Himmel und Erde
Was soll uns Metaphysik?
Wer sich für Gott und Glaube interessiert, muss sich um «Metaphysik» nicht kümmern. Wichtig ist es aber, wenn es um die öffentliche Anerkennung geht: ob man dem überhaupt eine Wahrheit zubilligt, ob man Gott nicht überhaupt bestreitet und Religion verabschiedet, weil ihnen keine Wirklichkeit zukomme.
So kann sich Glaube nicht nur mit einer gelebten Praxis begnügen und die Frage beiseitelassen, ob Staat und Gesellschaft, ob die Kultur, in der man lebt, dem überhaupt eine Wirklichkeit zubilligt. Andernfalls ist es schwer, Kirche zu sein oder auch nur, als Einzelkämpfer seinem persönlichen Glauben anzuhängen. Heute wird Metaphysik wieder vermehrt diskutiert, ich nehme es als Anlass, verschiedene Beiträge aus diesem Blog in einem Streiflicht zusammenzufassen.
Die Frage nach dem Ganzen
Die Frage nach dem „Ganzen“, dem „Umfassenden“, dem „Ursprung“, dem „Gegenwärtigen“, der „Mitte“, dem „Ziel“ – das ist in der Vergangenheit von Religion und Philosophie beantwortet worden. Heute nach all den Wellen der Metaphysik- und Religions-Kritik ist das fremd geworden.
Heute ist es in der Physik der Spur nach noch vorhanden als Frage nach der universellen Energieformel oder als Urknall-These in der Kosmogonie. Aber die Frage nach dem Menschen und seiner Kultur verschwindet in dieser Frage. Kulturelle Fragen sind nicht mathematisierbar, nicht beschreibbar in naturgesetzlichen Hypothesen. So werden solche Fragen nicht beantwortet, weltanschauliche Antworten erscheinen als sinnlos oder werden negativ bewertet.
Die „sinnlosen“ Fragen bleiben
Es bleibt aber das Bedürfnis des Menschen, sich „das Ganze“ zu vergegenwärtigen, aus der „Mitte“ zu leben, sich im „Ursprung“ unverlierbar gehalten zu wissen. Der Mensch hat die Bedingung seiner Existenz nicht in der Hand. Und die Welt findet er vor, er macht sie nicht. So vergewissert er sich ihres Bestandes in Herkunfts-Erzählungen. Dort ist Beständigkeit – trotz all der Todesmacht in der menschlichen und historischen Erfahrung, trotz der Verfehlung des Menschen, trotz Selbstverlust. Aus der Herkunft findet er eine unverlierbare Würde, in der Mitte Orientierung und Gehaltensein, auf dem Weg zum Ziel findet er Anteil am Ganzen und Rettung aus Verzweiflung.
Phantasie im Untergrund
Dieses Bedürfnis wird von den heute anerkannten Weisen des Erzählens nicht befriedigt. Die Menschen werden auf nicht-anerkannte Formen geworfen: Aberglaube, Sekte, Psychogruppe, „blosse Religion, aber nicht Wissenschaft“.
So entstehen die Phänomene der „gleichzeitigen Ungleichzeitigkeit“. Menschen im Zeitalter der Weltraumfahrt glauben an Kobolde, Hexen, Gespenster, Teufel, Dämonen, Hölle etc.
Die grosse Erzählung lebt in den „Suchwegen der Seele“. Sie findet keine Entsprechung in der Aussenwelt, findet keine Gestalt, wie sie sich in anerkannter Form intersubjektiv äussern kann, wird auf bloss-subjektives Für-Wahr-Halten zurückgeworfen oder in die Gruppenbildung einer von der Mehrheitskultur verachteten Sekte.
„Metaphysisches Bedürfnis“?
Man mag das Argument des Bedürfnisses verachten, wie schon Schopenhauer mit seinem Begriff des „metaphysischen Bedürfnisses“. Aber der Wildwuchs, der Ersatz der Kultur durch Marktangebote der Konsum-Industrie, der Rückgriff auf alle Formen des Aberglaubens, die Zersplitterung der weltanschaulichen Szene bis zur Auflösung eines kulturellen Minimalkonsenses sind schlechtere Alternativen.
Was nottut
Nötig ist ein neues Erzählen, das den Bedürfnissen entspricht, ganz prosaisch, so wie ein Telefonbuch dem Bedürfnis nach Auskunft im Bereich der Telefonnummern entspricht. Es gibt eben verschiedene Sorten von Literatur, mit eigenen Geltungs-Ansprüchen und eigenen Methoden. Das Kochbuch zeigt Wege zu einer Mahlzeit, das Telefonbuch Wege zur Adresse, der naturwissenschaftliche Zugriff folgt dem Interesse auf technische Verwertung und die Sprache der Religion mit ihren Bildern, Symbolen und Mythen zielt auf das Ganze, die Mitte, den Ursprung, das Ziel. Und das Christentum, als Beispiel, hat 2000 Jahre lang diese Kultur zu integrieren vermocht. Da sind Lebenserfahrungen von Generationen, erprobt in Millionen von Situationen und Lebensläufen.
Geleitet wird diese neue Erzählung von der seelsorgerlichen Erfahrung mit Menschen in allen Lebenslagen. Es ist so vom Weltganzen zu reden, dass es auf ihre Fragen Antwort gibt. Und das ist dann eine gültige Art des Welt-Darstellens neben dem wissenschaftlich-technischen Zugriff.
Aus Notizen 2003
Metaphysik-Kritik – worum ging es ihr?
