunkle Gott ist auch der helle Gott. Er tötet und macht lebendig. So schafft er das Leben. „Gesegnet wirst du sein bei deinem Eingang und gesegnet bei deinem Ausgang“, sagt Moses.»
- Juni 2011
Wie Trinken für den Verdurstenden
Hat die Phantasie noch einen Platz im Glauben? Die Bibel gibt ihr Platz. So findet sie Zugang zu den Menschen. Sie hebt deswegen nicht ab in esoterische Geisteswelten. Gerade die grossen Fragen dieser Zeit, die harten Fragen der Geschichte, finden so eine Antwort. Selbst die «Höllenfahrt», in der die Passion kulminiert, ist verankert in leidvollen Erfahrungen auf dieser Welt, die hier eine Antwort brauchen.
Im Halbschlaf sehe ich Bilder, wie Christus zur Unterwelt kommt. Die Antike hat das geliebt, diese mythologischen Bilder, die das konkret vor Augen stellen: wie der Erlöser ankommt bei den Verdammten! Diese Freude, schon die Vorahnung! Und wie es dann geschieht! Sie malen es aus, sie freuen sich an jedem Schritt!
Da sind die hundert und tausend Sachen, die früher unüberwindlich waren. Jetzt ist der Schmerz dahin! Sie sitzen im Dunkeln, sie suchen Gott und fluchen ihrem König (Jes 8,21f). Aber da ist etwas: Sie sehen von Ferne einen hellen Schein. Sie hören eine Stimme. Etwas Ungeheures geschieht! Da brechen die Tore zur Hölle auf. Was niemand je zu denken wagte, geschieht! Was jede Vorstellung übersteigt, ist Wirklichkeit geworden!
Der Engel in der Geschichte
Kann der Tod aufgehoben werden? Kann die Zeit rückwärtslaufen? Gibt es einen Schlüssel zum Schlund der Geschichte, wo alles hinab gezogen wird, was war? Hat das Schicksal nicht das letzte Wort? Kann das Unabänderliche verändert werden? Gibt es Einspruch gegen all die Qual, das Unrecht dieser Welt? Sollten auch die Mächtigen noch einen Richter finden, die schon lange gestorben sind, die ihren unrechten Gewinn verprasst haben und Unschuldige getötet? –
Das Unüberwindliche wird aufgebrochen. Das eherne Gesetz ist gelöst. Nichts kann ihm widerstehen. Da sind die Menschen, die auf ihn gewartet haben: „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?“
Zachäus klettert auf seinen Baum, damit er besser sehen kann. Und da kommt er. Er reitet auf einer Eselin, auf dem Füllen einer Eselin. Sollte das ein König sein, der die Machthaber das Fürchten lehren kann? Er zieht durch die Tore ein. Und „Blinde werden sehend und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote werden auferweckt.“
(Mt 11,1ff)
Vergangenheit und Zukunft
Sind etwa nur die dabei, die jetzt leben? Haben Jene Pech gehabt, die vorher waren? Gilt das etwa nicht für die Geschlechter, die nach ihm kommen?
Er schreitet an der Reihe der Menschen vorbei. Da sind alle, die waren und die kommen. Und er nimmt Adam und Eva bei der Hand und führt sie heraus. Und mit ihnen alle, die nach ihnen gekommen sind oder noch kommen werden.
Im apokryphen „Evangelium nach Nikodemus“ taucht auch der Schächer vom Kreuz noch auf. Keiner wird vergessen. Er wird aufgenommen ins Paradies. Die Ikonen werden diese Szene verherrlichen. Es ist der Triumph Christi über alles Dunkle in der Welt. An seine Seite malen sie stets Dismas, den Schächer. Er hat die Verheissung bekommen: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Und mit ihm alle, die auf ihn vertrauen.
Die fromme Phantasie
Die fromme Phantasie muss das weiterspinnen. Sie muss es ausmalen. Es hilft auf dem Weg. Es ist wie Trinken für den Verdurstenden, wie Essen für den Hungrigen, wie Ehrerbietung für den Gedemütigten, wie Trost für den Traurigen. Wie Wasser auf die ausgedörrte Erde.
Er kommt zu den Verdammten. Das ist der Ort, wo sein Evangelium verstanden wird. Das ist ihre Sehnsucht: eine Welt, die dieser Regel gehorcht! „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen.“ (Mt 5,43f) Hier ist die Bergpredigt verständlich. Hier stört sich niemand an ihrem absoluten Ton. Hier fragt niemand: ob das denn auch lebbar sei? Hier ist Heulen und Zähneklappern. Selig sind, die daran Anteil haben. Da ist jedes Wort ein Labsal. Davon lebt die Welt. Das ist die Hoffnung der Generationen von Anfang an.
Die Hörer des Evangeliums
Das sind die Hörer des Evangeliums. Von ihnen spricht Christus in den Seligpreisungen:
«Selig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel.
Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.
Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben.
Selig, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten,
denn sie werden gesättigt werden.»
Nach Notizen 2014
Mytho-Poesie und Glaubenspraxis
Immer wieder ist es mir ein Bedürfnis, den Weg Christi zu meditieren, nicht nur seinen Weg auf dieser Welt, sondern auch das, was von der Theologie als Mythologie ausgeschieden worden ist. Anders als die Fachtheologen finde ich tiefe Befriedigung darin. Diese Geschichten antworten auf Fragen.
Sie antworten nicht, wie die Wissenschaft das tut, und nicht, wie die tätige Praxis das tut. Aber sie füllen mit ihrer Erzählung eine Lücke, die die Wissenschaft und die Praxis nicht füllen können.
Wirklichkeit
Sie liegen eine Etage tiefer oder höher, wenn man so will. Es erinnert an Traumsprache oder Märchensprache, an Erzählungen aus unvordenklicher Zeit. Hier wird „alles“ erzählt, was uns angeht. Diese Erzählungen führen die Welt so vor Augen, dass Grenzpfähle sichtbar werden und ein Weg sich abzeichnet. Sie geben der Wirklichkeit eine Struktur, entsprechend den Bedürfnissen des Menschen. Sie ordnen, was „es gibt“ so, dass es „begegnet“ auf dem Weg des Lebensvollzugs.
Sie geben ihm ein Gesicht, sodass er sich „gegenüberstellen“ kann. Sie bereiten alles, was ist, war und kommt, so auf, dass es „entgegentritt“ in der Gegenwart. Sie erlauben die Konzentration, das Gebet, das Finden einer Haltung, sei es am Morgen zum Aufstehen, sei es am Mittag im hellen Tag, sei es am Abend zum Abschliessen und Anvertrauen.
Sie fassen die Wirklichkeit – nicht in eine universelle Formel zu ihrer Berechnung und technischen Ausbeutung – aber in ein „Du“. Das entspricht der menschlichen Selbstwerdung. An diesem Du lernt der Mensch sich selber verstehen, erst in den Repräsentanten, die es annimmt in Vater und Mutter, dann den Geschwistern und Freunden. Dieses Du wird gesucht und immer wieder ein Stück gefunden in einem Liebespartner, aber es findet die Vollendung erst in Gott: wenn der Mensch sich die ganze Wirklichkeit gegenüberstellt.
Lebenspraxis
Die Geschichten zeigen ihm die Wirklichkeit als zugänglich, zugewandt, wie Vater und Mutter, wie einen Liebespartner. Sie zeigen ihn als ein „Du“, verlässlich und gegenwärtig. Sie zeigen ihn als Begleiter und Helfer. Er steht am Anfang des Wegs und auch am Ende. Er ist Schöpfer und Erlöser. Er ist die Antwort, wenn ein Mensch fragt nach seinem Leben-Können. Er ist Adressat für Dank und Bitte. Er ist der Name für Schönheit, Glück und Erfüllung. Er ist der Name, der angerufen wird, wenn nichts mehr da ist. Er ist der Name, der hindurchträgt durch Not und Tod.
