Wenn die Basis wegbricht
Der Kirche wie dem Staat schwindet heute die soziale Basis, auf denen ihr Überbau aufruht. Was hier die Bindung an Demokratie ist, ist dort die Bindung an einen Gottesglauben. Das eine ist gefährdet von extremem Gedankengut, das andere von der Verflüchtigung des Gottesgedankens in der «Säkularisierung». Kollektive Bindungen können heute nicht mehr einfach eingefordert werden, es sind Leistungen von einzelnen. Das ermöglicht eine Mehrheit von Fall zu Fall. Gesetzgebung wird so schwieriger, das Glaubensleben droht analog, in tausend Splitter zu zerfallen und die Sichtbarkeit einer kollektiven Existenz zu verlieren. – Gedanken zum Reformationstag 2025.
Erinnerung an die Reformation
Die Reformation wird nicht nur erinnert in der Kirche, in einem Gottesdienst, sondern auch in der Geschichte. Es ist ein Wendepunkt, der die europäische und die Welt-Kultur verändert hat. Vielleicht hat sie die Kultur zuerst nur aufgeteilt in Gebiete mit verschiedener Konfession. Das findet sich heute noch, das ist heute noch eingewachsen in Gewohnheiten, Stimmungen und Denkweisen, die über das Kirchliche und Liturgische hinausgehen. Es betrifft also nicht nur die Messe und die Frage, ob man sich bekreuzigt, sondern einen ganzen kulturellen Habitus, der bei den Älteren jedenfalls noch zu finden ist. (Als meine Frau Unterschriften für eine kirchliche Volkinitiative sammelte, konnte sie von weitem schon erkennen, ob ein Passant, eine Passantin, reformiert oder katholisch war. Mit der Ansprache klärte und bestätigte es sich dann. Ja, damals vor 30 Jahren sah man den Menschen die konfessionelle Prägung noch von aussen an.)
Eine Anrufung, die Wirklichkeit eröffnet
Wenn ich an Reformation denke und was heute wichtig wäre, zu sagen, denke ich nicht zuerst an das Konfessionelle. Ich finde Gottesdienste, in die ich mich hineingeben kann, in beiden Kirchen, und ich finde andere, die mir widerstreben. Es ist die Frage, ob ich darin beten kann, ob sie mir eine Begegnung mit Gott ermöglichen. Das hängt heute weniger an der Konfession als am Grad der Säkularisierung, so scheint mir.
Es ist die Frage, ob eine Kirche – nein, ich muss gerechter sein und besser unterscheiden, denn es hängt an der Gemeinde und an den dort tätigen Personen. Es ist die Frage, ob die Personen überhaupt mit der Realität eines lebendigen Gottes rechnen, oder ob sie den überlieferten Glauben nur verwalten und eine sachliche Sprache dafür verwenden. Dann wird die aktuelle Glaubensbeziehung durch eine deskriptive, veräusserlichte Sicht ersetzt, Gott ist nicht eine Anrufung, die eine Wirklichkeit eröffnet, sondern eine Metapher, die einen literarischen Umgang mit der Tradition ermöglicht. Hier wird zitiert, nicht gebetet.
Gott definieren?
Ab und zu verfolge ich Diskussionen mit aktuellen Philosophen auf Internet. Dort ist es klar, dass diese einen distanzierten Umgang mit Gott und Glauben pflegen. Wenn die Philosophie etwas als Thema aufnimmt, dann ist es dadurch schon geprägt und eingeordnet als ein Gegenstand des Denkens, dem die Kategorien des Denkens vorgeordnet werden. So kann überhaupt nur Gegenstand des Denkens werden, was diesen Kategorien entspricht. Und wenn es von der Tradition her andere Kategorien erfordern würde, so wird das abgestreift, bis es in den Zugriff passt. Die Philosophie definiert den Gegenstand.
Damit emanzipiert die Philosophie sich von der Kirche, von ihrer Glaubenslehre, vom «Gott der Offenbarung», wie es manchmal heisst. Es hat zu tun mit einer Selbstermächtigung der Philosophie, der in der übermächtigen Theologie des Mittelalters nur die Rolle einer «ancilla theologiae» zukam. Damals war es das Glaubensdenken, das die Kategorien bestimmte und den Gegenstand zu umreissen suchte («definieren» kann man nicht sagen, die Theologie erdreistete sich wohl selten, Gott so zum Gegenstand zu machen, dass dieser vom denkenden Menschen definiert werden könnte).
Die Reformation heute feiern?
