Eine Leiter vom Himmel zur Erde
Es ist eine alte Vorstellung, von den Seelenreisen der alten Schamanen bis zu den Bildern in der Bibel, dass es einen Weg zwischen Himmel und Erde geben müsse. Und der Berg, der von der Erde zum Himmel reicht und seinen Gipfel in den Wolken verhüllt, ist zu seinem Symbol geworden.
Manchmal versuchten die Menschen, ihn mit einem hohen Turm zu erzwingen, er zeigte sich aber eher absichtslos. Und Menschen, denen das widerfuhr, waren eher verstört dadurch und konnten nicht davon erzählen. Es brauchte eine lange Geschichte, bis sie lernten, es in Bilder zu fassen, in Symbole und Rituale, durch die sie auch andere daran teilhaben lassen konnten. So entstanden eine religiöse Kultur und eine gewisse „Demokratisierung“ von Erlebnissen, die sonst eher der Krankheit zugeschrieben werden, dem Wahnsinn, dem Hinausfallen aus der Welt, von dem man naturwüchsig eingeholt wurde und das einen stumm machte. Es hinterliess aber eine lebenslange Erinnerungsspur, dass da „etwas“ gewesen war.
In der Mystik ist der „Weg“ ein zentrales Symbol. Im 17. Jahrhundert sprach man von einem „Heilsweg“, dem „ordo salutis“. In der späten Reformationszeit versuchte man das, was Luther erlebt und erfahren hatte, in ein System zu bringen. Man prägte Begriffe, baute Lehrgebäude, wollte es erfahrbar und lehrbar machen – damit jeder auf diesem Weg fortschreiten und ans Ziel des Lebens gelangen könnte, auch ans höchste Ziel.
Geistesgegenwart
Im Studium bin ich auf den Heilsweg des David Hollaz aus dem Jahr 1707 gestossen. Er beschreibt in neun Stufen den Weg zum Himmel. Besonders fasziniert war ich, dass auch die „Geistesgegenwart“ dort als Stufe angegeben war. Denn daran fehlte es mir, geistesgegenwärtig zu sein, präsent, nicht abzuheben in die Wolken, sondern auf der Erde zu bleiben und „da“ zu sein. Das spürte ich an allen Enden und vor allem, wenn ich das Baby hütete. Es konnte sich nicht beruhigen, wenn ich nicht bei ihm war und das heisst, ganz bei ihm.
Ähnlich war es in der Schule. Wenn ich nicht „da“ war, spürten die Schüler ihre Unruhe. Sie fühlten sich wie im Stich gelassen, allein mit dem Abgründigen ihres Lebens. Darin konnte ich ihnen wohl kaum helfen, aber es genügte, wenn ich „da“ war, wenn ich das Abgründige in mir selber aushielt, dass sie sich beruhigen konnten und eine friedliche Stimmung einzog.
Wenn die Tradition einen Weg von der Erde in den Himmel sucht, war ich also (in einem psychologischen Sinn) mehr am Gegenteil interessiert: an einem Weg auf die Erde. Die Geister hatten sich losgerissen, sie brauchten einen Weg, um wieder herabzukommen und in mir Platz zu nehmen. Ich musste lernen, mich mit mir selbst zu versöhnen, damit ich wieder in mir und im meinem Leben Platz nehmen konnte.
Eine Schule der Mystik
1993 gerieten mir meine alten Notizen zum Heilsweg des David Hollaz in die Hände. Es kann auch als Meditationshilfe für die Adventszeit dienen. Auch wenn er nur neun Tore beschreibt, nicht 24. Ich folge hier seinen Stufen. Ich notiere aber nicht seine Erklärungen. Ich füge in freien Worten ein, was ich zur Zeit der Redaktion dieser Notizen begriffen zu haben glaube.
Inhaltsverzeichnis
Vocatio. 2
- a) Es gibt keinen »Kanon» mehr 6
- b) Pluralismus und Relativismus küssen sich. 6
- c) Es fehlt eine Basis für alles und für irgendwas. 7
Gerechtigkeit und Friede küssen sich. 8
Was ist also der Weg vom Himmel zur Erde?
