Der Weg – Sieben Texte aus 30 Jahren
Ein Weg beginnt
So beginnt etwas, so geschieht das Zum-Glauben-Kommen oft. Da war etwas, was nicht weiterführte, eine Krise, ein Stück Weg, das man nicht gestalten konnte, weil die Logik des bisherigen Lebens da nicht durchführen konnte. Und wenn es vorbei ist, ist da eine neue Grundlage, eine neue Logik hat sich etabliert. Es ist wie eine neue Geburt, ein neuer Anfang. Und es ist der Anfang eines gemeinsamen Weges. Das Ich hat das Du gefunden. Es beginnt ein inneres Gespräch, ein Leben im Gebet.
Jesus Christus ist nicht nur bekannt aus dieser inneren Stimme. Wir kennen ihn auch durch das Zeugnis der Generationen, die vor uns lebten. Das ist auch in die Bibel eingegangen. Das korrigiert die Einseitigkeit der persönlichen Erfahrung. Die Bibel erzählt von ihm, wie er unter uns lebte. Er ging durch Städte und Dörfer, durch Wüsten und blühende Landschaften. Und die Menschen kamen, brachten ihm ihrer Kranken, dass er sie heile.
So ist er heute auch unter uns. So geht er auch bei uns durch das, was uns Wüste ist und blühende Landschaft. Und wie beim Blinden am Weg nach Jericho beugt er sich auch zu uns herab, wenn wir ihn rufen. Und er fragt: Was willst du, dass ich dir tue? Dass ich wieder sehen kann, sagt der Blinde. Und Er fragt: Glaubst Du, dass ich das tun kann? Und der Blinde sagt: Ja, Herr, ich glaube.
Er ist innere Wirklichkeit, in dogmatischer Sprache: Er ist gegenwärtig im heiligen Geist. Im Glaubensleben finden wir einen inneren Zugang zur Mitte der Welt.
So beginnt ein Glaubens-Vertrauen, man geht mit ihm einen Weg. Jeden Tag beginnt man in diesem Vertrauen. Das gibt einem eine Haltung, wie man auf den Tag und auf alles zugehen kann. Und wenn wir uns wirklich auf dieses Vertrauen abstützen im Leben, wenn wir nicht in die alte Logik zurückfallen, dann entfaltet sich das Leben nach einer neuen Logik. Es beginnt ein Weg.
Das Leben als Weg zu erfahren, das gehört zum Glauben. Mit dieser Art der Annährung ordnet sich alles, was uns begegnet, entlang eines Weges. Und wir können ihn abschreiten. Gewisse Dinge werden uns begegnen, grosse Fragen, die Herausforderungen unseres Lebens. Wir finden aber jemanden an unserer Seite. Und wenn es stürmisch und dunkel wird, dann wissen wir, dass uns aus der Mitte des Dunkels Er begegnet: der von Gott her kommt. Er hat den Weg eröffnet, hat ihn freigemacht bis ins Ziel.
„Jesus Christus“ ist der Name, den wir dafür kennen. Aber wir lernen ihn nicht nur von aussen kennen, wir kennen ihn dunkel schon aus uns selber. Es ist etwas in uns, das mitschwingt in einem Erkennen, wie zwei Menschen es erfahren, wenn sie sich kennen und lieben lernen. Den Weg mit ihm zu gehen – ja, das hat etwas vom gemeinsamen Lebensweg, den Verliebte gehen, wenn sie beschliessen, dass sie in Zukunft gemeinsam weitergehen wollen.
Auf dem Weg lernt man sich noch ganz anders kennen. Darum lernt man nicht viel, wenn man von der Kirche oder von der Bibel her etwas über Jesus Christus hört und das immer nur aussen bleibt. Erst, wer sich auf den Weg macht, wer wirklich riskiert, sein Leben auf diese Grundlage abzustellen, der macht Erfahrungen mit ihm. Und er erfährt: Glaube ist nichts Passives, es ist etwas „Interaktives“. Es reagiert auf das, was wir tun. Es gibt Begegnung auf diesem Weg, Erfahrung.
