Ein Bund mit der Unterwelt

Ich sitze beim Arzt im Wartsaal. Ich mag nicht lesen. Der Bibeltext, den ich heute Morgen gehört habe, hallt noch in mir nach. Wuchtig sind seine Worte wie Schläge: «Wir haben einen Bund mit der Unterwelt gemacht.» Da sind Übeltäter. Sie verbreiten Unrecht und Gewalt. Feinde fürchten sie nicht. Wer sollte sie zur Verantwortung ziehen?

«Wir haben mit dem Tod ein Bündnis geschlossen,
wir haben mit der Unterwelt einen Vertrag gemacht.»

Abgründe
Das scheint eine Sprache für unserer Zeit. Da werden die Abgründe aufgedeckt und was einmal hoch war, wird in die Tiefe gestürzt. «Sollten wir uns fürchten? Wir haben mit dem Tod ein Bündnis geschlossen und mit der Unterwelt einen Vertrag gemacht! Wenn die Flut heranbraust, erreicht sie uns nicht.» Wie stolz stehen sie da! Wer sollte ihnen etwas am Zeug flicken? Für ewig scheint ihre Herrschaft. Selbst die Flut kann ihnen nichts anhaben.

Wohl gab es Gegner, es gab Opposition im Lande selbst. Propheten sind aufgetreten und haben Kritik geübt. Aber sie wurden verlacht. «Hört ihr die Propheten? Sie machen »zaw lazaw, qaw laqaw» – die hebräischen Worte bedeuten nichts, es ist so viel wie «quak quak» oder Papperlapapp. So überliefert es der Prophet Jesaja (Jes 28,13ff).

Lächerlich
So braucht man sich nicht mit der Kritik aufzuhalten. Aber so gehen sie einen Weg, der sie zu Fall bringt, sagt der Text, denn sie verlieren das Richtige aus den Augen:

«Darum ergeht das Wort des Herrn an sie
in Form von Gestammel, von Papperlapapp,
damit sie gehen und hintenüberfallen,
damit sie sich verfangen und verstricken
und schliesslich zerschellen.»

Jetzt aber will Gott deutlich reden, er will Recht und Gerechtigkeit wieder beheimaten, und den Vertrag mit der Unterwelt auflösen. Und die falschen Prunkbauten wird der Hagelsturm zerstören.

Mit dem Tod kann man sich nicht verbünden

«Darum – so spricht Gott, der Herr:
Seht her, ich lege einen Grundstein in Zion. (…)
Als Senkblei nehme ich das Recht
und als Wasserwaage die Gerechtigkeit.

Aber der Hagelsturm fegt eure Lügenzuflucht hinweg
und das Wasser schwemmt euer Versteck fort;
euer Bündnis mit dem Tod ist dann gelöst,
euer Vertrag mit der Unterwelt hat keinen Bestand.

Denn der Herr wird sich erheben wie am Berg Perazim
und seine Tat vollbringen, seine seltsame Tat,
sein Werk vollenden, sein befremdliches Werk.»

Gottes fremdes Werk
Ein Gott der eingreift, ein Gott, der sich nicht segnend nähert, sondern das Werk der Übeltäter zerstört – das scheint ein «fremder Gott». Aber gerade dieser Gott wird erfleht. Gerade einen solchen Gott wünschen sich die Menschen, die unter Gewalt und Unrecht leiden.

Ein gewaltiger Text, der in mir noch nachhallt, als ich beim Arzt im Wartezimmer sitze! Bald kriege ich einen Stich ins Auge. Ich kann mich kaum daran gewöhnen, obwohl sich das alle paar Wochen wiederholt. Ich denke an all die Kriege dieser Zeit, und da ich beim Warten ohnehin bete, bete ich für alle, die sich in diesen Kriegen gegenüberstehen. Dass sich besonnene Menschen finden, dass sie einen Weg zum Frieden finden. Dass die Flut nicht alles mit sich reisst.

 

Foto von Kammeran Gonzalez-Keola, Pexels