Vocatio
Am Anfang des Heilsweges, der am Schluss die ganze Schöpfung umfasst, steht die „Berufung“. Schon vor und ausserhalb der christlichen Verkündigung gibt es eine Berufung, da die Schöpfung auf Gott hinweist. Auch in den Menschen selbst gibt es so etwas wie eine Ahnung Gottes, so dass sie sich auf den Weg machen können. Es gibt Erfahrungen von Gelingen aber auch von Scheitern. Es gibt Krankheit und Tod. Der Mensch möchte sein Leben frei führen, stösst aber immer wieder auf Hindernisse. Er ist Teil eines Ganzen, das er nicht in Händen hat. Er kann die Bedingungen seiner Existenz nicht kontrollieren. Gerade das weist ihn auf Gott hin. Das Scheitern am Gesetz zeigt ihm den Weg zum Evangelium, wie Hollaz im Sinn von Luther festhält.
Illuminatio
Wer Gott sucht, dem kommt er entgegen, er „erleuchtet“ seinen Sinn. Das geschieht nicht einfach durch Erkenntnis oder durch die Erfahrung von Glück. Auch das Scheitern kann eine Erleuchtung bewirken. So führt der Weg „vom Gesetz zum Evangelium“. Der Versuch, die Welt über den Willen und die Tat nach den Zielen der Vernunft umzuprägen, gelingt nicht ohne weiteres. Man kann sich aber ins Ganze hineinstellen, sich aus dem verstehen, was geschenkt ist, auf die Kraft vertrauen, die alles hervorgebracht hat. So öffnet sich ein anderer Weg: wo man sich anvertraut, wo man nachfolgt, wo man immer wieder Kraft erhält, indem man im Gebet vor Gott kommt. So wird das Zukünftige schon auf dem Weg erfahren, das Ganze schon im Teil, das Vollendete schon im Bruch – in der Feier des Glaubens, im Trost nach einer dunklen Erfahrung, in Hoffnung und Aufbruch für jedes neue Stück Weg.
„Erleuchtung“ geschieht nicht ein für alle Mal, sondern schrittweise, entgegen dem Bild vom gläubig Werden in den Hau-Ruck-Sekten, die aus dem ganzen Bild einen Teil herausbrechen und das Dunkle oft abspalten. Hier geht der Weg nicht nur in den Kopf, der Glaube wandert über die Vernunft in den Willen und das Begehrungs-Vermögen durch den ganzen Körper und alle Institutionalisierungen des Charakters, immer in Auseinandersetzung des Einzelmenschen mit der äusseren Welt.
Conversio
Auf dem Weg geschieht Bekehrung. Wer einen Weg geht, muss sich irgendwann vom Ausgangspunkt ab-kehren und die Richtung zum Ziel einschlagen.
Im alten Taufritual war es die Absage nach Westen, die Lossagung vom bisherigen Weg und den Grössen, die das Leben dort bestimmen. Christus fordert nach Matthäus zum „Umdenken“ auf (Metanoia). Wie alles auf dem Weg kann es nicht einfach „gemacht“ werden, erfordert aber doch auch ein eigenes „Tun“.
Später, vor dem Ziel, hat der Weg seine Helfer, da zieht und trägt es den Wanderer. Dazwischen gibt es aber Durststrecken und Wüsteneien. Auch Christus wird nach seiner Taufe in die Wüste geführt. Das Gehen in der Nachfolge ist wie das Wandern zu einem grossen Berg. Er ist in der Ferne sichtbar und verbindet Himmel und Erde. Bei ihm entspringt eine Quelle, die uns entgegenkommt. Sie bringt schon hier das Land zum Grünen und gibt uns Kraft für den Weg. (Abendmahl, Eucharistie).
Regeneratio
Das Verlassen des alten Wegs wird oft als ein Sterben beschrieben. Es ist der Tod der alten Identität. Was bisher half, kann auf dem neuen Weg nicht weiterführen, im Gegenteil, mit seinen eingeübten Reaktionsweisen führt es immer wieder in die Irre, so dass man auf die alten Geleise gerät. Das völlig loszulassen mobilisiert Ängste, weil man die Kontrolle verliert. Das Neue ist noch nicht da, man fühlt sich nackt und bloss und möchte vor Scham versinken.