Es ist wie bei einer Wanderung. Auf der Route gibt es vieles, was man am Ausgangspunkt nicht sieht. Man muss den Weg machen, um es zu sehen. Und nur wer den Weg macht, kommt ans Ziel. Da kann ich noch so gute Karten und Kompasse haben, sie geben nur ein schwaches Bild vom Ziel. Wer hinkommen will, muss sich auf den Weg machen. Wer Christus erfahren will, muss sich im Vertrauen auf Ihn auf den Weg machen.
Aus Notizen 2010
Inhaltsverzeichnis
Eine Sprache für Auferstehung. 5
Suchweg der Seele
Begonnen hat es Mitte 30, als das religiöse Interesse bei mir wiedererwachte. Es war ein «Suchweg der Seele». Dieses Wort hat sich mir eines Tages aufgedrängt, denn hier schien etwas vorgeprägt, ich stiess immer wieder darauf, wenn ich mich vorwärtstastete. Es gibt innere Wege, die in der Dunkelheit liegen, die aber aufleuchten können wie Gold und an verheissungsvolle Orte führen.
Das begriff ich bei der Lektüre von „Akira“ von Katsuhiro Otomo. Damals notierte ich: «Das ist eine Grundtatsache im subjektiven Erleben der Menschen, dass sie vom „Alten“ immer wieder eingeholt werden, dass das Leben immer wieder in dieselbe Kerbe schlägt. Ihr Leben steht wie unter einem Bann. Und diese Traumatisierung greift jetzt bereits auf die zweite Generation über: auf Jugendliche, die nicht erhalten, was sie brauchen, die bis in die Mimik hinein zeigen, dass sie „kaputt“ sind, die sich mit Jungend-Gangs Umgang und Sicherheit organisieren und mit Tablettenschlucken „Speed“ oder Benebelung „einwerfen“.
Das schwarze Loch
Die Bombe hat auch im Erleben der Menschen einen ungeheuren Krater geschlagen, so wie er im Eröffnungs-Bild zu sehen ist, als die Jugendlichen ausbrechen, in die alte Stadt fahren (in unbewusster Suche nach der Ursache ihrer Misere) und plötzlich vor diesem ungeheuren schwarzen Loch stehen.
Eine solche Art des Erzählens, das beim Donnerschlag ansetzt, bei den Grunddaten des Daseins und Erlebens, eine solche Art des Erzählens, das den Suchweg der Psyche nachzeichnet, die ihre Labyrinth-Wege verstehen will, die sich versichern will, woher sie kommt und wo sie gehalten ist, die spüren will, dass sie auf einem grossen Weg geht, der durch alles hindurch führt, eine solche Erzählung kannte seinerzeit auch die Bibel.
Es ist ein Modell, wie man wieder erzählen kann. Erst muss man die Katastrophe wahrnehmen, das Trauma erzählen. Dann ereignet sich der Neubeginn. Nicht aus unserer Kraft.
Erlebnisse im Dunkelraum
Vergleiche nur mal das Erlebnis, mit Kindern durch einen Dunkelraum zu gehen. Das ist heute verniedlicht zu einem Erlebnispfad in Freizeit-Anlagen. Ursprünglich ist das Dunkel (wie der Wald im Märchen) die Folie, vor der die Kräfte aus dem eigenen Innern sich bemerkbar machen.
Im Dunkeln orientiert sich die Psyche wie im Traum. Sie setzt Wegmarken. Sie entfaltet das einmalige, grosse Abenteuer des Menschseins, ja der Menschheit auf ihrem grossen Weg. Sie weiss nicht, woher sie kommt, sie weiss nicht wohin sie geht. Sie hat nichts als Ahnungen. Sie hat nichts als die Furcht, die sich immer wieder in Katastrophen-Ängsten konkretisiert, dass ihr Weg im Dunkeln endet.
