Nachts im Dunkeln
Die Weihnachtsgeschichte führt uns nachts auf ein Feld, wo Hirten über ihre Herde wachen. Plötzlich wird die Nacht erhellt, der Himmel öffnet sich und Engel singen: «Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!»
Himmel und Erde werden in dieser Botschaft zusammengebunden. Friede wird auf Erden einkehren und die Menschen werden Gott im Himmel ehren für diese grosse Tat.
Oben und unten
Oben und unten treten in Verbindung, der Abgrund wird überbrückt. Es ist nicht mehr so, dass man von Recht und Gerechtigkeit nur träumen kann, dass die Erde nie zum Frieden findet. Gott schickt einen Helfer, «denn euch ist heute der Heiland geboren».
Diese Offenbarung an die Hirten wird an Weihnachten erzählt und in den Kirchen erklingt sie in jeder Messe, im «Gloria». Bach unterstreicht es in seiner H-Moll-Messe musikalisch. «Ehre sei Gott in der Höhe» wird in hohen Tonlagen musiziert, dann geht die Stimmlage hinab zum «Friede auf Erden». Er zitiert den Messetext nach der lateinischen Bibelübersetzung «et in terra pax hominibus bonae voluntatis», «Friede auf Erden» heisst das, «den Menschen, die guten Willens sind.»
Ärgernis
An diesem Text in den lateinischen Messen habe ich immer Anstoss genommen. Soll das alles nur gelten «für Menschen, die guten Willens sind»? Gilt die Erlösung von Weihnachten nur für Gute? Brauchen sie diese überhaupt? Gibt es hier einen moralischen Vorbehalt, die die Kirche wieder zum Moralhüter macht? Wird hier Erlösung an eine Bedingung geknüpft?
Der lateinische Text stammt aus der sog. Vulgata, der Übersetzung des Hieronymus. Im griechischen Original heisst es (in Umschrift):
Doxa en hupsistois Theô kai epi gês eirênê en anthrôpois eudokias (Lk 2:14)
Hier ist nicht vom guten Willen (bonae voluntatis) die Rede, sondern vom Wohlgefallen (eudokia). Der Friede wird den Menschen zugesagt, «den Menschen des Wohlgefallens». Die Genitivkonstruktion kann im Deutschen nicht einfach imitiert werden, so wird es oft mit einem Relativsatz übersetzt: «den Menschen, die Gott wohlgefallen». Aber auch hier kann sich der Zweifel einschleichen: Bin ich gut genug? Erfülle ich alle Bedingungen? Wie kann ich sicher sein, dass ich Gott wohlgefalle?
Die Antike kannte eine Auslegungsregel, wonach dunkle Stellen auszulegen sind nach den hellen Stellen, wo der Sinn der Bibel klar hervortritt. Und wenn ich als Pfarrer zu den Menschen kam, im Altersheim, in der Weihnachtsfeier im Wald, wo immer Menschen sich angezogen fühlten von der Botschaft, dann fühlte ich mich dem Evangelium verpflichtet. «Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, weil Gott Wohlgefallen an ihnen hat!» So übersetzte ich den Text.
Jetzt!
Und das geschieht jetzt, in dieser Finsternis, wo die Hirten wachen, wo Menschen verzweifelt nach Zeichen ausschauen, ob Gott nicht ihre Not sehen und ihre Gebete erhören wird. Der Evangelist Markus erzählt von einem jungen Mann, der zu Jesus kam und ihn fragte, wie sein Leben richtig werden könnte. Und er fügt an: «Und Jesus sah ihn an und liebte ihn.» (Mk 10, 21) Weihnachten ist so eine Geschichte, Gott sieht die Menschen an und er liebt sie. Und damit ist alles gesagt. Es ist eine Story mit Happy End. Und sie endet in Liebe.
Denn die Liebe erfolgt nicht als Lohn für Wohlverhalten. Welcher Vater, welche Mutter würde die Liebe zu ihrem Kind davon abhängig machen? Nein, da ist Liebe, und in diesem Annehmen erfüllt und entfaltet sich alles, was dem Kind zum Leben dient. Eine Liebe mit Bedingungen erstickt den andern. Wenn schon Menschen ihre Kinder zu lieben wissen, wieviel mehr dann der, der die Liebe erfunden hat!
Es ist eine Geschichte für unsere Zeit, wo viele in Finsternis ausharren und zum Himmel schauen, ob nicht ein Zeichen erfolgt. Wieviel Not, wieviel Krieg, wieviel Gewalt, wieviel Unrecht! In dieser Nacht ereignet es sich: Gott erkennt den Menschen. Und er liebt ihn. So wird das Kind geboren, in dem Gott und Mensch versöhnt sind. Der Himmel ist offen. Was jemals trennte, ist überbrückt. Was jemals Feindschaft säte, wird versöhnt. Und das verletzte Recht wird geheilt. In diesem Glauben kann werden, was zugesagt ist, nicht als Bedingung, sondern als Geschenk – als Geschenk von Weihnachten.
Foto von Tahir Osman, Pexels