Reformationsfest, Reformation heute – wenn ich darüber nachdenken, fällt mir nicht das Konfessionelle der reformierten Kirchen ein. Es fällt mir auch nicht das spezifisch Theologische ein, was die Reformatoren damals entdeckt und hervorgehoben haben. Was mir einfällt ist eher das Geschick, das die Kirchen heute getroffen hat, was gewöhnlich mit «Säkularisierung» bezeichnet wird.
(Manchmal unterscheidet man noch die Säkularisation – die Enteignung von Liegenschaften und Grundstücken und die Ablösung von Herrschaftsrechten durch nicht-kirchliche Herrschaftsträger, die dadurch eine Landeshoheit aufbauen oder absichern konnten und einen Staat im modernen Sinn aufbauen. Man unterscheidet diese dinglichen Reformen und Enteignungen in Milliardenwerten von den geistigen Umwälzungen und bezeichnet mit Säkularisierung eine «Verweltlichung» nicht nur der Rechte und Eigentumsverhältnisse, sondern auch des Denkens und Glaubens.)
«Gott»
Hier will ich nicht verweilen. Entscheiden ist, wie Wirklichkeit gedacht, erlebt und inszeniert wird: ob es da so etwas wie einen Gott gibt oder ob Wirklichkeit in philosophischen und sozialwissenschaftlichen Begriffen abschliessend beschrieben sei. Gibt es etwas, was diese Kultur und ihre Wirklichkeitsbehauptung übersteigt und relativiert und unter Bedingungen setzt? Oder ist Religion, Glaube und alles, was zu dieser Tradition gehört, ein Phänomen innerhalb der Kultur, wie sie heute gepflegt und in Wissenschaften aufgefächert wird, je nach den Fragen, die man an die Kultur richtet?
Eine Frage, die den Fragenden infrage stellt
Es ist also, um es auf einen Punkt zu bringen, die Frage, ob «Gott», ob das, was damit angedeutet wird, gewagt wird, ob man sich für eine Begegnung aufmacht, ob man sich infrage stellt, ob man zittert und sich freut, weil hier etwas Absolutes sich ereignet, was erste Anfänge setzt und letzte Endpunkte, wo alles zu gewinnen und zu verlieren ist – oder ob es nur eine Erinnerung ist, dass es mal Leute gegeben habe, die damit etwas verbinden konnten, was heute aber keiner mehr versteht. (Aber das Erbe dieser Zeit, das muss nach dieser Sicht verwaltet werden. Immerhin stecken noch viele Milliardenwerte darin, man nehme nur die Gebäude an bester Lage, die Positionen im Gesundheits- und Erziehungswesen, wo die Kirche sich nicht in allen Ländern derart zurückgezogen hat wie in der Schweiz.)
Etwas Neues wird eröffnet
Das interessiert mich am heutigen Reformationstag: Ob Gott überhaupt noch begegnet wird, egal in welcher Kirche und fast in welcher Religion. Man kann sie nicht als Ganzes ansehen und die einen für gut, die andern für schlecht befinden, es hängt an den Personen, an den Menschen, die hier und heute an einem Ort tätig sind. So ist Christus – was ich als Christus empfinde – vielleicht auch in einer Moschee zu finden? Dort, wo ein Mensch «des andern Last» trägt? Aber ich will es nicht auf das Diakonische und Soziale begrenzen, wo die interkonfessionelle und interreligiöse Verständigung leichtfällt. Kann ein Mensch Christus auch finden, wenn er im Gewand einer anderen Religion betet, wenn er überhaupt nur betet und damit die Konservenwelt der heutigen Weltkultur aufsprengt und etwas sichtbar wird, zu dem er sich verhalten kann, dem er sich öffnen kann…, so dass in der engsten Enge der Welt die grösste Weite möglich wird.
Freiheit
Das erinnert mich an Rudolf Bultmann und an seine Schilderungen aus der Kriegsgefangenschaft, die sich wiederum inspirierten am biblischen Dialog auf dem Kreuz (Lukas 23, 32ff). Wohl sind die beiden neben Christus gekreuzigten Verbrecher gefangen wie Christus. Der eine flucht ihm, der andere öffnet sich ihm und erhält die Antwort: «Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein!» Es ist ein existenzieller Zugriff auf die Frage: In der sinnlichen Welt bleibt er gefangen, aber als Mensch, der sich zu sich selbst verhält, hat er Freiheit, wie er sich verstehen und entwerfen will. Und er fasst sich im Gegenüber dieses Grossen, Offenen, wo alles entsteht, wo die Welt vergeht und entsteht, und er hat Teil an Tod und Auferstehung.
