Auf dem Grab

Ein solches Fest auf den Gräbern wie in Mexico haben wir nicht, einen solchen Anlass, der eine ganze Stadt auf die Beine bringt. Aber an Allerheiligen und Allerseelen anfangs November, wenn die Katholische Kirche der Verstorbenen gedenkt, gibt es auch in der Schweiz Anlässe. Und viele Menschen, die nicht mehr kirchlich eingebunden sind, teilen doch die Tradition noch und besuchen ihre Angehörigen auf dem Grab.

Beim ersten Todesfall war ich über 30
Es gibt aber auch viele, die kein Verhältnis haben zu Tod und Begräbnis. Das verwundert nicht, denn das kennt man nicht einfach von Kindheit an, so dass sich die Bräuche einprägen würden. Viele Menschen erleben den ersten Todesfall in ihrer Familie, wenn sie schon gross oder im Erwachsenenalter schon fortgeschritten sind. Und es ist für sie zuerst ein Lernweg. Was sind das für Gefühle, die da auftauchen? Wie begegnet man ihnen? Wie kommt man damit klar, wenn man eingezwängt ist in Termine und Verpflichtungen, für die man sich fit und klar halten soll? Man hat die Zeit schlicht nicht, um etwas nachzuhängen, um es mit der Seele zu ertasten, was denn da auf einen zukomme und was die Vergangenheit verlangt, die sich plötzlich auf neue Art bemerkbar macht.

Unvorbereitet
Der Tod der Eltern erreicht einen oft unvorbereitet, auch wenn sie schon lange das Alter dazu hätten. So etwas war einfach undenkbar. Und es ist auch jetzt kaum zu begreifen, man scheint nicht ganz bei sich, wenn man das Prozedere abschreitet, das da auftaucht wie aus dem Nichts. Ein älterer Familienangehöriger hat es vielleicht geregelt, der schon näher an diesen Fragen ist, Hat sich mit Pfarrer und Ämtern beschäftigt und sich um die Todesanzeigen gekümmert.

Wenn ein Grab besteht, kann man es auch besuchen. Dazu wird man in unseren Breitengraden kaum einen kollektiven Anlass benutzen, zumal es bei Reformierten keinen Allerseelentag gibt. (So «aufgeklärt», wie man als junger Erwachsener ist, glaubt man auch an Seelen nicht und dass da irgendwas dran sein soll, was eine Kultur über den Tod hinaus erfordert.) Ich erinnere mich gut an einen Besuch auf dem Friedhof, der sich mir eingeprägt hat, so dass es mir ein Bedürfnis wurde, diesen Ort immer wieder aufzusuchen.

Am Grab der Eltern
Zufällig war es Allerheiligen, als ich das Grab der Eltern aufsuchte. Ich wollte schon lang wieder mal hin. Zuerst fuhr ich nach Uster. Der Blick aus dem Zug auf die Häuserzeile am Bahnhof hat sich mir damals eingebrannt, auch die Schritte, die wir dort machten, bevor wir in das Spital fuhren. Den Rest des Weges weiss ich nicht mehr, ich weiss nicht mehr, wo das Spital liegt. Aber diese Häuserzeile, die ist mir lebhaft in Erinnerung.

Diesen Erinnerungen wollte ich nachspüren, gerade auch weil sie mich stachen und bedrückten. Ich kann bis heute nicht daran vorbeigehen, ohne einen Stich im Magen zu verspüren. Unserer Mutter musste damals ins Spital nach Uster (ein andermal musste sie anderswo hin, ich habe den Namen vergessen). Das tat weh, sie dort zu sehen, abgemagert, mit Schmerzen. Das Wort Krebs hing damals wie ein Schreckgespenst über einem Menschen. Sie erhielt wohl nicht dieselbe Schmerzbehandlung, wie sie heute möglich ist.

Letzte Tage
Ein „Mann der Schmerzen“ heisst eine Christus-Darstellung. So sah sie aus. Sie litt. «Wir sollten doch…! Wir wollten doch…!» So empfanden wir. Aber wir konnten nicht helfen. Und wir waren so unbeholfen, Gefühle auszudrücken oder jemanden in die Arme zu schliessen! Vor einiger Zeit ist ein Foto aufgetaucht. Die Familie sieht man da versammelt, Die Mutter im Bett, mager zum Erschrecken. Die andern stehen der Wand entlang. Ich sitze bei ihr auf dem Bett. Ich bin erschrocken, als ich das Bild nach Jahren sah, ich hatte es vergessen. Dann tat es mir gut, mich auf dem Bett bei der Mutter zu sehen.

Jetzt war ich wieder hier. Ich ging in Uster noch mal auf dieser Strasse, vor dieser Kulisse. Es waren nur ein paar Schritte, die Häuserzeile ist nicht lang. Aber der Schmerz von früher war wieder da. Ich betete für meine Mutter, für alle Kranken und ihre Angehörigen. Ich nahm mir Zeit und ging den Weg zu Fuss dem See entlang nach Fällanden. Dort schlage ich den Weg ein, der zu „unserem Haus“ führt. Inzwischen ist es umstellt ist von Blöcken und Renditebauten, es ist kaum zu sehen. Der Autoverkehr führt mitten durch das Dorf, auch am Friedhof entlang. Der Strom von Fahrzeugen lässt kaum eine Lücke.

Auf einer Bank
Endlich stehe ich da. Das Grab ist aufgehoben. Ich habe es gewusst. Die 25 Jahre sind abgelaufen. Jetzt sehe ich es auch. Das Feld, wo die Gräber von Vater und Mutter lagen, ist mit Gras besät worden. Es steht leer. Es wäre zwar noch viel Platz vorhanden, da der Trend zur Aschenbestattung den Raumbedarf sehr reduziert hat, aber das ist halt die Vorschrift.

Ich setze mich auf eine Bank, bei einem frisch ausgehobenen Grab. Ich denke im Gebet an Vater, Mutter, meinen ältesten Bruder, meine erste Frau, an die Schwiegereltern und alle Verstorbenen. Es ist schön, es tut gut. Es ist, als ob mein Inneres mit Gold ausgekleidet wäre, als ich später weitergehe.

Ich halte es fest. Ich bewahre es als inneren Schatz, den ich manchmal hervorhole, als Ort der Ruhe, wo ich mich manchmal einfinde. Auch dort, wo ich jetzt wohne, gehe ich oft über den Friedhof. Ich halte beim Grab eines Bekannten, von unserer Familie ist noch niemand dort. Ich bete und finde Ruhe. «Es ist, als ob mein Inneres mit Gold ausgekleidet wäre, als ich später weitergehe.»

 

Foto von Anna-Louise, Pexels