Jerusalem

Ich lese» Jerusalem» von Selma Lagerlöf, es ist einzigartig von der Qualität und von der Erzählweise her, im Stil der alten Sagenkreise mit abgeschlossenen Geschichten, die doch aneinander anschliessen und das Gehörte fortsetzen. Eine Art nordische Ilias oder Odyssee, aber unter Bauern. Das Motiv ähnelt der Suche nach dem goldenen Vlies oder der Sonnenfahrt des Phaëton. Es ist die Suche nach dem Reich Gottes, dem himmlischen Jerusalem.

Sie leben in einem grünen Tal in Schweden, dem Leser scheint es wie ein Paradies. Aber es gibt auch hier Probleme. Einige verstehen sie von ihrem Glauben her und meinen, dass sie die Bibel nicht radikal genug nähmen. Es kommt zu einer „Erweckungsbewegung“. Sie wollen die Übel beheben und noch „entschiedener“ Christus nachleben.

Die absolute Forderung und ihr Schatten
Die Bergpredigt hat die Menschen durch die Absolutheit ihrer Forderung („ihr sollt vollkommen sein“) seit jeher herausgefordert. Das Christentum hat im Lauf der Geschichte Wege gefunden, damit umzugehen: Sie sei nicht lebbar, so sagt die eine Lösung, jedenfalls für Menschen, die in der Welt leben. So wurde es zu einem Lebensentwurf für Weltflüchtige, Eremiten, Klöster. Diese führen ihr Leben in „Ganz-Hingabe“, legen die drei Gelübde von Armut, Gehorsam und Keuschheit ab und „entsagen der Welt“.

(Der Spiegel-Schatten dieser drei Ideale wurde im Glauben Christus als König und Mit-Schöpfer übergeben, faktisch haben es andere Träger des gesellschaftlichen Lebens übernommen. Ob eine solche Trennung gut ist? Ob beide Seiten gut damit umgehen können? Die einen mit der Armut, die andern mit dem Reichtum? Die einen mit dem Gehorsam, die andern mit dem Befehlen? Die einen mit der Verleugnung ihres Körpers, die andern mit der Hochwertung des Körpers?)

Abwehr
Die Historische Kritik in der Bibelforschung entdeckte im 19. Jh., dass die Spätschriften des Alten und die Schriften des Neuen Testamentes vom Weltbild der Apokalyptik geprägt seien. Sie interpretierte die Bergpredigt als „Ethik der Naherwartung“. So wurde sie historisch relativiert. Sie gehörte zu einer „barbarischen Phase der Kulturgeschichte“ und war für die moderne Zivilisation des 19. JHs nicht geeignet, wo der Fortschritt das „Reich Gottes“ bald auf Erden herstellen würde.

Die Bergpredigt übt einen zwingenden Einfluss aus. Man kann ihr kaum entgehen, wenn man sich nicht selbst höchste Autorität in der Auslegung zubilligt. Oder wenn man ihr nicht, vor jeder Lektüre, schon einen Platz zuordnet, wo sie entmachtet ist: «nicht lebbar», «aus einer vergangenen Zeit», «nur für Schwärmer», «von Männern geschrieben» etc.

Immer wieder haben sich Menschen (Jugendliche) davor gerettet, indem sie sich von der Bibel überhaupt lossagten. Sie warfen die Bibel weg wie ein feuriges Buch. (Was sie lasen, war mit der Erfahrung der Sexualität nicht vereinbar, aber diese war ihnen aufgegeben, sie war ein Gesetz, das „in ihr Herz geschrieben“ war, ihm konnte man gar nicht entfliehen. So sagten sie sich in der Pubertät vom Glauben los.)

Experiment
Immer wieder sind unter diesem radikalen Anspruch Schwärmer entstanden, die behaupteten, die Bergpredigt sei lebbar, wenn man es nur radikal genug ernst nehme und das ganze Leben unterordne – auch das noch, das man bisher zurückgehalten hat. „Aber es gehört Christus, alles muss ihm geschenkt werden“… Selma Lagerlöf beschreibt eine solche Gruppe. In Wikipedia wird gesagt, sie nähme nicht klar Stellung. Aber sie tut es sehr klar, in der Dramaturgie, in den Gestalten, in den Schicksalen, die sie schildert.