Sie hat nichts als die Hoffnung, die sie immer wieder in Herkunfts-Erzählungen vergewissert, dass sie aus einem anderen Ursprung entstanden ist, einem Ursprung, der die eigene Kraft übersteigt. Sie hofft in diesen Herkunfts-Erzählungen, dass ihr Weg einem anderen Willen folgt, so dass sie sich dort gehalten weiss – über alle Schwäche menschlicher Kraft hinaus, über all die Böswilligkeit und Unfähigkeit des Menschen hinaus, die immer nur Zerstörung zu bewirken scheinen.
Zur Wahrnehmung der äusseren Realität, wie es Katsuhiro Otomo eindrücklich zeigt, gehört die Wahrnehmung der inneren Welt. Das Erzählen gewinnt seine Gewalt erst zurück, wenn die Mechanismen der inneren Welt, ihre Bilder und Mythen, aufgenommen werden.»
Aus Notizen 2003
Blaubart
Irgendwann geht der Weg bis ins Innerste. Dort wird auch das Äussere verständlich. Die Rätsel klären sich. Erst im Innersten kehrt die Bewegung um. Wenn ich das Innerste aufgesucht habe, bin ich fähig und bereit, mich nach aussen umzuwenden. Sonst sitzt es mir als Angst im Nacken. Im Innersten aber, wo die Angst am dichtesten scheint, kehrt Ruhe ein. Im Innersten klären sich auch die Rätsel der Familien-Geschichte.
Ich war gestern bei meiner ersten Frau. Mit dabei waren ihr Mann und ihre Schwestern, meine Ex-Schwägerinnen, und ihre Männer. Ausserdem ein befreundetes Ehepaar aus dem Chor. Meine jetzige Frau begleitete mich.
Zauberhaft
Das „Zaubertrückli“ ist aufgemacht – eine andere Wirklichkeit. Da ist die Schatzkammer – und das Blaubart-Zimmer der Familiengeschichte. Hier werden Schicksale geprägt und Lebensläufe entschieden. Die Begegnungen hier haben Zauberkraft. Es ist Eintritt in einen anderen Raum, ich spüre es sofort. Es hat nichts zu tun mit der Welt draussen. Diese erscheint als unerheblich, von weniger dichter Seinskraft. Ich streife sie ab wie eine lästige Erinnerung. Hier bin ich am Eigentlichen… Es ist wie Erlösung, Heimkommen (oder wie Erstarren und Verdammt-Sein).
Friede
Es war eine Begegnung mit meiner „ersten Frau“. Noch nie haben wir uns bisher gesagt, dass die Verletzung vorüber ist. Es war wie Auftanken, an die Sonne kommen. Mit dem Eintritt ins „Trückli“ bin ich durch eine Tür gegangen. Hier wird ein anderes Spiel gespielt. Es ist „New Deal“, mit anderen Karten. Und die Zwänge der alten Existenz gelten nicht mehr – in dem Moment, wo ich die Karten aufnehme.
Was war das?
War ich im Zauber-Trückli, im Spiegel-Kabinett? Waren das gestern Begegnungen mit alten Gespenstern? Haben sie zu mir gesprochen? Habe ich Frieden gefunden für meine Seele? Bin ich frei geworden von meinen Ketten und (Selbst-) Verdammungs-Flüchen, die ich in meinen kindlichen Jähzorn-Anfällen einst so grosszügig ausgestossen habe?
Aus Notizen 2002
Die Mitte
Manchmal wird ein Geschick über Generationen weitergegeben. Aber das Leben ist kreativ, Kinder sind kreativ. Und auch ein Mensch allein arbeitet schon an seinem Leben. Und dort, wo das „Loch“ war, die Finsternis, wo alles Leben hineinzustürzen drohte, dort wird die „Mitte“ sichtbar. Es ist ein Ort, wo man nicht mehr verschlungen wird, sondern wo man gerne hingeht, wo man sich gehalten und geborgen fühlt, wo man gegenwärtig werden kann, das Ganze des Lebens ergreifen.
