Passionszeit
Erschrocken bin ich, als ich das Bild gesehen habe. Wie traurig er schaut. Jetzt hilft es vielleicht, in dieser Zeit, wo uns die Worte ausgehen.
Auch er spricht nicht. Er schaut. Er erwidert den Blick, er wendet sich nicht ab. Er ist da. Und er ist unendlich traurig.
In Genua haben wir dieses Bild gefunden, in einem der alten Paläste. Christus soll es sein, man kann eine Dornenkrone im Haar erkennen, Blut tropft herab. Die Folterwerkzeuge, die sonst gezeigt werden, sind reduziert auf einen Strick. Er deutet das Leid nur an, der Strick, den er um den Hals trägt, das Leid der Menschen. Und das Leid, das er fühlt mit den Menschen. Das Mitleid.
Ob ich mich getraue, seinen Blick zu erwidern? Ich müsste akzeptieren, dass es so vieles gibt, was fehlt in meinem Leben, was nicht gut gelaufen ist, was sich fortpflanzt und andere beschwert. Auch ich bin in seinem Blick, mit dem Gott auf die Menschen schaut.
Die Bibel erzählt nur einmal, dass Christus geweint habe – in diesem Bild kann man die Tränen erkennen -, als er zu seinem Freund Lazarus kommt, der gestorben ist. Seine Angehörigen machen ihm Vorwürfe: Warum bist Du nicht eher gekommen? Du hättest ihn retten können?
Warum bist Du nicht eher gekommen! Du hättest das Erdbeben verhindert können, den Krieg, die Verfolgung, die Verspottung, das Elend der Menschen!
Aber Du bist schon gekommen, Du bist dabei, mit den Menschen, Du trägst es mit.
Das Johannes-Evangelium erzählt von Lazarus. Wie Du zu spät kamst, wie sie Dir Vorwürfe machen. Wie Du zum Grab gehst und rufst: Lazarus komme heraus! Und Lazarus kommt heraus.
Das ist die nächste Szene nach diesem Bild, das Dich so traurig zeigt: Du rufst zum Leben, Du schenkst Leben.
Daran erinnern wir uns in dieser Passionszeit, sie geht auf Ostern zu.
Bild: Ecce Homo von Antonello da Messina, um 1470. Genua.