Worum ging es denn in der Kritik an der Metaphysik? Und was ist die Aufgabe heute? Die Erinnerung kann beim Philosophen Immanuel Kant einsetzen, bei dem sich viele Traditionen kreuzen. Kant schrieb, die menschliche Vernunft werde von Fragen belästigt, die sie nicht abweisen könne, denn diese seien ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben. Die Vernunft könne diese Fragen aber nicht beantworten, da sie all ihr Vermögen übersteigen. Ohne eine „Kritik“ des Erkenntnisvermögens, das falsche Wege entlarvt und richtige begründet, tappe man im Dunkeln. So sei die Metaphysik in der Geschichte ein Kampfplatz von endlosen Streitereien gewesen, zwischen der Despotie des Dogmatismus und der Anarchie von Skeptizismus und Indifferentismus.
Gegen Despotie und Indifferentismus
Was es zu vermeiden gilt, sind also Despotie auf der einen Seite und Skeptizismus und Indifferentismus auf der anderen Seite. Die Abwehr richtet sich gegen die Tyrannei jener, die angeblich über die Wahrheit verfügen (und despotisch und diktatorisch verfahren), aber auch gegen die anderen, die in der Abwehr zu weit gehen und nichts mehr gelten lassen. Es sei überhaupt nicht möglich, so sagen sie, zu sicheren und verbindlichen Aussagen zu gelangen. So überliefern sie die Ordnung des menschlichen Lebens der Macht oder der Beliebigkeit, und sie enttäuschen die Menschen in ihrem Orientierungsbedürfnis und stürzen sie in Verzweiflung, weil ohnehin alles relativ oder sinnlos sei.
Diese doppelte Gegnerschaft gegen Despotie und Indifferentismus zeigt den historischen Standort dieser Kritik. Und das macht die Position von Kant „modern“ in der Wahrnehmung der Probleme. Hier ist ein Standort, der unter Kirche, Staat und ideologischer Macht gelitten hat und jeder Möglichkeit einer Neuauflage den Boden entziehen will. Das ist das emanzipative und demokratisch-liberale Moment der Aufklärung.
Aufbau und Begründung
Hier ist aber auch die Erinnerung an Revolutionen, Kriege und Bürgerkriege, die in beispiellose Gewalt, Anarchie und Zynismus geführt hatten. Das war immer wieder der Ausgangspunkt für die Fragen der Metaphysik, wie etwa bei Platon, der nach einem sicheren Fundament für das Leben und Zusammenleben suchte.
Diese Position ist kritisch begründet, so dass sie eine Übersteigerung von Macht und Anspruch kritisch zurückweisen kann. Sie ist aber auch kritisch begründet, so dass sie dem Gegenteil entgegentreten kann: Zynismus, Anarchie und Zerfall der Ordnung. Es bewahrt die Erinnerung an ein traumatisches Geschehen, das nicht mehr wiederkommen soll.
Was nottut
Heute gilt es, neben der Kritik an übersteigerten Geltungsbehauptungen auch die Begründung von Positionen wieder wahrzunehmen. Wer Häuser niederreisst, muss auch neue bauen.
Nach dem Krieg wurde das Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ von Karl Popper auf breiter Front aufgenommen. Der Skeptizismus wurde fast zu einem ungeschriebenen Verfassungsgrundsatz. Man wollte verhindern, dass eine Ideologie je wieder zu einer totalitären Herrschaft führen könne. So wurde die Aufgabe der Kritik überbetont, das Begründen vernachlässigt und sogar unter Totalitarismus-Verdacht gestellt.
Inzwischen kann man in den USA verfolgen, wie Relativismus und Zynismus das Zusammenleben in Staat und Gesellschaft untergraben. Selbst Wissenschaftler beklagen einen Vertrauensverlust. Es reicht nicht mehr, sich im Streit der Meinungen neutral zu erklären. Staat und Gesellschaft ruhen auf einer Basis gemeinsamer Überzeugungen. Das kulturelle Suchen muss unterstützt und gefördert werden. Metaphysik ist nicht immer der Feind und Religion kann auch ein Freund sein.
Aus Notizen 2019
Braucht es eine neue Metaphysik?
Braucht es also eine neue Metaphysik? Der Philosoph Jürgen Habermas spricht vom «nachmetaphysischen Denken». «Das neue Bedürfnis nach Metaphysik» hiess demgegenüber ein Kongress, zu dem die Humboldt-Stiftung 2012 eingeladen hatte.
Das Ganze, die Versöhnung
Theodor W. Adorno, einer der Väter der Frankfurter Schule, hat die Metaphysik nicht einfach verworfen, obwohl sein Freund Max Horkheimer, Mitbegründer der Kritischen Theorie, in einer materialistischen Philosophie keinen Platz dafür sah. Als Pfarrer und Seelsorger werde ich Tag für Tag mit der Frage konfrontiert, wie sich Leid versöhnen lässt. Das weckt die Frage nach dem „Ganzen“.
