Eine Frau von dreissig Jahren
Ich las Balzac, „Eine Frau von dreissig Jahren“. Damals, in den 80er Jahren, tauchen neue Bewegungen im politischen Spektrum auf. Sie legen nicht nur den Finger auf einzelne Schwachpunkte. Angesichts der ökologischen Probleme halten sie der Zivilisation vor, sie sei mit ihrem ganzen Entwicklungspfad in eine „Sackgasse“ geraten. Die Systemkritik weitet sich zur Epochenkritik und nimmt wieder ethische und religiöse Kategorien auf. So taucht auch die Frage nach dem Ganzen und Richtigen in der Politik wieder auf.
Mit diesen Fragen lese ich auch die Erzählung von Balzac: Wie war das in Frankreich, damals nach der Revolution? Zuerst denke ich, dass ich dem Buch damit vielleicht Gewalt antue – und bin überrascht und fasziniert, als ich entdecke, dass er selber solche Fragen stellt. Er ist eine „reflexive Quelle“, gibt ein Bild von Frankreich als „Ganzem“. Er teilt die Intuition einer richtigen Verfassung des Lebens, er fragt nach dem Übelstand und nach dem Weg, der zu einer neuen Ganzheit führen könnte. Die rasche Abfolge von Verfassungen seit der Revolution ist dabei wie ein Labor, in dem sich die verschiedensten Entwürfe des richtigen Lebens beobachten lassen.
Das Richtige in der Politik – und im Leben
Die Literatur des frühen 19. Jahrhunderts ist wie ein Labor, bis heute. Was die Französische Geschichte im Zeitraum von nur drei Generationen durchgespielt hat mit „Ancien Regime“, Revolution, Empire, Sturz Napoleons, Herrschaft der 100 Tage, Restauration, Julirevolution, 48er Revolution etc., wird in der Kultur noch lange reflektiert. Und die Fragestellungen sind bis heute nicht erledigt. Es erinnert an die antiken Philosophen, die einen raschen Wechsel von Staatsverfassungen erlebt haben, was die Frage weckte, was denn die „richtige“ sei.
In der Revolution geschieht der Übergang von der Adels- zur Bürgerherrschaft, von der Rentenwirtschaft zu einer Wirtschaftsgesellschaft mit einer Dynamik, die die alten kulturellen, sozialen und institutionellen Fesseln abwarf. Die Unterständischen werden zurückgebunden. Die bürgerliche Revolution wird konservativ und erklärt die Revolution für beendet gegenüber den Begehren der aufkommenden Arbeiterschaft. Diese kämpfen weiter, in Kommune, Russischer Revolution, den Bemühungen für eine Weltrevolution, etc. Die Systemkonkurrenz ist erst 1989 mit dem Untergang der Sowjetunion beendet worden.
Mit den Krisen des jetzt alternativlos scheinenden Systems (Währungs-, Euro-, Banken-, Verschuldungs-Krise, mit Unruhen in Griechenland und „failed States“ in Afrika und im Nahen Osten) dauern die Fragen bis heute an.
Was ist die Ganzheit dieses Systems, das sich im Kapitalverkehr, im Handelsverkehr, im Tourismus etc. global entfaltet hat, das sich aber abschottet gegen eine ebenso globale Vernetzung des Personenverkehrs (obwohl die Unternehmen mobile Arbeitskräfte brauchen)?
Wie reproduziert sich ein solches System, wobei jede Lösung ungenügend ist, die nur auf der Ausbeutung von Natur oder von Leistungen vorausgehender (oder nachfolgender) Generationen beruht? Alles was nicht nachhaltig ist, ist begrenzt und erzeugt Gegenkräfte. Wie können Gegensätze und dysfunktionale Wirkungen eines solchen Globalsystems vermittelt werden?
Wie kann ein Individuum sich in dieser Welt verstehen, sein Leben zum Gelingen bringen, sich mit seinen Widerständen versöhnen? Wie kann es leben, ohne sich aufspalten zu müssen, ohne Opfer bringen zu müssen an dem Vollsinn von Leben, der uns doch vorschwebt, ohne Gefühl von Versagen, wenn nicht wesentliche Elemente des Lebenkönnens verwirklicht werden?
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Aus Notizen 1987 und 2010
Foto von Dimitri Kuliuk, Pexels