Und dieser geplagte Mensch – im Gebet kann er sich einem „Du“ gegenüberstellen, alles fasst er in diesem Du zusammen. Er kann alles übergeben und erhält alles zurück. Er sieht sein Leben jetzt mit anderen Augen. Mit den Augen Gottes: Das sind Augen der Liebe, nicht der Verfolgung, der Annahme, nicht der Verwerfung, der Würdigung, nicht der Verachtung.
Die Intuitionen haben ihm dabei geholfen. Jene Ahnungen, die nicht aus der Erfahrung abgezogen werden, sondern vor aller Erfahrung das Leben und Erfahren prägen: dass es so etwas wie Gehalten-Werden gibt, Erbarmen, dass es so etwas wie Gerechtigkeit gibt und die Würde der Person, dass Leben gelingen soll, nicht verstümmelt werden, dass ein Weg ankommen soll, nicht in der Wüste verlaufen.
Aus Notizen 2017
Im Welt-Innen-Raum
Samstag, freier Vormittag. Ich hatte gestern kaum noch Kraft, weiterzufahren. Auch die Welt ist im Chaos, überall bricht es auf: Finanzen, Wirtschaft, Angst um die Zukunft, sozialer Protest, neues Säbelrasseln zwischen Israel und Iran, „arabischer Frühling“. Und Fukushima ist noch immer nicht „unter Kontrolle“.
Letzten Sonntag habe ich Oma in Basel besucht. Ich finde den Weg zu ihrer Klinik. Es wird ein wundervoller Besuch. Vor der Tür noch Zögern. Nach der Schilderung meiner Frau liegt sie schon fast im Sterben. Ich vertraue mich an. Als Pfarrer bin ich schon mehrfach hineingegangen durch solch eine Tür: nackt und bloss, nur mit dem Vertrauen auf Christus und dem Gebet. Ich muss nur „da“ sein. Er ist da.
Wir begrüssen uns, unterhalten uns, Grüsse von zuhause. Sie sieht gut aus. Am Schluss ein gemeinsames Gebet. Es war eine Begegnung im Innern, durch die ich auch wieder ins Aussen komme.
Es ist, als ob eine Tür sich öffnet und wir eintreten in einen Welt-Innen-Raum. Es ist wie bei „Ali Baba“ und seinem „Sesam öffne dich!“ Und eine Wunderwelt tut sich auf.
„Ja, das gibt es, ich hatte es nur vergessen! Das ist auch eine Seite der Wirklichkeit!“
Draussen rennen sie herum, sie plagen sich und bringen sich um im Existenzkampf der Wirtschaft, in Krieg und Bürgerkrieg. Da ist Hunger und Härte und bleierne Zeit.
Aber hier ist Licht und Wärme und Menschlichkeit, ein Schatz von Gold und Perlen, heilige Zeit.
Hier ist Mitte.
Die Erinnerungen springen zurück, sie holen das Fernste herauf. Wie ein Abstieg in den Brunnen.
Die Hoffnungen dehnen sich aus. Sie holen das Grösste aus der Zukunft. Wie eine Leiter in den Himmel. Alles ist hier, alles ist jetzt. Unter den Augen Gottes.
Ruhe. Glück. Ankommen.
Aus Notizen 2011
Eine Sprache für Auferstehung
Wie umgehen mit den Erfahrungen von Zerstörung, Gewalt und Unrecht, die den Menschen traumatisieren und aus seiner gewohnten Bahn werfen? Diese Frage stellt sich nicht nur in unserer Zeit. Vor dieser Frage standen auch die antiken Hochkulturen, die Krieg und Krise in vielfacher Form erlebten. Darum ist die Bibel nicht nur ein religiöses Buch, sondern auch ein Archiv der Menschheit, wo Verhaltensweisen und Modelle des Leben-Könnens seit der Antike aufbewahrt sind.