Adorno hat Vorlesungen zur Metaphysik gehalten (Theodor W. Adorno, Metaphysik, Begriff und Probleme, Ffm 1998). Der Herausgeber schreibt im Nachwort: „Dem Pessimismus des Freundes Horkheimer, seiner materialistischen Trauer, dass vergangenes Leiden nicht wieder gut zu machen sei, hat Adorno sich bis zu einem gewissen Grad verweigert, wenn er davon sprach, dass der Gedanke, der sich nicht enthauptet, in Transzendenz mündet, bis zu einer Idee einer Verfassung der Welt, in der nicht nur bestehendes Leid abgeschafft, sondern noch das unwiderruflich vergangene widerrufen wäre. (Negative Dialektik, 5. Auflage 1996, S. 395). Vielleicht dass solcher Widerruf in all seiner Ohnmacht das metaphysische Minimum darstellt, das einer Negativen Dialektik verblieben ist.“
Adorno hat die Bedeutung von Auschwitz für das Denken vielleicht wie kein anderer wahrgenommen. Ein Gedanke, der sich nicht selbst enthaupte, müsse in Transzendenz münden, schreibt er, um es nochmals hervorzuheben. Die Welt müsse nicht nur so weit bedacht werden, dass bestehendes Leid abgeschafft werde. Auch vergangenes Leid müsse widerrufen werden. Das faktische Unrecht macht das Denken des Rechts nicht unmöglich, es fordert es allererst heraus. Am Karfreitag – theologisch gesprochen – werden die Intuitionenen von Recht und Gerechtigkeit lebendig. Sie führen zum kontrakfaktischen Glauben an die Auferweckung und ein zukünftiges Leben.
Auferstehung
Die Rede von der Auferstehung formuliert die Denknotwendigkeit, dass Leben ans Ziel kommt, dass Leid versöhnt, dass der Tod überwunden wird durch Leben. Sie wird von der christlichen Religion vorgetragen. Ohne Gottes-Beziehung lässt sich die Auferstehung nicht glauben: ohne dass alles in einen höchsten Inbegriff gefasst wird, von dem Leben ausgeht und wo es zur Vollendung kommt.
Aus Notizen 2018
Rekonstruktion ohne Gott?
Der Philosoph Jürgen Habermas wird in der Kirche gern gelesen. Er vertritt eine moderne Welt in der Phase des «nachmetaphysischen Denkens» und spricht doch voller Anerkennung von Religion und Kirche. «Säkulare Sprachen, die das, was einmal gemeint war, bloss eliminieren, hinterlassen Irritationen», sagt er in seiner Dankesrede zur Überreichung des deutschen Friedenspreises 2001.
Die verlorene Hoffnung
«Als sich Sünde in Schuld verwandelte, ging etwas verloren. Denn mit dem Wunsch nach Verzeihung verbindet sich immer noch der unsentimentale Wunsch, das anderen zugefügte Leid ungeschehen zu machen. Erst recht beunruhigt uns die Unumkehrbarkeit vergangenen Leidens – jenes Unrecht an den unschuldig Misshandelten, Entwürdigten und Ermordeten, das über jedes Mass menschenmöglicher Wiedergutmachung hinausgeht. Die verlorene Hoffnung auf Resurrektion hinterlässt eine spürbare Leere.» Und er erinnert an den Holocaust und die Erfahrung der Ohnmacht vor diesem Unrecht. Dazu gehört die Sprachlosigkeit einer Zeit, die «Auferstehung» und «jüngstes Gericht» nicht mehr denken kann.
Rekonstruktion
Habermas verwendet immer wieder den Begriff des «Rekonstruierens», er will wichtige Gehalte der Tradition nicht einfach verabschieden. Er hat Wertschätzung dafür und will es von den neuen Grundlagen einer anderen Zeit mit ihren anderen Denkvoraussetzungen aus rekonstruieren. So spricht er ja auch von «uneingelösten» Potentialen religiöser Rede, die sogar für den säkularen Staat notwendig seien. Er würdigt den Gedanken der Auferstehung und die Sorge um die toten Opfer, denen hier keine Gerechtigkeit mehr widerfahren kann.
Aber lässt sich das in einer anderen als der religiösen Sprache rekonstruieren? Der Versuch, die Aussagen der Auferstehung zu rekonstruieren, ohne dass die Versöhnungsleistungen der Religion, der Metaphysik, in Anspruch genommen werden, kann nicht gelingen. Man gelangt so nur zur Wünschbarkeit einer solchen Vorstellung, zur Einsicht, dass das menschliche Leben immer schon eine solche Unterstellung macht: dass Leben gelingt. Aber es bleibt bei der Feststellung, dass das ohne Gott nicht zu haben ist. Die menschliche Handlungsgemeinschaft (selbst die ganze Menschheit, wenn sie als Handlungs-Subjekt gedacht wird) kann die Risse nicht überbrücken, die Differenz ist auszuhalten wie in der griechischen Tragik. Die christliche Metaphysik baut demgegenüber auf einer Erlösungsreligon auf, wo Konflikte versöhnt, Risse geheilt, Verlorenes gefunden und Angefangenes ans Ziel gebracht wird.
Passion
Die Demontage von Recht und Wahrheit – das ist zynischer Sprachgebrauch. Er ist wohl von den Machtzentren ausgegangen, es hat aber auch die Ohnmächtigen erreicht. Auch sie vertrauen nicht mehr auf das Recht, den einzigen Verbündeten, den sie haben. In der Passion Christi kommt das zum Ausdruck.
«Was ist Wahrheit?» fragt Pilatus. «Was ist Recht?» fragen die Soldaten. Als Legion unter einem Befehl sind sie ein Machtfaktor, als Legionäre und Söldner gehören sie zu den Machtlosen und Ausgelieferten. Und sie verhöhnen Christus, als er am Kreuz hängt. «Bist du der Retter? So rette dich und uns!» So überliefern es die Evangelien. Man spürt, wie ihre Loyalität umschlägt. Eben noch hatten sie Hoffnungen auch für ihr Leben. Jetzt wird ihnen vor Augen geführt, dass Macht und Einfluss das Sagen haben, dass sie ihre Hoffnungen vergessen müssen. Und sie sind froh, «auf der rechten Seite» zu stehen, dort, wo man lacht, wo man über die Verlierer lacht.
