Zielgenau
Der Revolutionsführer Ayatollah Chamenei ist gestorben. Es geht durch die Morgennachrichten, eine ganze Führungsriege ist getötet worden. Das ist die Kriegführung im Zeitalter zielgenauer Bombenschläge. (Obwohl es nicht mehr als «Krieg» deklariert wird, es sind «Operationen».)
«Sparsame» Kriegsführung
Erspart die Tötung der Anführer, die «Enthauptung» des Gegners, den Einsatz von Bodentruppen? Wird so eine Invasion unnötig gemacht? Von ferne erinnert es an den Zweikampf im antiken Griechenland oder im Alten Testament. Aber der Einzelkampf der Helden war meist gefolgt von einer Schlacht, in der die Krieger aufeinandertrafen, wie es auch der Kampf um Troja zeigt, wo Achilles und Hektor im vielleicht berühmtesten Zweikampf aufeinandertrafen.
Sparsam mit den Soldaten verfuhren die Kabinettskriege im Zeitalter des Absolutismus. Die gekrönten Häupter hatten chronisch zu wenig Geld für Söldnerheere, sie dehnten ihren Einfluss auch lieber über Bündnisse und Heiratspolitik aus als über Kriege. («Bella gerant alii, tu felix Austria nube» hiess es über die Habsburger. «Kriege führen mögen andere, du, glückliches Österreich, heirate.» So kam Habsburg zu Spanien und zu einem Kolonialreich, «über dem die Sonne nicht unterging», weil es die ganze Welt umspannte.
Massenheere
Richtig viele Soldaten brauchten die Auseinandersetzungen im Gefolge der Französischen Revolution. Die Massenaushebungen (allgemeine Wehrpflicht) gaben Napoleon die grossen Heere, mit denen er halb Europa eroberte (was die Neuerung auch an die übrigen Herrscherhäuser vermittelte).
Massenschlächtereien gab es im 2. Weltkrieg. Bei einer Flächenbombardierung wurden ganze Städte in Ruinen gelegt. Hier wurden Zivilisten zu einem in Kauf genommenen oder sogar primär ausgesuchten Ziel. Bevölkerungspolitische Ziele führten gar zur gezielten Ausrottung und Vertreibung von unerwünschten Bevölkerungsteilen. Seither begleiten die Worte «Genozid» und «Völkermord» die kriegerische Auseinandersetzung.
Etwas Neues kam auf durch KI und satellitengestützte Aufklärung, was eine gezielte Ausschaltung von Gegnern erlaubt. Schon die USA haben im «Krieg gegen den Terror» bestimmte Gegner gezielt durch Militäroperationen ausgeschaltet. Die Ausschaltung der Kommandanten der libanesischen Hisbollah durch die Explosion von Pagern und Walkie-Talkies im September 2024 erregte in der ganzen Welt Aufsehen durch die gezielte Anwendung einer neuen Technologie.
Zielgenaue Tötung?
Israel verwendet schon seit einigen Jahren ein Programm, das Ziele ohne menschliches Zutun aussuchen kann. Eines dieser Programme trägt den Namen «Habsora», auf Englisch Gospel («Evangelium»). Ein nächster Schritt könnte sein, die Waffen total autonom zu machen, sodass sie sich auch den Schiessbefehl selber geben, wenn die Vorgaben der Zieldefinition erfüllt sind.
Die Zeit, als vor allem die Unterschichten auf Schlachtfeldern geopfert wurden, scheint vorbei. Auch Anführer werden jetzt ausgewählt, Staats-Oberhäupter, Diktatoren und religiöse Führer wie Ali Chamenei. Wenn solche Waffen in die Hand von Terroristen gelangen, trifft es vielleicht auch Angehörige der sog. Eliten. Beim Zerfall einer Gesellschaft, wenn Spaltungen auftreten, können sich Gruppen gegenseitig zum Ziel werden und zielgenau bekämpfen.
«Sparsame» Kriegsführung?
Die Zahl der Feinde, die angegriffen werden, wurde im Lauf der Geschichte zunächst immer mehr ausgedehnt bis zu den Massenheeren der napoleonischen Zeit und dem Flächenbombardement gegen die Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg.
Es gab aber auch die Gegenbewegung, den Feind in Gestalt von Einzelpersonen wieder einzugrenzen, und Symbolgestalten oder Entscheidungsträger auszuschalten. Mit der autonomen Feinddefinition durch smarte Waffen wird das Feindbild aber auch diffus. Es trifft vielleicht nur wenige, kann dadurch aber alle treffen, die zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sind. So ist die «Einsparung von Opfern» ambivalent. Der Terror des Schlachtfeldes lauert jetzt auch in einer Schule, in einem Zug, im Flugzeug oder im eigenen Schlafzimmer.
Stimmenkauf
«Targeting» – zielgenaue Erfassung von Personen oder Personengruppen – gibt es nicht nur im Krieg. Auch die Werbung arbeitet mit diesen Möglichkeiten. Eine Studie der ETH Zürich zeigt, dass die Wähler heute derart zielgenau erfasst werden können, dass die Werbung das Abstimmungsverhalten effektiv beeinflusst. «Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass eine Institution mit viel Geld oder eine reiche Person heute in der Schweiz durch Werbung auf Facebook und Instagram tatsächlich Stimmen kaufen kann» sagte Arthur Capozzi, Dozent an der ETH Zürich und Autor der Studie. (Zürcher Unterländer. «Wie Lobbyisten versuchen, Abstimmungen zu kaufen», 28.2.26).
