Als Moses vom Berge steigt

Moses steigt vom Berg. Bei sich trägt er die Gesetzestafeln, die Gott selbst beschriftet hat: so kann ein Volk in Wahrheit vor Gott leben und das Land wird zu einem «Gelobten Land», wo Menschen in Gerechtigkeit und Frieden zusammenleben. Josua gesellt sich zu ihm, sein späterer Nachfolger. Als sie schon fast in der Ebene angekommen sind, hören sie Geschrei aus dem Lager. «Es ist ein Kriegsgeschrei», sagt Josua. Aber ist es das Geschrei, das bei einer Niederlage erhoben wird? Oder ist es Geschrei von einem Sieg?

Die beiden Führer sind beunruhigt. Sieg und Niederlage lassen sich nicht immer leicht auseinanderhalten, und was zuerst klar schien, kann seinen Charakter später noch ändern.

Tanz
Auf diese Geschichte bin ich gestossen, als ich die Bibel aufschlug und einen Text suchte, den ich zur Morgengymnastik meditieren könnte. Und da zur Gymnastik immer auch ein Stück Tanz gehört, war ich besonders angezogen von der Antwort, die Moses gab: «Es ist kein Geschrei wie bei einem Sieg, und es ist kein Geschrei wie bei einer Niederlage, ich höre Geschrei wie beim Tanz.» (Ex 32,18)

Die Geschichte handelt wie das ganze Buch Exodus, vom Auszug aus der Sklaverei in Ägypten. Moses zieht sich auf den Gottesberg zurück, wo er 40 Tage und Nächte verweilt und die Gebote empfängt, nach denen das Volk leben soll, das Recht für das Gelobte Land.

Im Anfang gescheitert
Aber schon beim ersten Schritt ist da ein Problem: Das Volk wird unruhig, als Moses ausbleibt. 40 Tage und Nächte – die Zahl 40 erinnert an die 40 Jahre, die es in der Wüste herumirren wird, bevor es ins Gelobte Land kommt. Vierzig – das steht für all das, was hindert, was zwischen uns und dem gelobten Land steht. Das ist die Wüste, in der auch Jesus versucht wurde. Matthäus im Neuen Testament erzählt es so, dass wir es als eine Rekapitulation der Wüstenwanderung Israels begreifen. Er war dabei, sagt das. Gott war mit auf diesem Weg. Und auch wir, die über den Christus-Glauben zur Bibel gekommen sind und das erste Testament lesen, dürfen es meditieren, als ob wir auf diesem Weg mit dabei wären.

Das Volk wird unruhig, 40 Tage und Nächte – und es fällt von Moses ab. Es fällt selbst von Gott ab, der es bisher geführt hat und verlangt von Aaron, der im Lager geblieben ist: «Auf, mache uns Götter, die vor uns hergehen! Denn wir wissen nicht, was diesem Mann Mose widerfahren ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat.» (Ex 32,23)

Die Geschichte ist zugespitzt, so können wir es begreifen: Als Moses vom Gottesberg herunterkommt, wo er die Gebote empfangen hat, ist das Volk von ihm schon abgefallen. Als er dem Volk, das Recht verkünden will, hat das Volk schon revoltiert. Das erste Gebot lautet: «Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.» (Ex 20,2f) – In dem Moment, als Moses es verkündigen will, da hat das Volk dieses Gebot schon übertreten. Nimm das Gold und «mache uns Götter, die vor uns hergehen; denn wir wissen nicht, was mit diesem Mann Mose geschehen ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat.»

Darf ich mich einbeziehen?
Ich schreibe das nicht, um mich über das alte Volk Israel zu überheben, ich schreibe das, weil ich diesen Text auch meditieren möchte, weil ich mich einbeziehen möchte, weil ich glaube, auf diese Weise etwas über mich und die Menschen überhaupt zu erfahren: Wir sind so, dass wir abfallen, dass wir revoltieren, dass wir nicht durchhalten, dass wir immer wieder verzweifeln und dass im Zweifelsfall Gott selber das Gesetz erfüllen muss, das er den Menschen gibt. Dass er uns zu Hilfe kommen muss, nicht nur, indem er uns die Weisung gibt, sondern auch die Kraft, sie zu erfüllen und die Vergebung, immer wieder die Vergebung, wenn wir davon abfallen und dahinter zurückbleiben.

Ein Versagen, das etwas lehren will
So stehen die Geschichten nebeneinander: wie das Volk das Gebot empfängt und wie es daran versagt, wie es die Offenbarung empfängt und das Gebot, nicht von Gott abzufallen, und wie es davon abfällt bei der ersten Gelegenheit.