Auferstehung
Woher soll da etwas Neues kommen? Woher Hoffnung, Vertrauen auf Wahrheit und Recht? Wer «rekonstruiert» die Erzählung von Auferstehung, aus der damals eine neue Religion entstand? Aus dem Nichts entstand ein neuer Aufbruch, dem sich sogar das Römische Reich nicht entziehen konnte. Und die ehemaligen Machthaber, die Christus ans Kreuz schlugen, liefen zu diesem Ohnmächtigen über. Sie bauten ihre Herrschaft auf dieser Grundlage neu auf. Wie ist das möglich, aus dem «Nichts» des Karfreitags?
Die Botschaft von der Auferstehung kam von denen, die unter dem Kreuz aushielten. Sie sind nicht davongelaufen. Sie sind «da» geblieben. Sie haben erlebt, wie Hass und Leidenschaft sich ausgetobt haben. Und in der Stille, als alles Menschenmögliche gesagt und getan war, in der Stille wurde das andere hörbar, das, was nicht von Menschen gemacht wird und doch das Leben trägt. Gerechtigkeit und Erbarmen, sie haben sie mit Füssen getreten in seiner Passion. Aber in der Stille wacht die Intuition mit umso deutlicherer Stimme auf.
Gerechtigkeit, das ist denk- und lebensnotwendig. Und ein Zusammenleben unter Menschen gibt es nur, wenn wir die Kunst der Vergebung lernen. So entsteht auf den letzten leeren Plätzen dieser Kultur, wenn alles andere zerstört ist, die Gewissheit des Lebens – und nicht eines blossen Überlebens, sondern eines Lebens in Würde.
Denk- und lebensnotwendig
Drei Intuitionen sind denk- und lebensnotwendig, damit der einzelne seine Gesundheit wahren und die Gemeinschaft in Frieden zusammenleben kann: dass die Welt Bestand hat, trotz des Menschen; dass es für die individuelle Biographie ein „Ankommen“ gibt und dass der Weg der Menschheit nicht im Dunkeln endet.
Und seltsam, was all die Theologen und Philosophen nicht fertigbringen, die „Ostern“ umschreiben wollen, an diesem Nullpunkt ereignet es sich: die Gewissheit des Lebens, eines Lebens in Würde, wo der Verlorene gesucht, der Gedemütigte erhöht wird und wo die Schöpfung ans Ziel kommt.
Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Denn er war sehr gross. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling, der hatte ein langes weisses Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen.
Aus Notizen 2019
Denk- und lebensnotwendig
Das Buch Hiob, ein Weisheitsbuch des Alten Testamentes, fügt die Hiob-Tradition in eine Rahmenhandlung ein. Bevor das Drama um Heil und Unheil beginnt, treffen sich die himmlischen Mächte vor dem Vorhang und es entspannt sich ein Dialog zwischen Gott und Teufel. (Goethe wird das später imitieren, er setzt vor das Faust-Drama einen «Prolog im Himmel».)
Gespräch von Gott und Teufel vor dem Vorhang, bevor das Stück beginnt
Worum geht es denn in diesem ganzen Drama? Was ist letztlich entscheidend? Das wird hier verhandelt. Verliert der Mensch den Glauben? Kann er der Verzweiflung widerstehen, wenn all die Leiden über ihn kommen, die das Leben auf dieser Welt für ihn bereithält? Ich kann die Geschichte heute nicht anders lesen als unter Bezug auf die Leiden, die die Menschen heute schrecken: Klimawandel, Artensterben.
Der Teufel „versucht“ Hiob nicht nur, indem er ihm alles wegnimmt, was zu seinem persönlichen Leben gehört. Er nimmt ihm auch das Vertrauen weg, dass die Welt erhalten bleibe, gibt ihm die Angst, dass die Menschen das Leben durch ihre Schuld zerstören und die Angst, dass der Weg der Menschheit im Dunkeln endet. –
Wenn er das alles verliert, glaubt er dann auch noch an Gott?
Das sind drei denk- und lebens-notwendigen Intuitionen. Was ist, wenn sie verneint werden? Sie werden kontrafaktisch geglaubt. Sie beziehen sich auf Ganzheits-Aussagen, die in der relativen Erlebniswelt gar nie „faktisch“ werden können:
- dass das eigene Leben gelingt, dass es ein „Ankommen“ gibt, so wie Odysseus nach seiner Reise ankommt, wo all die Intuitionen von Gerechtigkeit und Leben, von Zugehörigkeit und Würde, von Ich und Du, von Ansprechbarkeit und Antwort in Erfüllung gehen;
- dass die Welt ihren Bestand hat unabhängig vom Menschen;
- dass der Weg der Menschheit nicht im Dunkeln endet.
Sie sind von vornherein auf Glauben angelegt, es sind Intuitionen, die „empirisch“ weder zu bestätigen noch zu widerlegen sind. Wenn sie „eintreffen“, wird durch das Eintreffen das Bisherige aufgehoben. Individuum, Welt und Menschheit sind Teil einer Ganzheit, die die Totalität des Vorhandenen übersteigt. Sie verdanken sich – biblisch gesprochen – einem welt-überlegenen Gott, sind keine Entfaltungen bloss-weltlicher Prinzipien, sie finden Ziel und Wert in der Zugehörigkeit zu diesem welt-überlegenen Gott.