- März 2014
Das Kirchenjahr als «Erzählung»
Das Kirchenjahr mit Weihnachten, Karfreitag, Ostern folgt dem Weg Christi. Es erzählt seine Geschichte so, dass wir uns darin wiedererkennen können. So wird ausgelegt, wer der Mensch ist, nach christlicher Tradition. Hier werden auch die Voraussetzungen deutlich, die das Feiern und Glauben begleiten. Das sind, mythologisch gesprochen, «Gespräche vor dem Vorhang». Es sind praktische und theoretische Denknotwendigkeiten.
Das Kirchenjahr ist die Entfaltung des Weges Jesu Christi und die Vorlage für das Nachfolgen auf seinem Weg. Es ist die Vergegenwärtigung in der Feier, der Raum für Ruhe, Kräftesammeln und Orientieren. Es ist der Ausblick, der Versöhnung schenkt. Es ist Vorwegnahme dessen, was wir empirisch nicht erfahren werden, das aber das Handeln anleitet. Es ist die Schau, die Kontemplation, die Teilhabe im Geist, im Symbol. Es ist kontemplative Einheits-Erfahrung und symbolisches „Ankommen“ am Ziel.
Vor dem Vorhang
Das Kirchenjahr hat Worte und Bilder für Dinge, die man früher metaphysisch benennen konnte, für Kategorien der Bewusstseins-Philosophie, für Sprachspiele der Sprachphilosophie. Und nachdem das alles relativiert wurde: für Dinge, die sich in der Seelsorge als denk- und lebensnotwendig erwiesen haben:
- Dass es für das individuelle Leben ein „Ankommen“ gibt,
- dass der Weg der Menschheit nicht im Dunkeln endet,
- dass die Welt in ihrem Bestand erhalten wird.
Dazu gehören Intuitionen wie Gerechtigkeit und Friede, das Lebensrecht jeden Lebewesens. Die Intuition, dass die Wirklichkeit eine Art Antwortstruktur hat auf das Sein und So-Sein des Menschen mit seinem Fühlen, Handeln, in seinen Bedürfnissen, in seinem Geborgensein als Teil-Sein in etwas Umfassendem und Ganzem.
Ein emotionales Apriori
Hier eröffnet sich auch ein neues Verstehen für die mythologischen Teile der Überlieferung. Die Trauma-Psychologie, die Erfahrung mit den grossen historischen Traumatisierungen des 20. Jahrhunderts, die erst jetzt, mit 50, 60 Jahren Abstand, in grösserem Umfang angeschaut und ausgesprochen werden, das verlangt geradezu nach einer solchen Sprache, die den Schrecken der inneren Erfahrung gewachsen ist.
- Januar 2014
„Erkenntnistheorie beim Beten“
Oft sage ich in der Fürbitte bei einer Beerdigung:
„Wir legen die Verstorbene Gott ans Herz,
wir möchten sie aufgehoben wissen.
Mit dem Verstand begreifen wir es nicht,
mit dem Vertrauen spüren wir,
dass wir bei Gott eine Heimat haben.“ Amen
Es hilft dem Vertrauen, wenn wir Zweifel ansprechen – und die Quelle, aus der unser Wissen stammt.
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- Februar 2014
Kann man glauben lernen?
Auf dem Weg zum Glauben
Ich sitze immer wieder an die Schreibmaschine, um nachzudenken, wie ich mein Leben im Glauben gestalten kann. Zum Teil wiederholen sich die Fragen aus der Zeit, in der ich ohne Glauben lebte, und werden jetzt nur in ein religiöses Vokabular gekleidet.
Ein Modell der Lebensführung
Der Glaube ist aber doch das ganz-andere Modell gegenüber der Sicherheit oder der Angstvermeidung, das ich bisher gelebt habe. Es vermeidet nicht Angst, sondern macht Angst. Um es zu finden, muss ich meine alten Ängste aufsuchen und das neue Modell dort „hin halten“, damit die Angst sich in dieser Nachbarschaft beruhigen kann, damit Ruhe einziehen kann, damit eine neue Sicht auf die Situation Platz greifen kann.
Das neue Modell, das ist das Grundvertrauen, mit dem ich im Gebet vor Gott hintrete, die Betrachtung der biblischen Glaubenstexte, das tägliche „Meditieren“ und Betrachten, bis sich das Neue ein-bildet und eine Gegenkraft entwickelt gegenüber den lebenslang eingeübten anderen Reflexen, die sich dem „Apriori der Angst“ verdanken:
Ein Fenster auf die Wirklichkeit
Die Erlebnisse der Kindheit prägen das Kind und konditionieren die möglichen Erfahrungen, die es in seinem Leben machen wird. Sie vermitteln ein Bild der Welt und der Wirklichkeit insgesamt. So liegen sie „vor der Erfahrung“, darum „Apriori“. Das „Fenster“, das sie auf die Wirklichkeit öffnen, ist für den Erwachsenen keine Folge der Erfahrung, sondern eine Voraussetzung. Es prägt und bestimmt die Art und Farbe der Erlebnisse, es deutet sie nach den frühkindlichen Erfahrungen und es aktiviert auch schon die Gegenstrategien, so dass das bewusste Entscheidungs-Verhalten des Erwachsenen und die später erworbenen Deutungs-Muster viel zu spät kommen.
Gläubig werden
Gläubig zu werden heisst da nicht nur, neue kognitive Inhalte zu erwerben, es bedeutet, ein emotionelles Apriori zu ersetzen durch ein anderes, es heisst, frühkindlich erworbene Lebensmuster umzuprägen.
Hier zeichnet sich der Weg zur „Körper-Spiritualität“ schon ab, die ich später bewusst suchte, weil es nicht reicht, im „Kopf“ zu glauben, während das „Knie“ noch ungläubig ist. Es ist die Frage von Moralität und Sittlichkeit. Das Geglaubte muss sich, wenn es wirksam werden will, ver-körpern. Als wichtige Übung wird sich der Atem erweisen, das „ewige Gebet“ nach ostkirchlicher Tradition.
Sichtbar werden die Umrisse einer neuen Sakramenten-Praxis. Das Sakrament als „sinnliches Zeichen“ steht genau auf der Schwelle zwischen Geglaubtem und Verkörpertem. Im Pfarramt und v.a. im Sabbatical werde ich mich mit der Sakramentspraxis der antiken Kultmysterien beschäftigen. Dort ist die Initiation so gestaltet, dass die Erfahrungen beim Übertritt in das Glaubens-Modell, sich dem Körpergedächtnis einprägen („pathein nicht mathein“ ist das Stichwort, „erfahren nicht lernen“). Auf dem Lebens-Weg, in der Nachfolge, können diese Erfahrungen dann als Hilfe abgerufen werden, so dass auch wirklich ein Handeln im Sinn der neuen Orientierungen möglich wird.
Verlangt der Glaube einen Sprung? …
Beim Beginn der Notizen stehe ich aber immer noch gelähmt vor den angeblichen Zumutungen des Glaubens. Der Übertritt kommt mir vor wie ein „Sprung“ in die Tiefe. Das weckt die Ängste, die ich als Kind ausstand, wenn ich in der Turnstunde vom 3-m-Brett hätte springen sollen. Das lässt mich begreifen, dass nicht der Zweifel, ob Gott mich auffängt, diese Angst heraufbeschwört.