Man litt zwar unter dem alten Regime, darum wollte man auswandern aus dem alten Leben, das so nicht weiterging. Aber man profitierte auch davon, weil man sich als Opfer fühlen konnte und die Verantwortung von sich weisen. So geht es einem wie dem alten Volk Israel nach der Auswanderung aus der Sklaverei in Ägypten. Es kommt nicht gleich ins gelobte Land, sondern in eine Wüste. Und das Volk wünscht sich zurück an die Fleischtöpfe von Ägypten.
Diese Wanderung wird später im Taufritual nachgestellt. Nach dem Versinken im Wasser taucht man wieder auf. Es ist wie Tod und Wiedergeburt. In der Geschichte vom Propheten Jona wird erzählt, was da geschieht. Die Sekten reden oft von den Wiedergeborenen. Hier in der lutherischen Orthodoxie ist es ein allmählicher Prozess, kein plötzliches Geschehen, nach dem man unterscheiden könnte, wer zu den „wahren“ und wer zu den „Namens-Christen“ gehört. Die „Wiedergeburt“ kann verloren und wieder gefunden werden.
Iustificatio
Zu einem „Ankommen“ am Ende des Wegs gehört mehr, als dass man den Weg „geschafft“ hat und müde zu Boden sinkt. „Ankommen“ meint Ankommen an einem Ziel. Da wird eine Sehnsucht erfüllt, da wird das Gesuchte gefunden, das Kranke geheilt. Ein Weg hat immer wieder Momente des Ankommens. Dass die ganze Welt heil wird, das ist eine Erwartung für das letzte Ziel. Auch körperliches Heilen kann nicht auf einen bestimmten Termin hin erwartet werden. Schneller sind die „weichen“ Tatbestände, wo der Glaube schneller Fortschritte macht.
Zum Ziel gehört auch die Gerechtigkeit. Darum steht bei allen grossen Weg-Geschichten am Ende auch ein Gericht, wo das verletzte Recht wieder geheilt wird. (vgl. die Odyssee). Bilder vom Abschluss der Lebensreise enthalten daher auch dieses Moment, wo das bisherige Leben „angesehen“ wird. Was Unrecht war, wird benannt. Täter finden Strafe, Opfer werden ins Recht gesetzt. Da Recht und Unrecht in einem Leben immer gemischt auftreten und weil das Handeln nie einfach nur den Absichten folgt, weil Fehler geschehen und Verletzungen zugefügt werden, braucht es auch Erbarmen. Hier wird die Erfahrung des Kindes mit seiner Mutter wiederbelebt. Es ist ein Vorstellungsmuster für Intuitionen, die denk- und lebensnotwendig sind: dass es Gerechtigkeit gibt, aber auch Barmherzigkeit. Gerade weil wir unser Leben nicht aus uns selber haben, geht das Vertrauen auf „den Vater, die Mutter“, die alles in Händen halten.
So schenkt Gott Erbarmen und spricht den Wanderer von Schuld frei. Er findet „Rechtfertigung“. Das heisst nicht, dass er „das Gesetz bereits im Herzen“ trüge wie der neue Mensch, von dem die Bibel spricht. Er macht immer noch Fehler, lebt in alter Vorläufigkeit. Aber er ist versöhnt mit Gott, hat Frieden gefunden in seinem Gewissen. Seine Sehnsucht nach einer „neuen Unschuld“, von der aus man „das Ganze neu beginnen könnte“, ist erfüllt. Der Wanderer betet mit mehr Vertrauen („Gewissheit der Gebets-Erhörung“).
Inhabitatio
Hollaz spricht von „Einwohnung“ des Geistes und „mystischer Vereinigung mit Gott“. Der Heilige Geist nehme im Menschen „Wohnung“ und mache ihn zu einem „geheiligten Tempel“. Hier scheint der Geist jetzt gegenwärtig, nicht nur in Vernunft und Willen, sondern auch im Begehrungs-Vermögen und in den „Verkörperungen“ des Glaubens. Er spricht von „praesentia substantialis“, von substanzieller Gegenwart.