Hiob
„Es war ein Mann im Lande Uz, der hiess Hiob. Der war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse. (…) Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den Herrn traten, kam auch der Satan mit ihnen. Der Herr aber sprach zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan antwortete dem Herrn und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen.
Der Herr sprach zum Satan: Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse. Der Satan antwortete dem Herrn und sprach: Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet? Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher bewahrt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: Was gilt’s, er wird dir ins Angesicht fluchen!» (Hiob,1,1ff)
Aus Notizen 2014
Ein Suchweg
Wer seinem Leben folgt, macht, ohne dass er das wollte oder einmal für sich beschlossen hätte, einen Suchweg. Er geht durch Tunnels, kommt auf Plätze, wandert durch dunkle Wälder, findet auf eine Lichtung. Er schifft sich ein, gerät in Seenot, fällt über Bord. So erzählen es alte Geschichten und Mythen. Das Wasser geht im bis zum Hals, es geht ihm über den Kopf. Er verliert den Boden unter den Füssen und geht unter.
Er tritt eine Reise an ihm Dunkeln. Hier werden Bilder hell, die in der normalen Welt nicht zu sehen sind. Sie leben in einem besonderen Gedächtnis. Jetzt ist ihre Zeit gekommen. Sie zeigen ihm Gestalten, führen ihn einen Weg. Und plötzlich ist er wieder hinausgeworfen in eine helle Welt. Als ob er neu geboren wäre. Und er nimmt sein Leben wieder auf. Aber jetzt gelingt es ihm besser. Er kann brauchen, was er im Dunkeln erlebte. Es ist nützlich, was er lernte auf diesem Umweg, den er nie freiwillig auf sich genommen hätte, der ihm wie das Unsinnigste erschienen wäre, womit man sein Leben zubringen kann.
Aber hier, in diesem Dunkel, in diesem Umweg, in dieser Reise durch den Nahbereich des Todes, in diesem Versinken im Strudel, gegen den alle Angst sich wehrt, hier hat er etwas gelernt, was alles Tun und Wollen ihn nicht lehren könnte. Er könnte es nicht steuern, aber es gibt einen Führer, den er auf diesem Weg mitnehmen kann: das ist das Vertrauen, damit er die Sicherheit loslassen kann. Die Sicherheit hält ihn fest, er will alles unter Kontrolle halten. Und ganz sicher will er nicht in das hineingehen, was ihm Angst macht. Aber gerade dort ist der Weg. Gerade dort hindurch muss er gehen.
Und dort, wo er ein Leben lang dachte, sei der Strudel, das Loch, in das er sicher nie mehr hineinfallen wollte – das war sein Lebensplan – dort zeigt sich ihm jetzt die Mitte. Und später, wenn er im Leben wieder einmal dahin gelangen sollte, ist dieser Ort nicht mehr umstellt mit feurigen Flammen und eisigen Kanälen. Jetzt ist eine Tür da, wo nie vorher eine Tür war. Jetzt kann er hindurchgehen. Und sie öffnet sich in einen Garten.
Und er kann eintreten in den Garten, in die Stille, und er erlebt sich im Einklang. Wo das «Loch» war seiner frühesten kindlichen Verletzungen, ist jetzt eine Mitte, in der er sich einfinden kann. Wo Verhaltensweisen sein Leben bestimmten, das andere nur als pathologisch einstufen konnten, eröffnet sich neue Freiheit. Er hat, was seine Psyche als Verletzung empfing, umgewandelt. Etwas ihn ihm hat geholfen, als ob die Psyche eine Selbstheilungskraft hätte. Er hat es kultiviert, was anfangs naturwüchsig in ihm ablief. Er hat zur Religion gefunden, zum Glauben.
Der Urknall des Glaubens
Ich frage damals nach einem „neuen Erzählen“ und finde die Voraussetzung für ein kraftvolles Erzählen, das den Hörenden gefangen nimmt (mit der Kraft jener Bannworte, von denen die Märchen erzählen, mit der Unausweichlichkeit traumatischer Bilder, die den Betreffenden immer und immer wieder dieselben Gänge abschreiten lassen) in einem Zusammenstimmen, wo die erzählten Inhalte in den Intuitionen des Menschen, die dieser notwendig hat, eine Resonanz erzeugen.
Die äussere Suche, die vom Intellekt vorangetrieben wird, aber vielleicht noch mehr von den Ahnungen, die in Träumen aufscheinen, wird so auch als innere Suche verständlich – als ob das Innere und seine Instanzen selber auf der Suche wären. So empfand ich es damals nicht nur als eine intellektuelle Suche auf dem Weg meines Glaubenslebens, sondern als einen „Suchweg der Seele“, der sich in all dem abzeichnet.
Was aber ist dann diese „Seele“? Durch die Lektüre von Stanislav Grof angeregt, befasse ich mich etwas genauer mit jenen Schulen der Psychologie und Psychotherapie, die nicht dem naturwissenschaftlichen und behavioristischen Modell folgen, sondern dem geisteswissenschaftlichen Zweig. Sie sichten (durchaus im Geist der Aufklärung, „um die dunklen Ahnungen der Religion in klares Wissen aufzuheben“) die religiösen und mythologischen Traditionen und ziehen hervor, was für sie nützlich ist. Hier wird Religion versuchsweise in Wissenschaft aufgehoben; es gibt aber auch Schulen, die diese als eigenständigen Ausdruck der Kultur stehen lassen. Es gibt sogar Richtungen, die sich über eine Spekulation über das Ganze und Eine in eine neue Mystik und Metaphysik verwandeln.