… So erscheint es nur der Angst
Die Angst ist vorher da, sie sitzt im „emotionellen Apriori“, sie verhindert das Springen und sie verhindert den Glauben. Sie ist die Wurzel eines viel tieferen Atheismus als alle kognitiven Argumente seiner Anhänger. Sie deutet die „Gottlosigkeit“ dieser Zeit zutreffender als alle Verweise auf Säkularisierung und Aufklärung. Es ist eine angstbestimmte Zeit, die diesen Vertrauensakt nicht leisten kann.
Im Rückblick auf das Jahr 1986, als ich das Theologiestudium begann
Mit nichts bewaffnet als mit Vertrauen
„Tagebuch eines Vikars am Stadtrand“ – der Titel steht mal provisorisch da, der ist mir auf der Wanderung eingefallen. Ich möchte das Tagebuchschreiben wieder aufnehmen, nachdem es fast das ganze Studium durch geruht hat. Ich trete in einen neuen Lebensabschnitt, ich will mich dabei begleiten. Oder anders: Wichtig ist die „Verheissung“, die dazu gehört. Ich habe mich auf den Glauben zu bewegt. Dass ich jetzt das Vikariat beginne, müsste von da her nicht einen Einschnitt bedeuten. Zu glauben beginnen kann ich ja immer.
Und doch bezeichnet das Vikariat auch für die Glaubensgeschichte einen Abschnitt: Jetzt stütze ich mich wirklich nur noch auf den Glauben; die Berufsarbeit (als Journalist), die mir einen über den Arbeitsmarkt vermittelten Sinn vorgibt, fällt weg. Jetzt ist gar nichts mehr vorgegeben, es ist alles reines Vertrauen, reiner Aufbruch…
Zu viel Wortgeröll. „Verheissung“ meint Abschluss und Neuanfang. „Genau in dem, was mir Angst macht, steckt eine Verheissung“. „Mein Trauma – das ist mein Talent, das mir gegeben wurde, um damit zu wuchern, daran zu arbeiten, es umzumünzen.“ Damit kann ich die Fragen nach Versagen und Gelingen tiefer stellen, ich kann ins Dunkel blicken, um die Verheissung aufglänzen zu sehen…
lch darf, was ich soll
Ein Satz ging mir bei der Wanderung durch den Kopf: „lch darf, was ich soll.“ Das scheint banal, es hat mich aber doch bewegt. Das schien wie ein Schlüssel zu sein für das neue Leben, die neue Möglichkeit, die sich vor mir auftut. Zu Ende das Sich-Verkrümmen, Sich-klein-Machen, Kopf-Einziehen, Sich-Tot-Stellen, sich immer beschneiden und begrenzen und alle Impulse zurückbinden. Endlich die Erlaubnis – den Impulsen folgen, das tun, was ich schon lange einsehe, die Blockade überschreiten – so wie ein Berg versetzt wird durch Glauben.
Ein neuer Abschnitt beginnt, nicht wegen des Berufswechsels, nicht wegen der Beschäftigung mit dem Glauben, sondern weil der Glaubensweg so viel Vertrauenswürdigkeit bei mir gewonnen hat, dass ich alles andere loslassen will, dass ich bereit bin, ihn zu gehen, dass ich ungeduldig bin. Ich fühle mich wie als Kind vor einem Fest, alles ist in frohe Erwartung getaucht. Es kommt viel Ungewisses, aber das Ende ist gut. Ich gehe auf eine grosse Überraschung zu, aber eine frohe, die jede Erwartung übertrifft.
Denk- und lebensnotendig
Das Alte meldete sich bald genug wieder. Der Satz erinnert an Kants „Ich kann, was ich soll“. Es ist keine Erfahrungstatsache. Es ist „ein Postulat der praktischen Vernunft“, es ist denk- und lebensnotwendig. Wenn ich etwas soll, dann muss ich mich auch als Könnenden denken und als einen, der darf, was er soll. Daran ändert nichts, dass der „empirische“ Mensch, der ich bin, damit später auf viele Schwierigkeiten stossen wird, die ihn vielleicht sogar an seinem Können und Dürfen zweifeln lassen.
- Oktober 1992, zu Beginn meines Vikariats
Kann man glauben lernen?
Ab und zu werde ich gefragt, was ich nach der Pensionierung mache. Ich sichte die Notizen aus 30 Jahren und möchte etwas zusammenstellen über die Entwicklung des Glaubens in meinem Leben. (…)
Du und Ich
Das Gebet ist eine Begegnung zwischen Ich und Du. Im Beten stelle ich mich vor Gott und bringe alles vor ihn, was mich beschäftigt, auch mich selbst. In ihm tritt mir alles gegenüber, er ist der Inbegriff des Ganzen. Von meiner Gebetshaltung her ist es schon vorgegeben, dass ich Gott begegne in den Erlebnisformen von Ich und Du. Ich nähere mich ihm unter diesen Formen. Ich werde ermutigt, vertrauensvoll zu ihm zu sprechen, nach dem Vertrauen (und den Verletzungen), die ich in einer langen biographischen Geschichte im Rahmen von Ich-Du-Begegnungen erlebt habe.
Das Kind lernt sich am „Du“ der Mutter zu verstehen. Es wächst in diesem „Du“, lernt sich als „Ich“ begreifen. Das wächst in einer langen Entwicklung, in der immer wieder andere Menschen in die Rolle des „Du“ eintreten (Vater, Geschwister, „Gspänli“…).
Dieses Vertrauen ist eng verwoben mit einer Geschichte, wie dieser Mensch sich selber kennenlernte. Er lernte „ich“ sagen in der Begegnung mit einem „Du“. So ist es ein Akt grösster innerer Aufrichtigkeit, wie ein Weg in die eigene Seele, in die Mitte all dessen, was sein Leben ausmacht, von wo er denkt und hofft und fühlt und lebt.
Wenn das Du fehlt
Die Suche nach der Mitte ist mit einer frühen Erfahrung meines Lebens verbunden. Es ist eine Erfahrung, bei der dieses „Du“ gerade fehlt. Es ist das Verlassenheits-Gefühl des Kleinkindes, wenn es allein erwacht und keine Mutter da ist. Es ist das Verlassenheits-Gefühl, das später immer wieder aktualisiert wird, das sich aber aus dieser frühen Erfahrung nährt, als ob dort ein Evidenz-Gefühl geprägt worden wäre: „So ist es, das Leben. So fühlt sich das an.“
Es prägte mein Daseinsgefühl, wie ich mich in meinem Körper und in der Welt fühlte. Ich „fiel aus dem Körper heraus“, formulierte ich das einmal. Später las ich von einem Sozialpsychologen, der dafür den Begriff des „schizoiden Charakters“ prägte. Hier interessiert nicht die Psychologie. Sie ist auch nicht der Schlüssel, durch den Religion entlarvt und auf Psychologie reduziert werden könnte. Es beschreibt nur meinen Zugang, ein Element meines Zugangs, aufgrund meiner Lebensgeschichte.
Leere und Mitte
Heute macht es mir Freude, dass diese Begriffe sich Antwort geben: Da ist die „Leere“, die Verlassenheit, die furchtbare Angst des Kleinkindes, in einem Abgrund zu versinken, dort ist die „Mitte“, nach der ich offenbar schon in frühstem Alter zu suchen lernte. In den Gedichten meiner Jünglingsjahre taucht die Mitte wieder auf. Aber da ist sie leer. Und es beunruhigte mich, dass sie nicht gefüllt war, wie ein Rahmen, in dem das Bild fehlte. Später hat sich diese Mitte gefüllt. In dem Mass, wie ich meine Ängste aufsuchte und Vertrauen lernte, in dem Mass, wie es mir gelang, ein anderes Grundgefühl zu lernen, andere Evidenz-Erlebnisse heranzuziehen, die mir das Dasein enthüllen, in dem Mass füllte sich der Rahmen.
