Christophorus im Krieg

Hier ist die Schuld nichts Abstraktes und Sünde kein Begriff für die Sonntagsschule. Es ist dieses Gemenge von Brutalität und Gleichgültigkeit, die wir auch heute in den Kriegsgebieten sehen. Diese paradoxe Mischung von etwas, was alle Normalität aufhebt und von einem Umgang damit, als ob es das Gewöhnlichste der Welt wäre.

Otto Dix
Gestern war ich in Schaffhausen, in der Ausstellung über Otto Dix und Adolf Dietrich. Von Dix gibt es mehrere Bilder zu Christophorus. Das ist mir früher schon aufgefallen, seine Hinwendung zu christlichen Themen und dass ihn Christophorus beschäftigt hat, jetzt sieht man mehrere Bilder nebeneinander auch ältere Darstellungen von anderen Malern. Dabei fällt auf:

Auch auf einem traditionellen Bild (links unten) dreht Christophorus den Kopf und schaut zum Kind hoch auf seiner Schulter. Aber er schaut nicht das Kind an, sondern die Weltkugel, die Christus in Händen hält, gemäss der Legende: dass Christophorus zwar ein Kind trägt, dieses aber die ganze Welt. So wird es ihm immer schwerer und Christophorus kann die Last nicht mehr tragen.

Bei Dix wendet sich das Kind dem Riesen zu, es berührt ihn, spricht ihm ins Ohr, es ist eine intime Szene. Da wird ein Dialog ausgetauscht, von dem die Legende nichts erzählt. Der verzweifelte Christophorus erhält Anteil, ist nicht nur ein «Christusträger» (aus der Figur hat man ein spirituelles Amt gemacht, der Gläubige kann darin eintreten und die Last mittragen). Er ist auch Empfangender dieser Erlösung, von dem die Geschichte dieses Kindes handelt.

Im Krieg erlebt
Was Dix gesehen hat als Soldat im Ersten Weltkrieg – in der Radierung rechts unten ist es angedeutet – das überfordert ihn, das bringt alles zum Einsturz, worauf der noch vertraute. Wie soll er da auf die Stütze vertrauen, dass der Baumstamm dick genug ist; wie auf das Wasser, dass man hindurch waten kann ohne zu ersaufen? Wie soll er auf sich selbst vertrauen, dass nicht mitten auf dem Weg auseinandergeht, was ihn ausmacht, was ihm bisher Halt und Zusammenhalt gegeben hat im Leben?

Die Szene spielt vielleicht in diesem Moment, wo er den Glauben an sich selbst verliert, wo er sieht, was das für eine Last ist, die er sich da aufgeladen hat, wo er am liebsten den Baumstamm wegwerfen will, es taugt ja alles nichts! Sich selber hat er verloren, der meinte, andere tragen zu können. Sich selber traut er nicht mehr, der anfangs so mutig in die Welt hinausschritt. Er wollte dem höchsten Herrn dienen, heisst es in seiner Legende, so kam er von einem zum andern. Bei jedem fand er etwas, von dem er sich geschlagen geben musste, und sei`s der Tod. Selbst der Teufel fürchtete sich vor einem andern. So kam er zu Gott selbst, in Gestalt dieses Kindes. Und es fragt ihn, ob er es über diese Furt tragen kann, es ist nur eine kleine Strecke. Ja, sagt er und schultert sich das Kind.

«Sünde»
Das Kind trägt die Schuld der Welt, heisst es. Otto Dix hat es im Krieg erlebt, was das heissen kann. Hier ist die Schuld nichts Abstraktes und Sünde kein Begriff für die Sonntagsschule. Es ist dieses Gemenge von Brutalität und Gleichgültigkeit, die wir auch heute in den Kriegsgebieten sehen. Diese paradoxe Mischung von etwas, was alle Normalität aufhebt und von einem Umgang damit, als ob es das Gewöhnlichste der Welt wäre. «Heute gehen wir Menschen schiessen!» Ist es eine Jagd? Ist es ein Geschäft? Ist es ein Beruf, den man erledigt und dann meldet man sich in den Feierabend ab?