Eine neue Mythologie und Metaphysik halte auch ich damals für nötig, aber nicht in spekulativer Absicht. Ich gehe aus vom schieren Leben-Müssen und der Frage nach dem Leben-Können. Es ist ein Denken aus der Lebens-Praxis. Aber da es sich vom wissenschaftlich kodierten Denken abgewertet sieht, nimmt es eine notrechtliche Legitimation in Anspruch. Ich muss «in diesem Augenblick» eine Antwort haben, ich kann nicht warten, bis irgendeine universitäre Instanz eine Antwort gibt und bis zu mir transportiert. Ich muss «jetzt» den Halt finden, wo die Lebensfrage an mich kommt.
Der Inbegriff dieses notrechtlichen Denkens aus dem Handlungszwang des Alltags ist das Gebet. Hier fasse ich alle Wirklichkeit in einem „Du“ zusammen, vor das ich hintreten kann. Ich unterstelle, dass es hört und Antwort gibt, dass all meine Intuitionen hier aufgenommen werden. Und alles, was mir in der Welt draussen als Situation für mein Leben und Handeln begegnen mag, es wird zusammengefasst in eine „Welt“ von Bedeutungen.
Im Gebet kommen die drei Grössen zusammen, die von alters her die Themen der speziellen Metaphysik darstellen: „Gott“, „Welt“, „Seele“. Darum nenne ich das Gebet etwas flapsig den „Urknall des Glaubens“. Das neuzeitliche Metaphysik-Verbot ist situativ aufgehoben. Hier muss einfach von „allem“ die Rede sein – und wie das „Ich“ seinen Platz darin findet.
Wenn ich dieser Spur folgen will, muss ich nicht nur über Gott und die Welt nachdenken, auch die Seele gerät wieder ins Visier, nachdem diese von der Philosophie genauso „verabschiedet“ worden war wie der Gottesbegriff.
Aus Notizen 2003
Die Erlaubnis zum Glauben
Eine biographische Notiz
Wenn ich mich zu erinnern versuche, wodurch mein Jünglings-Glaube zugrunde ging, dann war es zum einen die Lektüre von Nietzsches Zarathustra. (Das war damals „das“ Buch, das unter meinen grossen Brüdern und ihren Kollegen zirkulierte. Geblieben ist mir das Diktum, der Geist der Wahrhaftigkeit, der sich historisch dem Christentum verdanke, richte sich nun gegen dieses selbst, so dass das Christentum jetzt an sich selbst zugrunde gehe.) Zum andern war es Schopenhauers Wort vom „metaphysischen Bedürfnis“.
Verabschiedung …
Gott und Glauben wurden hier „entlarvt“ als etwas, das einem menschlichen Bedürfnis gehorcht. Da ging es nicht um Wahrheit, Recht und Schönheit. Es war ein Bedürfnis des Menschen, sich einen Gott in den Himmel zu hängen, um an ihn glauben zu können, so übersetzte ich mir das. Und ich verabschiedete den Glauben. Ich tat es mit Bedauern und, weil es so wehtat, auch mit einem gewissen „heroischen“ Bewusstsein: „nichts als die Wahrheit“ sollte mich verpflichten auf meinem Weg. Ich konnte dafür auch Opfer bringen. (Es war wie der Ritterschlag meines Erwachsen-Werdens). Aber ich empfand den Verlust. Ich fühlte mich wie hinausgeworfen aus einer reichen Welt.
… und Rückkehr
Wenzel spricht in seinem Buch über die Gegenwartsphilosophie von der „Rückkehr“ der Metaphysik und fragt, ob es überhaupt ein pauschale „Abkehr“ von der Metaphysik gegeben habe.
Er setzt das metaphysische Bedürfnis in den Plural, da die Geschichte der Philosophie sehr viele unterschiedliche Auffassungen darüber hervorgebracht hat. Dass die Metaphysik-Kritik später v.a. unter diesem Titel des „Bedürfnisses“ firmierte, hat zu tun mit der „Anthropologischen Wende“ und hier steht Schopenhauer wirklich am Anfang: Konfrontiert mit Tod und Leid werde der Mensch zum „animal metaphysicum“.
Später wurde seine Kritik aber auch positiv gewendet. Auf der Basis einer Anthropologie liessen sich wieder Gewissheiten begründen. So ging es ja auch mir mit meinem Glauben. Ich berief mich auf einen „Notstand“: Ich kann nicht auf Philosophie und Wissenschaft warten (und darauf, bis ich selber einen Diskussionsstand erreicht habe, um „legitimerweise“ mitreden zu können), ich muss jetzt leben, ich muss mich jetzt orientieren und entscheiden, immer wieder «jetzt» in all den Situationen meines Lebens! So rechtfertigte ich mein Selber-Denken.
Erlaubnis
So kam ich zu den „denk- und lebensnotwendigen Intuitionen“. Das war für mich keine „Metaphysik“, ich dachte gar nicht in diesen Kategorien. Es war aber doch etwas, an dem ich mich festhalten konnte, nachdem alles andere sich verflüchtigt hatte. Nicht den Inhalt des Glaubens, nicht die Tatsache des Glaubens konnte ich so begründen. Als ich auf diese Intuitionen stiess, halfen sie mir aber, den Glauben als berechtigt zu erfahren.