Trotzdem lässt er an der Gnaden-Ursache keinen Zweifel, es ist keine eigene Herrlichkeit des Menschen, kein Status und kein menschlicher Fortschritt. Christus hat den Tempel, nachdem er zerstört wurde, in drei Tagen wieder aufgebaut. So bewahrt die Redeweise vom Gläubigen als „Tempel des Heiligen Geistes“ die biblische Erinnerung an die gottgewirkte Auferstehung. Da ist nichts von menschlichem Tun. Alles Menschenmögliche endete am Karfreitag im Tod.
In diesem Stadium taucht jetzt die Geistes-Gegenwart auf, die ich am Anfang meiner Notizen vermisst habe. Dort sehe ich sie als Ziel einer Entwicklung: dass ich „gegenwärtig sein“ kann, dass ich meinen Impulsen folgen kann, dass Blockaden aufgehoben sind. Ich muss keine Kontrolle mehr ausüben, weil die Impulse „gut“ sind. Ich kann mich der Spontaneität überlassen, sie führt mich besser ans Ziel als die vernünftige Navigation mit all ihren Sicherheits-Kautelen, die in sich doch nur meine Verletzungs-Geschichte bewahren und diese immer wieder repetieren.
Die Geistes-Gegenwart ist bei Hollaz nicht psychologisch gedacht, sondern meint die Gegenwart des Heiligen Geistes, die Gegenwart Gottes. Das ist nicht dasselbe und kann doch auch nicht völlig davon getrennt werden. Gerade von der lutherischen Lehre her kann Heil nur von Gott herkommen. Es kommt stufenweise vom Hören des Wortes bis zur Erneuerung des Begehrungs-Vermögens und zum Heilen des Körpers. Dass der Heilige Geist „da“ ist, heisst, dass ich jederzeit und an jedem Ort auf Gott vertrauen kann. Ich kann mich ganz an ihn hingeben und mich von ihm führen und leiten lassen.
Einwohnung
«Wer mich liebt, der wird mein Wort halten», sagt Christus bei Johannes, «und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.» (Joh 14,23)
Die Liebe ist schon in der Bibel ein Bild für das Verhältnis von Gott und Glaubendem. Dazu gehört das Bild von der Vereinigung der Liebenden, das bei aller Vorsicht eben doch auf das Glaubensverhältnis angewendet wird, auch im Hohelied des Ersten Testamentes.
Das entspricht der Wahrnehmung des Betenden. Er „kommt vor Gott“, spricht zu ihm in den Formen des Ich-Du-Verhältnisses, das er als Mensch seit der Beziehung zur Mutter eingeübt hat. Seine ganze Entwicklung entfaltet sich anhand von Ich-Du-Beziehungen. Hier lernt er sich verstehen, die Welt begreifen, seine Impulse gebrauchen. Ich und Du – das ist auch sein Verhältnis zur ganzen Wirklichkeit.
Da steckt seine „unverschämte Unterstellung“ drin, dass da in aller Wirklichkeit etwas sei, das Interesse an ihm nimmt, das ihn hört und Antwort gibt. Es stiftet nicht den Gottesbegriff, aber seine besondere Weise, sich auf ein Gottesbild zu beziehen, in einer praxis pietatis, im Gebet. So ordnet sich der ganze Kosmos für ihn entlang dieser Achse, entsprechend diesen Lebensformen, in den Bildern und Gefühls-Ausdrücken dieser biographischen Erfahrungen.
Was kommt nach der Hochzeit?
Mit der „unio mystica“, wenn die Liebenden sich finden, scheint der Weg zu Ende, jedenfalls der Weg auf dieser Erde, die Zeit der Geschichte, bevor Christus wiederkehrt zu einer neuen Schöpfung, zu einem Reich Gottes, das die Zeit der Kirche ablöst. Jetzt wird der Mensch von Gott her erneuert. Er nimmt ihm das „steinerne Herz“ aus der Brust und gibt ihm ein „fleischernes“, wie der Prophet sagt (Ezechiel 11,19), so dass er „aus Neigung tut, was die Pflicht gebietet“, wie Kant ergänzt. Zurück im Paradies, sind dem Menschen jetzt beide Bäume zugänglich: der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse und der Baum des ewigen Lebens, so dass er auch tun kann, was er soll. Sein und Sollen stimmen zusammen, Gott hat durch Christus alles mit sich versöhnt. Die Schöpfung ist vollendet, die Erlösung am Ziel.