Kann man glauben lernen?
Aber wie lernt man ein anderes Grundgefühl? Ist das möglich? Kann man die Evidenzen der frühkindlichen Erfahrungen überwinden? Kann man glauben lernen? Ich glich dem biblischen Petrus, der Christus in einer Erzählung auf dem Wasser gehen sieht. Und er will zu ihm, er vergisst, den Sturm und steigt aus dem Boot, um zu ihm zu gehen. Aber jetzt hört er den Lärm des Sturmes, jetzt sieht er die Wellen und es packt ihn die Angst. „Herr, hilf mir!“ schreit er. Und Christus streckt ihm die Hand entgegen und zieht ihn aus der Tiefe.
Von da an sah Petrus, wenn ein Sturm sich zusammenbraute, nicht nur den Sturm. Es war nicht eine Wiederholung seiner kindlichen Traumatisierung. Mitten im Sturm sah er Christus. „Ich bin es“, sagt dieser, „hab keine Angst!“. Und er streckt ihm die Hand entgegen.
So wächst der Glaube mit den Schritten, die ich mache. Ich riskiere alles in der Situation: da steht das Evidenzerlebnis, das mir die Welt als einen Abgrund vor Augen stellt, dort ist das Glaubensvertrauen, das in starken biblischen Bildern vor mir steht. Gebe ich der Angst nach, so bestätigt sich die Angst. Folge ich den Glaubensbildern, so gewinnen sie Kraft bei mir. Und das nächste Mal fällt mir der Schritt vielleicht leichter.
Wie wir auf Gott zugehen
Sagt das etwas aus über Gott? Es zeigt Wege, wie wir auf Gott zugehen. Es kann in Träumen aufscheinen und im Nachdenken über Träume und Erlebnisse zum Bewusstsein kommen. Es erscheint in biblischen Geschichten, in Überlieferungen von Menschen, die vor mir den religiösen Weg gegangen sind. Die biblischen Überlieferungen helfen, die „Evidenzen der Kindheitswelt“ auszutauschen gegen „Bilder der Ganzheit“, was je nach Lebenssituation heissen kann: Geborgenheit, Ermutigung, Begleitung beim Hinausgehen, Vergebung, Versöhnung, Dankbarkeit, Segen, Ermutigung, Hoffnung, Frieden…
Angst und Vertrauen
Im Bereich der Erfahrungen verliert das „Apriori der Angst“ seine Wirksamkeit. Wenn an der Basis des Erlebens ein „Apriori des Vertrauens“ steht, dann ist der Glaubensweg für diesen Menschen abgeschlossen. Er ist am Ziel. Die Versöhnung ist geleistet, die Gegensätze sind vermittelt. Die Integration ist geleistet.
Das wird nicht verwechselt mit der Versöhnung, die Gott leistet, es beschreibt aber den Weg der glaubenden Teilhabe. Gott versöhnt sich „alles“ in Christus, und dieser geht seinen Weg durch die Sphären aller Wirklichkeit, bis er alles sich unterworfen hat. „Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei.“
(1. Kor 15,28)
- Dezember 2014, nach der Pensionierung
Die versunkene Kathedrale
Wie es begann
Die Frage nach Religion und Glauben kehrte Mitte 30 in mein Leben zurück. Bisher hatte ich mich für ungläubig gehalten. Jetzt ertappte ich mich beim Beten: Ich betete für meine Frau, die beruflich viel mit dem Auto unterwegs war.
Wie konnte ich beten, wenn ich nicht an Gott glaubte?! Und wenn da etwas in mir war, das glaubte, wie konnte ich das nicht zur Kenntnis nehmen?
So kehrte die Frage nach Gott in mein Leben zurück. Und ich begriff: Es war jetzt keine philosophische Frage mehr wie mit 15. Es war eine Frage des Vertrauens. Glaube, so lernte ich später, wird im Neuen Testament mit „pistis“ bezeichnet. Das meint wörtlich eine Vertrauens-Haltung.
Wie stehe ich am Morgen auf?
Die Frage der Religion, die erst nur am Rande aufgetaucht war, rückte immer mehr ins Zentrum. Bald ging es nicht nur darum, ob ich an einen Gott glaube. Es ging auch darum, wie ich am Morgen aufstehe, welche Haltung sich in mir breit macht, bevor ich auch nur einen ersten Gedanken gefasst habe. Ich war kein unbeschriebenes Blatt, Bevor ich selber mein Leben zu buchstabieren begann, waren gewisse Texte da schon eingetragen. Ich war nicht frei zu gehen, wohin ich wollte.
Im Rückblick sah ich, dass ich immer wieder durch dieselben Pfade stolperte und immer wieder in dieselben Löcher fiel. Ich war nicht frei in meinem Verhalten. Da gab es Mechanismen, die sich schon einklinkten und die Regie übernahmen, bevor ich mich auch nur gefragt hatte, was ich denn eigentlich tun wollte. Ich folgte vorgegebenen Ablaufsmustern, die schon meine Wahrnehmung steuerten. Und das hatte zu tun mit Angst, Sicherheitsbedürfnis und Vertrauen.
Eine Frage von Liebe und Arbeit
An diesem Punkt spürte ich: Die Frage nach dem Glauben, das ist für mich nichts Äusserliches. Da geht es nicht nur um den Hut, den ich heute trage, sondern um den ganzen Anzug und auch um das, was drinsteckt. Denn ob ich vertrauen kann oder nicht – das ist auch die Frage, die mich in meinen Beziehungen beschäftigt und in meinem Verhalten am Arbeitsplatz. Im „Glauben“ wurde diese Frage nur in reiner Form gestellt. Aber es waren dieselben Themen, die mich jeden Tag beschäftigten.
Archäologie
Glauben und Religion hatte ich früher weit von mir weggeschoben. Jetzt durchfuhr es mich: „Das bin ja ich!“ Und von diesem Moment an war der „Glaube“ im Zentrum von all dem angelangt, was mich beschäftigte im Leben. Es war eine neue Formulierung für all die Fragen, die mich seit jeher umgetrieben hatten. Sie erschienen im Gewand eines uralten Wortes, das wie ein Relikt einer alten Kultur aus dem Wüstensand aufragt und von Archäologen ausgegraben wird. Und ich konnte ihm einen Sinn abgewinnen. Ich war neugierig, wie denn die alten Antworten auf meine Fragen passen würden. Dem wollte ich nachgehen.
Nina-Nina
Eine meiner ältesten Erinnerungen ist das „Nina-Nina-Machen“. So nannte es meine Mutter. Offenbar wälzte ich mich als kleines Kind im Bett hin und her, wenn ich aufwachte und mich alleine fand. Die Mutter war in jener Zeit viel im Geschäft. „Machst Du Nina-Nina?“ fragte sie mich, wenn sie kam. Und dann war alles wieder gut. Meine Mutter war da. Und das, was gewesen war, hatte einen Namen bekommen.
Später im Leben erinnerte ich mich daran. Ich wiegte mich nicht mehr im Bett, aber das Gefühl kam mir bekannt vor: dass ich den Kontakt zu mir selber verloren hatte, dass ich wie aus meinem Körper gefallen war. Es war ein Stück von Ekstase. Die wiederum hatte ihre eigene Schönheit. Es war ein wie ein anderer Bewusstseins-Zustand. Mal konnte ich von oben auf mich heruntersehen, wie ich als Kind am Tisch sass und Schul-Aufgaben machte. Mal floh ich in diesen Zustand, wenn ich es im gewöhnlichen Leben nicht mehr aushielt. Ich floh in das Grenzgebiet, befahl meinen Räubern und war dort König.