Offenbar gehören diese Intuitionen zum Mensch-Sein und zum Lebens-Vollzug. Ohne Intuition eines Gelingens gibt es keine Motivation und kein Anfangen. Ich kann den Mund nicht zu einem Satz aufmachen, wenn nicht schon das Ganze der Mitteilung vor mir steht. Und ohne Intuition einer Gerechtigkeit, die auch mir ein Lebensrecht gibt, kann ich meine psychische Gesundheit nicht behaupten. Ich kann nicht mal heranwachsen, ein „Subjekt“ werden und ein lebensfähiges Glied der Gemeinschaft.
Dass diese Intuitionen für mein Empfinden „denk- und lebensnotwendig“ sind, hat mir nicht die Inhalte des Glaubens gegeben, es hat mir aber erleichtert, den Weg des Glaubens zu gehen, weil ich der ständigen Anfrage des Skeptikers Antwort geben konnte. So wurde dieser Weg ein „berechtigter“ Weg, auch vor dem Richterstuhl der Vernunft. Und vor der Krittelei der eigenen Wahrhaftigkeit.
Diese Intuitionen habe ich nicht am Schreibtisch entworfen. Diese haben sich im Laufe von vielen Jahren Seelsorgearbeit mit Menschen herausgestellt. Und sie gewinnen ihre Schärfe und Klarheit „unter dem Kreuz“: kontrafaktisch. Wir glauben nicht an Gerechtigkeit, weil wir diese in der Geschichte vorfinden. Dass es Gerechtigkeit gibt und geben muss, wird uns nirgends klarer als dort, wo diese fehlt. Es ist ein Wissen vor aller Erfahrung. Dieser Zusammenhang, den Kant herausgestellt hat, ist zuverlässiger als die Berufung auf ein anthropologisches Bedürfnis.
Das «Bedürfnis» als Verteidigung?
Der anthropologische Ansatz erklärt das „metaphysische Bedürfnis“ zu einer „condition humaine“. Demnach gilt Metaphysik als „unüberwindlich“. Dieser Ansatz ist nach Wenzel nicht aus der Polemik gegen Religion, sondern zu ihrer Verteidigung entstanden und stelle ihre letzte Verteidigungslinie dar. Wer Metaphysik zu ihrer Verteidigung an ein Bedürfnis knüpfe, leiste aber ihrer Relativierung Vorschub. Darin liege die Ambivalenz der anthropologischen Verteidigung.
Was folgt aus diesen Erwägungen? Metaphysik ja oder nein? Die philosophische Frage bleibt unentschieden. Für mich ist wichtig: Metaphysik entscheidet weder über Ursprung noch Inhalt von Glauben. Hier wird nur die philosophische Einkleidung verhandelt. Dennoch erfuhr auch der Glaube damals eine Infragestellung. Der Glaube als Vertrauenshaltung wurde in dieser Zeit in eine tiefe Krise gestürzt.
Die Infragestellung aller Gewissheiten
Damals (2012) wurde es zweifelhaft, ob sich der Klimawandel noch aufhalten lasse und Experten sagten, die Menschheit ginge auf bisher unbekannte Erfahrungen zu. Ich zitiere aus dem Tagebuch: «Die Fragen sind heute derart gross, dass man nicht mit Argumenten dagegen aufkommen kann. Wir müssen das Vertrauen abrufen, das da ist, und bei den Quellen des Vertrauens ansetzen.
Hier zeigt sich die Not, die den Glauben infrage stellt (es sind nicht die Gründe der Philosophen, sondern die Infragestellungen des praktischen Lebens). So wird deutlich, aus welchen Quellen der Glaube lebt und wo er sich erneuern und vergewissern kann. Daran können wir anknüpfen: Erlösung nicht beweisen wollen, aber Hoffnung abrufen, Vertrauen, Liebe. Das ruht schon in uns: dass wir nicht verloren gehen. Notfalls glauben wir es gegen alle Erfahrung: „kontrafaktisch“, wie die Verfolgten glauben, wie am Karfreitag.»
Aus Die Erlaubnis. Die Aufhebung der Religion und ihre Wiederkehr
Himmel und Erde
Persönliches Nachwort
Ich trage alte Zeitungen hinaus. Die Krankheit ist vorbei. Bei jeder Treppenstufe sage ich «Danke!» «Was ist Metaphysik?» So überlege ich auf dem Weg. (Ich stelle einige Texte zusammen für meinen Blog.) Metaphysik ist, so empfinde ich jetzt, dass ich bei jedem Tritt «Danke!» sagen kann. «Danke, dass ich lebendig bin!»
«Metaphysik» hat mit einfachen Dingen zu tun. «Himmel» ist so ein Wort, ein Kind begreift es, für einen Erwachsenen ist es wohl zu schwer. Das kleine Mädchen sagt: «Grosi ist im Himmel», als es gestorben ist. «Vom Himmel hoch, da komm ich her. Ich bring euch gute neue Mär» – so dichtete Luther sein Weihnachtslied. Die gute «Mär» – die Botschaft der Engel von der Erlösung – ist im säkularen Umfeld zu einem «Märchen» geworden – ohne Wahrheitsanspruch, ohne religiöse Aussage. Ohne Metaphysik wird der Himmel leer, ein physischer Raum, eine Echokammer für Projektionen.
Mit Metaphysik ist der Himmel der Trost der Kinder und der alten Leute. Erwachsene halten die Kälte des Weltalls aus, aus dem alle guten Geister ausgezogen sind, mit denen die Menschen es seit je bevölkert haben, und nicht nur Geister. Auch Dinge, die ihnen wichtig waren, haben sie in den Himmel gehängt: Gerechtigkeit, Wahrheit, Schönheit.