Der Mensch im Gegenüber Gottes
So wird er im Glaubensakt ein Christ, egal, was er gewesen ist. Und es wertet es nicht ab. Alle Wege sind gut, wenn sie hierherführen. Es ist die Apotheose Gottes, seine Selbstoffenbarung, und es ist die Apotheose des Menschen, der erst jetzt in einem Bild erscheint, das ihm gerecht wird: als ein Wesen im Gegenüber des Allerhöchsten.
Er hat Teil an diesem kosmogonischen Ereignis, wo der Anfang beginnt, wo der Weg verläuft, wo die Mitte sich zeigt, wo die Vollendung erahnt wird. Und er hat Anteil daran, wie er Anteil hat an dem Gott, der sich zeigt und der seine Gemeinschaft anbietet. Mit ihm, in ihm, wird er, der er ist. Er kann, was er soll. Er nimmt Teil an jenem Einzug in die Stadt, wo Christus auf dem Esel vorausreitet und alle ihm folgen, die auf Gott vertrauen. Er ist Teil jener Wirklichkeit, von der es heisst, dass Gott sie angesehen hat, nachdem er sie vollendet hatte. Und er sagte: «Und siehe, es ist sehr gut!» (1. Mose 1,31)
Ist Konfession ein Kollektiv?
Mit meiner katholischen Frau habe ich den Gottesdienst oft bei den Katholiken besucht. Das brachte mir Gewinn, wo ich mit einigen Entwicklungen bei den Reformierten nicht zufrieden war. Hier fand ich das regelmässige Credo, die gebundene Liturgie überhaupt, die um Christus kreist, und die Bibel mit festen vorgeschriebenen Lesungen, schliesslich den Friedensgruss, der während der Covid-Epidemie verschwand, jetzt aber wieder zum Vorschein kommt. Wir besuchten aber auch reformierte Gottesdienste.
Dieses Wechseln zwischen den Konfessionen lebte früher von Traditionen, die die eine Konfession für uns besser als die andere bewahrt und kultiviert. Inzwischen hat sich der Unterschied zwischen den Konfessionen abgeflacht. Säkularisierung ist in beiden, mit all den Anpassungstendenzen. So hat sich die Frage personalisiert. Es hängt heute nicht mehr an den grossen Traditionen und Konfessionen, es hängt an den Personen, die in den einzelnen Gemeinden aktiv sind und einen Gottesdienst ausrichten.
Mehrheiten in Kirche und Staat
In dieser Situation stehen Kirchen bezüglich der Haltung zur Säkularisierung. Es erinnert an analoge Probleme in der Politik. In den parlamentarischen Demokratien bereitet es heute Mühe, stabile Regierungen zu bilden. Die Extreme links und rechts der Mitte sind so stark, dass ohne sie keine stabile Mehrheit zu bilden ist. Sie einbeziehen mag man aber auch nicht, da sie teils die Verfassung ablehnen. Das Jahr 1933 ist noch zu nahe, als Hitler über den legalen Weg von Wahlen in die Position kam, die Verfassung aufzuheben. Das will man heute verhindern, indem man «Brandmauern» gegen linke und rechte Parteien errichtet.
Diese Politik scheint immer weniger praktikabel. Was heute diskutiert wird, ist, nicht mehr, die Parteien insgesamt gegeneinander abzuwägen, sondern die einzelnen Personen in den Parteien anzusehen, ob mit ihnen eine Kooperation möglich ist. Die Bruchlinie verläuft also nicht mehr nur zwischen den Parteien, so sind keine Mehrheiten zu finden. Sie verläuft quer zu den Parteien nach den Haltungen, die die einzelnen Personen bisher an den Tag legten und ob sie damit Gewähr geben, dass mit ihnen eine konstruktive Politik im Rahmen der Verfassung möglich sei.
Personalisierung
Die Situation der Kirche scheint analog. In beiden Fällen geht es darum, wie mit schwindenden Mehrheiten eine Kultur gelebt werden kann, deren soziale Basis kleiner wird und droht, unter ein Minimum zu fallen. Was hier die demokratische Verfassung ist, ist dort das «Gottes-Gerücht». Die Säkularisierten machen heute die Mehrheit aus. Für die Sache des Glaubens findet sich keine Mehrheit mehr. Aber eine auf Erfahrung beruhende Anfrage scheint möglich.
Man schaut nicht auf das Parteietikett, sondern auf die Haltung der einzelnen Personen, die einen Gottesdienst gestalten bzw. ein Amt ausüben. So sind in der Politik für einzelne Vorhaben Mehrheiten zu finden. So sind für einen Gottesdienst, der sich nicht in säkularisierten Ersatz-Feiern erschöpft, Menschen und Orte zu finden.
Foto von Raoul Turmond, Pexels
Der Satz «Einer trage des andern Last», findet ich im Galaterbrief 6,2: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“