Zuschauen wie die Bibel denkt
Das Alte Testament redet kaum von «Auferstehung», im Neuen Testament steht es im Zentrum. In zwischen-testamentlicher Zeit taucht es auf: in Apokalypsen, Weisheitsschriften, späten Psalmen. Das Thema begleitet das Werden der Bibel.
Man kann zusehen wie eine Religion denkt, wie viele Generationen ihre Erfahrungen vor Gott bringen. Und wir sehen, wie sie ihr Vertrauen zu Gott neu begreifen lernen.
So verändert sich auch ihre Auffassung von Wirklichkeit, immer mehr Erfahrungen werden vom Glauben durchdrungen. So finden sich schliesslich auch Antworten auf Erlebnisse, die uns schwer verstören, z.B. die Fragen:
- Wie ist es mit dem Unrecht, das auf der Erde keinen Richter findet?
- Wie ist es mit all den Toten der Kriege, die immer wieder die Erde verwüsten und Elend verbreiten?
- Wie ist es mit all den Armen und Benachteiligten – bleiben sie für immer auf der Verliererseite?
- Gibt es also kein Recht auf der Erde? Ist alles nur blindes Schicksal oder Zufall oder folgt die Welt einfach dem Recht des Stärkeren?
Auferstehung in der Bibel
In spät-alttestamentlicher Zeit taucht die Rede von der Auferstehung in der Bibel auf. Wenn Leidens-Erfahrungen versöhnt werden sollen, die durch menschliches und geschichtliches Wirken nicht vermittelt werden können, muss die Rede «mythologisch» werden.
Das ist nicht falsch, es ist kein «Märchen», keine fromme Erfindung. Man hält damit an beiden Pfeilern fest, ohne die das Leben nicht zu führen ist: die Anerkennung der Menschen, die uns vorausgingen und die wir würdigen für ihr Tun und Dasein, und die Anerkennung der Intuitionen, von denen Menschen leben: dass es Recht gibt und Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Vergebung, Vollendung und Ankommen auf einem Weg. Und dass diese Welt, die nicht von uns geschaffen wurde, Bestand hat, trotz uns Menschen.
Die Umkehr der Geschichte
Mit der Lehre der Auferstehung erhält das Verständnis der menschlichen Geschichte eine Umkehr-Funktion. Die Folter-Opfer der Militärherrschaft können nicht mehr aus dem Flugzeug ins Meer gekippt werden. Da ist eine Instanz die hört und sieht. Die Schwachen können nicht mehr unerkannt aus dem Weg geräumt werden. Da ist einer, der sie aus der Unterwelt herausruft und in die Mitte stellt. Die Geschichte hält ihren Lauf an, die Logik wird umgekehrt. Die letzten werden die ersten sein: weil Gott ein Gott der Gerechtigkeit ist. Weil die Schöpferkraft, die vor dem Menschen da war und seine Kraft übersteigt, immer wieder einen Neuen Anfang ermöglicht.
Aus Notizen 2012
Himmelfahrt
Im Mai feiern wir Auffahrt und Pfingsten. An Auffahrt geht der Weg Christi zu Ende. Er „kommt an“ an seinem Ziel. Er ist „im Himmel“. Dieses Bild brauchen auch Kinder, wenn sie von ihrem verstorbenen Grossvater sprechen. Und sie meinen: er ist aufgehoben über alles Begreifen hinaus. So ist auch Christus am Ziel.
Und doch ist er bei uns. Im Glauben ist er gegenwärtig. Im Gebet können wir von ihn kommen, er ist das „Du“, das uns stets begleitet. An Pfingsten sagt er: „Ich bin bei euch, alle Tage, bis ans Ende der Welt“.
