Lob der Eltern

Die Wettervorhersage hatte eine Sturmwarnung herausgegeben. Man soll alles, was nicht niet- und nagelfest ist, befestigen. Es werde zwar kein neuer «Lothar», aber man solle sich vorsehen und nicht in den Wald gehen.

Damals beim Sturm Lothar war ich in der Kirche, der Gottesdienst sollte bald beginnen. Da gingen an zwei Orten die Türen auf, weil Besucher kamen. Der Wind ging durch die Kirche und riss eine der schweren Türen aus der Verankerung. Später hörte man es in den Nachrichten, man sah es auf Wanderungen, wie der Wind Schneisen in die Wälder gerissen hatte.

Aber es war keine Katastrophe. Es diente der natürlichen Verjüngung. Und auf vielen scheinbar für immer verwüsteten Plätzen wuchsen Pflanzen nach, die viel besser zu diesem Standort passten, als die alten Kulturen, die nach anderen Gesichtspunkten angelegt worden waren.

Soll man weiterfahren wie bisher?
Auch für morgen ist „schlechtes“ Wetter angesagt. Es soll aus Kübeln regnen. Wir wollen mit der Familie Verwandte besuchen. Wir nehmen den Zug und lassen uns auf der letzten Wegstrecke abholen. Soll man in diesen Zeiten weiterfahren wie gewohnt und in der Welt herumfahren, als ob das nichts kosten würde? Wann werden unsere Gewohnheiten gestoppt, gebrochen, umgeprägt?

Ich erinnere mich an unsere Eltern, sie sind 1907 / 1909 geboren. Sie haben die Armutswirtschaft vor dem 1. WK erlebt, den Krieg, die Nachkriegszeit. Dann ging es etwas aufwärts. Nach der obligatorischen Schule machte mein Vater eine Lehre, meine Mutter ging ins «Welschland» und schickte wie ihre Geschwister jeden Monat einen grossen Teil ihres Lohnes nach Hause, um die grosse Familie mit den elf Kindern zu unterstützen. Ein Bruder ging in die USA. Das war damals der „Onkel in Amerika“ – eine Form der „Wirtschafts-Migration“, wie sie auch die Schweiz kannte. Dann kam die Weltwirtschaftskrise, der zweite Weltkrieg, die Rationierung. Meine Eltern hatten eine Konditorei-Bäckerei mit einem kleinen Café. Mein Vater hatte einen «Töff» mit Holzvergaser.

Die Sparsamkeit, die unsere Mutter zuhause gelernt hatte, pflegte sie weiter, auch oder besonders wieder, als sie eine Geschäftsfrau geworden war. Die Abfallsäcke wurden gestopft, um Material zu sparen, die Lichter immer gelöscht, wenn sie nicht gebraucht wurden. Das WC-Papier schnitt sie aus den Seiten alter Telefonbücher zurecht… Der Wohlstand, der in den 60er Jahren begann, verbindet sich für mich mit der Erinnerung an weiches WC-Papier.

Und wir?
Manches haben wir abgestossen, was uns unsere Eltern vorgelebt haben. Die Härte und Selbstverleugnung ihres Alltags schien uns eine allzu rigide und lebensfeindliche Auslegung dessen, was Leben heisst. Andererseits haben wir in den letzten Jahren vieles wieder schätzen gelernt, was für die Eltern Gültigkeit hatte. Es stammt noch aus der Zeit vor dem grossen Wohlstand, als sie Sparen und Verzichten lernten.

In den 60er Jahren haben wir gelächelt, wenn Mutter jedes Geschenkpapier aufbewahrte und jede Schnur zu Seite legte, weil man sie wieder einmal brauchen konnte. Je mehr wir verbrauchen, predigten wir ihr, desto mehr kann man produzieren. Desto billiger werden daher die Produkte. In der Zwischenzeit sind wir an die Grenzen dieses Wachstums gestossen und haben die Lebenshaltung der Vorkriegsgeneration wiederentdeckt.

Auf unserem Familienausflug nehme ich die Frage mit: Soll man in diesen Zeiten weiterfahren wie gewohnt und in der Welt herumfahren, als ob das nichts kosten würde? Wann werden unsere Gewohnheiten gestoppt, gebrochen, umgeprägt?

 

Foto Dziana Hasanbekava, Pexels

Aus Notizen 2018