(Ist die Geschichte damit überinterpretiert? Es wiederholt sich bald. Und in Massa und Meriba ist es sprichwörtlich geworden: «Als aber dort das Volk nach Wasser dürstete, murrten sie wider Mose und sprachen: Warum hast du uns aus Ägypten ziehen lassen, dass du uns, unsere Kinder und unser Vieh vor Durst sterben lässt?» (Ex 17, 3) Und Moses schlug Wasser aus dem Felsen. „Den Ort nannte er Massa und Meriba (Probe und Streit), weil die Israeliten Streit begonnen und den Herrn auf die Probe gestellt hatten, indem sie sagten: Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?“ (Ex 17, 7))

Die Geschichte sagt mir nichts über «die» Israeliten, weder damals noch heute, es sagt mir aber, wenn ich mich einbeziehe, wer ich sei: Ich verstehe mich wie ein Mitglied dieser Gemeinschaft, die ausgezogen ist aus dem Land des Leidens, in ein Land der Hoffnung. Und es ist uns zugesagt, dieses Land der Hoffnung, wo Menschen in Gerechtigkeit und Frieden beieinander leben. Aber schon der erste Schritt auf dem Weg lehrt mich, dass ich es aus eigener Kraft nicht schaffe: Ich schaffe mir eigene Götter, eigene Idole, denen ich nacheifere, aber auf jenen Gott zu vertrauen, alles von ihm zu erwarten, das überfordert mich.

So hat das Vertrauen überhaupt einen schweren Stand bei mir. Ich zähle im Zweifelsfall lieber auf Kontrolle und auf das, was ich in Händen habe, auch wenn ich weiss, dass es mein Leben nicht retten kann, denn mein Leben liegt nicht in meiner Hand. Ich habe keine Kontrolle über die Bedingungen meines Daseins. Es ist mir geschenkt und, wenn es mir wirklich darum geht, dass es im letzten gelingen soll, kann ich es nur in Dank und Vertrauen empfangen. Bei der Geburt, wenn mir das Leben gegeben wird, spüre ich das nicht, im Alter aber habe ich ein Bewusstsein dafür. Da ist es mir sonnenklar, dass mein Leben nicht aus meiner Macht und Kraft stammt. Darauf wollen wir aber nicht vertrauen, wenn wir im mittleren Alter sind, in der Fülle der Kraft. Da stehen wir im Wettbewerb, da geht es um Geltung und Einfluss. Da ist Vertrauen, Glauben, eine zu schwache Währung. Wir wollen etwas Stärkeres, etwas was wir selbst in Händen halten.

Was ist das für ein Geschrei?
Bleibt noch der Vers, den ich in der Bibel gefunden habe. Was ist das für ein Geschrei, fragt Moses, als er vom Gottesberg herabsteigt. Ist es das Geschrei, wie man es anstimmt bei einer Niederlage? Ist es ein Geschrei wie bei einem Sieg? Nein, es ist das Geschrei wie bei einem Tanz. Und als er unten ankommt, sieht er, wie das Volk um das goldene Kalb tanzt, das Idol, das Aaron auf Geheiss des Volkes machen musste: «Mache uns Götter, die vor uns hergehen; denn wir wissen nicht, was mit diesem Mann Mose geschehen ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat.»

Es ist die Quittung auf diese Erfahrung, dass wir Menschen das Ziel des Lebens, das gelobe Land, nicht aus eigener Kraft erreichen. Sein und Sollen werden durch Gott versöhnt. Der Mensch ist nicht das «historische Subjekt der Freiheit», das die Welt neu schafft, damit Elend und Not verschwinden, wie die eine oder andere Geschichtsphilosophie es verkündet. Und der Gläubige kann sich das Gesetz auf Stirn und Arme schreiben und an die Türe nageln, so erinnert er sich ans Gesetz, aber er kann es nicht erfüllen, er fällt schon beim ersten Gebot davon ab.

Gott schafft einen neuen Menschen, und er wird ihm das Gesetz nicht mehr auf die Stirn schreiben, sondern ins Herz legen, wie die Propheten sagen. Dann werden Sein und Sollen versöhnt, die Welt wird, wie sie sein soll. Der Mensch wird nicht nur vom einen Paradiesbaum essen, der ihn Gut und Böse unterscheiden lehrt, aber der Baum des ewigen Lebens ist ihm verboten, der ihm auch das Vollbringen schenkte. Doch die Propheten erzählen von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, die Gott schaffen will. Dann isst der Mensch auch vom Baum des ewigen Lebens, er kann, wie er soll. Das Unrecht wird versöhnt, das Verlorene gefunden. Mensch und Schöpfung sind erlöst.

Tanz
«Es ist kein Geschrei wie bei einem Sieg, und es ist kein Geschrei wie bei einer Niederlage, ich höre Geschrei wie beim Tanz.» (Ex 32,18) So sagt Moses, als er vom Gottesberg heruntersteigt und den Verrat des Volkes sieht. Das ist der Bibeltext zu dieser Begebenheit. Gerne möchte ich mir einen Vers ausmalen, den Moses am Ende spricht: Ja, es ist das Geschrei, wie es Menschen ausstossen bei einem Tanz. Die religiöse Phantasie stellt sich das Ende gern als einen Tanz vor, wenn Unrecht versöhnt und Leid verheilt ist. Und die Engel des Himmels, die schon weitersehen, werden schon heute beschrieben, als ob sie tanzten. Und es ist ein Tanz der Freude und des Friedens.

Foto von Ganta Srinivas, Pexels

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