Absichtslos

Der Löwenzahn blüht gelb im Garten, die Kinder machen Ketten daraus und Armbänder und „verkaufen“ sie auf der Strasse. Ich habe keine Augen dafür. Ich will arbeiten. Ich suche ein Wort, dass es wert ist, aufgeschrieben und gelesen zu werden. Aber ich bin leer. Nach der strengen Arbeitswoche bin ich einfach leer. So mache ich einen Spaziergang. Ob ich unterwegs etwas finde?

Es ist ein heller Frühlingstag. Die Sonne steht hoch an einem blauen Himmel. Sie versucht sich bereits mit ersten aufgetürmten Sommerwolken. In einem Bauerngarten am Weg stehen die Kirschbäume in vollem Blust. Darunter – wie eine Erinnerung an die Wiesen der Kindheit – steht alles voller Wiesenschaumkraut. Das Gras sieht aus, als ob es schäumte.

Zu Spät
Meine Knochen sind eingerostet vom vielen Sitzen im Winter. Ich hinke ein bisschen. Jetzt geht der Weg ins Tobel hinab. Der Wald steht schon überall in frischem Buchengrün. Immer wieder denke ich, ich könne dem Frühling beim Kommen zusehen. Das Öffnen der Blätter will ich nicht verpassen und die Magnolienblüte. Aber immer kommen ein, zwei Regentage, und wenn ich wieder hinsehe, ist alles schon da und ich bin zu spät.

Ich gehe in Gedanken versunken. Ich suche nach meinem Wort, dem Wort, das es wert ist, gelesen zu werden. Und es geht mir wie beim Frühling: wenn ich es packen will, ist es weg. Endlich gebe ich es auf, ich akzeptiere, was ist. Ich gebe den Nachmittag dran und hole die Arbeit später nach. Die Gedanken sind wie befreit, endlich können auch sie wandern, absichtslos und ohne Verwertungszwang.

Auf halbem Weg
Auf halbem Weg verdüstert sich der Himmel. Regenwolken ziehen auf. Soll ich vor oder zurück? Ich gehe weiter. Erste Tropfen fallen vom Himmel, sie schlagen kleine Krater in den staubigen Weg. Doch das Wetter beruhigt sich wieder. Bald markieren einige Magnolienbäume das Ziel, wo ich umkehren will. Sie sind bereits verblüht. Wieder ist der Zeitpunkt verpasst, um sie blühen zu sehen. Wieder braucht es ein ganzes Jahr, bis die Chance wiederkommt. Aber so viel lerne ich jetzt von meinem Spaziergang: Wenn ich etwas allzu fest suche, so entzieht es sich. Aber es ist da, es kommt wie der Frühling. Und absichtslos finde ich, was ich nicht gesucht habe: das Schöne, das Glück vielleicht, das, was jetzt da ist und was jetzt an der Zeit ist.

Bald ist es vorbei
Mittlerweile klart es auf. Die Regenwolken haben sich verzogen. Die tiefer stehende Sonne taucht die Bäume am Waldrand in ein warmes Licht. Das Tschilp-Tschalp der Singvögel auf dem Weg ist vorbei. Der Weg ist bald zu Ende. Soll ich ihm nachtrauern? Hoch auf einem Baum sitzt eine Amsel und singt ihr Lied. Von einem anderen Baum, unsichtbar, etwa 20 Meter weit weg, kommt die Antwort. Das ist das, was da ist, Schönheit, der Augenblick.

 

Foto Karolina, Pexels

Aus Notizen 2003