Schönheit
Es war reine Schönheit. Glück ist etwas für das normale Leben, das stellt sich ein, wenn Wünsche sich erfüllen. Schönheit ist anders. Das denkende und wollende „Ich“, das im Streben nach Glück ganz lebendig wird, löst sich hier auf. Es geht über ins „andere“. Es verschmilzt mit dem Betrachteten. Und alles ist „schön“. Die Dinge verlieren ihre Preisschilder, die sie für das handelnde Bewusstsein haben, da gibt es kein gut und kein schlecht mehr, kein höher und tiefer. Da ist nichts Hässliches mehr. Gerade in den hässlichsten Ecken, wo das Verlassenheitsgefühl am grössten ist, ist es am schönsten. Man muss nur durch das Tor gehen.
Damals hat mich die Schönheit überfallen. Es war der halb-krankhafte Eskapismus eines Kindes, das nie ganz im Körper Platz genommen hat. Es war ein „Aus sich hinausfallen“, aber auch ein Hineingehen in ein Reich der Schönheit. Doch ich verbot es mir, immer wieder, definitiv im Alter um die 25. Ich legte die Gedichte beiseite, die ich geschrieben hatte. Ich verpflichtete mich auf einen Weg „unten“ auf dem Boden. Ich misstraute mir und allem, was ich liebte und was ich gut kannte. So wollte immer auf das zugehen, was mir nicht lag. Ich wollte mir immer das auferlegen, was ich von mir aus nie gesucht hätte. Weil ich spürte, dass der Weg da hindurch führen musste.
Die versunkene Kathedrale
Die Erinnerungen sind undeutlich. Es ist, als ob man durch das Wasser hinabsehen wollte auf den Grund. Von hinten her betrachtet, von dem her, was ich später gelernt habe im Leben, waren es Anfänge von Religion. Aber es war urwüchsig, ohne Gestaltung. Es kam, ohne dass man es gerufen hatte. Es ergriff einen und trug einen fort.
Verfallene Ruinen! Sollte da ein Schatz verborgen sein? Auf dem Meeresgrund sind Rundbogen zu sehen – sollten sie zu jener Kathedrale gehören, die nach einer Sage auf dem Grund zu sehen ist, die Kirche einer versunkenen Stadt?
Kann es einen Sinn haben, dass Kinder aus sich selbst herausfallen zu unfreiwilligen „Seelenreisen“? Kommt dieses Abdriften in die Kontemplation naturwüchsig und wie ein Überfall über die Menschen, oder lässt es sich kultivieren? Gibt es einen erlaubten Umgang damit, der den einzelnen nicht schädigt und die Gemeinschaft fördert?
Das Heben versunkener Schätz
Lassen sich diese Erlebnisse des Kleinkindes reinigen und pflegen? Gibt es aus dem Hinausfallen eine Wiederkehr? – Viele Fragen stellen sich. Es ist die Frage nach einer möglichen Religion.
Kann das Kind eine Mitte finden? Muss der Rausch der Ekstase verboten bleiben oder hat das Schöne ein Heimatrecht in einem recht geführten Leben? Gibt es aus der Flucht eine instruierte Wiederkehr? Ist Ekstase nur Rausch, oder hat sie eine Botschaft? Im Symptom steckt eine ganze Welt mit Himmel und Hölle. Aber lässt sich das mit andern teilen? Ist das ein Weg zum Glauben?
Jähzorn
Leichter zu erkennen sind versunkene Güter, wenn sie sich ins Gegenteil verkehrt haben. So ist es beim Fluchen und beim Jähzorn.
Jähzorn ist ein Schicksal, das durch Familiengeschichten geht wie Trinken oder „ins Wasser gehen“ (wie man früher sagte). Wer davon betroffen ist, sucht Hilfe nicht nur für sich. Er kann es wie einen „Auftrag der Ahnen“ empfinden: dass das endlich zu Ende geht und nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben werden muss.
Jähzorn gehörte auch zu unserer Familie. Er war ein Muster, das wir gelernt hatten. Wenn etwas uns sehr beschäftigte, konnten wir nicht einfach davon reden, als ob wir ein Recht hätten, eine Meinung zu äussern oder Forderungen zu stellen. Aber wenn wir uns künstlich zornig machten, wenn wir uns innerlich hochschaukelten, dann konnten wir es zornig in den Raum werfen und Türe knallend hinausgehen. Jetzt hatten wir es gesagt! Jetzt sollten sie schauen! In dieser Form war es ein hilfreiches Muster.
Es gab aber auch den Jähzorn, der alle Rücksicht auffrass und bei dem man sich selber vergass. Diese Bilder haben sich in die Erinnerung eingegraben. Wenn ein Jähzorniger in der Wut einen Gegenstand zertrümmerte und scheinbar keine Grenzen mehr kannte – dann lernte man als Kind den Atem anhalten, sich tot stellen, sich verbergen und hoffen, dass der Blick an einem vorbei gehe. Gesehen zu werden hiess, Zielscheibe zu werden. So legte sich schon das Kind eine Tarnkappe zu und lernte, den Körper still zu stellen.
Fluchen
Der Jähzorn sieht mächtig aus und macht Kindern Angst. Gleichzeitig vermittelt er die Botschaft von grosser Ohnmacht. Und die Wut richtet sich gegen sich selber. Das ist vielleicht auch die geheime Befriedigung bei einem solchen Anfall: dass man gegen sich selber wüten kann, dass man das, was man am meisten liebt, vernichtet, weil man selber ja gar nichts wert ist. Man vernichtet es und heult dabei vor Kummer und Verzweiflung.
Bei solchen Zornattacken war auch das Fluchen nicht weit. „Gott …“ schrie ich als Kind und wünschte, dass Gott mich verdammen möge. Auch das ist ein Fund aus der Tiefe. Sollte das aus jener Kirche stammen? Was ist das ursprüngliche Bild, das sich so entstellt hat? Und lässt es sich wiederherstellen? Wie erlöst man ein Leben, das sich selber verflucht?
Religion als Kultivieren urwüchsiger Impulse
Aus sich herausfallen, Ekstase, die Flucht in Schönheit – was mir klar geworden ist über diese vorsprachlichen Lebensdeutungen: „Religion“ werden sie erst, wenn sie kultiviert werden. Dann können sie ihre Wildheit abstossen, ihre Brutalität und das traumatisierende Beiwerk und Blendwerk, das immer wie ein Theater abläuft, wenn ein Flashback erfolgt, wenn die alten Verletzungen wieder auftauchen und die alten hilflosen Abwehr-Versuche einer frühkindlichen Magie.
Als Kind schon habe ich gelernt, „aus dem Körper zu fliehen“. Hier wird das Schöne missbraucht. Kontemplation geschieht naturwüchsig, wie ein Angstabwehr-Mechanismus. Eine ähnliche Funktion haben Suizid-Gedanken, die eine letzte Ausweich-Möglichkeit vorgaukeln. Sie verhindern aber eine wirklich „Einwohnung“ ins Leben.
Religion so scheint es, hat einen bewussten Umgang mit diesen Dingen entwickelt, die bei mir unwillkürlich durchbrechen. Ist da ein Weg, auch diese im Körper verankerten Verhaltensweisen aufzubrechen?
Religion gibt Meditation – statt wilder Kontemplation, Begeisterung – statt wilder Ekstase. In ihr lebt die Sehnsucht nach „Mehr“ in den religiösen Bildern einer langen Tradition – statt in privaten Suchtwegen.
