Die Liebe denkt über den Tod hinaus
«Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?», so betet Christus am Kreuz.
„Mein Gott, warum hast Du mich verlassen“.
Das scheint der tiefste Punkt im Leiden, der Punkt, um den jeder einen Bogen macht: von den Menschen verfolgt und von Gott verlassen.
Da sind Erfahrungen, so verletzend, da mag niemand hinschauen. Lieber gehen wir weg, machen Betrieb, zerstreuen uns. Da sind Erlebnisse – da sind wir sogar von uns selbst verlassen. Weil wir nicht hinsehen wollen.
Aber dieser ist da, dieser bleibt. Er schaut hin. Er geht nicht weg.
Er kennt die Not des Menschen.
„Mein Gott, warum hast Du mich verlassen“.
Er betet den Psalm 22.
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen,
bleibst fern meiner Rettung und den Worten meiner Klage?
Mein Gott, ich rufe bei Tage, und du antwortest nicht – des nachts und ich finde keine Ruhe.
Und doch bist Du der Heilige, der thront über den Lobgesängen Israels.
Auf Dich vertrauten unsere Väter;
Sie glaubten, und Du halfst ihnen.
Zu Dir schrien sie und wurden errettet;
Auf Dich vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.
Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute
und verachtet vom Volke.
Alle, die mich sehen, spotten meiner,
verziehen die Lippen und schütteln den Kopf:
„Er warf’ s auf den Herrn, möge der ihm helfen;
Er rette ihn, denn er hat ja Gefallen an ihm.“
Ja, Du bist’ s, der mich zog aus dem Mutterschoss,
mich sicher barg an meiner Mutter Brust.
Auf dich ward ich geworfen aus Mutterschoss,
von Mutterleib an bist Du mein Gott.
Sei nicht ferne von mir, denn Not ist nahe;
Niemand ist, der helfe.“
Viele Not gibt es auf Erden, Egoismus, Habgier, gedankenlose Grausamkeit. Aber niemand ist wohl so ausgeliefert wie der Gefangene, der gequält wird, wie der Mensch, der von anderen Menschen getötet und gefoltert wird. Das ist der tiefste Punkt der Verlassenheit.
Gibt es einen Menschen der ähnliches erlebt hat, so ist er jetzt nicht mehr allein.
Christus hat es erlebt.
Es gibt Erfahrungen von Leiden und Ohnmacht, da fühlen wir uns nicht verstanden ausser von dem, der es erfahren hat. Ein Helfer, der weiss, wie es geht, erreicht uns nicht. Der weiss nicht, wie es ist, wenn man nicht mehr weiss!
All die Klugen und Starken – ihre Hilfe ist nur ein Gerede.
Aber dieser da, der kennt uns. Denn er hat unsere Ohnmacht geteilt!
Am tiefsten Punkt kehrt der Weg um. Und der Verlassene ist nicht mehr allein.
An diesem Punkt schlägt die Situation um, der Psalm der Verlassenheit wird zu einem Psalm der Hoffnung. Auch das gehört zum Gebet Christi:
„Die ihr den Herrn fürchtet, preist ihn!
Ihr alle ehrt ihn, bebt vor ihm!
Denn er hat nicht verachtet noch
verabscheut des Elenden Elend
und nicht sein Angesicht vor ihm verborgen.
Und da er zu ihm schrie, hat er ihn erhört.»
„Frau, siehe dein Sohn, und du, siehe deine Mutter!“
Unter dem Kreuz stehen Maria, die Mutter von Jesus, und sein Jünger Johannes. Sein Weg geht zu Ende. Da vertraut er sie einander an. „Frau, siehe dein Sohn, und du, siehe deine Mutter!“
Er denkt über seinen Tod hinaus. Gott denkt über den Tod hinaus. Wir sehen nur daran hin. Da ist eine Grenze, wo es für uns nicht weiter geht. Wo wäre der Mensch, der je dem Tod getrotzt hätte?
Ausser in der Liebe, die denkt über den Tod hinaus. Da sind wir berührt von etwas Grösserem.
Die Liebe ist ein Gottesgedanke. Die Liebe führt Menschen zusammen. In der Liebe geben sie das Leben weiter.
In der Liebe erleben wir, wie sich etwas Grosses an unserm Leben ereignet. Wir sind Teil von etwas, das die Grenze des Todes weit übersteigt.
In der Liebe sind wir Mitarbeiter an der Erlösung. Wir üben uns in Vergebung.
Wir erleben, wie das Leben neue Kraft gewinnt.
In der Liebe wird auch unser Leben neu.
Bild: Maria und Johannes unter dem Kreuz, Meister des Berswordt Altars.