Ein Beispiel für ein positives Targeting gibt die Medizin, die (bei entsprechenden Kosten) personalisierte Therapien bereitstellen kann. «Targeted Therapy» ist eine Krebsbehandlung, die gezielt Tumorzellen angreift.
Am Ziel vorbei
Dass Waffen zielgenau treffen, sagt noch nichts über ihren Nutzen. Diese Waffen, die Kriegführung überhaupt, müssen eingebunden sein in politische Ziele, sonst ist ihre Präzision nutzlos, u.U. sogar kontraproduktiv, weil die Verhandlungspartner weg sind, die man für eine Nachkriegslösung braucht. Oft bricht ein Chaos aus, wenn Diktatoren ausgeschaltet werden, wie das Beispiel von Saddam Hussein oder Muammar al-Gaddafi zeigt. Es waren wohl «Monster» nach dem Gesichtspunkt von Demokratie und Menschenrechten. Aber sie konnten die divergierenden Kräfte zusammenhalten, die jetzt unter Gewalt oder Bürgerkrieg auseinanderbrechen.
Der amerikanische Kriegsminister Pete Hegseth meinte: «Amerika, unabhängig davon, was sogenannte internationale Institutionen sagen, entfesselt die tödlichste und präziseste Luftangriffskampagne der Geschichte.» Die Waffen sind präzis, aber was sind die Ziele der USA? Wer dem News-Ticker folgte, hatte den Eindruck, dass die Ziel-Formulierung laufend den Ereignissen angepasst wurde. Für Israel ist es wohl deutlicher: es ist die Opportunität. Iran und seine Verbündeten sind so schwach, das es eine Gelegenheit bildet, einige schon lang anstehende politische Wünsche und Ziele durchzusetzen.
Das Nach-Kriegs-Interesse im Kriegsziel
Iran, Persien, mit einer Jahrtausende alten Kultur und Geschichte, kann nicht «vernichtet» werden, wie es das Ziel bei der Bekämpfung der Hamas im Gazastreifen war. Mit Iran muss eine Koexistenz gesucht werden. Das Nachkriegs-Interesse müsste schon das Kriegshandeln bestimmen. Vielleicht kommt es zu einer Revolution im Iran, vielleicht spalten sich die Eliten auf. Das alte Regime wird kaum überdauern.
Israel hat von Iran auch anderes erfahren. Im 6. JH vor Christus erlaubte der Perser-König Kyros II den Exilierten in Babylon die Rückkehr in die Heimat und den Bau des zweiten Tempels. In der Bibel wurde er darauf als Messias angesprochen.
Trump als neuer Kyros?
«Kyros’ Edikt ermöglichte es den Exilierten, nach Jerusalem zurückzukehren und mit dem Wiederaufbau des Tempels zu beginnen, der später als Zweiter Tempel bekannt wurde. Diese Epoche markiert den Neuanfang des jüdischen Lebens in der Heimat und bildet das Fundament für das Judentum der kommenden Jahrhunderte. In diesem historischen Licht erscheint Kyros als eine Figur von nahezu heilsgeschichtlicher Bedeutung – ein fremder König, der dennoch zum Beschützer Israels wurde.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum der Name Kyros heute in Israel wieder auftaucht. Viele Israelis sehen in Donald Trump einen führenden nichtjüdischen Politiker, der sich – zumindest aus ihrer Perspektive – für das jüdische Volk eingesetzt hat: Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels, Verlegung der US-Botschaft, Unterstützung israelischer Sicherheitsinteressen und die Abraham-Abkommen.» So schreibt Rabbiner Raphael Evers in der Jüdischen Allgemeinen vom 30.10.2025.
Foto von Wale Adebisi, Pexels
Stellvertretender Zweikampf zweier Helden. Eine Geschichte wie von Achilles und Hektor erzählt das Alte Testament: «Goliat trat vor und rief zu den Reihen der Israeliten hinüber: Warum seid ihr ausgezogen und habt euch zum Kampf aufgestellt? (…) Wählt euch doch einen Mann aus! Er soll zu mir herunterkommen. Wenn er mich im Kampf erschlagen kann, wollen wir eure Knechte sein. Wenn ich ihm aber überlegen bin und ihn erschlage, dann sollt ihr unsere Knechte sein und uns dienen.» (1. Sam 17,8ff)
An den Zweikampf erinnerte Präsident Trump selber in einem Interview. Nachdem er in seiner ersten Amtszeit den iranischen General Kassem Soleimani umbringen liess, plante der iranische Geheimdienst offenbar einen Anschlag auf ihn. Nun töteten amerikanische Jets den Revolutionsführer Al Chamenei. «Ich habe ihn erwischt, bevor er mich erwisch hat», erklärte Trump in dem Interview. «Sie versuchten es zweimal. Nun, ich habe ihn zuerst erwischt.» (Neue Zürcher Zeitung, 04.03.2026)
Der Perserkönig Kyrus als Messias in der israelitischen Heilsgeschichte. Er lässt das Volk Israel aus der Verbannung heimkehren. Beim Propheten Jesaja heisst es: «So spricht der Herr zu seinem Gesalbten, zu Kyrus, den ich bei seiner rechten Hand ergriff, dass ich Völker vor ihm unterwerfe. (…) Ich habe ihn erweckt in Gerechtigkeit, und alle seine Wege will ich eben machen. Er soll meine Stadt wieder aufbauen und meine Gefangenen loslassen.» (Jesaja 45, 1ff)
Trump als neuer Kyros? Vgl. dazu «Wer war Kyros der Grosse?» Von Rabbiner Raphael Evers, Jüdische Allgemeinde, 30.10.2025. https://www.juedische-allgemeine.de/religion/wer-war-kyros-der-grosse/