Sie kennt diese Erfahrungen: wie ich an einem „Ganzen“ teilhabe, wie ich mich in die „Mitte“ stellen kann, wie ich Freude erfahre im Gebet – statt diesem reaktiven Aus-der-Welt-Gleiten und Hinüber-Träumen.
Die Mitte. Der Berg. Die Quelle
Ich erinnere mich an ein Bild, das ich als kleiner Junge gemalt habe. Damals, ich weiss nicht, wie alt ich war, habe ich mir unter der Treppe, in jener vergessenen Besenkammer, einen Raum eingerichtet, wo ich malte, bastelte, schnitzte. Es war ein Refugium, herausgelöst aus dem Alltag.
Ich musste nur die Tür aufmachen und war in einem anderen Land. Im Dunkel dieser Kammer – sie hatte nur ein kleines Licht – stiegen aus dem Dunkel der Ahnungen Bilder auf, Visionen, wo sich mein Leben verdichtete, wo meine Zukunft Bild-Form annahm, meine Herkunft mich begleitete wie ein Segen aus dem Ursprung, der in seinem Werk präsent ist, der mitläuft auf seinem Weg.
Auf dem Bild – ich habe es Jahre später gefunden und eine Kopie gemacht – sieht man ein Heerlager, viele Zelte im Kreis, in der Mitte ein Berg und darauf eine Burg. Der Berg ist gespalten, aus der Spalte fliesst ein Bach. Er gibt das Wasser für das Lager. Aus der Quelle fliesst es bis zu uns.
Der Weg – ein Glaubenstext
Von Gott her kommt uns jemand entgegen: Jesus Christus.
Im Gebet ist er wie ein „Du“, wir können mit ihm sprechen, jeden Tag:
am Morgen vor dem Aufstehen, am Abend, wenn wir den Tag abschliessen. Er ist da, er begleitet uns, ist mit uns auf dem Weg.
Und er geht uns voraus, er weiss den Weg und hilft uns.
So ist der Weg der Christen ein Nachfolgen. Nachfolgen ist eine besondere Art des Gehens. Es gleicht dem Wandern in den Bergen.
Wer Christus nachfolgt, der macht eigene Schritte, er geht seinen Lebensweg. Und doch kommt er dabei zu einem Ziel, das er aus eigener Kraft nie erreichen könnte. Denn Einer ist vorausgegangen, er hat den Weg gebahnt, er hat einen Weg aufgemacht, wo vorher keiner war.
Wer den Fuss in seine Spur legt und ihm nachfolgt, erreicht das Ziel.
Er geht aus eigener Kraft, und es ist doch nicht sein Verdienst: Es ist Gnade. Denn die Vollendung des Lebens ist das Werk Gottes, so wie der Ursprung des Lebens seine Tat ist. Das macht nicht der Mensch.
Auf seinem Weg finden wir ans Ziel.
Das Ziel unseres Lebens, das müssen wir nicht machen.
Das steht vor uns, wie der Berg am Horizont.
Mächtig steht er da, er verbindet Himmel und Erde.
Dort geht unser Weg.
Es ist ein Bild, es hilft davon reden: ein Bild, wie der Weg zum Himmel führt. Himmel – das ist dort, wo Gott sein Reich aufrichtet, wo es nach seinem Willen geht:
Die Menschen leben in Gerechtigkeit und Frieden.
Ohne Gerechtigkeit und Frieden können wir uns keine lebenswerte Welt vorstellen. Es ist notwendig, damit wir leben und gesund bleiben können.
Immer wieder erleben wir ein Stück dieses Himmels hier auf der Erde,
Immer wieder erleben wir ein Stück der Vollkommenheit.
Aber herstellen können wir es nicht. Wir sind auf dem Weg dazu.
Und der Weg gelingt uns nur, wenn wir jetzt schon von dem leben, was wir anstreben, wenn wir jetzt schon ein Stück von Gerechtigkeit und Frieden erfahren.
Das ist der Glaube. Er ist ein Stück vom Ziel, während wir noch auf dem Weg sind.
Wer glaubt, ist wie ein Wanderer in der Natur.
Vor sich sieht er den Berg, er macht ihn nicht, er steht da, mächtig und wunderbar, wie eine Achse im Kosmos.
Wenn der Wanderer sich auf den Weg macht, tritt er in diese Landschaft ein.
Wer sich den Berg zum Ziel nimmt, der ist schon mit dem ersten Schritt in der Landschaft, die zu diesem Berg gehört:
Er lässt die Häuser und Strassen hinter sich, den Lärm
Er tritt in die Stille ein, Vögel singen, Blumen blühen am Weg.
Wer Augen hat dafür, der sieht das Grosse auch im Kleinen.
Er freute sich am Kleinsten. Es ist ja nicht klein.
Es ist von derselben Art wie der Berg, der da vorne in den Himmel ragt. Und vom Berg her kommt uns der Fluss entgegen.
Erst ist es nur eine Quelle, dann wird sie grösser. Sie bringt das Wasser bis zu uns, die wir noch auf dem Weg sind.
So können wir jetzt schon unseren Durst stillen, an dieser Quelle, auch wenn wir noch unterwegs sind.
Im Gebet, im Glauben, erfahren wir immer neue Kraft.
Wir können uns anschliessen an der Quelle.
So gehen wir unsern Weg.
Glauben vor dem Glauben
Glaube ist manchmal unter seinem Gegenteil verborgen. Manchmal wächst er aus kleinen Anfängen. Manchmal scheint er aus nichts zu entstehen. Ein Mensch, nach seinem Glauben gefragt, erzählt vielleicht von einem Erlebnis aus der Zeit, bevor er den Glauben fand. Und es gehört für ihn zur Glaubensgeschichte. Aber es ist nicht mitteilbar. Der andere, der es hört, findet dadurch keinen Weg zu Gott. Da ist eine Leerstelle, die der Gläubige leicht füllen kann: für ihn ist es Gott, der hier eingegriffen hat. Dem Ungläubigen wird es unbehaglich. Denn er findet nichts in sich, dass er ein solches Wort nachsprechen könnte.
Es gibt eine seltsame Stelle im Brief des Apostels Paulus an die Römer. „Gott kommt unserer Schwachheit zu Hilfe. Wir wissen oft nicht wie wir beten sollen, aber der Geist selber tritt für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern.“ (Römer 8, 27)
Da tritt Gott an die Stelle des Menschen und nimmt ihm sogar das Beten ab. Der Mensch, der Gott nicht kennt, kann ihn nicht anrufen. So tritt Gott an seine Stelle und betet für ihn und erfüllt ihm auch gleich seine Bitte.
Verdrehte Logik! Und doch wird die Stelle gern zitiert, weil sie eine Erfahrung trifft, die viele Gläubige gemacht haben. Wie soll man auch vom Glauben erzählen, den man hatte, bevor man ihn hatte – nach welcher Logik? Da ist Gott zuerst. Und er leiht dem Sprachlosen seine Sprache, er sieht, was er braucht und nicht sagen kann, weil er in seinem Leid versunken ist. Und er befreit ihn daraus – und erst mit vielen Jahren Abstand tritt dieses Ereignis im Bewusstsein hervor. Es nimmt einen wichtigen Platz ein.
Und gefragt, was denn das Wichtigste war in seinem Glaubensleben, sagt der Gläubige vielleicht: Das war damals, als ich mich von Gott und Mensch verlassen fühlte. Ich habe nicht mal gebetet, denn ich kannte Gott nicht. Aber er hat mich gerettet und hat mir das Schönste geschenkt in meinem Leben, für das ich ihm noch heute jeden Tag danke.