Das ist der Zielpunkt des Weges. Hollaz unterscheidet vorher aber noch eine achte und neunte Stufe, die hier auf Erden spielen. Der „gerechtfertigte Mensch“ steht immer noch unter der „Herrschaft der Sünde“. Er unterliegt der Versuchung, er fällt vom rechten Weg ab und bedarf immer wieder der Rückkehr auf den Weg. Er muss immer wieder, wie ein altes Haus, „renoviert“ und „erhalten“ werden:
Renovatio und Conservatio
Der Heilige Geist erneuert und bewahrt den Menschen in all seinen Teilen: Vernunft, Willen und Begehrungsvermögen. Auch der Leib und seine Glieder werden jetzt einbezogen und bewahrt.
Die Verkündigung kommt ans Ziel ihres Missions-Wegs durch den „Kosmos“ (Mk 16,15) und den Körper, so dass auch eingeschliffene Verhaltensmuster, die dem Glauben ein Leben lang widerstanden haben, sich ändern. Konflikte lösen sich, die Muskeln müssen sich nicht mehr zu einem „Panzer“ zusammenziehen, in dem sie ein Leben lang ein Schutzschild gegen frühe Verletzungen aufbauten. Vielleicht kann auch der Knochenaufbau sich jetzt noch lockern, wenn nicht ein Buckel zurückbleibt so wie die verletzte Hüfte bei Jakob / „Israel“, der an der Furt Jabbok eine ganze Nacht lang mit dem Dämon gekämpft hat und der am Morgen ausrief: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! (…) Und Jakob hiess die Stätte Pniel; denn ich habe Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen. Und als er an Pniel vorüberkam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte.“ (1. Mose 31 f)
Dieses Hinken, dieser krumme Rücken widerspricht dem Hohn der Spötter, die sagen: „Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müssten mir seine Jünger aussehen!“ (Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra) Es ist ein Ehrenzeichen für die, die mit Gott ringen. Und das tragen sie, solange sie auf dieser Erde gehen. Erst dann kommt die Geschichte an ihr Ziel – ausserhalb der Geschichte und daher von ihr nicht herzustellen:
Glorificatio
Gott wird in seiner Schöpfung und im Menschen verherrlicht. Der Mensch erlangt seine verlorene Gottes-Ebenbildlichkeit zurück. Die Kirche, die den Menschen auf seinem Weg begleitet hatte, geht ins Reich Gottes über. Das führt Gott herbei durch Tod, Auferstehung, jüngstes Gericht und Vollendung. Was die kirchlichen Sakramente auf dem Weg erahnen liessen, was sie spüren liessen, wird hier eingelöst. Der Weg am Fluss hinauf kommt zur Quelle.
Hier ist Christus, der sich mit dem Lebensbaum vergleicht: Ich bin der Baum, ihr seid die Austriebe für dieses Jahr. Ihr sollt blühen und Frucht bringen. Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Kann der Ast blühen, der vom Baum abgeschnitten ist? Ich bin die Wurzel. Ich verbinde euch mit der Quelle des Lebens und gebe euch immer neue Kraft. Ich bin der Stamm, der alles trägt. Ich gebe euch Halt in aller Wirklichkeit. Ich bin die Krone, durch die der ganze Baum in den Himmel wächst. (Joh 15,1ff)
Nachschrift nach 30 Jahren
Als ich die Glaubens-Tradition kennenlernte, versuchte ich ab und zu, alte Überlieferungen neu zu füllen, so wie in diesem Traditionsstück aus der lutherischen Orthodoxie. Da wird der Weg zum Heil beschrieben als fortschreitender «gradus ad parnassum». Im Rückblick nach 30 Jahren frage ich mich:
Kann man alte Denkmuster noch zum Leben erwecken?
Aber ist – wenn man vom Glauben redet – nicht ohnehin alles in alte und uralte Tradition getaucht? Was sind die 60 Minuten eines Gottesdienstes oder auch die 60 Jahre eines Lebens, das in Bibel-Meditation verbracht wird, gegen die 2000 Jahre, in denen der Glaube meditiert und gelebt, von vielen Generationen als Lebensweg erfahren wurde?