Was hungrig war, wird gespeist
Das ganze Kirchenjahr hindurch haben wir Christus begleitet auf seinem Weg. An Auffahrt schauen wir ihm nach und sehen, wie sein Weg zu Ende geht. Es ist wie ein „Ankommen“. Was lange unterwegs war, kommt an ein Ziel. Was hungrig war, wird gespeist. Was durstig war, wird getränkt. Was verloren war, wird gesucht. Was krank war, wird geheilt. Wo Verletzung war, geschieht Recht. Wo Schuld war, kann sich Vergebung ereignen. Das Krumme wird gerade. Das Gebrochene wird ganz. Das Angefangene findet Vollendung. „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke.“
Der Weg Christi ist der Weg von uns allen. In seinem Leben ist das Leben von uns allen abgebildet. Es ist unsere Passion, die er leidet. Sein Ankommen ist eine Hoffnung und Freude für uns alle, für jeden einzelnen Menschen und für die Menschheit als Ganzes. Ihr Weg soll nicht im Dunkeln enden. Auch die Schöpfung ist gehalten und wird nicht verloren gehen.
Der Apostel Paulus schreibt: „Ihr kennt den Trost in Jesus Christus. Ihr habt den Zuspruch gehört, der aus der Liebe kommt. Ihr wisst, dass ihr nicht herausfallen könnt aus Gottes Erbarmen. Dann macht mich vollends glücklich und habt alle dieselbe Gesinnung, dieselbe Liebe und Eintracht! Verfolgt alle dasselbe Ziel! Handelt nicht aus Selbstsucht oder Eitelkeit! Seid bescheiden und achtet den Bruder oder die Schwester mehr als euch selbst. Denkt nicht an euren eigenen Vorteil, sondern an den der anderen, jeder und jede von euch!
Habt im Umgang miteinander stets vor Augen, was für einen Massstab Jesus Christus gesetzt hat:
Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäusserte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat Gott ihn über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der grösser ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr – zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (Philipper 2, 1-11)
Der Weg
Das ist der Weg Christi. Es ist ein Bild für die ganze Menschheit. Es gibt ein Ankommen nach dem Weg. Was unten durch ging, kommt zu Ehren. Was gelitten hat, wird getröstet. Was verletzt war, wird geheilt. Und der Weg kann einmünden in Versöhnung und Dankbarkeit. So können wir Frieden finden. So können wir Versöhnung suchen und erfahren – schon heute auf unserem täglichen Weg: mit unsern Nächsten, mit den Nachbarn und mit uns selbst.
Aus Notizen 2012
Anstelle eines Nachworts
Nachfolgen ist eine besondere Art des Gehens.
Wer Christus nachfolgt, der macht eigene Schritte,
er geht seinen Lebensweg und kommt dabei doch zu einem Ziel,
das er aus eigener Kraft nie erreichen könnte.
Denn Einer ist vorausgegangen.
Das Ziel unseres Lebens, das müssen wir nicht machen.
Das steht vor uns, wie der Berg am Horizont.
Mächtig steht er da, er verbindet Himmel und Erde.
Dort geht unser Weg.
Wer sich den Berg zum Ziel nimmt, der ist schon mit dem ersten Schritt in der Landschaft, die zu diesem Berg gehört:
Er lässt die Häuser und Strassen hinter sich, den Lärm.
Er tritt in die Stille ein, Vögel singen, Blumen blühen am Weg.
Wer Augen hat dafür, der sieht das Grosse auch im Kleinen.
Es ist nicht klein, es ist von derselben Art wie der Berg, der da vorne in den Himmel ragt.
Und vom Berg her kommt uns der Fluss entgegen.
Erst ist es nur eine Quelle, dann wird sie grösser.
Sie bringt das Wasser bis zu uns, die wir noch auf dem Weg sind.
So können wir jetzt schon unseren Durst stillen, an dieser Quelle,
auch wenn wir noch unterwegs sind.
Im Gebet, im Glauben, erfahren wir immer neue Kraft.
Wir können uns anschliessen an die Quelle.
So gehen wir unsern Weg.
Aus Notizen 2009
Bild: Die Izu Berge von Ando Hioshige