Es war keine Quelle zum Glauben, es war kein Grund, um gläubig zu werden. Denn damals wusste er ja nichts davon. Aber später war das Erlebnis eine Quelle von täglichen Dankgebeten. Und so war es vielleicht doch eine Quelle des Glaubens, wenn auch noch versteckt unter dem Gegenteil. Die Freude war noch verborgen im Leiden und der Dank versteckt in der Not, die nicht zu bitten weiss.
Manche Menschen halten die Not für die Ursache des Glaubens, sagt Friedrich Hölderlin. Aber die Quelle des Glaubens liege in der Dankbarkeit.
So wäre Danken der Anfang des Glaubens. Das Danken mag später kommen als der Glaube, aber es ist doch sein Anfang.
Nachwort
Das Buch Hiob, ein Weisheitsbuch des Alten Testamentes, fügt die Hiob-Tradition in eine Rahmenhandlung ein. Bevor das Drama um Heil und Unheil beginnt, treffen sich die himmlischen Mächte vor dem Vorhang und es entspannt sich ein Dialog zwischen Gott und Teufel.
Mythologie
Es ist viel von Mythologie die Rede in den hier versammelten Texten. Ja, das Gespräch von Gott und Satan vor dem Vorhang ist eine mythologische Erzählung, bzw. ein literarisches Konstrukt im Stil einer mythologischen Erzählung. Kein Leser ist gehalten, sich das wirklich so vorzustellen, dass Gott und Satan sich zu einem Gespräch treffen. Die Mythologie konnte als Stilmittel eingesetzt werden, das religiöse Denken hatte sich von ihr gelöst.
Auf andere Weise hat sich das griechische Denken von der Mythologie gelöst, aber ihre Gestalten wurden weiter gepflegt. Es waren Vorstellungsformen für das frühe Denken. Schon bei Hesiod wurde die Mythologie zu einer vorbegrifflichen Philosophie in Göttergestalten. Hesiod ordnet die Götter nicht nur zu Familien, er erfindet auch neue. Er denkt in Göttergestalten und erfindet auch neue, die keine kultische Verehrung verlangen, sondern sich an das Denken wenden und die Stelle von Prinzipien einnehmen, z.B. den Eros. (Vgl. Werner Jaeger, «Die Theologie der frühen griechischen Denker»)
Im Hiob-Buch hilft das mythologische Erzählstück, einen Blick auf den folgenden Inhalt zu werfen, der alle Kategorien des guten Glaubens durchbricht. In dieser von Unglück verfolgten Wirklichkeit ist nichts zu finden, was gegen Angst und Verzweiflung helfen könnte. Die Darstellung vor dem Vorhang, das Gespräch zwischen Gott und Satan, hilft, die Verzweiflung als eine Versuchung darzustellen, die von Gott zugelassen wird. Das heisst, dass auch sie in Gottes Hand liegt, dass es keine nicht-göttliche Macht ist, die dieses Elend über die Menschen bringt. So kann gegen alle Erfahrung auf Gott vertraut werden.
Vor dem Vorhang
«Vor dem Vorhang» kann verschiedenes bedeuten. Hier interessiert es, weil es eine Zuflucht bietet, wenn anderes nicht mehr trägt. Und dafür ist das Buch Hiob beispielgebend. Dort, wo alles verloren ist, wo nichts mehr da ist, auf das man sich verlassen kann, keine ruhiger Punkt, auf dem man noch etwas aufbauen könnte, dort sucht man eine Antwort, die «vor dem Vorhang» liegt, weil ja die Handlung «im Stück», wenn der Vorhang aufgezogen wird, keine Antworten mehr gibt und auf alle Anfänge nur «Ende» signalisiert.
«Vor dem Vorhang» – die Autoren nehmen eine mythologische Erzählform zu Hilfe und belauschen Gott und Satan, bevor das Stück beginnt – sind letzte Punkte zu finden, an denen die Suche nach etwas Vertrauenswürdigem noch anknüpfen kann, an denen das Lebensinteresse an Gerechtigkeit, Frieden, Vergebung, an einer Begegnung zwischen Menschen in Treu und Glauben, noch anknüpfen kann.
«Im Himmel»
Die Antwort wird «vor» dem Stück gesucht, sie wird nicht in der Handlung gegeben. Das Gesuchte bestimmt zwar die Handlung, aber wie ein unsichtbarer Regisseur, der hinter der Bühne Anweisungen gibt. Das kann mythologisch erzählt werden: Es sind Dinge, die sich «im Himmel» abspielen. Das ist ausserhalb der Reichweite von Menschen, es ist nicht einmal zu sehen, von dort her erfolgt keine Antwort, wenn nicht ein Gott diese in einer Offenbarung gibt.
Die Mythologie hat schon bald selber angefangen zu denken, wie Hesiod zeigt. Bald wurde sie übersetzt. Das Interesse an einer Sphäre, die unzerstörbar ist, bleibt, das Interesse an einem Reich, wo das Leben aufgehoben ist, trotz Tod und Not. Ein Dasein, das an der Gerechtigkeit unverbrüchlich festhält, auch wenn diese unten auf der Erde mit Füssen getreten wird. Die Göttergestalten wurden zu Prinzipien. So jedenfalls in Griechenland und in der von dort ausgehenden Tradition. Die Mythologie wurde in Metaphysik übersetzt. Auch wenn das Leben flüchtig und das Recht verletzlich ist, da ist eine Quelle, aus der alles fliesst, der Mensch hat die Welt nicht gemacht. Da ist eine Wirklichkeit, die dem Menschen verborgen ist wie der Götterhimmel der alten Mythologie, aber gewisse Einblicke sind verstattet, so wie die alten Götter sich früher manchmal durch einen Seher oder Propheten kundtaten.
«Denknotwendig»
Gibt es nicht Dinge, die schlicht denknotwendig sind? Gerechtigkeit gehört dazu. Wenn nicht jeder Mensch ein Lebensrecht hat, kann der einzelne nicht in Gesundheit aufwachsen und für die Gemeinschaft gibt es kein Zusammenleben in Frieden.
Was vor dem Vorhang liegt, Gott und seine Sphäre, das wird dem Menschen begreifbar, wenn er spürt, dass es schlicht denk- und lebensnotwendig ist. Es muss gegeben sein, wenn Leben gelingen soll. Es findet sich «vor dem Vorhang» – es ist dem Bewusstsein nicht einfach zugänglich, aber es erschliesst sich dem Nachdenken, wenn dieses die Not nicht auslässt, wenn es sich dieser Wirklichkeit stellt, die im Buch Hiob beschrieben wird.
Hiobs-Botschaften
Im Buch Hiob wird das Leid der Welt auf eine Familiengeschichte verkürzt, das steht aber beispielhaft für ein Geschehen, das im alten Orient immer wieder die Geschichte prägte und das auch heute wieder aufgefunden wird, in den Nachrichten von Krieg, Zerstörung und beispielloser Gewalt. Weil die erfahrene Wirklichkeit keine Antwort lässt, wirft die Suche die Angelschnur weiter aus. Sie geht alle Erfahrungsbestände durch, wo Antwort zu finden wäre.
So stösst sie auf Voraussetzungen des Lebens, die einfach denknotwendig sind. Selbst im grössten Leid wird ein «Trotzdem» erfahren: es müsste «anders» sein. Daran lässt sich anknüpfen, so kann man dem Zynismus und der Verzweiflung widerstehen. Und wenn sich je eine Gelegenheit bieten sollte, dass Menschen etwas Neues aufbauen können, dann werden sie sich an das halten, was ihnen hier aufgegangen ist. Dass es Recht und Barmherzigkeit braucht, das haben sie nicht aus der Erfahrung gelernt, das gilt «kontrafaktisch». Es ist eine Gelingens-Voraussetzung für menschliches Leben und Kultur, auch wenn es nirgends verwirklicht wäre.