Im Nachdenken zeigt sich:
Es gibt keinen »Kanon» mehr
Was ist ein «altes» Denkmodell?
Wenn es sich an der platonischen Philosophie ausrichtet wie in der frühen Kirchengeschichte? Es gab verschiedentlich eine Renaissance dieser Betrachtungsweise.
Wenn es sich an Aristoteles ausrichtet, wie in der Scholastik im Mittelalter? Es kommt immer wieder zu einer Neubelebung aristotelischer Gedankengänge.
Wenn es den Nominalismus aufnimmt wie in der frühen Neuzeit? Auch er ist nicht so wasserdicht. Es gibt immer eine wieder Neubelebung metaphysischer Gedankengänge.
Es gibt sie nicht mehr, die «Geistesgeschichte» als Fortschritts-Geschichte, die von Modell zu Modell weiterschreitet. Es gibt kein «richtiges» und »falsches» Denkmodell mehr. Das fortschrittlichste Modell hat die Wahrheitsbehauptung aufgegeben.
Es gibt in der Kultur keinen »Kanon» mehr, keine «regula veritatis», mit der wahr von falsch unterschieden werden könnte. Der Pluralismus ist nicht nur in die Staatsverfassungen eingezogen, sondern auch in die Metaphysik. Es gibt keine Metaphysik mehr. Damit ist ein Wendepunkt erreicht.
Pluralismus und Relativismus küssen sich
Damit kehrt die Bewegung um. Wenn keine Position mehr als «wahr» ausgezeichnet wird, ist auch keine mehr «unwahr». Es gibt «viele» Positionen. Mehr kann darüber kaum gesagt werden.
«Was leuchten soll im Vaterland» (Gotthelf), was Geltung haben soll, richtet sich nicht mehr nach den Lehren der philosophischen Fakultät, nicht mehr nach den Dogmen der Kirche. Keine Partei hat ein Monopol, keine Richtung einen Vorsprung.
Über Geltung kann gar nicht mehr sinnvoll gestritten werden. Denken und Sprache haben den Bezug zu Wahrheitsoperationen verloren. Sie repräsentieren kulturelle Positionen, einen Pluralismus von hergebrachten Werten, die von früher her noch eine gewisse Anhänglichkeit mit sich führen, einen Rest von Loyalität, bevor sich das im Erosionsprozess der Geschichte verliert.
Pluralismus und Relativismus küssen sich – im Kontrast zur biblischen Verheissung: «Gerechtigkeit und Friede küssen sich.» Der Psalm ist eine Zusage für eine erhoffte Friedenszeit, wenn das Volk sich zu Gott zurückwendet.
«Er verkündet Frieden seinem Volk und seinen Getreuen, damit sie nicht wieder der Torheit verfallen. Nahe ist denen seine Hilfe, die ihn fürchten, dass Herrlichkeit wohne in unserem Land. Gnade und Treue finden zusammen, Gerechtigkeit und Friede küssen sich.» (Ps 85,9ff)
Um zur Ausgangsfrage zurückzukehren: eine Denkfigur des 17. JH (Hollaz) und moderne Erfahrung können miteinander verbunden werden. Es ist eine der möglichen tentativen Denkfiguren heute.
Es fehlt eine Basis für alles und für irgendwas.
Abgesehen vom Zeitgeist gibt es noch einen anderen Weg. Das Glaubensdenken hat sich nicht immer an die Philosophie angelehnt. Nach Platon und Aristoteles gibt es «drei Wege» zu Gott, die nach ihrer Philosophie denkbar sind, und die an den Respekt für antike und mittelalterliche Philosophie gebunden sind und mit ihm auf- und untergehen. Es gibt aber auch – ganz radikal – einen Weg, der sich an die Bibel anlehnt und nicht nur an die Bibel, wie sie einleuchtet, wie sie wohltut, wie sie Heil und Bestätigung vermittelt, sondern an die Bibel in jenen Stellen, wo sie maximal weh tut, im Ruf zur Nachfolge und zur Nachfolge ans Kreuz.
