Vertreibung
Ich habe mich mittags hingelegt, nachdem ich letzte Nacht kaum schlafen konnte. Ich hörte die Nachrichten von den Kriegsfronten. Als ich das Radio ausstellte und so dalag, hatte ich die übliche Abwehr nicht und es traf mich tief, die Zerstörung an allen Fronten, das Elend der Menschen, die in den Trümmern sitzen. Auch nachts ist keine Ruhe vor Bomben und Raketen.
Der Zerstörungskrieg ist etwas anderes
Der Zerstörungskrieg ist etwas anderes als der Kampf um Sieg oder Niederlage. Der Vertreibungskrieg ist etwas anderes als das Bombardement, das auf die Infrastruktur zielt – das folgt einer militärischen Logik. Anders auch als die Bombardierung der Zivilbevölkerung – die soll den Gegner zermürben. Die Bevölkerungs-Vertreibungs-Bombardierung ist etwas qualitativ anderes. Es ist Krieg und zugleich Vertreibung, Eroberung, In-Besitz-Nahme.
Die Jüngeren fliehen, sind schon geflohen. Die Älteren können nicht, sie harren aus in den Ruinen. Sie sind doppelt unerwünscht: als Feinde und als Bewohner des Landes, das man in Besitz nehmen will. Selbst als Leichen sind sie noch im Weg.
Als ich im Halbschlaf daliege, geht es mir nahe, die Zerstörung an allen Fronten, das Elend der Menschen, die in den Trümmern sitzen. Es ist kalt und nass. Da ist keine Unterkunft. Man sucht Holz für ein Feuer. Auch nachts ist keine Ruhe vor Bomben und Raketen.
Spricht die Bibel für alle Menschen?
Die biblischen Klagelieder fallen mir ein. Es ist kaum anders möglich, ich lebe mit der Bibel. Aber die Klagelieder stammen vom Volk Israel, vom alten biblischen Israel, als sie von zuhause vertrieben wurden, als sie ins Exil verbannt wurden, als Jerusalem zerstört und das Land verwüstet wurde. Da stimmten sie die Klagelieder an. Sollte es möglich sein, dass ich mich an diese Lieder jetzt erinnere, wo Israel nicht unterliegt, wo es den Angriff umdrehen konnte? Wo es an allen Fronten siegt?
Und die andern Völker? Weinen ihre Kinder und Frauen nicht auch? «Was haben wir getan?» Ich erinnere mich an einen alten Mann im Fernsehen, der zum x-ten Male auf dem Gazastreifen zwischen Süd und Nord vertrieben wurde. Er hat Gott angerufen. Wenn Gott den Menschen dieses Mittel gab, dass sie beten können, dass sie sich an ihn selbst wenden können – sollte er dann nicht alle Menschen hören?
Die Internationale des Leidens
Feindschaft, Krieg, man wehrt sich, will siegen. Inzwischen zahlt man den Preis: viele Opfer, viele Tote, viele Familien auseinandergerissen, vieles zerstört, was Jahrhunderte überdauert hatte. Die Bilder im TV gleichen sich: Mütter mit Kindern, Ärzte zwischen Ruinen, Ausgabestellen ohne Lebensmittel, U-Bahn-Stationen als Klassenzimmer.
Je länger der Krieg dauert, desto mehr gleichen sich die Bilder hüben und drüben. Die Bilder aus der Ukraine – man sieht sie auch im Nahen Osten. Es gibt eine Internationale des Elends, ein Club zu dem man gehört, wenn die Infrastruktur zerbombt ist, der Nachschub ausbleibt, eine humanitäre Katastrophe sich ausbreitet und wenn der Versuch, den Krieg zu beenden, immer neue Konflikte erzeugt, weil man glaubt, mit Druck mehr zu erreichen.
Ich und er, sie und wir
Ist die Einsicht der Bibel nicht in solchen Momenten gewachsen, in Zeiten grösster Not: dass der andere mir gleich ist und ich wie er? Dass der Geringste das Antlitz Gottes trägt, dass die Menschheit im Allerkleinsten geachtet werden muss? Darum liebt Gott die Kinder und in ihnen liebt er alle andern: die Mütter und Väter und alle, die vorausgingen.
«Die Väter haben sich verschuldet und wir müssen die Strafe tragen», heisste es in einem Klagelied um das zerstörte Jerusalem. Die Schuld, wenn man sie aufrechnen will, geht wohl weit zurück.
Die Bibel rechnet nach und gelangt bis zu Adam, dem ersten Menschen. “Der Herr sah, dass die Bosheit des Menschen gross war auf Erden. Und es reute ihn, dass er die Menschen gemacht hatte», heisst es in der Sintflut-Geschichte. So macht Gott mit den Menschen einen neuen Anfang, die hebräische Bibel berichtet davon, die Sintflut-Geschichte war aber im ganzen Orien verbreitet. Sie ist ein gemeinsames Erbe dieses Kulturraums. Sie berichtet von der einen Menschheit, über all den verschiedenen Kulturen, von einem Neuanfang, von einem gemeinsamen Gott, der alle Völker geschaffen hat und sie mit ihrem Segen begleitet.
Neuer Anfang
Denn was die Welt erhält, ist nicht die Weisheit der Völker, nicht ihre militärische Stärke, nicht ihre Reinheit und moralische Integrität – «das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.» Gott spricht diesen Satz nicht vor der Sintflut, als Urteil über die Menschen und Grund für ihr Scheitern. Er spricht den Satz nach der Sintflut, als er der Menschheit eine neue Chance gibt. «Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.» Obwohl die Menschen «böse» sind, gibt er ihnen einen neuen Anfang.
Diese Einsicht zog der Alte Orient aus seiner Geschichte, die voller Kriege war. Es gibt Frieden, Frieden ist möglich, auch mit den fehlerhaften Menschen. Die Sintflut-Geschichte war im ganzen Orient bekannt und wird in mesopotamischen, hethitischen, hurritischen und biblischen Texten überliefert – in all den Grosskulturen, die am Anfang der heutigen Völkerwelt standen.
Foto Konstantin Finyuk, Pexels
Die Sintflut-Geschichte wird in der Bibel erzählt im 1. Buch Mose, Kapitel 6-9.