Das Ziel des Lebens, das gelobte Land, das Reich Gottes, ist nicht als empirisches Fakt in dieser Welt herzustellen. Es kommt von Gott her, hat einen Vorschein in dieser Welt in Glaube, Hoffnung, Liebe und in allem, was diese vermögen. Und jedes positivistische Missverständnis, wenn einer kommt und sagt: „das ist“ das himmlisch Jerusalem auf Erden, „das ist“ das gelobte Land, „das ist“ die Regel, nach der man leben muss, dann kommt das Paradies zurück, jede Aussage, die die Dialektik der Beziehung von Glauben und Welt aufhebt, geht nicht nur fehl, sie erzeugt auch ungeheure Leiden.

Zwang
Der Absolutheitsanspruch, der in der symbolischen Glaubensaussage Sinn hat („Gerechtigkeit!“), wird zu einem totalitären Missverständnis, wenn jene absoluten Werte in der empirischen Welt hergestellt werden sollen. Absolutheit schlägt in Totalitarismus um. Es überfordert die Menschen, die daran glauben, sie werden unter der Wucht dieser Forderung regelrecht zerquetscht. (Wie Christophorus, der Christus tragen will. Es ist doch nur ein kleines Kind – aber es trägt die ganze Welt. Gott kann das spielerisch, ein Mensch wird davon erdrückt.)

Es führt zu Auswüchsen von Terror und Zwangs-Ausübung gegenüber Menschen, die nicht freiwillig folgen und die man zu ihrem Besten auf den rechten Weg bringen muss. Es führt zur Elimination von Menschen, Gruppen, „Rassen“, die diesem Bild nicht entsprechen, oder die als Hindernisse auf dem Weg oder als Feinde der Entwicklung wahrgenommen werden.

Verantwortung
Hier will ich erzählen von einer Episode aus diesem Buch. Sie handelt von Gertrud. Der jüngere Sohn des Gross-Bauern hat ihr die Ehe versprochen. Die Erbin des Hofes hat sich aber den Schwärmern angeschlossen. Um die Reise nach Jerusalem zu finanzieren, wird der Hof versteigert. Der Sohn will bleiben, die Lehrerstocher Gertrud heiraten und eine Stelle suchen. Es ist aber unsicher, ob er eine solche erhalten würde.

Bei der Versteigerung sammeln sich die Alten, die Witwen, das ehemalige Gesinde um ihn. Er ist der Nachfolger der alten Gross-Bauern, sie haben von jeher die Geschicke im Dorf bestimmt. Wenn der Hof weiterbestünde, würden sie dort unterkommen, das wäre ihre „Rente“, auf die sie moralischen Anspruch haben durch lebenslang geleistete Dienste. Auch das Dorf zählt auf ihn.

Der Sohn entscheidet sich endlich für diese Verantwortung. Er heiratet die Tochter des reichen Mannes, der den Hof ersteigert und kann so den Hof und seine Tradition bewahren, seiner Verantwortung nachkommen.

Unsichtbar
Sich selber und seine Verlobte hat er dadurch tief verletzt. Jetzt folgt die Episode im ersten Teil der Erzählung, die mit «Gertrud» überschrieben ist. Sie ist ganz kurz, und doch fasst sie in diesen wenigen Seiten zusammen, was ihr Leben bestimmt hat. Es ist eine Erzählung von Scham, Demütigung, öffentlicher Bloss-Stellung und was das anrichtet in einem Menschen. Im religiösen Umfeld gibt es eine Antwort. Das wird hier erzählt.

Gertrud kann sich nicht mehr zeigen. Sie verbirgt sich, sucht Wege, wie sie ihren Alltag verrichten kann, ohne gesehen zu werden. Ihr Leben wird von einer einzigen übergrossen Angst beherrscht: „ihm“ wieder begegnen zu müssen. Noch einmal – das würde sie nicht überstehen, dann müsste sie in die Erde sinken, dann müsste sie sich etwas antun.