Menschen kommen auf diesem Gefechtsfeld zu spät
Dieses Paradox sprengt die Logik, es geht über das Denkbare hinaus. Das Bild des Menschen wird hier zerlegt. Dieser Christophorus von Dix ist kein Riese mehr, kein Bild für den «berufenen Menschen», der sich am Erlösungswerk Christi beteiligt. Er ist selbst erlösungsbedürftig. Er hat selbst den Halt verloren. Und wenn die kriegführenden Nationen so tun, als ob nichts wäre, während sie ins Theater gehen und Bücher lesen, als ob das humanistische Bild, das aufklärerische Bild vom Menschen noch gälte, ist es längst in den Schützengräben zerrieben worden. Oder moderner:

Es ist von den Drohnen zerfetzt, die ihr Ziel mit elektronischer Hilfe finden und sich den Schiess-Befehl mit künstlicher Intelligenz selbst erteilen. Das haben die Ingenieure schon vor dem Krieg erprobt: eine Programmierung, die Personen auswählt, mögliche Treffer bewertet und als Ziel definiert. Jetzt musste man den Drohnen nur noch die Feuer-Erlaubnis eingeben. Denn das muss die Maschine machen, es muss schnell gehen, Menschen kommen auf diesem Gefechtsfeld zu spät. So fliegt die Drohne, sie späht, sie sieht, sie schiesst.

Was Christophorus wissen will
Der Mensch kommt dabei gar nicht mehr vor, ausser dass er das Ziel abgibt. Aber das sind die andern. Wir setzen uns zu Tisch. Darum halten das Kind und Christophorus diese Zwiesprache.

Was ist noch, wenn alles auseinander geht? Was ist der Mensch, wenn er sich selbst aufhebt? Was ist die Sünde und die Schuld der Welt, die den Menschen in den Untergang reisst, welche Gott tragen soll? Was sind die Wunden, die Christus am Kreuz zusätzlich erdulden muss, damit auch diese Menschen sich verstanden fühlen, die so umgebracht werden, in die Luft gesprengt, zerfetzt. Sie sind nicht mal gemeint, es ist eine anonyme Maschine, die da losfliegt und den Mechanismus auslöst. Es ist eine Sache, es ist «der Krieg», es läuft mechanisch. Trotz all der künstlichen Intelligenz ist es eine Maschine, es ist die Selbstaufhebung des Menschen zugunsten einer Maschine. Nicht mal den Tötungsbefehl will er noch geben, er versteckt ihn in eine Programmierung.

Sünde 2.
Dafür braucht es keine Priester, die von Sünde reden. Sünde setzt einen Menschen voraus, der schuldfähig ist und ein Ebenbild Gottes. Das hier ist eine Sache von Ingenieuren. Und da es jetzt eine KI gibt, die selber programmieren kann, ist es eine Sache von Programmen. Im Kontakt mit der Realität entwickeln sich diese weiter wie Viren, die sich anpassen, die ihren Code verändern und «draussen», bei einer Epidemie, erproben, so dass sie immer leistungsfähiger werden.

Otto Dix hat etwas Ähnliches schon erlebt. Ende des Ersten Weltkriegs kam es zu einer Seuche, die die Weltbevölkerung dezimierte. Der Influenza-Virus, der sich damals über die Welt verbreitete, kostete zwischen zwanzig und fünfzig Millionen Menschenleben. Auch das hat Otto Dix gesehen, auch das legt er Christophorus in den Mund. Wer könnte die Antwort wissen, wenn nicht das Kind?

 

Bilder aus der Ausstellung: Otto Dix – Adolf Dietrich. Zwei Maler am Bodensee, Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen, 05.04.25 — 17.08.2025

Die Christophorus-Legende umschreibt den Bibelvers: «Siehe das Lamm Gottes, es trägt die Schuld der Welt!», Joh 1,29