Die alten Metaphysiker haben Worte «hypostasiert», sagen Kritiker, als ob es Wesenheiten wären. Die Neuen haben alles zu «blossen Worten» gemacht, sagen die Alten. So ist die Welt zu einem Gerede geworden, und nichts gilt mehr. Jeder ist sich selber zur Richtschnur geworden. «Als Recht gilt, was sich durchsetzt.» Die einen möchten das, was ihnen teuer ist, in ewigen Wesenheiten verankern. Die andern möchten die Dinge verändern. Es kann nicht flüssig genug sein, damit es dem Willen gehorcht.
Nicht alles fügt sich dem Willen, manchmal öffnet sich ein tiefer Riss zwischen dem, was ist und dem was sein soll. Metaphysik hat Bilder für die Versöhnung der Gegensätze. «Das Jüngste Gericht» ist ein frommer Wunsch, dass Tun und Ergehen zusammenstimmen mögen, damit Anfänge ein Ziel finden und Zerbrochenes Heilung. Und Gott ist ein Garant, damit Sein und Sollen letztlich zusammenstimmen und Mensch und Welt nicht zerrieben werden in der gleichgültigen Leere des Weltalls.
Metaphysik ist der Trost der Kinder und der Alten. Sie ist angesiedelt zwischen Spiel und Ernst. Der Priester in der katholischen Messe erzählt im Gebet von Maria, von den Aposteln und den Verstorbenen. Man sieht sie in der Phantasie alle sitzen an langen Tischen in einem Garten. Und es ist schön, sich im Spiel gemeinsam auszumalen, wie es da zugehen mag in diesem Garten und wen man da alles treffen würde.
Handkehrum ist es Ernst, es lebt in der einsamen Fürbitte für Verstorbene. Die Fürbitte ist der Ort, wo es immer neu entsteht. Die Gewissheit, aus der sie schöpft, ist die Gewissheit der Liebe, die wir für andere empfinden und mit der wir unterstellen, dass auch wir dem Weltall nicht gleichgültig seien. «Da muss einfach eine Stimme sein, eine Hand, ein Gesicht…!» Die Messe erwähnt die Gemeinschaft mit der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria. Die Gewissheit ist geschöpft aus der Gewissheit des Lebens, wo es nicht ganz und gar beschädigt ist, aus der Gewissheit, mit der ein Kind sich zu seiner Mutter wendet. Da erfährt es Geborgenheit. Und wo es ganz und gar beschädigt ist, erhebt sie sich kontrafaktisch, denn «da muss ganz einfach so etwas sein», was trägt und liebt und führt und begleitet.
So lebt Metaphysik aus dem Ernst der Fürbitte, die selbst Verstorbene nicht für verloren hält und glaubt und vertraut, dass das Gebet zu Gott sie noch erreichen kann. Sie liebt es aber auch, zu spielen. Ist das nicht ein heiterer Gedanke, dass nichts und niemand verloren sei, wenn es sich Gott anvertraue? So malt man sich die Welt in jenem Garten aus und weiss, dass das Bilder sind. Das ist keine «Metaphysik», die einen theoretischen Wahrheitsanspruch stellt. Aber das Vertrauen, die Liebe, das Gedenken, damit ist es Ernst. Damit legt man seine Lieben Gott ans Herz. Es ist das Innerste und Kostbarste eines Lebens.
Zitate aus:
- Theodor W. Adorno, Metaphysik, Begriff und Probleme, Ffm 1998. (Vorlesungs-Nachschrift aus dem Jahr 1965, die aus dem Nachlass publiziert wurde)
- Jürgen Habermas, Glauben und Wissen, Dankesrede zum Friedenspreis des deutschen Buchhandels, 2001
- Uwe Justus Wenzel (Hg), Vom ersten und Letzten, Positionen der Metaphysik in der Gegenwarts-Philosophie, Ffm 1998
- «Das neue Bedürfnis nach Metaphysik.» Reader zu einer Tagung der Humboldt-Stiftung, herausgegeben von Markus Gabriel, Wolfram Hogrebe, Andreas Speer. 2015 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston 2015.
- Stanislav Grof, Das Abenteuer der Selbstentdeckung, Reinbeck 1994
- Gebet für Verstorbene im Eucharistischen Hochgebet der Katholischen Kirche: «Gedenke unserer Brüder und Schwestern, die entschlafen sind in der Hoffnung, dass sie auferstehen. Nimm sie und alle, die in deiner Gnade aus dieser Welt geschieden sind, in dein Reich auf, wo sie dich schauen von Angesicht zu Angesicht.
Vater, erbarme dich über uns alle, damit uns das ewige Leben zuteil wird in der Gemeinschaft mit der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria, mit deinen Aposteln und mit allen, die bei dir Gnade gefunden haben von Anbeginn der Welt, dass wir dich loben und preisen durch deinen Sohn Jesus Christus.» (Aus: Interzessionen, Wikipedia)
Zur Person
Peter Winiger, Konditor, Abitur im Fernkurs, breites Interessestudium, Abschluss in Schweizer-Geschichte, Sozialökonomie und Staatsrecht, Journalist, Ausland-Redaktor, «Bundeshaus-Redaktor» (zur Politik in der Bundeshauptstadt), Zweitstudium in Theologie, 20 Jahre Pfarrer in der Reformierten Zürcher Landeskirche. Blog www.vongotterzaehlen.ch.