Die biblische Welt hat nicht weniger Herausforderungen als die Moderne, sie bleibt dieser an Komplexität und Grösse der Probleme nichts schuldig. Auch der Zerfall der Kultur, des Konsenses, der Verlässlichkeit, der Möglichkeit, sich durch Rückgang auf elementarste Inhalte noch eines minimalen Konsenses zu versichern, findet sich in der antiken und in der biblischen Welt.
Ich nehme nur den Psalm 85, aus dem das obige Motto stammt: «Frieden und Gerechtigkeit küssen sich.» Er stammt aus einer Zeit, in der das gerade vermisst wurde, als keine Gerechtigkeit gefunden wurde, als man den Frieden immer wieder unter die Füsse trat. Da hat sich das Leid derart verdichtet, dass auch der Blick auf die Welt und auf Gott verdüstert wurde.
«Es gibt keinen Gott», sagten die einen (Ps10). Und sich rechtfertigten ihre Machtausübung damit. «Was ist Wahrheit?» fragte Pilatus, als er Jesus verhörte. In einer Welt, aus der jede Verlässlichkeit verschwunden ist, wo der Nachbar zum Feind wird und der Verräter sich in der eigenen Familie findet, gibt es nichts Konsistentes, das als Bleibendes erlebt werden könnte, keinen Fussbreit Boden, wo der Fuss im Vorwärtstasten durch das Dunkel sich noch abstützen könnte.
Wenn alles, was «Welt» ausmachte, in ein Loch stürzt, dann gibt es keine Wahrheit mehr, nicht nur in einem logischen, sondern auch in einem metaphysischen Sinn. Nicht nur das Reden wird leer, auch das Handeln hat kein Ziel und keine Richtung mehr. Es fehlt eine Basis für alles und für irgendwas. Es ist ein Zustand völliger Anomie (wenn der einzelne betrachtet wird und wie er sich zu einer möglichen Gesellschaft ergänzt), ein Zustand von Anarchie, der an einzelnen Ecken beginnt und sich schnell auf anderes durchfrisst wie ein Feuer, wie ein Aufstand, eine Revolution, wo rasend schnell Bastionen fallen, die für ewig gebaut schienen. Aber selbst die Mauern der Bastille hielten keinen Moment länger, als die Legitimität des Königs aufgehoben war. Der bis anhin geheiligte Herrscher starb unter der Guillotine. Es schien auf Ewigkeit gebaut, und einige Augenblicke haben es zu Boden gerissen.
Gerechtigkeit und Friede küssen sich
Und es braucht einen apokalyptischen Blick, einen Blick, der über das Ende hinausschaut, um zu sehen, wie neue Verlässlichkeit entstehen kann, neues Vertrauen, neuer Glaube, neue Treue und ein Handeln und Verhalten, das von Gerechtigkeit zum Frieden findet:
«Wende dich zurück zu uns, Gott unseres Heils. Willst du uns ewig zürnen?
Bist du nicht der, der uns das Leben wiedergeben kann…
Ich will hören, was Gott spricht; er verkündet Frieden seinem Volk und seinen Getreuen, damit sie nicht wieder der Torheit verfallen.
Nahe ist denen seine Hilfe, die ihn fürchten, dass Herrlichkeit wohne in unserem Land.
Gnade und Treue finden zusammen, Gerechtigkeit und Friede küssen sich. Treue sprosst aus der Erde, und Gerechtigkeit schaut vom Himmel hernieder.
Der Herr gibt das Gute und unser Land seinen Ertrag. Gerechtigkeit geht vor ihm her und bestimmt den Weg seiner Schritte.» (Aus Ps 85,5ff)
Das Buch und sein Autor
David Hollaz, 1648 – 1713, war ein deutscher protestantischer Theologe. Für seine Schüler schrieb er 1707 sein Examen theologicum acroamaticum universam theologiam thetico-polemicam complectens. Dieses Werk, ein grosses System der lutherischen Orthodoxie, machte Hollaz weit über seinen Wirkungskreis hinaus bekannt. (Wikipedia)
Lesen Sie «Wege zu Gott»
Foto von Pixabay, Pexels









