Christus für mich

Wer ist Jesus Christus? Die Gelehrten streiten sich. Ist es Grössenwahn, wenn man Position bezieht in diesem Streit? Nein, jeder macht es unwillkürlich, wenn er betet, wenn er glaubt. «Jesus Christus» ist der Name, den ich kenne, für den, der von Gott her zu uns kommt. Ich kenne ihn, wenn ich zu ihm bete.

Wirklichkeit
Sein Evangelium handelt nicht nur von der Christus-Gestalt. Es zeigt eine Wirklichkeit, in der kein Mensch verloren geht. Die Welt wird aber nicht schöngeredet. Die Erfahrung von Leid und Schuld, von Gewalt und Unrecht wird nicht belogen. Er steht beim Leidenden und Verfolgten.

Zu ihm kann ich beten für Verstorbene, dass sie im Sterben aufgehoben und geborgen sind. Gern sehe ich das Bild vor mir, wie Christus ihnen entgegenkommt, auch wenn ich weiss, dass es nur ein Bild ist und die Wirklichkeit unendlich viel grösser. Er spricht vom Reich Gottes. Es ist jetzt da.

Er ist die Türe, durch die ich gehen kann und eintreten in den Garten. Das ist das Gebet. Er hilft so auf dem Weg. Mit ihm kann ich den Morgen beginnen, den Tag abschliessen, er ist da am Mittag. Er öffnet den Weg, ist gegenwärtig.

Beten in der Nacht
Und doch: wenn ich tags danach frage, weiss ich manchmal nicht, wo sich die Christus-Frage überhaupt stellt. Am Morgen, am Abend ist es ganz klar, wenn ich bete, wenn ich Fürbitte leiste, wenn ich an die Angehörigen und Verstorbenen denke. Da ist Jesus Christus der Name für mein Gebet.

Das erste Mal, dass ich ganz bewusst zu Christus betete, war, als unser kleines Kind verschwunden war und wir Ängste ausstanden. Da erinnerte ich mich an seine Zusage Joh 15 und betete zu ihm, dass ihr nichts geschehen sei, dass er sie behüten möge. Es war mir bewusst, dass sich meine Bitte auch in die Vergangenheit richtete, dass ich quasi in der Zeit rückwärts betete für eine gute Vergangenheit. Aber ist Gott nicht Herr der Zeit?

Ernest Hemingway erzählt in seinem Buch aus dem Ersten Weltkrieg von einem Offizier, der nur nachts glaubte. «Im Weltkrieg starben Millionen, seine Frau starb, sein Kind starb… Wenn es Nacht wurde und die Einsamkeit kam, betete man. Aber der Tag wusste nichts davon.»

Wird Jesus Christus hier auf die Nachtseite des Lebens festgelegt? Natürlich hat er eine Kreuzigung erfahren, eine Passion durchlaufen, das macht ihn zur Anlaufstelle für alle Menschen, die durch Dunkelheit hindurchgehen. Aber viel mehr ist es die Wirklichkeit, die er repräsentiert: seine Verkündigung und sein Handeln, die eine Wirklichkeit zeigen, wo kein Mensch verloren geht.

So könnte man sagen: Er ist auf die Sonnenseite festgelegt. Nach den Erfahrungen mit ihm hat man sich dann auch Gott vorgestellt. Das half bei der Entstehung einer Erlösungsreligion. Er ist eben, trotz aller griechischen Philosophie, kein oberstes Prinzip, er ist der Gott, den man anruft, den man in jährlichen Feiern begleitet in seiner Passion und von dem man sich begleitet fühlt in der Passion der eigenen Zeit, des eigenen Lebens.

Jesus lebt, Christus geht mit uns, gerade auch in der Verzweiflung unserer Zeit mit Krieg und Krisen, mit Hunger und Gewalt, mit Katastrophen und menschgemachter Naturzerstörung.

Nicht von der Philosophie her gedacht
Die Bedeutung des Erlösungs-Gedankens zeigt sich auch im ersten ökumenischen Konzil von Nicäa, dessen 1700. Jahrestag die Kirche 2025 feiert. Die komplizierten Gedanken und Positionen von Homo-ousianern (wesensgleich), Homöo-ousianern (wesensähnlich) und hetero-ousianern (wesensverschieden) und weiteren Verstehens-Versuchen, sind nicht von der Philosophie her gedacht, sondern von der Soteriologie (Erlösungslehre). Nur Gott kann die Welt erlösen und in Christus hatten sie Vertrauen gefasst, so wurde er von Gott her gedacht und Gott von ihm her. Eigentlich ist es Gott selbst, der in seinem Handeln sichtbar wird. Er erlöst die Welt.

 

Lesen Sie «Glaube in der Nacht» zum Buch «In einem andern Land» von Ernest Hemingway.
Beachten Sie die Beiträge zum Jubiläum von Nicäa.

Bild Ahmed Akacha, Pexels

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