In der Zeitlücke
Ich habe das neue Windows 11 installiert, arbeite aber immer noch mit der Vorgängerversion. Ich habe einen neuen PC gekauft, benutze vorderhand aber noch den alten, weil das neue Gerät den Drucker blockiert. Meine Frau reist nach Deutschland. Um ein Ticket zu lösen, brauchte man früher 10 Minuten am Fahrkartenschalter, sie versucht es per Internet und braucht einen ganzen Abend dazu – ohne Erfolg, weil das Programm einen Arbeitsschritt verweigert. Schliesslich erledigt es unsere Tochter von Deutschland aus. Ich hielt mich immer für technisch unbegabt, aber wenn ich die Zeitung lese, geht das Problem tiefer.
Wenn die Regale leer bleiben
Auch Firmen kennen solche Probleme. Zwei Grossverteiler haben für ihre Logistik neue Systeme installiert, die aber nicht funktionieren. Weil die Regale mit Lebensmitteln nicht leer bleiben dürfen, greifen sie auf alte Systeme zurück. Gleichzeitig läuft aber die Zeit ab, in der die alten Systeme noch Support erhalten. Sie sind in der Zwickmühle.
Die «Migros», so berichten die NZZ heute, hat die Umstellung der Software drei Jahre lang vorbereitet. Trotzdem schafft das neue Programm es nicht, den Käse aus dem Lager in die Filialen zu bringen. Auch der Migros-Konkurrent «Lidl» ist an dieser Aufgabe gescheitert. Auch er wollte die neue Software implementieren. «Nach sieben Jahren Arbeit aber brach er das Projekt ab und kehrte 2018 zum alten System zurück. Die strategischen Ziele seien «nicht mit vertretbarem Aufwand» zu erreichen, erklärte Lidl damals. Doch zu jenem Zeitpunkt hatte Lidl schon 500 Millionen Euro ausgegeben.» (NZZ vom 10. September 2025)
Der Welthandel, so scheint mir, steht vor ähnlichen Problemen. Die bisher gültigen Abläufe nach WTO-Regeln sind durch Trumps Zollpolitik, durch seine America-first-Politik und seine Erpressungsmethoden teils ausser Kraft gesetzt. Die Teilnehmer, die nicht mal gross protestieren, die einfach einen Weg suchen, wie sie vorwärts gehen können, werden wieder und wieder frustriert von immer neuen Wendungen, die die US-Politik nimmt. So sind sie im selben Dilemma wie ich mit meinem PC: das neue Programm funktioniert nicht so, dass man wirklich damit arbeiten könnte, das alte funktioniert gut, soll aber bald auslaufen, weil keine Updates mehr aufgeschaltet werden.
In der Lücke
Unser Leben, so scheint mir, findet immer mehr in einer Lücke statt, wo das Neue noch nicht da, das Alte aber schon entwertet ist. Der Übergang funktioniert nicht. Wir stehen im Durchzug, weil das eine Fenster schon auf, das andere aber noch nicht zu ist. Es ist ein Durchgang ohne Durchlässigkeit: zu einer Türe können wir hinaus, zur anderen Türe aber noch nicht hinein. So leben wir mit Provisorien, obwohl die Technik und die einschlägigen Produzenten versprechen, dass es dank Fortschritt besser werde.
Könnte einer ja sagen, das sei für einen Wachstumsprozess normal, der sei mit Wandel verbunden. Vielleicht ist es aber doch ein Sonderfall, weil laufend Türen geöffnet werden, bevor die alten zu sind. So leben wir im Durchzug. Der Rhythmus, in dem Neuerungen versprochen werden, wird immer schneller, aber ihre praktische Einführung scheitert an den Rahmenbedingungen. So lernt unsere in dauernder Modernisierung befindliche Wirtschaft einen Stolpergang.
Stolpert vielleicht die ganze Volkswirtschaft? Findet sie nicht zu einem neuen Drive, weil sich die Neurungen überschlagen, weil sie das Tempo der Anpassungsfähigkeit überfordern? Es wirkt geradezu idyllisch, dass einige Autohersteller in Deutschland den Anschluss verpasst haben, weil sie die Abgastests für Verbrenner-Motoren manipuliert haben. So haben sie die Zeitlücke nicht wahrgenommen, die für die Anpassung an E-Autos gegeben war.
Ernstfall
Die Zeitlücken für neue Innovationen werden immer kürzer. In der Ukraine und um Israel wird das im Ernstfall eines Krieges erprobt. Bei der Kriegs-Rüstung wirkt diese Falle unerbittlich. Es hat sofort Folgen auf dem Schlachtfeld, ob eine Innovation eingeführt werden kann oder nicht. Vielleicht sind Schlachtfelder darum die Innovationsmaschinen dieser Zeit. Sie versehen die Frage mit einer Dringlichkeit, die ins Existentielle geht.
Foto von Kelly, Pexels