Wenn das Schlimmste geschieht
Heute berichten Hiobs-Botschaften nicht nur von Krieg und Gewalt. Mit Klimawandel und Artensterben drohen Entwicklungen, die unkontrollierbar werden können. Wie ist das, wenn das Schlimmste wirklich geschieht? In den hier wiedergegebenen Texten finden sich auch zwei, die die Situation beschreiben, wenn das Unkontrollierbare geschieht, wenn das Erleben der Menschen traumatisiert wird.
Eine solche Verletzung wird oft weitergegeben über Generationen, es findet sich im Kern mancher Religionen. Im Judentum lebt die Auseinandersetzung mit der Exils-Katstrophe, im Christentum die Kreuzigung und Verfolgung der frühen Kirche.
Die kollektive Feier dieser Ereignisse und die Erinnerung an die Wege, die im Lauf der Jahrhunderte gefunden wurden, helfen Menschen heute, ihre persönlichen Traumatisierungen hier einzutragen und Kraft und Versöhnung zu finden.
Solche Verletzungen gehören ebenfalls zu den Voraussetzungen, wie die Wirklichkeit erlebt wird. Sie sind selber kaum bewusst, prägen aber die Art, wie Dinge erlebt und beantwortet werden. Sie gehören somit auch zu den Bedingungen, die «vor dem Vorhang» liegen, die im Stück nicht laut werden, aber als Regieanweisung alles beeinflussen.
Archäologie religiöser Rede
In den hier versammelten Texten wird das angesprochen als «Archäologie» religiöser Rede oder als «Apriori», was etwas bezeichnet, was «vor der Erfahrung» liegt und diese erste möglich macht. Es begegnet nicht nur in Gefühlen der Geborgenheit oder Verlassenheit («emotionales Apriori»), es begegnet auch in Postulaten, die schlicht «denk- und lebensnotwendig» sind («kognitives Apriori»). Denn dass es Gerechtigkeit gibt, das lernen wir nicht aus Erfahrung. Aber wer erlebt, dass Menschen für nichts geachtet und Recht und Gerechtigkeit mit Füssen getreten werden, der spürt eine feste innere Gewissheit, dass es so etwas wie Gerechtigkeit «geben muss». Es ist eine Bedingung, dass Menschen in Frieden zusammenleben und als Individuen gesund aufwachsen können.
So gibt es vieles, was vor dem bewussten Glauben liegt und diesen prägt. Selbst Verzweiflung kann als (entstellte) Form von Glauben erkannt werden, auch wenn er das genaue Gegenteil aussagt. Wenn ich nicht vertrauen kann, falle ich in Verzweiflung, das Bild von mir, von anderen Menschen, von der Wirklichkeit überhaupt, wird angegriffen. Verzweiflung ist die Kehrseite des Vertrauens. Drehe ich die Karte um, erscheint dort, wo Angst und Verzweiflung herrschen, Vertrauen. Friede und Dankbarkeit kehren ein.
Die Texte
Solche Prozesse der Gesundung waren in meiner Entwicklung so wichtig wie die Vergewisserung in meinem Glauben. Die hier versammelten Texte berichten davon, sie sind datiert, stammen aus 40 Jahren der Beschäftigung mit Glauben. Das zweite Kapitel «Kann man glauben lernen?» bringt drei Texte aus meiner Glaubensgeschichte. Das dritte Kapitel «Die versunkene Kathedrale» geht den vorsprachlichen Prägungen in der frühen Kindheit nach.
Worum geht es aber in diesen Texten?
Hiob wird als Hilfe begriffen, um die grossen Herausforderungen unserer Zeit bewältigen zu können. In den Erfahrungen dieser Wirklichkeit ist für Betroffene oft nichts mehr zu finden, was ihnen Halt geben könnte. Aber «vor dem Vorhang» sind Inhalte zu finden, die nicht relativiert werden, die auch dann noch gelten, wenn sie mit Füssen getreten werden und alle Welt in Zynismus zu fallen scheint.
Es sind die Trotzdem-Hoffnungen, die nicht an der Erfahrung festmachen können, sondern die gegen alle Erfahrung und vor aller Erfahrung an den Zusagen von Leben und Gerechtigkeit festhalten. Es ist ein «kontrafaktisches» Wissen, das gerade dann bewusst wird, wenn die Erfahrung eine Welt zeigt, wo Recht und Leben mit Füssen getreten werden.
Hier können sich Glaube und Vertrauen vergewissern. Von hier aus kann ein neuer Anfang ausgehen. Mythologisch gesprochen entspricht das der Erzählung von Karfreitag und Ostern. Es geschieht nicht von Ostern her, als ob das für den Verzweifelten Beweiskraft hätte, es geschieht vom Karfreitag her, vom Nullpunkt, der in der Erfahrung gefunden werden kann. Ich zitiere aus einer Passionsbetrachtung:
«Unter dem Kreuz»
Ich denke an Jesus Christus und die Erzählung von seinem Sterben. Immer wieder im Leben habe ich mich hier eingefunden, immer wieder habe ich hier Halt gefunden. Nicht weil hier etwas Sieghaftes erzählt wird, etwas Heldenhaftes, das uns ein Beispiel geben könnte, was das Vertrauen auf den Menschen und sein Handeln wieder neu machen könnte. Im Gegenteil, diese Stille hat mir geholfen. Die Stille, wenn der Lärm von Hass und Verfolgung sich ausgetobt haben. Die Stille, in der eine Ahnung sich erhebt von einem andern. Die Stille unter dem Kreuz, wo alles Menschliche am Ende ist.
Gerechtigkeit und Erbarmen, sie haben sie mit Füssen getreten in seiner Passion. Aber in der Stille wacht die Intuition mit umso deutlicherer Stimme auf. Gerechtigkeit, das ist denk- und lebensnotwendig. Und ein Zusammenleben unter Menschen gibt es nur, wenn wir die Kunst der Vergebung lernen. So entsteht auf den letzten leeren Plätzen dieser Kultur, wenn alles andere zerstört ist, die Gewissheit des Lebens – und nicht eines blossen Überlebens, sondern eines Lebens in Würde.
Drei Intuitionen sind denk- und lebensnotwendig, damit der einzelne seine Gesundheit wahren und die Gemeinschaft in Frieden zusammenleben kann: dass die Welt Bestand hat, trotz des Menschen; dass es für die individuelle Biographie ein „Ankommen“ gibt und dass der Weg der Menschheit nicht im Dunkeln endet.
Das ist der Welt eingestiftet, auch wenn die physikalische Beschreibung der Welt nichts davon weiss, aber danach fragt sie auch nicht. Von ihr einen Gottesbeweis zu verlangen, ist, als ob man am Fahrkartenschalter ein Menu bestellen wollte. Und seltsam, was all die Theologen und Philosophen nicht fertig bringen, die „Ostern“ übersetzen und rekonstruieren wollen, an diesem Nullpunkt ereignet es sich: die Gewissheit des Lebens, eines Lebens in Würde, wo der Verlorene gesucht, der Gedemütigte erhöht wird und wo die Schöpfung ans Ziel kommt.
Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Denn er war sehr gross. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling, der hatte ein langes weisses Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen.»
Notizen Juli 2018
Ausführliches Inhaltsverzeichnis
Das grösste Abenteuer der Menschheit 4
Wie Trinken für den Verdurstenden. 8
Mytho-Poesie und Glaubenspraxis. 10
Das Kirchenjahr als «Erzählung». 11
„Erkenntnistheorie beim Beten“ 12
Mit nichts bewaffnet als mit Vertrauen. 13
Religion als Kultivieren urwüchsiger Impulse. 19