Traumwelt
Es tauchen Rachephantasien auf, Bilder von Vergeltung. Sie wehrt sich dagegen, kann sie aber nicht abschütteln, sie tauchen wieder auf.

Selma Lagerlöf kann es so kurz schildern, weil sie mythische Figuren einführt, die Gertrud begegnen, und die das verkörpern, was ihre Phantasien suchen: „die alte Finnen-Marit, die hexen konnte“. „Warum soll er es gut haben und reich und glücklich sein, wo du doch so grosses Leid trägst?“ Sie sticht einem Bild des untreuen Geliebten die Augen aus.

Sie betet zu Gott, dass sie nicht Lust bekommt, sich an Ingmar zu rächen. Wieder träumt sie denselben Traum. Diesmal sieht sie in kleines Männchen, den Schnurre-Peter. Und sie fragt ihn, ob er den Ingmarshof anzünden wolle. – Sie wacht auf. Sie betet zu Gott um Hilfe. „Ich weiss gar nicht, wie viel Böses in meinem Herzen ist.“ „Das Leid ist gefährlich“, ruft sie. „Das Leid ist gefährlich. Das Leid ist gefährlich“.

Übergabe
Als sie aufsteht und die Tiere auf die Weide treibt, ist es wie im Traum. Sie weiss nicht, ist es wirklich oder träumt sie noch. Und wieder hat sie eine Erscheinung. Sie begegnet Jesus Christus. Ich will das nicht zusammenfassen, kürzer und besser als sie es geschrieben hat, kann es nicht sein. Sie kann die Rache ihm übergeben.

Der Schatten ist aufgehoben – nicht verleugnet, aber übergeben. Sie kann dem nachleben, von dem sie überzeugt ist, dass es hilft und das Zusammenleben ermöglicht. Sie hat den Auftrag, für Gerechtigkeit einzustehen, nicht verraten. Sie hat ihre Lebensrechte nicht unter den Tisch gewischt. Sie hat sie wahrgenommen und an Gott übergeben.

So gibt sie sich Gott ganz hin, dass er sie und ihr Leben führen möge. Sie ist bereit zu allem. Sie vertraut, dass es zum Guten sein wird.

Vergeltung
Bevor sie mit den Jerusalem-Wanderern abreist, besucht sie Ingmar. Es ist sein Hochzeitsabend. Sie klärt alles, nichts soll zwischen ihnen sein, sie vergibt ihm. „Wie du rächen kannst“, sagt er, der jetzt seinerseits beschämt ist, weil er nicht nach alter Form dafür bezahlen kann und leiden muss.

Im zweiten Teil, soweit bin ich noch nicht, geht er nach Jerusalem und holt die Auswanderer zurück. Er bringt sie auf den Boden zurück. Er rettet die Kolonie, gibt ihnen Arbeit. Sie leben auf Gott hin, aber auf dieser Erde.

«Auch meine Geschichte»
Es geht mir wie vielen Lesern dieses Buches: es ist auch meine Geschichte. Es hilft mir, mich zu versöhnen mit dunkeln Kapiteln meines Lebens. Ich habe nicht alles nur geträumt. Es hatte zwar eine Intensität, wie man sie nur in Träumen findet. Es hat Tiefendimensionen des Lebens erreicht, die sich nur in Träumen zeigen. Aber es war real. Die Gestalten in den Träumen helfen auch. Sie finden, heilen, verwandeln. Und sie entlassen einen wieder ins Leben. Da ist ein Bild des Lebens, dem man folgen kann.

 

Foto von Sven Förter, Pexels

Lesen Sie zu diesem Thema «Die Apokalypse als «Schatten» des Evangeliums?»

«Jerusalem» ist der Titel eines zweibändigen Romans der schwedischen Schriftstellerin Selma Lagerlöf. Er erschien 1901 und 1902 und behandelt – ausgehend von einem realen Ereignis – das Schicksal einiger Bauern aus dem schwedischen Dalarna, die infolge eines religiösen Erweckungserlebnisses nach Jerusalem auswandern, um sich dort einer von amerikanischen Sektenmitgliedern gegründeten Kolonie anzuschliessen.» (Wikipedia)